Lea Hagedorn
Die Graswurzelrevolution (GWR) erscheint seit 1972. Die „Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft“ ist die älteste und auflagenstärkste anarchistische Zeitung in Deutschland. Anlässlich ihrer im Juni 2005 erschienenen 300. Ausgabe habe ich den Koordinationsredakteur Dr. Bernd Drücke im GWR-Büro in Münster besucht und interviewt. Wir haben uns über soziale Bewegungen in Deutschland, insbesondere die Anti-Atombewegung, die Graswurzelrevolution und über seine Vorstellungen einer neuen Hochschulbewegung unterhalten.
Lea Hagedorn: Seit wann bist du schon bei der GWR, und wie bist du da rein gekommen?
Bernd Drücke: Ich bin Anfang der Achtziger, als Schüler, in die Friedensbewegung gekommen und habe da zum ersten Mal eine GWR in die Hände gekriegt. Als ich dann 1986 zum Studieren nach Münster gezogen bin, habe ich in einer Anarcho-WG gelebt, und wir hatten auch die GWR im Abo. Seitdem lese ich jede Ausgabe. Mitglied des GWR-HerausgeberInnenkreis wurde ich, nachdem ich an der Uni Münster meine Doktorarbeit über anarchistische Presse geschrieben habe, die dann in der GWR als „Meilenstein der Anarchismusforschung“ rezensiert wurde. Nachdem die Stelle als hauptamtlicher Redakteur der GWR ausgeschrieben wurde, war ich einer von zehn BewerberInnen. Im November 1998 wurde ich im Konsens von 30 MitherausgeberInnen zum Koordinationsredakteur gewählt. Davor war ich Leser und gelegentlicher Autor der GWR.
Was sind eure Schwerpunkte, wie haben sie sich in den letzten Jahren geändert und wodurch?
Seitdem die GWR 1972 in Augsburg von gewaltfreien AnarchistInnen ins Leben gerufen wurde, gehören Anarchismus und Gewaltfreiheit zu ihren Schwerpunkten. Die erste Redaktion hat den Wunsch formuliert, dass der Anarchismus gewaltfrei und die gewaltfreie Bewegung anarchistisch werden sollte. Die Zeitung war damals wie heute auch ein Sprachrohr antimilitaristischer Bewegungen und totaler Kriegsdienstverweigerer, die den Kriegsdienst, den so genannten „Zivildienst“ und alle anderen Zwangsdienste ablehnen. Viele GraswurzelrevolutionärInnen kommen aus der Ökologiebewegung. Soziale, basisdemokratisch organisierte Bewegungen nutzen die GWR bis heute als Diskussionsorgan. Die Antiatombewegung hat einen großen Raum in der Zeitung, die Anti-Gentech-Bewegung, feministische Gruppen, Antifas, antirassistische Initiativen,...
Wie hat sich die GWR aus der Direkten Aktion entwickelt?
Die Direkte Aktion wurde 1965 in Hannover gegründet, untertitelt als „Blätter für Gewaltfreiheit und Anarchismus“. Diese libertär-gewaltfreie Zeitung hatte zwar den gleichen Namen, ist aber nicht identisch mit der 1977 gegründeten anarchosyndikalistischen direkten aktion, die es heute noch gibt. Die in Hannover gegründete Direkte Aktion erschien 13mal bis 1966 mit kleinen Auflagen um 500 Stück. Der gewaltfreie Anarchismus spielte hierzulande bis 1968, als es auch eine Renaissance der libertären Bewegungen gab, keine große Rolle. 1972 war die Situation dagegen so, dass es inzwischen eine gewachsene gewaltfrei-anarchistische Bewegung gab und die Leute gesagt haben: „Wir brauchen jetzt eine überregionale Zeitung, die versucht, bundesweit oder auch international Einfluss auf die sozialen Bewegungen zu nehmen“. Das war am Anfang ein kleines Netzwerk, das dann relativ groß geworden ist. Heute ist die GWR mit 33 Erscheinungsjahren und 300 Ausgaben die langlebigste anarchistische Zeitung in Deutschland. Die zweitältesten, das waren mit jeweils 31 Erscheinungsjahren die Freiheit von Johann Most, die erschien von 1879 bis 1910, und die 1947 von Willy Huppertz in Mülheim gegründete Befreiung, die erschien bis 1978. Die GWR ist in Sachen Kontinuität eine Ausnahmeerscheinung im alternativen Blätterwald. Für ein solch langlebiges Periodikum ist es ungewöhnlich, dass das Konzept nicht großartig geändert wurde. Da gibt es viele Gegenbeispiele. Die taz hat als linksradikale Alternativzeitung angefangen und dann in den Achtzigern eine Chefredaktion eingeführt und sich immer mehr an den Grünen orientiert. Sie ist zu einem Sprachrohr der grünen Eliten um Joseph Fischer geworden. Den von der rot-grünen Regierung mitverantworteten Angriffskrieg gegen Jugoslawien 1999 hat die taz-Redaktion mehrheitlich unterstützt. Im Gegensatz dazu entspricht die GWR als „Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft“ immer noch dem, was der Friedensforscher Johan Galtung als „Friedensjournalismus“ beschrieben hat. Statt Fischer und Co. kommen bei uns Deserteure, Flüchtlinge und BewegungsaktivistInnen zu Wort. Die GWR ist immer noch eine Zeitung von der Bewegung und für die Bewegung. Für uns schreiben zwar auch recht prominente linke Professoren wie Noam Chomsky, Ekkehardt Krippendorff, Wolf-Dieter Narr, Arno Klönne, aber auch SchülerInnen, z.B. über den Jugendumweltkongress.
Was waren die bedeutendsten Geschehnisse für die GWR?
Ich denke, die Kriegsdienstverweigerer-Bewegung in den Siebziger Jahren und die Friedensbewegung in den frühen Achtziger Jahren waren sehr wichtig für die GWR. Durch die Bewegungshochs fand die GWR in den sozialen Bewegungen starke Verbreitung. Die „Republik Freies Wendland“, die vor 25 Jahren ausgerufen wurde, spielte für die Graswurzelbewegung eine große Rolle. Das waren 3000 Leute, zu einem großen Teil auch gewaltfreie AnarchistInnen, die 1980 das Gelände besetzten, auf dem die Wiederaufbereitungsanlage (WAA) Gorleben, eine Plutoniumfabrik, gebaut werden sollte. Aus massenhaften gewaltfreien Widerstand gegen die menschenfeindliche Atompolitik entstand dort ein selbstverwaltetes Hüttendorf. Dadurch wurde es zu einem Kristallisationspunkt. Es war ein Stück gelebte Utopie, 3000 Menschen haben da wochenlang kollektiv und nach basisdemokratischen Prinzipien gelebt, Solarenergie genutzt, alternative Hütten gebaut. Sie sind dann letztlich sehr brutal von der Polizei geräumt worden. Trotzdem war es ein großer Erfolg. Ernst Albrecht (CDU), der damalige Ministerpräsident von Niedersachsen, hat schließlich gesagt, dass die WAA in Gorleben gegen den Willen der Bevölkerung nicht durchsetzbar sei, woraufhin der bayrische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß (CSU) sinngemäß gesagt hat: „Okay, dann machen wir es bei uns in Wackersdorf, da sind 70 Prozent CSU-Wähler, da dürfte es keinen Widerstand geben.“ Das war ein Irrtum, denn in Wackersdorf war der Widerstand dann auch so massiv, dass die Industrie nachher gesagt hat: „Nee, das wird uns zu teuer, wir können keine WAA in Wackersdorf bauen.“ Damit ist das größte Atomprojekt der BRD gescheitert – am überwiegend gewaltfreien Widerstand. Es ist wichtig, daran zu erinnern, denn es zeigt, wie erfolgreich Widerstand von unten sein kann. Von Bedeutung war und ist auch der Widerstand gegen Kriege, etwa im Kosovo, in Afghanistan, Irak,... da haben wir sehr viele Artikel drüber gebracht. Wichtige Kristallisationspunkte sind immer wieder auch Castortransporte, da ist die GWR präsent, hat AutorInnen vor Ort und steckt selber in den Bewegungen drin.
Was denkst du über die Kritik aus einigen anarchistischen Kreisen an der GWR – sie würde Vorbilder hoch halten oder Gewaltfreiheit dogmatisch vertreten?
Die GWR ist ein Sprachrohr von verschiedenen Leuten und einige betrachten vielleicht Gandhi, Martin Luther King und AnarchistInnen wie Bakunin, Tolstoi und Emma Goldman als vorbildliche Menschen. Wir halten keine Vorbilder hoch und haben keinen Guru, wie für viele MarxistInnen der Marx einer ist. Es gibt verschiedene Ideen, die wir gut finden und von denen wir meinen, dass man sich davon anregen lassen sollte. Aktionsformen aus der Vergangenheit geraten leicht in Vergessenheit, wo wir denken, die waren erfolgreich, warum sollten wir die nicht wieder anwenden, und warum soll man nicht daran erinnern, dass es sie gab. Die Kritik ist vielleicht in Teilen richtig, wenn man sie auf einige Artikel bezieht, aber auf der anderen Seite finde ich es notwendig, an libertäre TheoretikerInnen und PraktikerInnen der gewaltfreien Revolution zu erinnern und Leute oder Ideen aufs Tapet zu holen, die ansonsten vergessen werden. Kritik, z.B. an Gandhis fragwürdigem Frauenbild, sollte dabei nicht zu kurz kommen.
Was beschäftigt euch bei der GWR aktuell?
Wir haben gerade die Nummer 300 herausgebracht, eine Jubiläumsausgabe. Da haben wir verschiedene Schwerpunkte, wie z.B. gewaltfreie Aktionen, die die Welt verändert haben. Da geht’s z.B. um „75 Jahre Salzmarsch“, um den von Gandhi mitorganisierten gewaltfreien Widerstand gegen den britischen Kolonialismus, der dazu geführt hat, dass die Besatzungsmacht das Land verlassen musste und Indien selbstständig wurde. Ein weiterer Schwerpunkt ist die afroamerikanische gewaltfreie Bewegung vor 50 Jahren. Es gab damals in den Südstaaten der USA die „Rassentrennung“, dann haben sich viele AfroamerikanerInnen gezielt gerade auf die Sitzplätze, die „nur für Weiße“ waren, gesetzt. Solche antirassistischen Aktionen des zivilen Ungehorsams wurden in den Sechziger Jahren vor allem vom Studentischen Gewaltfreien Koordinationskomitee (Student Nonviolent Coordination Comitee, SNCC), der damals bedeutendsten radikalen Bürgerrechtsorganisation, organisiert. Die Rassentrennung in den USA wurde nicht zuletzt aufgrund der öffentlichkeitswirksamen Aktionen aufgehoben. Zu diesem Thema ist gerade ein wichtiges Buch von Clayborne Carson im Graswurzelrevolution-Verlag erschienen: „Zeiten des Kampfes“. Thema in der GWR 300 ist auch die GWR selber, es gibt Rückblicke von AktivistInnen auf ihre Zeit, in der sie zum ersten Mal mit der Zeitung in Berührung kamen, und Berichte, wie sie Teil der sozialen Bewegungen geworden sind. In dieser Ausgabe feiert sich die GWR ein bisschen ab, beschäftigt sich aber auch mit Antirassismus, Antiatombewegung, Widerstand gegen die EU-Verfassung, Hartz IV, u.a. Auch das Konsensprinzip wird thematisiert. Die GWR funktioniert anders als andere Zeitungen, es gibt bei uns keinen Chef, es gibt einen HerausgeberInnen-Kreis, das sind Leute, die aus der Graswurzelbewegung kommen und Lust haben, bei der GWR mitzumachen. Im Moment kann sich die Zeitung nur zwei schlecht bezahlte Hauptamtliche leisten. Neben mir ist das Sigi, die den Vertrieb der Zeitung und des Graswurzelrevolution-Buchverlags in Nettersheim übernommen hat. Alle anderen arbeiten und schreiben ehrenamtlich. In Rücksprache mit den MitherausgeberInnen und AutorInnen mache ich eine Seitenplanung, die bei den bundesweiten Treffen diskutiert wird. Alle Texte werden vor Erscheinen an alle MitherausgeberInnen gemailt. Wenn es Widerspruch gibt, wird diskutiert, ob der Text rein kommen kann. Alle Entscheidungen werden basisdemokratisch getroffen, das heißt: im Konsens.
Glaubst du, dass sich dieses Konsensprinzip auch umsetzen ließe, wenn die Zeitung viel größer wäre?
Ja, glaube ich. Verglichen mit anderen Alternativzeitungen ist die GWR mit einer monatlich verkauften Auflage von knapp 4000 Stück schon relativ groß. Bei den HerausgeberInnen-Treffen nehmen oft mehr als 20 Personen teil. Obwohl das relativ viele sind, funktioniert es meistens gut. Es gab in 33 Jahren auch Konflikte, aber wenn man sich z.B. anguckt, wie so eine Diskussion bei uns abläuft, macht das auch Spaß, es ist ein gutes Arbeitsklima und ein sehr netter Kreis.
Gibt es Ausschlusskriterien für Artikel?
Ja, alles was sexistisch, rassistisch oder menschenverachtend ist, kommt natürlich nicht rein. Ansonsten haben wir das Problem, dass wir nur einmal im Monat erscheinen und nur 20 Seiten im Tageszeitungsformat zur Verfügung haben. Im Grunde könnten wir aber von den Materialien, die wir kriegen, durchaus eine Wochenzeitung machen, aber das ist finanziell nicht drin. Deshalb muss immer eine Auswahl getroffen werden. Das läuft meistens so, dass ich vorab AutorInnen anspreche, ob sie nicht zu dem Thema was schreiben wollen. Z.B. ist für unsere nächste Ausgabe ein Schwerpunkt zur EU-Verfassung und zur Türkei geplant. Das schreiben Leute, die ich vorher angesprochen habe. Es gibt verschiedene Auswahlkriterien. Wir nehmen nur exklusive Texte von AutorInnen, die uns nahe stehen. Dann muss man schauen, wie lang die Texte sind, auch sollte es immer eine Vielfalt der verschiedenen Themen geben. Ein wichtiges Auswahlkriterium ist die Qualität, also ob der Text gut lesbar und interessant geschrieben ist, neue Ideen und Informationen vermittelt und uns weiter bringt, oder ob er eher schlampig aufs Papier gepfeffert wurde. Es kommt auch vor, dass ein Veto gegen einen Artikel eingelegt wird.
Gewaltfreiheit war und ist bei der GWR ein wichtiger Grundsatz. Wie ist euer Verständnis von Gewalt und Gewaltfreiheit?
Das unterscheidet sich von der bürgerlichen Gewaltdefinition. Sabotageaktionen und Generalstreiks sind für uns keine Gewalt. Gewalt gegen Menschen lehnen wir grundsätzlich ab. Wir haben immer wieder direkte gewaltfreie Aktionen, z.B. Blockaden und Ankett-Aktionen, propagiert und auch ausführlich darüber berichtet. Direkte Aktionen sind für uns Handlungen, die dem Ziel einer gewaltfreien, herrschaftslosen Gesellschaft dienen. Gewalt gegen Menschen dient dem nicht. Das Ziel der gewaltfreien, herrschaftslosen Gesellschaft muss sich in unseren Aktionsformen und in unserem Umgang mit anderen Menschen widerspiegeln.
Im Jahr 1972, dem Gründungsjahr der GWR, ist versucht worden, Kontakte zu gleich gesinnten Gruppen herzustellen. Tut die GWR das heute noch, und wenn ja, mit welchem Erfolg?
Ja, mit erstaunlichem Erfolg. Die Zeitung wird im Grunde von einem vielfältigen Netzwerk getragen, in Deutschland gut 100 Gruppen aus vielen Städten. International ist die GWR assoziiert mit den War Resisters International (WRI), der Internationalen der KriegsgegnerInnen, die es seit 1921 gibt und die momentan etwa 90 Mitgliedsorganisationen in 45 Ländern hat. Die sind vernetzt, es gibt internationale Treffen und einen Austausch zwischen den verschiedenen Zeitungen dieser Bewegungen sowie Übersetzungen. Wir haben sozusagen „KorrespondentInnen“ in aller Welt, die für uns berichten, und umgekehrt übersetzen Leute Texte aus der GWR für französische oder englischsprachige Schwesterzeitschriften. So können Leute aus sozialen Bewegungen mitkriegen, was in anderen Ländern abläuft. Früher gab es in der Bundesrepublik die „FögA“, die Föderation gewaltfreier Aktionsgruppen. Sie war ein relativ fester Zusammenschluss gewaltfrei-anarchistischer Zusammenhänge, liegt aber seit 1997 auf Eis. Heute ist es im Grunde ein buntes Netzwerk. Es sind keine Parteien, sondern Gruppen, die eine soziale Revolution anstreben und grundsätzlich die Gesellschaft von unten verändern wollen.
Warum verwendet ihr bei euren Texten wechselnde Pseudonyme, anstelle der Namen der AutorInnen?
Es gibt Leute, die schreiben unter ihrem eigenen Namen, und es gibt Leute, die sagen, sie wollen nicht, dass z.B. der Staatsschutz weiß, wer jetzt da in der Zeitung schreibt. Die GWR wird vom Verfassungsschutz beobachtet, im letzten Verfassungsschutzbericht wurden der Graswurzelbewegung und der anarchosyndikalistischen FAU (Freie ArbeiterInnen Union) unter der Überschrift „Traditionelle Anarchisten“ wieder zwei Seiten gewidmet. Der Anarchismus wird von Behörden als Gefährdung des Staates gesehen. Auch Rechtsextreme lesen die GWR und wettern z.B. in der rechten Wochenzeitung Junge Freiheit über den „hölzernen Antifaschismus der Graswurzelrevolution“. Wir kriegen nicht selten Drohbriefe und blöde Spams von Neonazis und Soldaten. Von daher ist es nicht ganz ungefährlich, unter seinem eigenen Namen in der GWR zu schreiben. Es ist verständlich, wenn AutorInnen sagen: „Nee, ich will nicht, dass der Neonazi von nebenan weiß, dass ich gerade einen Artikel über die Neonazi-Szene geschrieben habe, und deshalb schreibe ich lieber unter Pseudonym.“ Es ist aus Selbstschutzgründen sinnvoll, Pseudonyme zu verwenden. Und auch, um nicht eine Art „Personenkult“ herzustellen. Nicht die Personen sollen im Vordergrund stehen, sondern die Ideen.
Was denkst du, warum die Kritik an den bestehenden Machtverhältnissen innerhalb dieser Gesellschaft in den letzten Jahren so stark zurück gegangen ist, und welche Folgen hat das für die GWR?
Die ist zurück gegangen, aber eigentlich kann man sagen, vor allem in den und durch die Medien. Ich denke, die Gesellschaft wird sehr von den Medien beeinflusst sowie von der herrschenden Politik. Es ist aber nicht so, dass die sozialen Bewegungen tot sind. Das zeigt sich z.B. auch an den Abo-Zahlen der GWR, die ziemlich stabil und auf einem relativ hohen Niveau sind. Auch wenn es in den Medien immer wieder behauptet wird, die sozialen Bewegungen sind keineswegs tot. Das, was in den herrschenden Medien rüber kommt, ist zumeist ein Zerrbild. Diese Medien sind elitenorientiert. Es werden Interviews mit PolitikerInnen geführt, aber so gut wie nie mit Deserteuren, AnarchistInnen, Flüchtlingen oder Anti-Atom-AktivistInnen. Wir haben es jetzt gerade wieder beim Widerstand in Ahaus gesehen. „Kaum Widerstand gegen Atomtransporte“, titelte die Springerpresse. Dabei haben gegen den Atommülltransport allein am letzten Transporttag über 3000 Leute in Ahaus demonstriert. Ein anderes Beispiel ist der Widerstand gegen den Irakkrieg. Der stellt eine neue Dimension dar. Es gab weltweit eine Demonstration am 15. Februar 2003, bei der 15 Millionen Menschen gleichzeitig gegen Krieg demonstriert haben. In Berlin demonstrierten über 500000 Leute. Die höchste Auflage der GWR in den 33 Erscheinungsjahren erreichten wir im Vorfeld des 3. Golfkriegs. Wir haben im Februar 2003 ein Extrablatt gemacht, das z.B. bei Demonstrationen verteilt wurde. Innerhalb von vier Wochen haben wir drei Auflagen dieser vierseitigen Aktionszeitung gedruckt, Gesamtauflage: 55000. Die ging weg wie warme Semmeln. Ich glaube, dass die Leute immer weniger Bock auf Parteien und die herrschende Politik haben, auch nicht auf das, was die Grünen machen. Die rot-grüne Politik ist eine Katastrophe. Die streichen Tornadobomber und die Atomkraftwerke rot-grün an und schreiben das alte Grünen-Motto drauf: „basisdemokratisch, gewaltfrei, ökologisch, sozial“. Von daher hoffe ich, dass immer mehr Menschen sehen, dass man nicht in Parlamente gehen muss, dass man von unten mehr erreichen kann.
Welches Ziel verfolgt Ihr mit der GWR?
Wir wollen eine gewaltfreie und herrschaftslose Gesellschaft. Das hört sich erst einmal utopisch an, es kommt aber darauf an, diesen Weg zu gehen, und die GWR ist schon ein gutes Stück dieses Weges gegangen. Im Grunde hat sie als kleine Alternativzeitung schon relativ viel erreicht. Einige Erfolge der sozialen Bewegungen müssen auch im Zusammenhang mit solchen Bewegungsblättern gesehen werden, weil die immer auch einen relativ großen Einfluss auf die Menschen haben, als deren Organ sie sich verstehen. Andere, neue Ideen werden erst durch Alternativmedien einer zunächst kleinen Öffentlichkeit bekannt. Auch die kleinen Auflagen sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass solche Zeitungen in WGs und Kneipen von vielen Leuten gelesen werden. Bei bürgerlichen Zeitungen wird geschätzt, dass sie durchschnittlich von 3 bis 5 Leuten pro Blatt gelesen wird. Bei der GWR werden das mindestens so viele sein, es sind also mindestens 10000 Leute, die jeden Monat die GWR lesen. Dass die durch den Inhalt angeregt werden, selber aktiv zu werden, ist wichtig. Gemeinsam mit vielen anderen versuchen, die Utopie einer gewaltfreien, herrschaftslosen Gesellschaft in die Tat umzusetzen, das ist eine Aufgabe der Graswurzelrevolution.
Was macht eigentlich die Graswurzelgruppe, aus der die GWR entstanden ist?
Viele von denen machen immer noch Politik von unten, einige auch bei der GWR. Sie sind aber nicht so in der Öffentlichkeit sichtbar. GWR-Mitherausgeber Wolfgang Zucht hat schon in den Sechziger Jahren bei der Direkten Aktion mitgemacht. Heute betreibt er mit seiner Frau Helga Weber in Kassel den gewaltfrei-libertären Verlag „Weber, Zucht und Co.“. Dann gibt es den Graswurzelrevolution-Buchverlag, da arbeiten überwiegend Leute mit, die zum Teil schon seit den Siebziger Jahren dabei sind. Die leben in verschiedenen Städten. Einige Ex-GWRler haben die sozialen Bewegungen verlassen.
Wen erreicht die GWR?
Leute im Alter von 15 bis 80. Die LeserInnenschaft ist heterogen und bunt gemischt. Das sind vor allem Bewegungsaktive, linke ProfessorInnen, SchülerInnen und StudentInnen. Die LeserInnenschaft reicht bis in den Bundestag. Es gibt immer noch Bundestagsabgeordnete und EU-ParlamentarierInnen, die die Zeitung im Abo haben und sich da vielleicht jeden Monat drüber ärgern. Ein Problem der GWR ist, dass sie in erster Linie Intellektuelle erreicht, da wir auch relativ komplizierte Texte veröffentlichen. Das wird der GWR häufig vorgeworfen, dass sie teilweise schwer zu lesen ist, dass die Texte manchmal etwas bleiwüstig und lang sind.
Was würdest du den heutigen StudentInnen raten?
Ich würde sagen, dass es wichtig ist, dass man die sozialen Errungenschaften, zu denen auch ein kostenfreies Studium gehört, verteidigen muss. Es ist wichtig, dass sich da jetzt noch mehr tut, als es im Moment der Fall ist. Die Leute müssten gegen Studiengebühren aktiver werden und dafür kämpfen, dass sie das Recht auf Bildung für alle durchsetzen können. Ich bin der Meinung, dass alle Menschen, die das wollen, auch studieren können sollten, unabhängig von ihrem Schulabschluss. Wenn jemand nur einen Hauptschulabschluss hat, warum sollte der nicht auch studieren können? Die Hochschulen sollten für alle offen stehen, – für Alte, Junge – und nicht nur für eine (zukünftige) Bildungselite, die vorher schon das Abitur gemacht hat. Es müsste auch ein Ziel von StudentInnenbewegungen sein, kostenlose Bildung von unten durchzusetzen.
Was sagst du zur Gründung der neuen Linkspartei und den vorgezogenen Neuwahlen??
Das ist eine Wahlfarce. Alter Wein in neuen Schläuchen. Oskar Lafontaine war und ist ein Machtpolitiker. Er hat 1993 der Grundgesetzänderung zur De-facto-Abschaffung des Grundrechts auf Asyl zugestimmt und heute macht er einen populistischen Wahlkampf gegen „Fremdarbeiter“. Dass sich das Bündnis aus WASG und PDS jetzt Linkspartei nennt, ist ein anmaßender Versuch die Linke parlamentarisch zu vereinnahmen. Konsequenter und lustiger wäre gewesen, die „neue“ Partei hätte sich WSPDS genannt, also „Wahre Sozialdemokratische Partei des demokratischen Sozialismus“. Ob es nun nach der Wahl eine CDU/FDP-, SPD/Grüne- oder eine große Koalition geben wird, ist relativ egal. Wen du auch wählst, die Regierung gewinnt. Die neoliberale Umverteilung von unten nach oben, die menschenfeindliche Politik gegen Flüchtlinge und die Militarisierung der Außenpolitik wird weiter voran getrieben. Wer ernsthaft glaubt, die WSPDS könnte das verhindern, übersieht die Realität. Ich möchte nicht regiert werden, sondern die täglichen Entscheidungen selbst, selbstbestimmt und kollektiv mit anderen regeln. Jede parlamentarische Vertretung ist eine Selbstentmündigung, ist gleichbedeutend mit dem Abgeben des Selbstbestimmungsrechtes an andere. Die direkte Aktion ist dagegen die unmittelbare Form der Selbstbestimmung. Wichtig ist der außerparlamentarische Widerstand. Wer eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft anstrebt, muss versuchen die Reproduktion von Herrschaft zu unterbrechen. Anstatt auf Parteien und Staat zu hoffen, müssen wir selbst aktiv Widerstand von unten leisten, emanzipatorische Formen suchen und mit Methoden der Entscheidungsfindung experimentieren, die ohne Eliten, Führer, Befehle und Hierarchien gesellschaftliches Leben organisieren.
Boris R. Rosenkranz: „Von ganz unten. Die anarchistisch-gewaltfreie graswurzelrevolution hat ihre 300. Ausgabe vorgelegt – ein Ständchen“, taz nrw, 21.6.2005, www.graswurzel.net/ueberuns/taznrw.shtml
Bernd Drücke: „Zur Geschichte der Graswurzelrevolution“, www.graswurzel.net/230/geschichte.shtml
Michael Ridder: „Unter dem Rasen liegt der Strand. Wildwuchs (Teil 1): Die „Graswurzelrevolution“ lässt sich seit 30 Jahren vom Siegeszug des Kapitalismus nicht beirren“, Frankfurter Rundschau, 10. Juli 2002, S. 19; www.graswurzel.net/ueberuns/fr.shtml
Kontakt: Graswurzelrevolution, Breul 43, 48143 Münster. Tel.: 0251/48290-57; Fax: -32; E-Mail: redaktion@graswurzel.net www.graswurzel.net