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Stefan Merten

Nehmen statt Kaufen
Zur Wirtschaftsform der Freien Software

Was ist Freie Software?
Neben der kommerziellen Software, die wie andere Waren auf einem Markt gekauft werden kann, gibt es eine Fülle anderer Möglichkeiten, in den Besitz von Software zu bekommen. Bekannt sind beispielsweise Shareware-Modelle, bei denen die BenutzerIn einer Software bei Gefallen verpflichtet ist, den ProduzentInnen einen relativ geringen Geldbetrag zu übersenden. Auch Raubkopien sind eine (illegale) Form von Software-Beschaffung.

In diesem Beitrag ist weder von Shareware noch von Raubkopien die Rede, sondern es geht um Freie Software. Entscheidend für Freie Software ist nicht, dass sie nahezu kostenlos ist. Entscheidend ist vielmehr, dass Freie Software mit bestimmten Freiheitsrechten für die BenutzerIn verbunden ist. Neben dem Recht zur Benutzung der Software, räumt Freie Software auch das Recht ein, die Quellen des Programms zu studieren, Anpassungen an ihnen vorzunehmen und die originale oder veränderte Versionen weiterzugeben.

Zur Entstehungsgeschichte Freier Software
Die Geschichte der Freien Software ist untrennbar mit Richard M. Stallmann, der Free Software Foundation und dem Gnu-Projekt verbunden. Richard M. Stallmann, der bis dahin den freien Fluss von Software gewohnt war, ärgerte sich über die aufkommende urheberrechtlich gestützte Verknappung und Geheimhaltung von Software so sehr, dass er 1984 das Gnu-Projekt ins Leben rief. Ziel war es, ein Unix-artiges Betriebsystem in die Welt zu setzen, das frei ist. Große Teile dieses Ziels sind auch mit zahlreichen, qualitativ herausragenden Programmen über die Jahre verwirklicht worden. Nur der Kernel, das Herzstück eines Betriebssystems, wurde und wurde nicht fertig.

In dieser Situation trat 1992 Linus Torvalds auf den Plan. Er suchte im Internet Leute, die wie er Lust hätten, einen Kernel zu entwickeln. In rasanter Geschwindigkeit fanden sich weltweit zahlreiche ProgrammiererInnen und in atemberaubendem Tempo entstand das, was heute als Linux bekannt ist. Da die damals bereits vorhandene Gnu-Software diese Entwicklung erst möglich machte und auch eine heutige Linux-Distribution zum größten Teil aus Gnu-Software besteht, sollte genauer von Gnu/Linux gesprochen werden.

Lizenz zum Kopieren
Der geniale Trick von Richard M. Stallmann bei der Gründung des Gnu-Projekts bestand darin, die General Public License zu erfinden – kurz GPL. Eine Lizenz, die genau das erlaubt, was andere Lizenzen verbieten: das beliebige Kopieren und Weitergeben der Software, das Studium der Quellen, deren Veränderung und auch die Weitergabe der veränderten Versionen.

Das einzige was die GPL verbietet, ist die Reprivatisierung von Software, die unter der GPL steht: Wird GPL-Software weitergegeben, dann müssen den EmpfängerInnen die Quellen genauso verfügbar gemacht werden, wie sie der GeberIn zur Verfügung stehen. Die Eigenschaft der Freiheit eines Produkts, das unter der GPL steht, vererbt sich also quasi auf Folgeprodukte.

Neben der GPL hat sich auch eine Fülle von weiteren Lizenzmodellen für Software gebildet. Diese lassen teilweise sogar die Reprivatisierung von Software zu, indem die GeberIn nicht verpflichtet wird, bei Weitergabe der Software die Quellen mitzuliefern. In diesem Fall kann dann von Open Source-Software gesprochen werden. Freie Software im engeren Sinne ist solche, die unter der GPL steht und damit den BenutzerInnen die weitestgehendsten Freiheitsrechte1 einräumt.

Die Freie-Software-Community
Auf dieser Grundlage hat sich innerhalb weniger Jahre eine ständig wachsende Fan-Gemeinde gebildet, die Freie Software und speziell Gnu/Linux nutzt. Sie wird sichtbar in zahllosen Linux-bezogenen Web-Sites, zahlreichen Linux User Groups, vielen Veranstaltungen mit teilweise über 10.000 BesucherInnen und einigen Linux-bezogenen Zeitschriften.

Einige aus dieser Community entwickeln in einem permanenten Prozess die vorhandene Freie Software weiter und erstellen neue. Die so entstehende Software ist in der Regel von überragender Qualität, die nur von wenigen kommerziellen Produkten erreicht wird. Insbesondere die verbreiteten Microsoft-Produkte können bei der Qualität auf allen Ebenen nicht im entferntesten mithalten.

Neben dem konkreten Nutzen, den Freie Software allen BenutzerInnen bietet, ist in der Community aber auch deutlich eine Begeisterung für die Idee der Freien Software als solche zu spüren. Viele sind einfach fasziniert von dem Gedanken, selbst bei der Programmierung von Software Spaß zu haben und gleichzeitig damit der ganzen Welt etwas Gutes tun zu können.

Einige Projekte

Gnu/Linux und Apache
Das erwähnte Gnu/Linux und der Apache-Web-Server gelten als zwei Flaggschiffe der Freien-Software-Bewegung. Gnu/Linux ist ein Betriebssystem, das sich in den letzten Jahren zunehmend gegen die Marktmacht von Microsoft nicht nur behaupten kann, sondern immer größere Anteile an installierten Systemen stellt. In jüngster Zeit fängt sogar der Riese Microsoft an diese Bedrohung zu sehen und reagiert mit Kampagnen, die Freie Software schlecht machen sollen.
Die Einsatzzahlen des Freien Web-Servers Apache liegen Untersuchungen zu Folge seit einiger Zeit weit vor denen von Microsoft- oder Netscape-Servern. Insbesondere Internet-Service-Provider, für die hochzuverlässige Software lebenswichtig ist, setzen zu einem erheblichen Teil auf die Kombination von Gnu/Linux und Apache.

Andere Freie Projekte zur Produktion von Informationsgütern
Angeregt durch die Art und Weise wie Freie Software erstellt wird, haben sich in den letzten Monaten und Jahren einige Projekte gebildet, die die Prinzipien der Entwicklung Freier Software auf andere Informationsgüter übertragen wollen. Eine kleine Auswahl:

  • Das OpenTheory-Projekt2 versucht, die Entwicklung theoretischer und anderer Texte zu leisten. Mit Hilfe eines einfachen Web-Interfaces können LeserInnen die Texte kommentieren, die eine MaintainerIn dort eingestellt hat und die den Text verwaltet.

  • Die Projekte Nupedia3 und Encyclopaedia Aperta4 versuchen Freie Enzyklopädien zu erstellen.

  • Freie Musik wird u.a. von den Projekten GNUsic5 und auch dem europäischen MP3-Verbund6 gefördert. Gemeint ist hier nicht Musik, die von einer normalen, handelsüblichen CD genommen wurde, sondern solche, die von vorneherein frei (d.h. im Sinne der GPL) weiterverteilt werden kann.

Freie Projekte mit dem Ziel materieller Produkte
Sogar im Bereich der materiellen Produkte haben sich erste Projekte gebildet, die im Moment Freie Informationsgüter, wie Schaltpläne oder Konstruktionsunterlagen herstellen, die für die Produktion materieller Güter notwendig sind.

Mehrere Projekte befassen sich mit dem Entwurf elektronischer Elemente auf den verschiedensten Ebenen. Von Strukturen auf Chips (Free IP project7) über elektronische Chips selbst (OPENCORE.ORG8) bis hin zu einer Freien CPU (Freedom CPU9) und elektronischen Schaltungen (OpenCollector10) wird mittlerweile eine große Palette elektronischer Bauelemente abgedeckt.

Das ambitionierteste Projekt ist derzeit wohl das OSCar-Projekt11 bei dem ein Freies Auto entworfen wird.

Momentan arbeiten diese Projekte noch auf der Basis, dass die erstellten Konstruktionsunterlagen, die unter GPL-ähnlichen Lizenzen stehen und damit von jedem Menschen gelesen, benutzt und verändert werden können, von einer kommerziellen Firma für die Produktion benutzt werden. Die so entstehenden Produkte haben einen niedrigeren Preis als kommerziell entwickelte, da der Entwicklungsaufwand von der Herstellerfirma nicht bezahlt werden muss und sich dementsprechend nicht in den Preisen niederschlägt. Mit dem Trend hin zu Freien materiellen Produkten ist prinzipiell vorstellbar, dass nach und nach die gesamte Warenwelt durch Freie Güter ersetzt wird.

Freie Software als Wirtschaftsform
Freie Produkte lassen sich mit dem durch Tausch, Arbeit und Geld geprägten Denken nicht mehr richtig fassen. Es ist für viele allein schon schwer vorstellbar, warum ein/e EntwicklerIn kein Geld für ihre Tätigkeit verlangt. Alle Aspekte zusammengenommen handelt es sich bei Freier Produktion um eine neue, in der Geschichte der Menschheit bisher nicht dagewesene Wirtschaftsform.

Weder Lohnarbeit noch Subsistenz
Da die ProduzentInnen Freier Produkte nicht bezahlt werden – und in aller Regel auch gar nicht bezahlt werden wollen –, sind Freie Software und andere Freie Produkte so wertlos wie die Luft zum Atmen: Sie müssen nicht bezahlt werden und stehen dennoch denen, die sie brauchen, im Überfluss zur Verfügung.

Gleichzeitig strengen sich Freie ProduzentInnen nicht nur für sich selbst an. Zwar spielt der konkrete Nutzen für die je persönlichen Bedürfnisse oft eine Rolle bei der Entwicklung eines Freien Produkts, doch viele Freie ProduzentInnen arbeiten zusammen mit anderen Interessierten in ihre Produkte auch unentwegt Änderungen und Erweiterungen ein, die vorwiegend anderen NutzerInnen des Produkts nützlich sind. Damit hebt sich diese Form des Wirtschaftens von allen subsistenzbasierten Wirtschaftsformen ab, in denen nur für die Bedürfnisse der je eigenen Person und/oder Gruppe gearbeitet wird.

Weder Tauschen noch Schenken
Freie Software und andere Freie Produkte sind nicht Gegenstand irgendwelcher Tauschvorgänge. Freie Software steht allen zur Verfügung, die sie benötigen – sie kann einfach genommen werden. Auch wer überhaupt nichts zu Freier Software beigetragen hat – wie jedeR durchschnittlicheR Gnu/Linux-NutzerIn –, kann sie in vollem Umfang und ohne Abstriche nutzen, sich die Quellen anschauen, daraus lernen und sie weitergeben. Das Konzept des Tausches ist auf Freie Produkte schlicht nicht anwendbar. Das schließt im Übrigen ein, dass auch eine Person, die etwas gibt, nicht erwarten kann, dafür etwas zu bekommen.

Andererseits kann auch nicht von Geschenken im engeren Sinne gesprochen werden, da Freie Software im Allgemeinen nicht für bestimmte andere Personen geschrieben wird. Höchstens von einem Geschenk an die Menschheit könnte gesprochen werden.

Die Rolle digitaler Kopien und des Internets
Die in dieser Dimension völlig neue Form des Wirtschaftens ist historisch erst durch die Erfindung der digitalen Kopie und durch deren breite Verfügbarkeit ermöglicht worden. Erst die Computer ermöglichen die massive Senkung der Transaktionskosten einer digitalen Kopie und die qualitätsverlustfreie Replizierbarkeit beliebiger digitaler Daten: Software, Web-Seiten, Kochrezepte, Reiseberichte, Briefe, Bilder, Schaltpläne, Musik etc.

Das Internet, das als riesige Fernkopiereinrichtung verstanden werden kann, überschreitet die Beschränktheit des lokalen Computers und ermöglicht eine weltweite Vernetzung. Das Internet bringt in historisch neuer Qualität weltweit verstreute Menschen zusammen, die am gleichen Thema interessiert sind. Freie Software ist ein Beispiel dafür, wie fruchtbar diese globale Vernetzung sein kann.

Individuelle Selbstentfaltung als Motor
Zwar bekommen die AutorInnen Freier Software kein Geld, aber natürlich haben auch sie etwas davon, dass sie Software schreiben. Eine der wichtigsten Triebfedern dürfte der Spaß am Programmieren sein, der für einige schon Befriedigung genug ist. Aber auch die konkrete Nützlichkeit für sich oder andere spielt eine wichtige Rolle bei der Erstellung Freier Software. Dadurch richtet sich der Fokus der AutorInnen auf den Gebrauchswert, auf die umfassende Qualität der Software. Wieder andere haben einfach Freude an der Kooperation in einem Team aus Gleichgesinnten. Personen, die sich als MaintainerIn eines Freien Software-Projekts betätigen, müssen Spaß haben an der Kommunikation, Organisation und auch mal am Treffen von Entscheidungen, die den Konsens in einem Projekt widerspiegeln. Einige schreiben allerdings Freie Software auch, weil sie der Welt etwas geben wollen.

Die Gründe, die zu Freier Software führen, lassen sich als Wunsch nach Selbstentfaltung zusammenfassen – und diese Selbstentfaltung ist individuell höchst unterschiedlich. AutorInnen Freier Software, die in der Regel aus anderen Quellen materiell abgesichert sind, brauchen aufgrund dieser verwirklichten Selbstentfaltung keine äußere Motivation für ihr Tun, sondern die Tätigkeit ist sich selbst genug.

Einfach nehmen
In der Konsequenz führt das zu einer Wirtschaftsform, in der die zur Verfügung stehenden Produkte im Überfluss vorhanden sind und in der alle einfach das nehmen können, was sie brauchen. Es ist kein Tausch irgendwelcher Werte mehr notwendig und dennoch ist die bestmögliche Versorgung gewährleistet.

Gelingt es, diese Aspekte, die heute in der Freien Software schon weit entwickelt sind, auf die Produktion zunächst weiterer Informationsgüter und dann auf die materielle Produktion auszudehnen, dann hat diese neue Wirtschaftsform das Potenzial den Kapitalismus mit seiner über Tausch, Arbeit und Geld vermittelten Zwangslogik abzulösen. Erste Tendenzen, die die Prinzipien der Entwicklung Freier Software auf andere Güter übertragen, sind schon vielfältig sichtbar und bei dem momentanen Entwicklungstempo könnten die Umbrüche schneller gehen, als wir uns heute vorstellen können.

 

Email: Stefan Merten
Stefan Merten (Kaiserslautern) arbeitet als Diplom-Informatiker und engagiert sich seit vielen Jahren auf vielfältige Weise in der politischen Szene. Im Sommer 1999 gründete er das Projekt Oekonux
[http://www.oekonux.de], in dem er sich als Maintainer betätigt. Das Projekt Oekonux diskutiert u.a. die Fragen, die in diesem Beitrag behandelt werden. Die präsentierten Gedanken sind zum Großteil dort entwickelt worden

WEITERFÜHRENDE LINKS: 
Adressen der vorgestellten Internet-Projekte
1    GPL: www.gnu.org/philosophy/categories.html
2    OpenTheory-Projekt: www.opentheory.org/
3    Nupedia: www.nupedia.com/
4    Encyclopaedia Aperta: www.opentheory.org/proj/enzyklopaedie
5    Projekt GNUsic: www.gnusic.net
6    MP3-Verbund: www.mp3eu.net/
7    Free IP project: www.free-ip.com
8    Open cores: www.opencores.org
9    Freedom CPU: http://f-cpu.tux.org/
10  Open collector: http://opencollector.org
11  OSCar-Projekt: www.theoscarproject.org/)
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