Dr. Hanna Behrend: Was
nutzen uns heute die Hoffnungen der Vergangenheit?
Ein Versuch Nutzen, Grenzen und heutige Formen von Gesellschaftsutopien zu bestimmen
1.
Ich werde zunächst am Beispiel der utopischen Romane
Rückblick aus dem Jahr 2000" des Amerikaners Edward
Bellamy aus dem Jahre 1888, Kunde von Nirgendwo" des
englischen Kunsthandwerkers und Sozialisten William Morris aus
dem Jahre 1890 und Herland", des 1915 erschienenen
feministischen utopischen Romans der amerikanischen
Frauenrechtlerin und Schriftstellerin Charlotte Perkins Gilman,
den Charakter von wichtigen Gesellschaftsutopien der vorigen
Jahrhundertwende skizzieren. Dabei soll auf
Entstehungsgeschichte, AutorInnenabsicht, AdressatInnen,
Wirkungsgeschichte des jeweiligen Werks kurz eingegangen werden.
2.
Daran anschließend will ich auf die nach Geschlecht, Klasse
und anderen sozialen Differenzen unterschiedlichen
Utopiebedürfnisse verweisen, die sich auch in den o.g. Romanen
widerspiegeln. Einerseits werde ich auf die Gefahr aufmerksam
machen, wenn Utopien für realisierbar gehalten werden,
andererseits soll deutlich gemacht werden, daß und in welcher
Beziehung Utopien unverzichtbare Elemente der Steuerung
menschlicher Aktivitäten zur Lösung gesellschaftlicher
Konflikte und Blockaden sind.
3.
An einigen heutigen innovativen Projekten versuche ich,
Wandel und Kontinuität des Utopiebewußtseins zeigen, das der
menschlichen Gattung wesenseigen zu sein scheint. In diesem
Zusammenhang soll am Beispiel des Romans Er, Sie, Es"
(1991) der amerikanischen Schriftstellerin Marge Piercy die
utopische Potenz bestimmter aktueller postmoderner literarischer
Genres zur Diskussion gestellt werden. Ich möchte damit auf die
utopische Relevanz der neuen Bilderwelten und Gestaltungsmodi
hinweisen, die nach dem Ende der Popularität
gesamtgesellschaftlicher Utopien und neben den klassischen
Dystopien oder Negativ-Utopien von H.G. Wells bis William
Golding, von der Jahrhundertwende bis in die zweite Hälfte des
20. Jahrhunderts entstanden sind. Auch solche Kunstwerke
transportieren utopische Potenzen und befriedigen das
Utopiebedürfnis beträchtlicher Leserschichten.
Daran anschließend möchte ich mich kritisch mit einigen aktuellen alternativen Konzepten des Wirtschaftens, des menschlichen Zusammenlebens, der Arbeitsgesellschaft, des Naturverständnisses, der ethischen Werte auseinandersetzen und ihre potentiellen utopischen Funktionen für die Herausbildung geschichtlicher AkteurInnen zu bestimmen versuchen.