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Bernd Leßmann: Der Weg zur Sozialen Innovation

Von der ideellen zur konkreten Utopie und der Möglichkeit ihrer Verwirklichung

Eine soziale Innovation aus der fast vollständig materiell orientierten gesellschaftlichen Wirklichkeit am Ende des 20. Jahrhunderts wird nur aus einer Neuorientierung hin zu den immateriellen Fähigkeiten des Menschen und ihrer vorrangigen Entwicklung entstehen können: Sein statt Haben!

Das möchte ich gerne ganz aus dem Detail und hinführend zu den Visionen von Erich Fromm entwickeln.

Wenn der Mensch wirklich nur die Fähigkeiten mitbringt und entwickeln kann, die wir heute allgemein erkennen können, dann ist es ganz verständlich, daß in diesem Jahrhundert kaum eine handvoll positive Utopien entwickelt und schon gar nicht allgemein bekannt wurden.

Und tatsächlich ist es so, daß die öffentliche Meinung grundsätzlich davon ausgeht, daß wir Menschen keine weiteren allgemeinen Fähigkeiten und Begabungen mitbringen, als wir sie am Ende dieses Jahrhunderts in voller Blüte sehen:

Die Fähigkeit die tollsten Massenproduktionen von Gütern und Dienstleistungen aller Art zu entwickeln, zu organisieren Und praktisch arbeitend zu optimieren Die konsequente Weiterentwicklung dieser allgemeinen menschlichen Fähigkeiten muß zu immer komplexeren, phantastischeren und ginantischeren Massenprodukten, Infrastruktur-Projekten, medizinischen Eingriffen, Tier- und Pflanzenzüchtungen, Weltraum-Missionen, Waffensystemen, Spielhöllen, Freizeitanlagen, Kommunikationssystemen, Computerkapazitäten und Sinnesverführungsapparaten führen. Das wird nicht ohne eine ungeheure Konzentration von Entscheidungsbetugnissen, Kapitalsteuerungen und Kontrollbefugnissen zustande kommen können

Die gesamte Sience Fiction Literatur geht in diese Richtung. Interessanterweise wagen diese meist sehr anregenden, faszinierenden und teilweise auch kritischen Werke es nicht, sich als Utopien zu bezeichnen. Eine „Utopie" ist offenbar der Sein-Entwicklung im Menschen im Gegensatz zur Haben-Entwicklung vorbehalten! (Vergleiche zum Beispiel Ernest Callenbachs „Ökotopia" und „Wege nach Ökotopia")

Was ist nun unter Sein-Entwicklung zu verstehen?

Wenn wir hierzulande einem Künstler begegnen, dann sprechen wir von seiner Begabung und bewundern sie in seinen Werken. Dabei übersehen wir die jahrelangen Bemühungen, Übungen und Mühseligkeiten, die dieser Künstler bewältigen mußte, um seine „Begabung" - also sein „Sein" - zu entwickeln. Da diese Entwicklungsbemühungen und förderlichen Umstände oft sehr, sehr umfangreich sein müssen, kamen schon im 19. Jahrhundert verschiedene Philosophen auf die Idee, daß künstlerische Begabungen, zwar klein, aber bei allen Menschen vorhanden seien.

So wird zum Beispiel in der modernen Schauspielkunst davon ausgegangen, daß jeder Mensch, der bestimmte körperliche und mentale Übungen regelmäßig und über längere Zeit hinweg durchführt, zu einem guten Schauspieler wird!

So entwickelte Karl Marx in seinen Frühschriften Mitte des 19. Jahrhunderts die Idee vom „reichen Menschen": „Der reiche Mensch ist zugleich der einer Totalität der menschlichen Lebensäußerung b e d ü r f t i g e Mensch* Der Mensch, in dem seine eigene Verwirklichung als innere Notwendigkeit als N o t existiert." (MEGA 1,3,S.123)

Erich Fromm druckt den gleichen Gedanken so aus: „Die Dynamik der menschlichen Natur wurzelt in erster Linie in diesem Bedürfnis des Menschen, seine Fähigkeiten der Welt gegenüber zum Ausdruck zu bringen, und nicht in seinem Bedürfnis, die Welt als Mittel zur Befriedigung seiner physiologischen Bedürfnisse zu gebrauchen." (Erich Fromm Gesamtausgabe dtv Band V, S. 424)

Nach Erich Fromm geht die Sein-Entwicklung des Menschen über die Überwindung seiner Entfremdung, das heißt über die Auflösung seiner psychischen Verdrängungen. Er sagt:„Die Verdrängung, ob sie nun individuell oder gesellschaftlich bedingt Ist, entstellt den Menschen, sie fragmentiert ihn, beraubt Ihn seiner vollen Menschlichkeit." (Erich Fromm Gesamtausgabe dtv Land V, S. 409)

Auf diesem Wege gelangt jede/r von uns schließlich zu einer Verkörperung von Karl Marx’ Idee von der „menschlichen Natur des Menschen": „Setze den M e n s c h e n als M e n s c h e n und sein Verhältnis zur Welt als ein menschliches voraus, so kannst Du Liebe nur gegen Liebe austauschen, Vertrauen nur gegen Vertrauen etc. Wenn Du die Kunst genießen willst, mußt Du ein künstlerisch gebildeter Mensch sein; wenn Du Einfluß auf andere Menschen ausüben willst, mußt Du ein wirklich anregend und fördernd auf andere Menschen wirkender Mensch sein. Jedes Deiner Verhaltnisse zum Menschen - und zur Natur - muß eine b e s t i m m t e. dem Gegenstand Deines Willens entsprechende Ä u ß e r u n g Deines w i r k I i c h e n i n d i v i d u e l l e n Lebens sein. Wenn Du liebst, ohne Gegenliebe hervorzurufen, das heißt, wenn Dein Lieben als Lieben nicht die Gegenliebe produziert, wenn Du durch Deine L e b e n s ä u ß e r u n g als liebender Mensch Dich nicht zum g e l i e b t e n Menschen machst, so ist Deine Liebe ohnmächtig und ein Unglück!" (MEGA 1,3,5.149)

Schließlich entwickele Erich Fromm einen gesellschaftlichen Ansatz:„Zu den Voraussetzungen, die den Sieg der neuen Orientierung zu einer realen Möglichkeit machen, gehört die Tatsache, daß die Mittelklasse durch ihren materiellen Wohlstand die Erfahrung macht, daß mehr Konsum kein Weg zur Glückseligkeit ist. Ihr höheres Bildungsniveau bringt sie mit neuen Ideen in Berührung und macht sie aufgeschlossen für vernünftige Argumente." (Erich Fromm Gesamtausgabe dtv Band IV, S. 368)

Und er wird dann sogar ziemlich konkret: „Die revolutionären Veränderungen, die zur Humanisierung der technologischen Gesellschaft, und das heißt zu ihrer Rettung von physischer Vernichtung, Dehumanisierung und Wahnsinn nötig sind, müssen alle Lebensbereiche umfassen - Wirtschaft, Sozialleben, Politik und Kultur. Außerdem müssen sie gleichzeitig vor sich gehen, weil eine teilweise Änderung am System nicht zu dessen Gesamtveränderung führen, sondern nur seine Krankheitssymptome in anderer Form zum Ausbruch bringen wird. Diese Änderungen sind:

a) Ein Wandel der Produktions- und Konsumgewohnheiten in der Weise, daß die wirtschaftliche Tätigkeit nur noch auf die Entfaltung und das Wachstum des Menschen abzielt...

b) eine Verwandlung des Menschen als Bürger und Teilnehmer am Sozialleben, die ihn nicht mehr passives, bürokratisch manipuliertes Objekt sein läßt, sondern ihn tätig, verantwortungsbereit und kritisch macht...

c) eine Kulturrevolution, die den für die technologische Gesellschaft charakteristischen; Geist der Entfremdung und Passivität zu verwandeln versucht, damit ein neuer Mensch auftritt, dessen Lebensziel das Sein ist und nicht das Haben oder Gebrauchen; ein Mensch, der die Kräfte der Liebe und der Vernunft voll zu entwickeln sucht und eine neue Einheit von Denken und Fühlen erreicht..." (Erich Fromm Gesamtausgabe dtv Band IV, S. 371)

Soweit die Theorie, die von Erich Fromm 1968 in seinem Werk „Die Revolution der Hoffnung, für eine Humanisierung der Technik" erstaunlich weitgehend ausgeführt und entwickelt ist. (Erich Fromm Gesamtausgabe dtv Band IV, S. 255 - S. 377)

Aber ich würde nicht von Theorien reden, wenn ich nicht zuvor die entsprechenden praktischen Erfahrungen selbst gemacht hätte.

Ich habe auf Jugendfreizeiten, auf dem Friedenscamp in Mutlangen 1983 und während über 40 selbst veranstalteten Massage-Wochenenden mir jeweils 4 bis 9 Teilnehmerlnnen erlebt, wie leicht sich Verdrängungen und damit die Entfremdung des Einzelnen in einer dazu geeigneten Atmosphäre auflösen..

Ich habe x-fach erlebt, wie Entfremdung bereits durch den ersten Schritt aus einer einzelnen Verdrängung von uns abfällt und jede/r der Anwesenden in einer einzigartigen Schönheit sichtbar wird, die zuvor völlig weggeschlossen war.

Ich möchte hier ganz konkret sein, um nicht mißverstanden zu werden: An meinen Massage-Wochenenden erzeuge ich in einem beliebigen warmen, abgeschlossenen Raum eine Atmosphäre der Geborgenheit, in dem ich durch mein Verhalten jede Einzelne immer wieder erleben lasse, daß ich sie sehe, beachte und achte, ja daß sie mir ein heiliges, unantastbares Wesen ist, solange bis sie mir sagt (mit oder ohne Worte), wo und wie ich sie berühren darf. Das gilt zunächst im übertragenen Sinne und dann auch ganz körperlich bei der Massage.

Ich achte auch darauf, daß keiner der Teilnehmer anders mit den Übrigen umgeht, als wie ich es vormache. Oft schon innerhalb einer Stunde ist die Atmosphäre so verändert, daß sich alle Herzen weit öffnen, es ganz warm wird und alle mitgebrachten individuellen Ängste sich auflösen. Menschen die sich nie zuvor gesehen haben, ziehen sich noch am selben Abend soweit vor einander aus, wie sie es gerade wollen. Nach einer kurzen Atemübung verändern sich die Gesichter durch Muskelentspannung oft derart weitgehend, daß spontan festgestellt wird: „Ja, das ist nicht mehr der, der vorhin gekommen ist!" - Und tatsächlich, er selber fühlt sich so, wie er sich nicht erinnern kann, daß er sich jemals in der Weit gefühlt hat*

An einem Wochenende lernt eine kleine Gruppe von Menschen, einen ganz neuartigen förderlichen und respektvollen Umgang miteinander, der wesentlich auf sanftem körperlichen Berohren und Berührtwerden aufbaut und sich in alle übergeordneten Bereiche des Erlebens ausdehnt. Bis schließlich die bange Frage auftaucht:

„Wie soll ich mit diesem Erleben wieder in die Alltagswelt zurückkehren? - Da passe ich doch gar nicht mehr hinein!" - Das ist tatsächlich überhaupt kein Problem und tut auch niemals weh, obwohl sich jeder Teilnehmer mehr oder weniger lange, Stunden oder Tage, ganz anders in seiner gewohnten Umgebung verhält als je zuvor. Und seine Mitmenschen bemerken das auch - oft sehr deutlich.

Viele Teilnehmer sind erneut und wiederholt zu solch einem Massage-Wochenende gekommen, obwohl sie längst gute Masseure waren. Diese haben ihr Leben so verändert, daß sie die Massage-Wochenend-Atmosphäre in ihr ganzes Leben übertragen haben, wohldosiert, um niemanden durch zu große Offenheit zu verletzen. Aber in ihrer Wohnung war es stets so herzlich warm, wie sie es bei mir erlebt hatten.

Diese ganze praktische Erfahrung Ober nun 14 Jahre hat meinen ursprünglichen Mut zur positiven Gesellschafts-Utopie zur Gewißheit werden lassen: Ich bin heute überzeugt davon, daß wir Menschen auch im gesellschaftsweiten Rahmen jede positive Utopie verwirklichen können, die sich irgendjemand ausdenken kann, solange sie nur auf den Prinzipien beruht, die ich beachten muß, um die förderliche Atmosphäre meiner Massage-
Wochenenden entstehen zu lassen.

(22.10.1997)

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