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J. Michael Vogelsang: Von der Utopie zur sozialen Innovation ? Wie soziale Innovationen "erfunden"?

I. Fragen zum Verständnis vorab:

Es gibt soziale Erfindungen und Innovationen, aber entstehen sie tatsächlich aus Utopien? Könnten es nicht eher Entdeckungen sein? Oder aufgezwungene Anpassungsvorgänge?

Utopien
und deren Beschreibungen, meint das nicht Zustände in und Eigenschaften von Systemen? Wohingegen Innovationen oder Erfindungen eher Elemente von Systemen sind und den Charakter von Handlungen, Verfahrensweisen und Produkten vorweisen. Als solche können sie vielleicht Teilsysteme sein oder bilden.

Entwicklung
und Experiment scheinen mir weitere wichtige Begriffe zu sein. Beide tauchen sowohl in aktiver wie passiver Form auf. Nämlich: Wir experimentieren oder entwickeln etwas - das bedeutet bewußte Arbeit. Oder: wir sind Objekt, es geschieht etwas mit, in, ohne, über und um uns. Begrifflich schwierig scheint mir, daß bei sozialen Entwicklungen und Experimenten Subjekt und Objekt, aktiv und passiv oft untrennbar miteinander verwoben sind.

Experimente,
möglichst rückholbare, bewußte und kontrollierte, gehören in technischen und naturwissenschaftlichen Bereichen zur Forschungs- und Entwicklungsarbeit. Mir scheint, in sozialen Feldern werden eher unfreiwillige und unerkannte Experimente angestellt. Die Funktion des „Entwicklungslabors" übernehmen Projekte mit innovativen Elementen oder Pilotprojekte, die abbrechbar bzw. „scheiterbar" sind, aber kaum bewußt kontrolliert. Randgruppen und Subkulturen übernehmen ähnliche Funktionen. Die traurige Dynamik dabei ist: ihre Bemühungen werden nicht zur Kenntnis genommen, bei Mißerfolg gehen sie unter, bei Erfolg werden sie vernichtet oder die Erfolge werden ihnen enteignet.

Erfindung
und Innovation sind grundlegend verschiedene Dinge. Er-findungen sind Einsichten, Einfällte,Ideen, über deren Wert sich anfangs wenig sagen läßt. Vermutlich werden die meisten Erfindungen einfach übersehen - wegen des unklaren Wertes und weil der Erfinder keine Möglichkeit sieht, nicht die materiellen Mittel hat, mit der Erfindung etwas anzufangen.

Innovationen
haben Produktcharakter. Sie sind fertige, nutzbare Verfahren oder Gegenstände mit Name, Form, gesicherten Eigenschaften, Bedienungsanleitung und Preis. Innovationen können eine oder mehrere neue Erfindungen enthalten, müssen es aber nicht. Sie können auch aus einer besseren Anordnung bereits bekannter und praktizierter Elemente und Verfahren bestehen.

II. Verschiedene Wege zu sozialen Innovationen:

1. Die Eier des Kolumbus

„liegen zu Tausenden auf den Straßen - und werden mit Füßen getreten" - weil sie unerkannt bleiben. Es gibt mindestens zwei Wege, sie zu finden, die sich gegenseitig ausschließen: Suchen ist eine Anstrengung, die das Finden ungemein erschweren kann. Dies gilt vor allem wirklich Neues. Das findet sich oft, wenn man zwar sehr aufmerksam ist, alle Sinne gut beieinander und angeschaltet hat, ansonsten aber eher ziellos ist. Man findet eher am Rande des Weges oder Blickfeldes als im Zentrum. Vielleicht taugt auch der Begriff der selektiven Unaufmerksamkeit. In sozialen Prozessen werden am ehesten recht unbeteiligte Beobachter Neues finden, nicht die Macher und Aktivisten.

Wer suchet, der findet. Das ist die andere Weisheit. Dieses Suchen hat Absicht und Ziel. Es sucht nach einem bekannten Erscheinungsbild, einem bekannten Muster. Und wenn nicht bekannt, dann doch zumindest vorstellbar. Hier haben Utopien ihre Funktion, denn sie erweitern die Realität um das Vorstellbare, erweitern aber auch die Anzahl der möglichen Standorte und Blickwinkel, von denen aus gesucht wird. Systematische Suche sollte sich nicht auf die aktuelle Realität und Utopien beschränken. Es gibt die historischen Schätze, die gezielt gesucht und gehoben werden können. Sie sind - z.T. verborgen und kodiert - in Märchen, Liedern und Sagen, heiligen, unheiligen und trivialen Büchern, in Tagebüchern, Biographien, Briefen, Gerichts- und Verwaltungsakten versteckt. Als weitere Quelle bietet sich das kollektive Unterbewußte an. Nicht alles, was für die Menschheit wichtig war, wurde aufgeschrieben. Manches Wissen konnte oder durfte nicht formuliert werden. Das kollektive Unterbewußte speichert und tradiert soziale Verhaltensweisen und Muster, die bislang nur ausnahmsweise in besonderen Situationen nötig waren. Situationen, die nur alle paar Jahrhunderte oder Jahrtausende eintraten.

Finden hat unabhängig von Weg 1 oder 2 eine Voraussetzung: man muß das Ding erkennen und benennen können. Und dazu sind brauchbare Begriffe nötig. Die werden in der Regeln von Philosophen gemacht, aber auch von Journalisten und dem Volksmund. Wichtig ist, daß die Begriffe stimmig sind, sie die Wahrheit nicht verfälschen oder verschleiern. Hier liegt die Bedeutung und Aufgabe gediegener Erforschung und Beschreibung sozialer und ökonomischer Realitäten und - wo das nicht reicht oder funktioniert - die Aufgabe der Utopisten und Propheten.

2. Spielerisch-empirisch erfinden und entwickeln

kann ganz gut klappen, wenn auch nicht immer. Dazu wären entsprechende Lernfelder zu schaffen, so etwas wie (soziale) Spiellabore, besser oder schlechter ausgestattet. In einer bestimmten Art gab es solche Labore schon häufiger - in Form von Randgruppen und Alternativbewegungen, Versprengten, Verirrten und Schiffbrüchigen. Im Hinblick auf die Experimentalbedingungen fehlten ihnen regelmäßig die Aspekte von „bewußt" und „kontrolliert", „aktiv" und „passiv" (kreativ und gezwungen) waren reichlich vermischt, Kontrollgrenzen verwischt. Methodisch gesehen sind Selbstversuche zwar oft sinnvoll, aber als alleiniges Mittel nicht seriös.

In aller Regel fehlten noch ein paar andere notwendige Dinge, nämlich ausreichende Ressourcen, ein verfügbarer Überschuß, anregende Vielfalt um daraus zu schöpfen. Miniaturisierte Armutsökonomien können durchaus unter dem Zwang der erbärmlichen Existenz Neues entdecken - trotz ihrer trostlosen sozialen Monotonie. Sie können es aber nicht weiterentwickeln, in attraktive Formen bringen und vermarkten.

Armut ist außerdem hinderlich für die Verbreitung von Innovationen. Zum Beispiel hat der Lehmbau trotz guter Technikentwicklung und vieler Vorteile kaum Chancen, weil er seit Jahrhunderten als Armutstechnologie angesehen wird. Armut ist also ein Stigma, welches sich auf ihre Leistungen und Schöpfungen überträgt.

Eine Sichtweise der heutigen Inflation an ABM- und Sozialprojekten, die ja alle nur mit knappen Ressourcen ausgestattet sind, ist ihre gesellschaftliche Funktion als Innovationslabor. So, wie die Projekte gestrickt sind, können sie das kaum sein. Sie laufen zu kurzfristig und haben zu enge Aufgabenprofile, sind zu monofunktional. Ihre Teilnehmerzusammensetzung (Beruf, Alters- oder sonstige Zielgruppe) ist zu einseitig.

Wenn wir attraktive soziale Innovationen wollen und brauchen wäre es den Versuch wert, solche Spiellabore viel aktiver und professioneller zu betreiben. Wäre es möglich, in verschiedenen Ländern „soziale Experimentalregionen" zu schaffen und zu unterhalten? Damit darin soziales Leben, Gesellschaftlichkeit überhaupt möglich ist, müßten solche Regionen deutlich größer sein als ein Stamm, Clan oder Dorf. Ihre Teilnehmer und Mitarbeiter müßten ähnlich vielfältig zusammengesetzt und mit Ressourcen ausgestattet sein, wie die Bevölkerung in den entwickelten Industrieregionen.

Doch vielleicht sollten wir das spielerische Erfinden und Entwickeln denen überlassen, die es noch am besten können, den Kinder. Also Spiellabor statt Schulpflicht? Vorbilder mit ganz respektablen Leistungen gibt es, Reformschulen, oft als Internatsschulen, einige freie Volkshochschulen in Skandinavien.

3. Professionelle, geplante Entwicklungsarbeit

ist das, was aus einer Idee oder Erfindung zuerst einmal einen halbwegs funktionsfähigen Prototyp, und noch viel später ein marktgängiges (und sicher benutzbares) Produkt oder Verfahren macht. Damit so etwas wird, muß viel konstruiert, getestet, verworfen und wieder neu entwickelt werden. Danach ist noch unendlich viel Feinschliff und Detailarbeit erforderlich für das Design, die Zuverlässigkeit, die Trendgängigkeit.

Das ist in jedem Fall Arbeit für Profis - mehrere zumeist mit sehr unterschiedlichen Fähigkeiten und Kenntnissen - die mit ausreichend Zeit und Budget an die Arbeit gesetzt werden. Damit keine falschen Vorstellungen aufkommen: die Entwicklung von Prototypen dauert einige Monate bis Jahre. Und erst danach wird’s richtig teuer, da Markteinführung und Produktpflege regelmäßig jeweils das zehn- bis fünfzigfache einer Prototypenentwicklung kosten. Aber danach hat man eine Innovation erfolgreich plaziert oder ist gescheitert.

Wer also nur 1 Mio. für eine soziale Innovation im Budget hat, sollte für den Prototyp nicht mehr als 10 Tsd. ausgeben. Das wäre seriös, doch unsere Realität sieht anders aus: Wir haben vielleicht mal 10, 50, 100 Tsd. für eine Projektentwicklung zur Verfügung, doch danach in der Regeln nichts. Vielleicht bauen deshalb unsere erfahrenen, realistischen Profis so wenig wirklich Neues und vermarkten lieber aufgeschönte Versionen alter Strukturen, Projekte und Verfahren, worauf der Begriff Produktpflege zuträfe.

Das Entwickeln von Innovationen ist auf dreifache Weise mit dem Erfinden verknüpft. Entwickeln braucht eine Aufgabe und das ist in der Regel eine zu einem Ziel führende Idee. Diese Idee ist manchmal eine neue Erfindung, in der Regel aber eine alte. Denn alte Erfindungen sind eher konsensfähig als neu, die noch niemand versteht. Aus alten Ideen und Erfindungen ergibt sich also eher ein Entwicklungsauftrag.

Entwicklungsarbeit nutzt oft mehrere Erfindungen, bringt sie miteinander in einen Zusammenhang, in dem sie nützen und funktionieren. Die so genutzten und umgesetzten Erfindungen haben oft wenig mit der zielführenden Aufgabenstellung zu tun.

Entwicklungsarbeit erfolgt in der Regel unter Druck und Streß. Das ließe eigentlich wenig Raum für Finden und Er-finden, zumal die Aufgabenstellung ja sehr eng und klar sein muß. Doch Entwicklungsarbeit hat eine eigene Dynamik, den schnellen Wechsel von Tiefe und Breite, von umfassender Suche und Konzentration auf ein Detail, von Analysieren, Konstruieren und Verwerfen, ein ständiges Durcheinander von Informationsüberschuß und -mangel. Deshalb können bei der Entwicklungsarbeit tatsächlich neue Erfindungen gemacht werden, es können bislang ungenutzte und übersehene Erfindungen zur Geltung gebracht (nacherfunden)

Ein großer Teil dieser Erfindungen in Entwicklungsprozessen wird den Weg aller Erfindungen gehen, nämlich übersehen, vergessen, in seiner Bedeutung nicht erkannt werden, zumal Entwickeln ja ganz wesentlich aus Verwerfen besteht. Wenn Erfindungen aus Entwicklungsprozessen intensiver genutzt werden sollen, braucht es aufmerksame, interessierte aber recht unbeteiligte Beobachter..

Als Beobachter kommen in Frage: Praktikanten, Freunde, Fachjournalisten und Netzwerker. Manchmal machen auch diese Beobachter selber die wertvolleren Erfindungen im Umfeld und am Rande eines Entwicklungsvorhabens, da sie etwas mehr Abstand haben können und nicht so anfällig für Betriebsblindheit sind.

III. Innovationskreisläufe und ihre Erfinder

Planmäßige sowie spielerische Entwicklung von Innovation läßt und schafft Raum für Erfindungen. Das liegt vor allem an der sehr intensiven und vielseitigen Beschäftigung mit einem Gegenstandsfeld und der ausdrücklichen Erlaubnis bzw. dem Auftrag, auch etwas neu und anders zu machen. Ein Teil der dabei gemachten Erfindungen sind der Grundstoff zu neuen Utopien oder können es zumindest sein.

Doch hier foppt uns ein Aspekt des Begriffs Utopie: Ausformulierte Utopien waren häufig geistreiche Kritiken bzw. Umkehrungen herrschender Realitäten, insofern nichts Neues, nicht Innovation, sondern ein Spiegel der Realität. Andererseits Utopie als nicht existierender Ort. Das hieße doch auch, Utopie ist das oder ein Teil dessen, was ein Spiellabor oder eine planmäßige Entwicklung gerade nicht realisiert sondern verworfen hat. Andererseits ist eine gut formulierte und verbreitete Utopie ein Stück weit bereits in sozialer und gesellschaftlicher Hinsicht materiell und faktisch, also Realität. Umgekehrt gedacht, läßt sich soziale und gesellschaftliche Innovation fördern, indem Utopien ein breiterer Raum, eine höhere Anerkennung gewährt wird?

Neues (zu erfinden und zu entwickeln) geht oft mit dem Verlust des bisher Bekannten und als gesichert Betrachtetem einher. Verlust, selbst ein nur angedrohter schafft erst einmal Unsicherheit und Angst, insbesondere, wenn es sich um den Verlust des sozialen Umfeldes, sozialer Gewissheiten handelt. Und diese Bedrohung trifft die Erfinder zuerst. Etwas weniger massiv trifft sie die Entwickler. Deshalb befinden sich Erfinder und Entwickler oft an der Grenze des gesunden Menschenverstandes und am Rande sozialer Ausgrenzung. Eine Gesellschaft, die ein höheres Ausmaß an (sozialen) Erfindungen und Innovationen benötigt, sollte zu allererst die Existenzbedingungen und Wertschätzung für Erfinder verbessern. Wenn sie das nicht im Mainstream realisieren kann oder will, sollte sie zumindest leistungsfähige Subkulturen und Netzwerke bereitstellen.

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