Vortrag von / Gespräch mit Monika Schnieder:
Sozialkooperativen in Italien: (ASSAD Cooperative in Perugia) 23. Oktober 1997 in Passalmonte
Zur Person
Monika ist Deutsche und lebt seit 15 Jahren in Italien. Seit 12 Jahren arbeitet sie in einer Sozialkooperative in Perugia, bei der sie nun gekündigt hat. Dort war sie für Personalfragen und Auftragsbearbeitung im Jugend- und Behindertenbereich zuständig.
Hintergrundinformationen zur Koop-Bewegung in Italien
Geschichte: Die Bewegung startete um 1850 und durchlief mehrere Phasen. Nach 1945 gliederte sie sich ins politische System ein. Ihre Bedeutung und Förderung wurde in der italienischen Verfassung verankert. Seit Mitte der 70er Jahre wurden Kooperativen als Träger sozialer Arbeit entdeckt.
Entstehung der Sozialkooperativen
Entscheidender Katalysator für die Gründung vieler Sozialkooperativen war die Öffnung der Psychiatrien. Viele Familien waren mit der Aufgabe sich um ihre psychiatrieerfahrenen Angehörigen nun selbst zu kümmern überfordert. In Italien gibt es weder Sonderschulen noch ein relevantes Angebot an Familientherapie. Aber auch andere Defizite des Staates waren Auslöser für den Koop-Start. Kooperativen boten, zunächst meist ehrenamtlich, Dienstleistungen an und/oder waren Selbsthilfestrukturen.
Hintergrund der InkitiatorInnen von Sozialkooperativen
- katholische Bewegung
- 68erInnen
Zwei Arten von Sozialkoops: Typo A und Typo B
Es werden zwei grundlegend verschiedene Typen von Sozialkooperativen unterschieden. Beim
Typ A Hauptzweck ist die Betreuung von hilfsbedürftigen Menschen, die selbst nicht Mitglied der Kooperative sind. Die meisten dieser Kooperativen arbeiten im Bereich der häuslichen Pflege. Manchmal werden zum Zweck der Betreuung auch Werkstätten betrieben, die selbst aber nicht gegen Geld Waren oder Dienstleistungen anbieten dürfen. Lediglich zu zeitlich eng begrenzten Basaren darf verkauft werden. Die Werkstätten/Betriebe dienen nur als heilpädagogisches Mittel. Diese Regelung führt zur Demotivation der Betreuten.
Typ B: Ziel ist es, daß Benachteiligte und normale MitarbeiterInnen gerneinsam in einem Betrieb arbeiten und am Markt Einkünfte erzielen. Alle MitarbeiterInnen sind Mitglieder der Kooperative. Um die Beschränkungen des Typs A zu umgehen, verkaufen etliche Koops des Typs A ihre Produkte über Typ B Koops.
Grundsätzlich gilt, daß bei Auflösung der Koop das Geld an den Staat fließt. Das gleiche gilt bei hohen Gewinnen, was Rücklagenbildung sehr schwierig macht.
Mitglieder von Sozialkooperativen
Die Betreuten oder Nutzerlnnen sind lediglich bei Typ B notwendigerweise selbst Mitglieder (soci) der Koop. Die BetreuerInnen gliedern sich in mehrere Gruppen auf:
a) soci und Angestellte
b) bezahlte MitarbeiterInnen und Freiwillige (voluntarii).
Voluntarii können sowohl PraktikantInnen als auch klassische Ehrenamtliche sein. Die Ehrenamtlichen haben in aller Regel feste Aufgabenbereiche übernommen. 2/3tel aller voluntarii sind Frauen. Es gibt kaum jüngere voluntarii, da es nicht mehr der derzeitigen Jugendkultur entspricht.
Staatliche Forderung der Sozialkooperativen
Besonders bei der Vergabe öffentlicher Aufträge werden die Sozialkoops bevorzugt. Oft kommt es dabei auf den Preis und nicht die Qualität des Angebots an. Wichtig ist darüber die richtige Parteizugehörigkeit des Präsidenten der Koop.
Assad-Kooperative in Perugia
Die Assad ist eine Kooperative Typo A. Sie arbeitet im Auftrag des Gesundheitsamtes und der Provinz im Bereich sozialer und medizinischer Dienste für Jugendliche, Behinderte und psychisch Kranke. Das Gesundheitsamt stellt für einzelne Betroffene Stundenkontingente zur Verfügung. Die Kooperative ist Mittlerin zwischen DienstleistungsempfängerInnen, Gesundheitsamt und PflegerInnen. Alle MitarbeiterInnen der Kooperative sind auch Koop-Mitglieder (Soci). 80% der MitarbeiterInnen arbeiten im Bereich der häuslichen Pflege.
Alle 300 MitarbeiterInnen sind bezahlte soci. Ehrenamtliche gibt es nicht. Allerdings gibt es erst seit einigen Jahren geregelte Lohnzahlungen. Alle soci leisten eine Einlage von 5 Mio Lire, die sie aber auch abstottern können.
Entscheidungsstruktur
Die Mitgliederversammlung wählt den Verwaltungsrat und den Aufsichtsrat. Das Verwaltungsratsmitglied mit den meisten Stimmen ist der Präsident der Kooperative, mit den zweitmeisten Stimmen reicht es nur noch zum Vizeprimus. Im Aufsichtsrat sitzen Außenstehende. Zur durchschnittlichen Mitgliederversammlung kommen 100 soci.
Finanzierung
Der Kooperative werden für einzelne zu Betreuende Pflegestunden zugewiesen. Für jede Pflegestunde erhält die Koop einen bestimmten Betrag, von dem die MitarbeiterInnen gut 50% als Lohn ausgezahlt bekommen. Mit dem Rest finanziert die Kooperative Investitionen, Zinszahlungen, den overhead und Weiterbildung. Es ist Aufgabe der Koop den zu Betreuenden die passenden Mitglieder als BetreuerInnen zuzuweisen. Größtes Planungsproblem ist, daß die Kopp nicht länger im voraus weiß, wieviele Pflegestunden sie zu vergeben hat.
Bezahlung der soci
Es gibt die Gehaltstufen I-IV, die sich nach der Art der Tätigkeit richten.
Stufe Tätigkeit Vergütung/Std.Stundenlohn v. Gesundheitsamt für Socilo
I Putzen 17.500 9.200
II ? ? ?
III Behindertenarbeit 23 .500 11.800
IV Psychologenstelle- 28.200 16.400
Verwaltungsarbeiten der Koop werden zwischen Gehaltsstufe III und IV vergütet. Diese Gehälter müssen von der Koop selbst festgesetzt und finanziert werden. Lediglieh der Präsident hat keine Sonderstellung. Sein Gehalt war Monika Sehnieder nicht bekannt.
Darüber hinaus erhalten alle Mitglieder eine (staatliche?) Einheitsrente, die aber extrem niedrig ist. Dazu kommen noch 13. Monatsgehalt, 30 Tage Urlaub und Abfindungsanspruch.Diese niedrige Bezahlung ist der Hauptgrund für die hohe Fluktuation unter den Beschäftigten. Die Hauptmotivation bei den meisten soci ist, daß sie sonst arbeitslos wären.
Projektentwicklung
Über die häusliche Pflege hinaus entwickelt die Kooperative zunehmend Projekte, in denen besondere Angebote für Gruppen von Benachteiligten geschaffen werden, z.B. Tagesbetreuungseinrichtungen. In diesen Projekten werden dann die vom Gesundheitsamt für die Betroffenen zugewiesenen Betreuungsstunden zusammengefaßt.
Die übriggebliebenen Stunden können dann anderweitig verwendet werden. Wird die Finanzierung der Projekte vom Gesundheitsamt abgelehnt so bleibt der Koop die Option auf den privaten Pflegemarkt. Neue Projekte dienen auch der Schaffung zusätzlicher Beschäftigung. Hintergrund dieser Entwicklung ist auch die Debatte, ob die häusliche Pflege in Privatwohnungen für die Betroffenen wirklich die beste Lösung darstellt.
Weiterbildung
80% der soci haben einen Hauptschulabschluß, 10% einen höheren Schulabschluß und 10% einen Hochschulabschluß Bis vor fünf Jahren beschäftigte Assad jedeN, der oder die zu den angebotenen Bedingungen arbeiten wollte. Heute wird mehr wen auf eine passende Ausbildung gelegt. Darüberhinaus investiert die Kopp erhebliche Mittel in die betriebliche Weiterbildung. Für bestimmte Zielgruppen in der Koop werden spezielle Kurseinheiten organisiert, um die Qualifizierung der soci zu verbessern. Die Anstrengung im Weiterbildungsbereich sind notwendig, um auf dem privaten Pflegmarkt konkurrenzfähig zu sein. Auf diesem Bereich tummeln sich inzwischen zahlreiche FreiberuflerInnen, consultancies und andere
ABN Consortio
In Perugia haben sich vier Kooperativen des Types A und B zu inem Konsortium zusammengeschlossen. Ziel des Konsortiums ist eine stärkere Stellung gegenüber dem Gesundheitsamt, das immer wieder 1-2 Jahre verspätet zahlt! Für die folgenden Liquiditätsprobleme zahlt die Koop Zinsen.