Protokoll 26.10.1987
1 Eindrücke - Rückblicke auf die Coop-Molino di Ellera-Fischereicoop.
1.1. Molion di Ellera
Die Coop, wird übereinstimmend als solider Betrieb gesehen, mit gründlichem Geschäftsbericht und nachlesbarer Bilanz, mit einem gutsortierten Verkaufsladen - als Folge einer Verschränkung verschiedenster Betrieb (Mühle, Ölmühle, Tierproduktion, Futtermittel etc.), was den Interessen und Bedürfnissen der socii entgegenkommt - aber eben auch als eine Coop mit dem Flair des Durchschnitts".
Auch heute noch ist die Molino d.E. geprägt von einer Form der Elendsbewältigung - die Gastarbeiterbewegung, also die Abwanderung vieler ins Ausland, machte ihr stark zu schaffen - aber auch, oder gerade deswegen von großer Solidarität untereinander und Austausch miteinander.
Ein klassisches Beispiel dafür ist das Beliefern der socii mit Brot, einer Dienstleistung, die sich eigentlich nicht lohnt, aber nach wie vor Teil des Marketing-Konzeptes ist. Den cooperativen Zusammenhalt belegt auch die Tatsache, daß es durchaus üblich ist, bei der Coop. Einzukaufen, auch wenn dafür längere Anfahrtswege in Kauf genommen werden müssen.
Kleiner Exkurs:
Die den ital. Genossenschaften eigene Kultur ist äußerlich oft nicht erkennbar, aber als Idee sehr wohl im Alltäglichen vorhanden und noch heute in den Köpfen der Menschen - und sie wir auch praktisch genutzt: Als Weg aus der Arbeitslosigkeit z.B. liegt bei Jugendlichen oftmals die Gründung einer eigenen Coop. nahe. Die Coop ist damit ein selbstverständliches Politikum und entsprechend ein Dorn im Auge der rechten Politik (Berlusconi wollte die Privilegien der Coop. aufheben).
Mit der Tierproduktion hat sich die eher traditionelle Molino Bereiche angegliedert, mit denen sie neue Märkte erschließen kann.
Die Haltung von Milchkühen z.B. paßt gut in ihre Struktur: Land und Futtermittel kann die Coop. selbst zur Verfügung stellen, die Molkerei Latte Grifo" ist Abnehmer der Milch. Bei der Schweinezucht hingegen gerät die Coop. an den Rand des roten Bereichs. Überraschend festgestellt wurde der Unterschied in der Methode der Tierhaltung: bei den Schweinen veraltet, die Freilufthaltung bei den Kühen eher modern. Dem Trend zur Bio-Produkten wird noch wenig Rechnung getragen, auch wenn erste Ansätze im Gespräch sind. Hier wird - nach Einschätzung einzelner Teilnehmer - u.U. eine Entwicklung verpaßt.
1.2 Fischereicoop.
Positiv aufgefallen ist das angenehme Betriebsklima, das allerdings nicht selten begleitet ist von einem 10-20stündigen Arbeitstag.
Evident ist hier das Generationsproblem: Jüngere cocli rücken nicht nach, die alte Basis stirbt langsam aus. Gefragt ist ein Umorientieren, aber wohin?
- evtl. Einverleibung durch eine größere Coop.
- andererseits könnte es auch Chancen für größeren Fischabsatz geben: (Wasserqualität im Lago T. hat sich verbessert. Fischbestände steigen, Nachfrage und Preise ebenso)
Mehrfach werden Zweifel angemeldet, ob sich die kleinteilige Struktur in Landwirtschaft und Fischerei langfristig unter dem Druck der EU halten läßt.
2. Ausblick
Wie die gesammelten positiven Aspekte zusammenführen? Wo gibt es Teil-Übertragbarkeiten, wo Verbindungslinien, wo Kooperationsmöglichkeiten?
Als erster Schritt werden im folgenden ungeordnet Themen/Stichworte einzelner TeilnehmerInnen genannt, die auf die gestellten Fragen hin zu untersuchen wären:
- Wie sieht die Vision der einzelnen Coop. aus?
- Wie sind die Coop. regional eingebettet und wie nutzen sei ihre regionalen Ressourcen?
- Wie werden Managementprobleme gelöst, wird dabei Hilfe benötigt?
- Wie gehen die Coop. mit Qualifizierung, Weiterbildung, Qualitätssicherung um?
- Helfen cooperative Strukturen (Stichwort: innerbetriebliche Demokratie/Beteiligung)., den Menschen glücklicher zu machen"?
- Wie wichtig sind Netzwerke (consortii) als Unterstützung für einzelne Coop.?
- Können Cooperativen zum Abbau von Beschäftigungslosigkeit beitragen?
- Lassen sich Beschäftigungsmodelle von Coop. auf Deutschland übertragen und wie ließe sich ein Rahmen dafür schaffen?
- Eröffnet das EU-Recht Möglichkeiten? (Soziale Genossenschaften sind im EU-Recht verankert. Welche Rechtslinie?)
- Was gibt es an passenden EU-Programmen?
Welche Antworten bietet Italien auf das Problem der sog. Freiwilligenarbeit", nach der in Deutschland verstärkt gerufen wird? (Gisela erwähnt die Studie: Volontary work in europe")
Mit Blick auf Deutschland
- Es fehlt hier an Werbung für Genossenschaften als Alternative; es fehlt außerdem an einer Organisation, die wirbt und berät. (In Großbritannien dagegen trägt Werbung bereits erste Früchte: steigende Zahl von Existenzgründungen)
- Auf sog. Geschäftsbesorgungsbetriebe" in Berlin als mögliche Modelle für Italien wird hingewiesen.
- Vergleich Fischereicoop und Fischerei auf Rügen
Im Blick zu behalten sind zwei unterschiedliche Prozesse in Italien:
- Tendenzen zum Zusammenschluß kleinerer Coop.
- ebenso wie die Neugründung vieler kleiner Coop.
... also viele Fragestellungen für die nächste Runde!
15.12.97, Peter Brodersen, Bremen