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Protokoll von Mittwoch, den 29.10.97, vormittags

Fahrt nach Perugia zum Besuch von Sozialen Cooperativen/ ASSAD

Vor 15 Jahren wurde die größte COOP Perugias mit 280 bis 300 Mitgliedern gegründet. Sie besteht aus mehreren selbstverwalteten Betrieben mit Waldorf-Strukturen. Die Psychiatriepatienten werden von den Krankenkassen zugewiesen. Die Kommune stellt die Räumlichkeiten, Maschinen, Material etc.
Es gibt eine Koordinierungsgruppe / Finanzgruppe aus Soz.-Pädagogen - Neurologen - Psychologen, die ein Mitspracherecht bei der Zuweisung haben.Bei den von uns besuchten beschützten Werkstätten gibt es 4 Abteilungen: Glasarbeiten - Batik und Stoffsachen - Schreinerei auf Bestellung (private Auftraggeberinnen) und Kinderspielzeug. Die hergestellten Dinge werden im Laden und auf Ausstellungen verkauft. Die 4 Mitarbeiterinnen betreuen 12 behinderte Kolleginnen. Es wird überlegt, diese COOP vom Typ A (sozial) in den Typ B (wirtschaftlich) zu überführen. Die Betreuten werden dann zu Mitgliedern (Socis), aus der beschützenden Werkstatt würde dann eine produktive Werkstatt. Die zu Betreuenden bekommen neben einem Taschengeld bis zum 18. Lebensjahr ein monatliches Pflegegeld von umgerechnet DM 750,-, ab 18 Jahre DM 1.100,- monatlich.

Bei Typ B wären sie dann angestellt und müßten ihre Löhne reinarbeiten bzw. die o.g. Pflegegelder. Man arbeitet an dem Aufbau eines Vertriebsnetzes.
Tagesablauf: Arbeit/Betreuung von 8.00 bis 17.00 Uhr, um 12.00 Uhr kann in der Mensa (COOP-eigenes Restaurant) gegessen werden. An 2 Nachmittagen in der Woche gibt es Freizeitangebote wie: Schwimmkurse / Chorsingen / Gymnastik / Trimmgeräteturnen / Theaterspielen / Ballspiele / Leichtathletik. Die Betreuten leben in ihren Familien, es gibt Elternabende und Besprechungen, die Eltern bremsen aber eher die Vorhaben, wie z.B. die Ferienangebote. Alles Tun muß vor der Koordinierungsgruppe gerechtfertigt werden, z.Zt. wird von den staatlichen Stellen versucht, alle irgendwie unterzubringen, ob es paßt oder nicht, ob sie zu integrieren sind oder nicht, da gibt es Probleme. Ansonsten sind sie ein gutes Team, mit viel Motivation und Engagement.Weitere COOPS gibt es in Gubbio und Bastia, ein Informationsaustausch wäre gut und wichtig, gestaltet sich aber schwierig, da es keine Infopapiere, eigene Zeitung o.ä. gibt. Die ASSAD-Coop hat 4 weitere Werkstatt-Töchter in Perugia: Lederwerkstatt / Holz / Bücher / Stühleflechten, Bastarbeiten u.a. Flechtarbeiten.

Danach besuchten wir eine WG von ehemaligen Psychiatriepatienten.
9 Leute zwischen 44 und 80 Jahren leben in drei 3er Gemeinschaften. Jeder lebt nach seinen eigenen Bedürfnissen. Es gibt eine eigene Küche, wer nicht kochen kann oder will, bekommt sein Essen geliefert. Sie werden von der Genossenschaft und einem Arzt betreut. Bezahlung? Da werde ich aus meinen Aufzeichnungen nicht mehr klug. Apropos Aufzeichnungen: Wir zogen an diesem Vormittag zu den verschiedensten Einrichtungen und irgendwann habe ich die Übersicht verloren und nur noch Stichpunkte notiert, die ich genauso weitergebe:
Tageseinrichtung für Psychisch Kranke.
Zielrichtung: Rehabilitation und kein Daueraufenthalt, aber es gibt einige „Patienten", die schon seit 10 Jahren, d.h. seit der Gründung, hier sind.

Es gab kaum andere Angebote, und die Tagesstätte ist eine Dauerergänzung zur Familie.

- Einen Startpunkt finden für die Aufnahme einer Arbeit: z.B. COOP Gartenbau

- Die wirklichen Bedürfnisse des/der Einzelnen herausfinden

- Lernen, wieder in die Gemeinschaft hereinzukommen, Kontakte herzustellen, nach draußen zu gehen (einkaufen etc.)

- Turnen u. Musikangebote

- Unterstützung beim Studium, es gibt einige Studentinnen hier

- Vertrauen zu den Betreuerinnen aufbauen

- Wünsche: Ganz oben und ganz wichtig, daß das Zentrum wieder wie zu Beginn 12 Stunden und nicht wie heute nur 6 Stunden geöffnet werden kann.

- Mehr Geld für Ferien/Freizeit und somit Integrationsmöglichkeiten.

4,5 Mitarbeiterinnen (Sozialbereich) versuchen die Standards irgendwie zu halten, aber es wird immer schwieriger. Es ist kein Gesundheitspersonal mehr im Hause. Außerdem wünschen sich die Mitarbeiterinnen bei Auseinandersetzungen mit den Verbänden und dem Gesundheitsamt mehr Unterstützung / Rückenstärkung und eine größere Autonomie von der COOP, da sie nach 10 Jahren Arbeit genügend Kompetenz und Erfahrung gesammelt haben, um zu wissen, was für ihre KlientInnen gut und richtig ist. Sie wollen mehr gehört und respektiert werden. So findet unter schwierigsten Verhältnissen eine psychosoziale Rehabilitation statt. Mit Ehrenamtlichen soll der kulturelle Bereich ausgebaut werden.

Heike Tassis

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