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Protokoll Freitag 31.10.1997

Informationsreise Umbrien: Auswertung der Exkursion, Zusammenfassung der Ergebnisse

 

O. Verfahren und Hintergrund

Etwa seit Montag hatten wir keine stringente, methodische Fragestellung bzw. Fragetechnik mehr. Ganz besonders gilt das für Mittwoch, wo wir alle eine ausgeprägte Formschwäche zeigten. (Wir haben uns wohl doch etwas übernommen und unsere Kondition hatte unter dem stürmisch-kalten Wetter gelitten. Swen merkt an, eine Auswertung nach jedem einzelnen Besuch bzw. Interview wäre (nach seinen Erfahrungen in England) fruchtbarer gewesen. Hinnerk erklärt, es wäre zuerst einmal darum gegangen, ein Bild zu schaffen. Das könne später zu einer methodischeren Arbeitsweise führen. Außerdem hätten die einzelnen Teilnehmer doch sehr unterschiedliche Einzelinteressen gehabt bzw. verfolgt.

Erste kleine Runde:

1. Am Nachmittag (um 15.00 h) soll noch ein Vertreter einer jungen und jugendlichen Kulturgenossenschaft kommen (, der dann am späteren Abend auch auftauchte).

2. Das Thema Umweit und Energie ist - trotz entsprechender Vorbereitung - zu kurz gekommen. Grund war mangelnde Machbarkeit mangels Verkehrsmitteln und wegen größerer Entfernung sowie Terminschwierigkeiten.

3. Ein Projekt, das wir hätten besuchen wollen, lag im Erdbebengebiet und ist reichlich zerstört worden.

4. Ein Suchthilfe-Projekt ist ebenfalls nicht in die endgültige Planung aufgenommen worden.

Und jetzt die Stationen im Detail:

1. Passignano, Stadtführung:

1. In der Stadtentwicklung wird recht einseitig auf Tourismus gesetzt. Wir fragen uns, ob das klappen kann, wenn insgesamt (in Italien und Europa) die Einkommensverteilung weiter auseinanderläuft.

2. Es gibt keine integrierte Gesamtplanung sondern problembezogenen Pragmatismus: ein bißchen Gewerbegebiet vorhalten, Landwirtschaft auf künstliche Bewässerung umstellen, dabei Bäche kanalisieren, damit der See nicht zu sehr absinkt.

3. Für uns ist strittig: wie viel Tourismus bzw. Tourismusinvestitionen verträgt die Stadt, z.B. große Parkplätze, Umnutzung des Hafen-/Werft-Industriegeländes (was man doch recht vorsichtig und mit starken Bedenken anfaßt). Man will die reichen Perrugianer am Wochenende herlocken.

4. Eine regionale Tourismuspolitik ist geplant. Dafür wurden die lokalen Ansätze zerstört, ersatzlos, weil die Politik und Bürokratie nicht rechtzeitig in die Gänge kam.

5. Eine Ökologisierung der Landwirtschaft läuft ebenfalls nicht an, obwohl der See gefährdet ist (sinkende Wasserstände).

6. Es sind keine gewissenhaften Versuche festzustellen, versteckte Wertschöpfungspotentiale und Zirkulationsmöglichkeiten zu finden und zu entwickeln.

7. Bei der Schließung des größten Industriebetriebes (Flugzeugbau-Zulieferbetrieb, Marine und Militärtechnik) das auch in Deutschland gepflegte Hickhack und politisch/gewerkschaftliche Verzögerungstaktiken. Am Ende eine deutlich kleinere Ersatzlösung (Automobilzulieferer) und reichlich Sozialbetriebe in den stillgelegten Fabrikhallen.

8. Es gibt lokal und regional niemanden, der/die die Macht hätte, bessere Strategien durchzusetzen (hätte das der Politunternehmer gekonnt, der jetzt seine Tage im Knast verbringt?).

9. Die hübsche Altstadt (oben auf dem Felsen und am Hang) ist ihnen aus dem Ruder gelaufen: die Touristen tummeln sich unten am See.

10. Aber auch das reiche Perrugia ist nicht so recht in der Lage, seine Altstadt und sein Museum (das beste in Italien) touristisch zu vermarkten - im Gegensatz zu Assisi, Pisa, Venedig, Rom.

2. Seniorenprojekt in der Flugzeugfabrik in Passignano

1. Beweglichkeit als Leitidee. Hübsch, aber dazu die Trimmaschinen eines Fitness-studios?

2. Ist nicht das Alters-/Altenprojekt, was wir uns für uns vorstellen können.

3. Es versucht aber, das soziale Gefüge der durch die Betriebsschließung heimatlos gewordenen Arbeiter zu erhalten.

4. Kartenspiel statt Kultur und Politik! Ausnahme ist der Vorsitzende mit seinen 85 Jahren, ist präsent und politisch.

5. Oder ist das die persönliche Art mit dem Alter und dem Altern umzugehen? Das Motiv, gegen die gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten vorzugehen. Führt (Einwurf Swen, Beobachtung in England), dazu, daß die politisch motivierten Leute in die Sozialarbeit gehen, dort auch nicht viel erreichen, verschlissen und frustriert werden. Anm. d. Protokollisten: Vielleicht ist das ja die geheime, noch zu lernende Lektion: Laßt die Finger von sozialem Engagement, macht was Zukunftsweisenderes!

3. Buona Terra (pädagogischer Agro-Tourismus)

1. Sehr sympathisch und selbstsicher, der Mensch der uns da geführt hat. Auch so etwas können Landkommunen am Ende ihres Läuterungs- und Transformationsprozesses hervorgebracht haben.

2. Umwelterziehung für Schulklassen auf dem Show-Bauernhof. Das transportiert eine heile Welt, die es nicht gab und nicht gibt. Vorgeführt werden Produktionsweisen von vor 50 oder 100 Jahren versetz in eine schön gestrichene und gekachelte Welt von heute (harmloser, musealer Streichelzoo).

3. Heutige agrarische Produktionstechniken werden nur auf gezielte Nachfragen erklärt. Dazu fehlt ein geeigneter didaktischer Block.

4. Den größten Anteil am Umsatz haben die Kurse für Schulklassen. Landwirtschaft ist sozusagen Nebenbetrieb, obwohl auch das professionell gehandhabt wird.

5. Das Projekt hat klare Aufteilungen der Geschäftsbereiche, der Managment-Aufgaben, hat für die wesentlichen Bereiche Fachexperten.

6. Hübsch ist’s da. Gebäude und Hofbereiche sind sehr ästhetisch gestaltet. Da hat jemand Geschmack und Händchen.

7. Am Anfang war’s ein Landprojekt mit Massentierhaltung (500 Rindviecher auf zu wenig Fläche) ohne den Anspruch, ökologisch zu wirtschaften. Bis das die Landkommune nicht mehr wollte. Uns blieb unklar, wie dann die Personen bis zur heutigen „Belegschaft" gewechselt haben. Jetzt scheint ein Pärchen der Firmenkern zu sein.

8. „Öko" hieß früher für die linken italienischen Genossen zuerst einmal, in die Provinz und in die Landwirtschaft zu gehen: Das machten sie anders als bei uns anfänglich in großen Einheiten und industriell, indem sie mittlere Latifundien in strukturschwachen Gebieten pachteten.

4. Panta-Rei

1. Vorerst ein Papiertiger, soll eine italienische Ausgabe des Zentrum für Alternative Technologie (Wales) werden. Reichlich Wellasbest, ein paar Pferde und Maultiere sind schon da.

2. Ein fördermittelorientiertes Projekt. Es sollen etwa 3 Mrd. Lira (3 Mio. DM).

3. Gebaut wird auf der grünen Wiese, zu weit ab vom Ort. Da wird man für die Besucher wohl eine Buslinie oder eine Seilbahn brauchen.

Und hieran werden mal wieder einige allgemeine Probleme von Öko-Landprojekten klar:

1. Die Land-Ökos haben einen höheren Land- und Naturverbrauch als die Projekte in den Städten.

2. Sie müssen reichlich Autos haben und benutzen, vor allem wenn sie kleinfamilienmäßig leben.

3. Sie können so was ja auch in Stadtnähe machen, ohne diese unökologischen Nebenwirkungen, doch da ist Grund und Boden deutlich teurer und lange nicht so öko.

4. Das sind typische Zielkonflikte, die wir unter dem TOP „Wie geht’s weiter" noch mal wieder anfassen sollten.

Und hieran schloß sich noch ein kurzer Ausflug zu „Wohnen im Alter" (auf dem Berg, ohne Fahrzeug oder nach Verlust der Fähigkeit zu fahren?) an. Das soll aber hier nicht rein, sondern in den (unmittelbar in fließendem Übergang folgenden) TOP Mittagessen. Und entsprechende Materialien wären an Bernd Scheda zu schicken.

5. Sozialkooperativen

Die Einführung in die Thematik von Monika war für uns sehr gut. (Deutsche „Fachleute" kommen in den Sozialkooperativen leicht in Schlüsselstellungen, wenn sie eine Hochschulausbildung in Fächern besitzen, die an italienischen Hochschulen nicht angeboten wird.)

1. „Behindertenwerkstatt": Der Einblick in die Werkstattarbeit war sehr gut, wir konnten sehen, wie dort gearbeitet wird und wie die Behinderten einbezogen werden. Erstaunlich und angenehm war der Umgang der Menschen dort miteinander (in Deutschland hätte man eine deutlichere Aus- und Abgrenzung erfahren). Die handliche überschaubare Größe der Einrichtung (10-12 Leute) ist schöner als die der großen deutschen Zentren. Sie erleichtert auch die Einbindung in einen Wohnbaublock. Die Behinderten sind auffällig selbstbewußt. Allerdings gibt’s auch in Perugia nicht viele solcher Einrichtungen. Die Rechtsform einer Kooperative scheint kaum eine Rolle zu spielen, denkbar wäre so etwas auch unter einem deutschen Trägerverein. Bei den Beschäftigen herrscht allerdings eine nicht zu übersehende Unzufriedenheit über die unregelmäßige und schlechte Bezahlung, schlechte Arbeitsbedingungen vor allem in Form unregelmäßiger/ausufernder Arbeitszeiten und den geringen Möglichkeiten der Einflußnahme - trotz des Kooperativencharacters.

2. „Wohnprojekt" (betreutes Wohnen): Das erschien aus unserer Sicht recht unattraktiv, aber es ist gut, daß es in einen Wohnblock integriert ist. Vergleichbare Einrichtungen sind uns aus Deutschland bekannt. Der Eindruck kommt vielleicht aus einer gewissen Hilflosigkeit nicht viel mehr Betreuung als Haushaltsarbeiten realisieren zu können.

3. Krisenintervention (in einer alten Villa mit Park): Beeindruckend großzügige Räume, aber wohl nur, weil’s in einem andernfalls leerstehenden ehemaligen Sanatorium liegt. Außerdem ist das keine Krisenintervention, sondern eine Dauereinrichtung, weil es für die Klientel keine weiterführenden/hilfreichen Alternativen und Einrichtungen gibt. De facto ist es eine Tageseinrichtung, die anders ist, als eine deutsche Psychiatrie. Wir können uns aber keinen Reim darauf machen, was das für die Betroffenen bedeutet bzw. für Auswirkungen hat.

4. „Cantina" (Restaurant in einem Industriegebiet): Für uns die erste Typ B - Kooperative. Ein ganz normaler Betrieb angelerntem Personal und 25% Behinderten. Der „Chef" fällt einigermaßen aus dem Rahmen, engagiert sich wohl sehr in sozialer Hinsicht und in dem Dachverband „Lega". Auffällig ist die gediegene, teure, großzügige Einrichtung und ein anspruchsvolles Musik- und Kulturprogramm Abendveranstaltungen. Für eine Kantine ist das Essen sehr schmackhaft und die Betriebsführung ausgesprochen professionell.

5. ABN (der Minidachverband von A und B -Kooperativen): (Nach dem anstrengenden Vormittag und dem reichlichen Essen hätten wir uns den Besuch lieber sparen können, da wir überwiegend mit Mittagsschläfchen beschäftigt waren.) Die Organisation ist keine Kooperative sondern ein Konsortium von Kooperativen unterschiedlicher Form. Die recht kleinen Kooperativen können bestimmte Aufgaben und Dienstleistungen nicht rationell selbständig erbringen. Das macht dann als Dienstleister oder Betreiber die ABN. Dadurch ergibt sich eine Begrenzung der internen Entscheidungsfreiheit der Kooperativen und es entstehen möglicherweise Machtstrukturen. Das Konstrukt ist noch recht jung, die Grenzen zwischen Verbands- und Konsortiumscharakter noch fließend. ABN hat keine eigenen Mitarbeiter, die Arbeit wird von den leitenden bzw. Kaufmännischen Mitarbeitern der Mitgliedskooperativen gemacht, die alle ihren Sitz in gemeinsamen Räumen haben. Es wäre interessant für uns, wie sich das weiterentwickelt, zu einer Holding, einer Serviceeinrichtung oder zu einem Chefkollektiv. Dem Briefkopf nach ist die exakte Rechtsform eine GmbH, deren Gesellschafter die Kooperativen sind. Für so etwas gibt’s in England eine geeignete Rechtsform, die secondary cooperative, für die es in Deutschland keine entsprechende Form gibt.

Das war’s, denn weiter sind wir in unserer Auswertung dank fortgeschrittener Zeit und allgemeiner Ermattung nicht gekommen. Beste Grüße, Euer

Johannes Michael Vogelsang

 

P.S.: Noch ein paar Anmerkungen zu Mattigkeit, Kaminheizung und Sturm:

1. Gute Luftqualität bekommt man, wenn man auf der Luvseite des Gebäudes für geordnete Luftzufuhr sorgt.

2. Die Fenster auf der Leeseite zu öffnen (zwecks frischer Luft) führt nur dazu, daß die Rauchgase von Kamin oder Ofen in den Raum eindringen anstatt durch den Schornstein zu entweichen.

3. Unter den gegebenen Umständen hätte es wegen der Undichtigkeiten des Gebäudes ausgereicht, die Innentüren vom ehemaligen Treppenhaus zur Küche und von der Küche zum Aufenthaltsraum zu öffnen. Aber es war auch sehr wirkungsvoll, das Küchenfenster einige Zentimeter weit zu öffnen und dabei wegen des Winddruckes gut festzuhalten.

4. Temperaturen über 27°C in Kopfhöhe - und das war der Regelfall, wenn der Kamin erst mal richtig in Fahrt war -schwächen erheblich Kondition und Leistungsfähigkeit und verstärkt das Gefühl von kalten Füßen ganz erheblich.

5. Ganz abstellen läßt sich die kalte Luftschicht am Boden nicht, wenn sich Feuerstätten in Aufenthaltsräumen befinden. Etwas kalte Füße wird man immer haben, zumal wenn der darunterliegende Raum nicht geheizt wird. Aber je mehr geheizt wird, um so mehr kalte Luft wird zugeführt. Entsprechen kälter und höher ist dann der „Kaltluftsee" über dem Fußboden. Und je heißer es in 1- 2 m Höhe ist, um so unangenehmer wird das Kälteempfinden an den Füßen wahrgenommen.

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