3. Internationale Agrarfachtagung : FISHNET-Konferenz
Thema: Eignung, Funktion und Wirkungsgrenze von Kleinbauerngenossenschaften zur Armutsbekämpfung in Enwicklungsländern und in Europa.
Veranstalter: Finkhof Bildungswerk / FISHNET in cooperation with IFOAM
Tagungsort: Arnach, Bad Wurzach;
Zeitraum: 6. bis 20. März 1988;
Angesprochene Zielgruppen: Kleinbauern; landwirtschaftliche Genossenschaften; landwirtschaftliche Anbauverbände; Nichtregierungsorganisationen; AgrarberaterInnen; EntwicklungshelferInnen; Solidaritäts- und Dritte - Welt - Gruppen; ökologische Anbauverbände; Einzelhandel und Drittweltläden; Bio- und Soli-Großhandel; Agrar- und Sozialwissenschaftler mit Forschungsschwerpunkt Dritte Welt und Genossenschaften.
Problemhintergrund
Die Bekämpfung der ländlichen Armut, insbesondere in agrarökologischen Problemregionen hat in den vergangenen Jahren wenig neue Impulse erfahren. Ländliche Armut wird oftmals durch beschränkten oder fehlenden Zugang zu Produktionsressourcen verursacht. Strukturanpassungsprogramme, Deregulierung (Abbau der staatlichen Wirtschaftsregulierung, zum Beispiel: Zölle, Devisensteuern, Investitionsvorschriften), Liberalisierung der Märkte und Exportorientierung haben weltweit das Armutsproblem in ländlichen Regionen verschärft. In vielen Ländern führte die Deregulierung zu wachsenden Schwierigkeiten der Bauern bei der Krediterlangung und zu sinkenden Erlösen, bedingt durch niedrigere oder gänzlich entfallende Garantiepreise. Die Produktion von Nahrungsmitteln für den nationalen Markt sank dadurch in armen Ländern ab.
Im Rahmen von Strukturanpassungsprogrammen werden seit 1986 armutsorientierte Kredite, die nicht direkt Anpassungs- oder Transformationszwecken dienen in Bereichen wie Gesundheitswesen, Nahrungssicherung, Schulbildung, Kleinunternehmertum und Agrarentwicklung vergeben. Diese Maßnahmen zur Steigerung des Familieneinkommens der ländlichen Bevölkerung scheitern meist daran, daß die Bauern unorganisiert sind, und für Beratung, Bildung, Märkte und Kredite unerreichbar bleiben.
Genossenschaften könnten den Bauern den Zugang zu Institutionen im ländlichen Wirtschaftssystem ermöglichen (Faktor-, Produkt-, Finanzmarktwesen; Eigentums-, Verfügungs- und Nutzungsrechte von Land; Bildung und Beratung, etc.). Diese Genossenschaften, die den Bauern zu einer Steigerung des Familieneinkommens verhelfen könnten, scheitern bisher oftmals daran, daß sie aufgrund ihrer vielfältigen Probleme von den bäuerlichen Familien nicht wahrgenommen oder abgelehnt werden.
Um diese Widersprüche zu lösen, diskutiert die III. Internationale Agrarfachtagung die sozialökonomischen, soziokulturellen und agrarökologischen Barrieren, die Bauern daran hindern, Genossenschaften zu gründen, diesen beizutreten oder zu leiten, um eine nachhaltige Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktion zu erzielen. Durch die Ermittlung der Faktoren, die auf das Entscheidungsverhalten der Bauern hemmend oder fördern wirken, soll eine bessere Basis für die Entwicklung von kleinbäuerlichen Genossenschaften erarbeitet werden, um einen Beitrag zur selbsthilfeorientierten Armutsbekämpfung in agrarökologischen Problemregionen Europas und der Dritten Welt zu leisten.
Ziel der Tagung ist die Ermittlung der internen und externen Faktoren, die die Überlebensfähigkeit von kleinbäuerlichen Genossenschaften hemmend oder fördernd beeinflussen.
Dabei stehen die folgenden drei Themenkomplexe im Vordergrund:
1. Die Analyse der sozioökonomischen Entwicklungshemmnisse für Genossenschaften in den Bereichen:
- Risikokapitalbildung;
- kooperative Handlungskompetenz;
- kooperative Organisationsstrukturentwicklung;
- Marktzugang.
2. Die Untersuchung der soziokulturellen Hintergründe im Entscheidungsverhalten der Mitglieder von kleinbäuerlichen Kooperativorganisationen.
3. Die Beurteilung der agrarökologischen Risikofaktoren und Entwicklungspotentiale für kleinbäuerliche Genossenschaften bei der Einführung von Produktionsinnovationen durch die Methoden desökologischen Landbaus.
Neben der Ermittlung Entwicklungshemmnisse und der entwicklungsfördemden Faktoren für Genossenschaften behandeln wir auf der III. Internationalen Agrarfachtagung Aspekte der kooperativen Diagnostik und Selbstdiagnostik sowie kooperativer Rechnungslegung. Ein weiterer zentraler Schritt ist die Erarbeitung verschiedener Methoden, durch welche Kleinbauerngenossenschaften befähigt werden, mit Nichtregierungsorganisationen und internationalen Organisationen Entwicklungsprojekte zu erarbeiten und erfolgreich durchzuführen.
Methodik
Die Referentinnen kommen wie bei den zwei vorangegangenen Agrarfachtagungen im wesentlichen aus den Reihen der Betroffenen selbst. Dabei gehen wir nach dem sogenannten Prozeß der produktiven Plünderung" vor. Das heißt, wir lernen aus Erfahrungen, die bereits - auch in anderen Zusammenhängen - gemacht wurden. Diese Art des Austausches und des Lernens hat sich für die FISHNET-Mitglieder als besonders tragfähig erwiesen. Überlegungen zu den Bereichen Risikokapitalbildung für Genossenschaften; kooperative Handlungskompetenz; kooperative Organisationsstrukturentwicklung; Marktzugang für Genossenschaften etc., die in anderen Zusammenhängen, Ländern oder Organisationen entwickelt wurden, werden auf die Erfordernisse der ländlichen Genossenschaften in den jeweiligen Kulturkreisen hin modifiziert.
Wie bei den beiden vorangegangenen Tagungen soll auch auf diesem Seminar der Austausch zwischen europäischen Erfahrungen und Erfahrungen der Drittweltbauern stattfinden. Dazu soll beispielsweise der europäische Markt den Produzenten aus Ländern der Dritten Welt transparent gemacht werden. Dies ist insbesondere für Genossenschaften von Bedeutung, die ökologisch produzieren und ihre Chancen auf dem Agrarexportmarkt sehen. Bisher exportieren nur wenige genossenschaftliche Betriebe aus Drittweltländern erfolgreich, da der Export von Agrarprodukten eine große genossenschaftliche Handlungskompetenz erfordert. Im Rahmen der Tagung werden wir verschiedene Produzenten und Vertreiber besuchen. Die Besucher aus der Dritten Welt erhalten auch die Möglichkeit, die BIOFACH, die weltgrößte Messe für biologische Produkte zu besuchen.
Ein weiterer Schwerpunkt der Tagung ist die Diskussion zwischen Genossenschaftsvertretern aus Ländern der Dritten Welt, Europas, Nichtregierungsorganisationen, Vertretern des BMZEs, der EU und Firmenvertretern, um neue Wege zur Förderung des Fairen Handels aufzubauen. Dabei sollen Möglichkeiten der Projektförderung und Finanzierung auf solidarischer Basis erarbeitet werden. Im Anschluß an die Tagung vermittelt das Finkhof Bildungswerk Praktikumsmöglichkeiten bei Soli-Organisationen, Drittwelt- und Bioladen sowie bei Biobauern für die Vertreter aus der Dritten Welt.
Praktische Durchführung der Tagung
Um die Tagung arbeitsfähig zu erhalten, muß die Teilnehmerzahl auf 60 Personen begrenzt werden. Mindestens 35% der Teilnehmerplätze sind für Besucher aus der Dritten Welt reserviert.
Sprachen:
Es wird mit einer Simultanübersetzungsanlage in den Sprachen Deutsch, Englisch und Spanisch gearbeitet.
Zeitplan:
Die Tagung, die vom 06. bis zum 20. März 1998 durchgeführt wird, besteht aus vier Blöcken, an denen auch getrennt teilgenommen werden kann. Anschließend an Block 4 findet für die Teilnehmer aus den Drittweltländern auf Wunsch ein Block 5 statt, der sich noch einmal speziell der Frage der Markttransparenz widmet.
Block 1
Freitag bis Sonntag (3 Tage) 6 - 8.3.1998
Informelle Begegnung, insbesondere für Teilnehmer aus den Drittweltländern. Einführung in die alltägliche Problematik der BRD; Begegnung mit der Schäfereigenossenschaft Finkhof und verschiedenen örtlichen Bauern und bäuerlichen Organisationen (Erfahrungsaustausch). In Block 1 soll insbesondere den Teilnehmern aus der Dritten Welt die deutsche Agrarkultur und Lebensart insoweit vermittelt werden, daß sie einen ersten Überblick bekommen.
Block 2
Montag bis Donnerstag (4 Tage) 9-12.3.198
Selbstdarstellung der bäuerlichen Genossenschaften und Nichtregierungsorganisationen aus der Dritten Welt und Europa. Anhand der verschiedenen Fallstudien werden wir die Eignung, Funktion und Wirkungsgrenzen von Genossenschaften zur Armutsbekämpfung diskutieren. Dazu werden wir auf folgende Leitfragen eingehen:
- Das Verhältnis von Genossenschaften zum bäuerlichen Landeigentum; zu Produktionsmitteln und zur Produktionstechnik;
- die Eignung und Grenze von Genossenschaften bezüglich der Beschaffungs- und Absatzmärkte (Kapitalmarkt, lokale, regionale und internationale Märkte, insbesondere für den Export von Bio-Produkten);
- das Verhältnis der Genossenschaft zu Eigenkapital- und Fremdkapitalbeschaffung, Beratung, Bildung und Gesundheit.
Um die internen und externen Faktoren, die die Überlebensfähigkeit von bäuerlichen Genossenschaften fördernd oder hemmend beeinflussen, tatsächlich ermitteln zu können, werden wir die Genossenschaften nach Typen unterteilen (Subsistenz-, Export-, Gemischtbetriebe).
Block 3
Freitag bis Sonntag ( 3 Tage) 13 - 15.3,1988
Besuch bäuerlicher Selbsthilfeorganisationen (Raiffeisen-Genossenschaft, bäuerlicher Zusammenschlüsse, Maschinenringe etc.) in Deutschland. Exkursionen: An den Exkursionstagen werden wir interessante Initiativen besuchen, um allen Teilnehmern die Möglichkeit zu bieten, einen Überblick über das ländliche Selbsthilfepotential Süddeutschlands zu erhalten.
Block 4
Montag bis Freitag (5 Tage) 16,-20.3.1998
Der Block 4 besteht aus sechs Arbeitsschritten. Der erste Schritt soll dazu dienen, anhand der vorgefundenen realtypischen Genossenschaftsstrukturen Idealtypen zu entwickeln, die problemlösend arbeiten. In einem zweiten Arbeitsschritt werden wir die Abstände von Realtyp zu Idealtyp messen, um daraus die notwendige genossenschaftliche Handlungskompetenz und den Handlungsbedarf zu ermitteln, um diese Differenz zu überwinden. Dabei soll geklärt werden, ob genossenschaftliche Betriebsstrukturen dazu geeignet sind, einen wesentlichen Beitrag zur Steigerung des Familieneinkommens zu leisten und somit zur Armutsbekämpfung beizutragen und ob genossenschaftliche Erfahrungen auf verschiedene Kulturkreise übertragbar sind. In einem dritten Arbeitsschritt werden wir in Block 4 genossenschaftliche Diagnostikmodelle entwickeln und praktisch anwenden (PRA-Methoden), um zu einer realistischen Selbsteinschätzung in der jeweiligen Genossenschaft zu gelangen. Der vierte Arbeitsschritt von Block 4 beschäftigt sich mit den strukturellen Verbindungen von internationalen Hilfsorganisationen, Nichtregierungsorganisationen und anderen Förderinstitutionen und bäuerlichen Familienbetrieben. Welche Möglichkeit haben Genossenschaften, um diese Fördermöglichkeiten auf lokaler Ebene umzusetzen?
In Rahmen dieser Tagung wird in Block 4 eine Schwerpunktdiskussion zum Thema Solidarische Formen der Projektförderung und -finanzierung für Kleimbauernorganisationen durchgeführt.
Worum geht es dabei?
Seit mehreren Jahren führen Firmen, Solidaritätsgruppen, Kirchengruppen und andere Projektförderungen in den Ländern des Südens durch. Aufgrund der begrenzten Eigenmittel der durchführenden Trägerorganisationen in Deutschland sowie in den Ländern des Südens bleibt die Finanzierung dafür ein zentrales Problem. Solidaritätsgruppen, Firmen und Kirchengruppen sind in Deutschland oftmals nicht antragsberechtigt beim BMZE oder der EU. Dies ist darauf zurückzuführen, daß nur gemeinnützige Organisationen, die mindestens drei Jahre Entwicklungsprojekte in der Dritten Welt durchführen, antragsberechtigt sind. Das BMZE stellt beispielsweise für Kleinprojekte bis zu 75% Förderung zur Verfügung, die EU bis zu 50%. Ein Anliegen der Tagung ist es nun, Partnerschaften aufzubauen, so daß zukünftig diese Mittel zur gemeinnützigen Projektförderung für Kleinbauernkooperativen in Ländern der Dritten Welt zur Verfügung gestellt werden können. Am folgenden Beispiel versuchen wir zu verdeutlichen, was wir damit meinen:
Beispiel:
Eine Kleinbauerngenossenschaft stellt an eine ihr bekannte Firma in Deutschland den Antrag, daß sie sie bei dem Bau einer Lagerhalle, deren Kosten 65.00,- DM betragen, unterstützen möge. Die Kleinbauernorganisation kann dazu ca. 8.000,- DM selbst aufbringen. Die Firma in Deutschland sucht sich einen beim BMZE antragsberechtigten Partner. Dies kann sowohl eine Nichtregierungsorganisation als auch ein traditionelles Hilfswerk sein. Nachdem sich Firma und antragsberechtigter Partner gefunden haben, wird ein Abwicklungsvertrag erstellt. Darin verpflichtet sich die Firma, den Eigenanteil der Nichtregierungsorganisation zu spenden. Die Nichtregierungsorganisation stellt beim BMZE einen Projektantrag für ein Kleinprojekt. Das BMZE prüft diesen Antrag und bewilligt ihn. Das BMZE bezuschußt dabei 75%. Der Partner in der Dritten Welt trägt 12,5% zur Antragssumme bei, die Firma spendet der Nichtregierungsorganisation 12,5%, so daß die 65.000,- DM zur Finanzierung der Lagerhalle zusammenkommen. Dies könnte ein Beispiel dafür sein, wie Handelspartner auf solidarische Weise Kleinprojekte in Ländern der Dritten Welt bei gemeinnützigen Trägern (Genossenschaft) unterstützen können. Natürlich ist uns bewußt, daß hierbei auch Probleme entstehen können. So bleibt die Frage wer bei Nichterfüllung haftet. Welche Möglichkeit hat die Firma, das Projekt werbemäßig zu verwerten? Welche Gefahren bestehen für den Drittweltpartner? All diese Fragen wollen wir gemeinsam in Block 4 diskutieren. Wir würden uns besonders freuen, wenn Sie an dieser Diskussion teilnehmen könnten. Diskussionspartner bei der EU und beim BMZE sind angefragt. Der genaue Termin wird Ihnen auf Anfrage gern mitgeteilt.
Der fünfte Arbeitsschritt von Block 4 beschäftigt sich mit Ideen neuer Projektentwicklung zwischen Genossenschaften, nationalen Nichtregierungsorganisationen, Soli- und Drittweltvereinen, Firmen in Industrieländern und der Europäischen Union bzw. dem BMZ.
Der sechste Arbeitsschritt von Block 4 beschäftigt sich mit den weiteren Zielen und Strategien von FISHNET, insbesondere einem gemeinsamen Forschungsprogramm zur Förderung des bäuerlichen Genossenschaftswesens.
Block 5
Auf Wunsch ab Samstag, dem 21.3.1998
Markttransparenz. Hier soll auf die Bedürfnisse der Teilnehmer aus Drittweltländern nach mehr Markttransparenz in Europa eingegangen werden. Je nach den Bedürfnissen der bäuerlichen Genossenschaften und Nichtregierungsorganisationen aus Ländern der Dritten Welt werden wir ein Treffen, bzw. Besichtigungen bei verschiedenen Importeuren, Verarbeitern und Drittweltläden durchführen.
Teilnehmerkosten/Tagungsgebühr:
Kat. A 800,- DM pro Person oder Kat. B 400,- DM . Verbilligte Tagungsgebühren werden auf Antrag bedürftigen Personenkreisen gewährt.
Verpflegung:
(Vollwerternährung biologisch zu fairen Preisen): Vier Mahlzeiten, 50,- DM pro Person und Tag.
Unterbringung:
Je nach Standard 20,- bis 40,- DM pro Tag.
Kostenübernahme:
Das Finkhof Bildungswerk kann in besonders begründeten Fällen bei einzelnen Teilnehmern (insbesondere aus Ländern der Dritten Welt) die Kosten ganz oder teilweise übernehmen. Dies ist jedoch von der Unterstützung durch öffentliche und private Geldgeber abhängig.
Anmeldung:
Bis spätestens 20. Februar 1998
Kontakt:
Finkhof Bildungswerk
gemeinnützige GmbH
St.-Ulrich Strasse 1
D-88410 Arnach
Tel.: 07564 / 93 17 11
Fax: 07564 / 93 17 12
eMail 101641.62@compuserve.com
Internet (Informationen auch in Englisch und Spanisch): http://www.leibi.de/fishnet