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Thesenpapier von UnternehmensGrün (1997): Die Globalisierungsfalle?

 

Das Globalisierungsgespenst geht um. Der angebliche Sachzwang Weltmarkt wird - von Unternehmern wie von Politikern - nur allzu gerne dazu benutzt, ökologische Initiativen zu blockieren, Sozialleistungen abzubauen und gesellschaftspolitische Standards in Frage zu stellen. Richtig an der Globalisierungsdebatte ist, daß die rasante Entwicklung der Informationstechnologien die Vernetzung internationaler Markte beschleunigt und deshalb Verlagerungen von Dienstleistungs- und Produktionsstandorten erleichtert. Doch selbst im Finanzsektor, der von den modernen Kommuni kationstechn ologien am meisten profitiert, ist die Internationalisierung noch nicht sehr weit vorangeschritten: an der New Yorker Börse sind bisher nur sieben deutsche Unternehmen notiert. Umso mehr Gewicht haben die Hinweise zahlreicher Fachleute, daß den Klagen Über die vermeintliche Schwäche des Standorts Deutschland die empirische Grundlage fehlt. Die Gefahren, die eine als Schreckensvision an die Wand gemalte Globalisierung für die Industrieländer angeblich bereithalt, lassen sich vielfach nicht nachweisen. Die meisten Schwächen des Standorts Deutschland sind hausgemacht. Unser Land leidet viel weniger unter Globalisierungstendenzen denn unter Innovationsschwache, Phantasi elosigkeit und geistig-polittscher Lähmung. Tatsache ist ferner: Die auBenwirtschaftliche Position eines Landes wird mindestens in gleich hohem Maße von den Wechselkursparitäten beeinflußt wie von den Kostenstrukturen seiner Industrien. Dabei sind die hochentwickelten Industriestaaten den internationalen Finanzmarkten nicht hilflos ausgeliefert. Vorschlage für international abgestimmte Kooperationsmöglichkeiten liegen vor, die Politik - gerade auch auf EU-Ebene - ist aufgefordert, diese auszuloten. Zu den entscheidenden Standortfaktoren einer modernen Volkswirtschaft gehören weniger die absoluten Lohnkosten als die Lohnstückkosten. Diese sind in Deutschland in den letzten Jahren kontinuierlich gefallen und liegen im internationalen Vergleich keineswegs an der Spitze.

Dagegen belegen die ständig wachsenden Exportüberschüsse eindrucksvoll die internationale Konkurrenzfähigkeit des Standorts Deutschland: für 1998 wird für die Handelsbilanz ein Überschuß von 150 Milliarden DM prognostiziert - ein Wert in Rekordhöhe. Zwar spielt sich ein Großteil der Wirtschaftsbeziehungen innerhalb der EU ab, doch behaupten sich deutsche Firmen zunehmend auch im Handel mit aufstrebenden Billiglohnländern, wie den ostasiatischen Tigerstaaten" oder den ehemals kommunistischen Ländern in Osteuropa. Die sechs fühenden Wirtschaftsforschungsinstitute rechnen in ihrem jüngsten Herbstgutachten für 1997 mit einer Steigerung der realen Warenausfuhren um 11% - während der Welthandel im Durchschnitt nur um 8% zunehmen wird. Auch die deutliche Aufwertung der DM seit 1990 ist kein Zeichen wirtschaftlicher Schwache, sondern spricht für die Attraktivität des (Finanz-)Standorts Deutschland, wenngleich sich aus der stabilen Wahrung zwangsläufig auch Probleme für die Wettbewerbsposition der deutschen Industrie ergaben. Kritisch ist dagegen die mangelnde Investitionsbereitschaft ausländischer Unternehmen in Deutschland zu bewerten: hier spielen sicher Investitionshemmnisse - Stichwort: kompliziertes Steuerrecht, Überbordende Bürokratie, lange Genehmigungsverfahren - eine entscheidende Rolle.

Von der Globalisierungshysterie Überschattet wird die Bedeutung wichtiger Standortfaktoren, die die Entwicklung unserer Volkswirtschaft wesentlich stärker beeinflussen als die Vernetzung der internationalen Markte: die Frage, ob das gesellschaftliche Klima von einer Konflikt- oder Konsensstimmung geprägt wird; die Fähigkeit der Politik zu klaren und langfristigen Zielsetzungen; die Qualität von Ausbildung und Forschung; der Umgang mit Zukunftstechnologien, gerade auch im ökologischen Bereich.

Die Ausgestaltung dieser Rahmenbedingungen tragt wesentlich zum ökonomischen Erfolg aller Teile der Wirtschaft bei - auch derjenigen, die nicht auf globaler Ebene tätig sind. Immerhin werden Über zwei Drittel unseres Sozialprodukts von Unternehmen erwirtschaftet, die sich ausschließlich auf nationalen oder regionalen Markten engagieren. Diese sind von der Entwicklung der Standortfaktoren - und hierzu zahlt ganz wesentlich das Volumen der Binnennachfrage - ungleich abhängiger als die global tätigen und damit standortmobileren Konzerne.

Geht uns die Arbeit aus?

Die sich beschleunigende Technisierung und Automatisierung führt - innerhalb der geltenden Rahmenbedingungen -dazu, daß gerade auch in stark exportorientierten Branchen, wie etwa der Automobilindustrie, Arbeitsplatze abgebaut werden. Trotzdem wäre es vermessen, die exportierende Industrie für die Massenarbeitslosigkeit im Zeichen des „beschäftigungslosen Wachstums" verantwortlich zu machen. Vielmehr wurden in Deutschland in den vergangenen Jahren die wirtschaftspolitischen Zeichen falsch gesetzt: angesichts der zunehmenden Erwerbslosigkeit haben die politischen und wirtschaftlichen Akteure versäumt, die Arbeitszeitverkürzung konsequent und mit der nötigen Flexibilität voranzutreiben. Noch schwerer wiegt die Tendenz, neue finanzielle Lasten - vor allem auch in Zusammenhang mit der deutschen Einheit - einseitig dem Faktor Arbeit aufzubürden. So wurden die Lohnnebenkosten in immer neue Rekordhohen getrieben, während gleichzeitig der Faktor Kapital von Steuern und Abgaben entlastet wurde.

Ein Ausweg aus der Beschäftigungskrise ist nur Über eine Umkehr dieser Entwicklung zu erreichen. Dazu gehört die Einbeziehung einer Wertschopfungskomponente in die Finanzierung der Sozialversicherungssysteme ebenso wie eine Verlagerung der Steuerlasten vom Faktor Arbeit auf die Faktoren Ressourcen und Energie. Flankiert werden müßten diese Reformen von der Einführung einer beitragsunabhängigen Grundrente und, als Ersatz für das heutige kostenträchtige Sozialleistungsdickicht, von einem Bürgergeld als soziale Grundsicherung, das den Übergang in ein neues Beschäftigungsverhältnis erleichtert.

Die mit diesen Reformen verbundene Senkung der Lohnnebenkosten käme nicht nur arbeitsintensiven exportorientierten Branchen zugute, sondern wäre gleichzeitig auch ein Anreiz für viele kleinere und mittlere Betriebe vor allem auch im Handwerk -, neue Arbeitsplatze zu schaffen. Darüber hinaus veränderte sich tendenziell die Zielrichtung des Produktivitätsfortschritts: weg von der arbeitsplatzvernichtenden Steigerung der Arbeitsproduktivität -hin zur ökologisch gebotenen Erhöhung der Ressourcen- und Energieeffizienz.

Abschied vom Wachstum

Das auf dem Wachstumsdogma aufgebaute ökonomische Leitbild ist weder verallgemeinerbar noch zukunftsfähig. So erfolgreich sich dieses Wirtschaftsmodell für einige begrenzte Regionen auf dieser Erde erwies, so wenig läßt sich diese Wachstumsdynamik auf sämtliche Volkswirtschaften ausweiten. Weltweit können nur Minderheiten - und auch die nur eine begrenzte Zeit lang - so leben, wie Nordamerikaner, Europäer und Japaner heute leben. Die Begrenztheit der globalen Rohstoffvorkommen, die begrenzten Schadstoffaufnahmemöglichkeiten unserer Ökosphäre, der nicht grenzenlos ausweitbare Konsumbedarf innerhalb der entwickelten Volkswirtschaften, aber auch die politischen Probleme, die sich aus Massenerwerbslosigkeit und Umweltzerstörung ergeben, legen die Notwendigkeit einer „Effizienzrevolution" und einer damit einhergehenden weitreichenden Dematerialisierung unserer Volkswirtschaften nahe.

Zukunftsfähigkeit ist eine Wirtschaftspolitik, die diese Entwicklungen mitdenkt und frühzeitig in entsprechende Rahmenbedingungen für die wirtschaftlichen Akteure umsetzt. Daß diese Politik um so effizienter ist, je mehr sie in internationale Kooperationen und Abstimmungen eingebunden ist, steht außer Frage. Ebensowenig fraglich dürfte jedoch sein, daß eine Politik, die die Vernetzung der Weltmarkte als Vorwand für Untätigkeit oder gar für den Rückgriff auf phantasielose Rezepte aus der neoliberalen Mottenkiste heranzieht, zum Scheitern verurteilt ist.

 

Kontakt: UnternehmensGrün, Hermannstr. 5a, 70178 Stuttgart, Tel: 0711 / 615 95 10, Fax: 0711 / 615 95 40 http://www.angele.de/unternehmensgruen

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