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Hinweis: Bilanz von Ralf Fücks, Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung zum Tagung "Wirtschaft im Umbruch - Zukunft der Arbeit" am 28./29. November 1997 in Jena. Der nachfolgende Text wurde der taz-Sonderbeilage entnommen.

Ralf Fücks: Wo geht’s lang? Zukunft der Arbeit - Eine Tagungsbilanz

 

Bei allen Differenzen über Diagnose und Therapie: daß die gesellschaftliche Arbeit neu gedacht und organisiert werden muß, statt nur danach zu fragen, wie möglichst viele Erwerbslose in „Normalarbeitsverhältnisse" alten Stils einzuschleusen sind, war weitgehender Tagungskonsens. Zu sehr ist die traditionelle Normarbeit und die damit verknüpfte (männliche) Erwerbsbiographie - Studium oder Lehre, unbefristete Vollzeit-Anstellung im gelernten Beruf, langjährige Betriebszugehörigkeit, kalkulierbarer Aufstieg auf der einmal eingeschlagenen Bahn, sichere Einkommens- und Rentenperspektiven - bereits zur Ausnahme geworden; zu rasant ist der Wandel der Arbeitsverhältnisse und -formen; zu groß ist die Kluft zwischen dem Rationalisierungspotential der neuen Informationstechniken und der auf absehbare Zeit noch wachsenden Zahl von „Erwerbswilligen"; zu tief sind die Veränderungen in den Geschlechterbeziehungen, in denen Frauen immer weniger bereit sind, jobversessenen Männern den Rücken freizuhalten und auf eine eigenständige Berufstätigkeit zu verzichten.

Eine Tagung ist keine Programm-Kommission, die einen abgestimmten Ziel-Mittel-Katalog präsentiert. Dennoch wurden strategische Grundlinien, sichtbar, die in eine andere Zukunft der Arbeit führen:

Basis aller Strategien für eine sozialintegrative, moderne Arbeitspolitik ist die Verkürzung der individuellen Erwerbsarbeitszeit in variablen, vielfältigen Formen. Sie ist die entscheidende Antwort auf zwei elementare Tendenzen: die wachsende Produktivität der Arbeit und die Ausdifferenzierung der individuellen Lebensstile und Interessen. die sich nicht mehr in ein einheitliches Arbeitszeit-Muster zwängen lassen. Kürzere und zugleich flexiblere Arbeitszeiten sollen Zugänge öffnen für diejenigen, die heute von Ausgrenzung bedroht sind, vor allem Jugendliche und Frauen. Und sie sollen das „Reich der Freiheit" vergrößern, den Raum für selbstbestimmtes Tätig-Sein außerhalb kommerzieller Zwänge und fremdbestimmter Institutionen.

Es kommt entscheidend darauf an, die Barrieren zwischen „Vollerwerbsarbeit", „Teilzeit", Weiterbildung, „Non-Profit-Tätigkeiten" und ehrenamtlichem Engagement zu verflüssigen, also den Wechsel zwischen verschiedenen Formen der gesellschaftlichen Arbeit zu erleichtern und angstfreier zu gestalten. Dazu gehört ein entsprechender rechtlicher Rahmen (z. B. mit Rückkehr-Rechten bei zeitweisem Herausrotieren aus der Erwerbsarbeit) und eine Reform des Sozialsystems, die Grundeinkommen und Alterssicherung nicht mehr ausschließlich an Erwerbsarbeit knüpft. Der gegenwärtigen "De-Regulierung" der Arbeitsmärkte soll also eine "Re-Regulierung" entgegengesetzt werden, die den individuellen Gestaltungsspielraum vergrößert und neue Arbeitsformen sozialrechtlich absichert („optionales Arbeitsrecht").

Neben den traditionellen Hauptzweigen der Arbeit, der kommerziell orientierten und weitgehend fremdbestimmten Erwerbsarbeit, der Hausarbeit und dem rein ehrenamtlichen sozialen oder kulturellen Engagement, sollen neue Formen gesellschaftlicher Arbeit in selbstbestimmten, gemeinnützig orientierten Zusammenhängen starker gefördert werden. Dafür kursieren verschiedene, sich überschneidende Begriffe und Modelle: „New Work", „Bürgerarbeit", Selbsthilfe, „informelle Arbeit", „3. Sektor". Darunter fallen genossenschaftliche Projekte ebenso wie soziokulturelle Initiativen auf kommunaler Ebene, Umweltverbände, Wohlfahrtsorganisationen etc. Sie mischen professionelles und ehrenamtliches Engagement, mobilisierten Bürgerinitiativen für gesellschaftliche Aufgaben, sind oh. Pioniere für neue Problemlösungen und Inhalte. Finanziert werden (müssen) sie durch öffentliche Zuschüsse, Sponsoring und durch eigene Einnahmen, soweit sie Dienstleistungen und Produkte für eine zahlungsfähige Nachfrage produzieren.

Kritische Stimmen zum Ausbau dieses Sektors kamen vor allem aus feministischer Perspektive: Wird die „informelle Arbeit" zum bequemen Alibi für den Staat, sich aus immer mehr gesellschaftlichen Aufgaben zurückzuziehen und Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst abzubauen - und zur Falle für Frauen, die gesellschaftliche Arbeit ohne existenzsicherndes Einkommen leisten und damit von regulärer Erwerbsarbeit ferngehalten werden sollen? Um dieser Gefahr zu entgehen, muß v.a. an der Umverteilung der Erwerbsarbeit selbst festgehalten werden. Gleichzeitig wurde konstatiert, daß die Strategie gescheitert ist, möglichst alle gesellschaftlichen Tätigkeiten in reguläre Erwerbsarbeit zu verwandeln. „Bürgerarbeit", selbstorganisierte gemeinnützige Arbeit, trägt wesentlich zum Zusammenhalt und der Lebensqualität der Gesellschaft bei; sie ist die Kehrseite zur Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit. Wieweit damit zukünftig Ansprüche auf Einkommen und soziale Leistungen verbunden sein und wie diese finanziert werden können, ist noch klärungsbedürftig.

Kontrovers wurden auch Vorschläge einer "produktiven Deregulierung" des Arbeitsmarktes diskutiert, die darauf abzielen, die Abschottung des Erwerbssystems durch etablierte Interessengruppen gegen die „Ausgeschlossenen" zu sprengen. Der weitestgehende Vorschlag in dieser Richtung - eine Million Erwerbslose mit einem „Arbeitsplatzscheck" für drei Jahre auszustatten, der sie in die Lage versetzen soll, einer beruflichen Tätigkeit ihrer Wahl nachzugehen - offenbart zugleich die Risiken, die mit einer solchen Strategie verbunden sind: Welche Verdrängungseffekte für reguläre Arbeitsverhältnisse sind damit verbunden, wie wirkt sich diese Form einer subventionierten Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt auf das Tarifgefüge aus - und wie sollen die Investitionen finanziert werden, die für moderne, qualifizierte Arbeitsplätze notwendig sind? Trotzdem spricht viel dafür, daß es besser ist, überschaubare Risiken einzugehen als einen unhaltbaren Status quo zu verteidigen.

Parallel zur Veränderung der Formen der Arbeit muß die Entwicklung neuer, umweltfreundlicher und sozial sinnvoller Dienstleistungen und Produkte vorangetrieben werden. So ist das Beschäftigungspotential, das durch eine Strategie ökologischer Innovation ausgelöst wird, noch kaum erschlossen - trotz der rund 1 Million Arbeitsplätze, die bereits heute mit Umweltschutzindustrien und -Dienstleistungen verbunden sind. Die Umlenkung umweltschädigender Subventionen (z. B. für die Atomwirtschaft und den Kohlebergbau) in die Förderung von Zukunftstechnologien (Solarenergie, Verarbeitung nachwachsender Rohstoffe, recyclingfähige Produkte) ist auch arbeitsmarktpolitisch positiv.

Unstrittig war schließlich die Forderung, mittels einer ökologischen Steuerreform die Arbeitskosten spürbar zu senken und den Prozeß ökologischer Innovation in Schwung zu bringen. Die Verlagerung von Steuern und Abgaben von den Erwerbseinkommen auf den Ressourcenverbrauch und umweltgefährdende Emissionen würde insbesondere bei den personalen Dienstleistungen und im Handwerk einen neuen Beschäftigungsschub auslösen und die Abwanderung in die Schwarzarbeit bremsen. Die Lohnnebenkosten müssen sinken, um v. a. die Chancen derjenigen zu verbessern, die im Konkurrenzkampf um hochqualifizierte und hochproduktive Jobs benachteiligt sind.

Zusätzliche kreditfinanzierte Beschäftigungsprogramme sind angesichts der Uberschuidung der öffentlichen Hände kaum finanzierbar und von zweifelhaftem Langzeiteffekt. Neben allen Maßnahmen; die darauf zielen, die Integration von (Langzeit-) Erwerbslosen in den „ersten Arbeitsmarkt" zu fördern, sollten sie dabei unterstützt werden, sich selbst neue Arbeitsmöglichkeiten zu organisieren (in gemeinnützigen Projekten, genossenschaftlichen Betrieben oder als Selbständige). Dafür muß das Instrumentarium von Lohnkostenzuschüssen, zinslosen Darlehen, Qualifizierung und Beratung verbessert werden.

Die Internationalisierung der Arbeitsmärkte und die zunehmende Arbeitsmigration erfordert eine doppelte Antwort: Zum einen muß die Arbeits- und Sozialpolitik im Sinne von einheitlichen Mindeststandards und eines einheitlichen Ordnungsrahmens internationalisiert werden (vor allem in der EU), zum anderen müssen die MigrantInnen selbst mit mehr Rechten ausgestattet werden, um zu verhindern, daß sie in Bereiche prekärer Beschäftigung zu Dumpinglöhnen abgedrängt werden.

Wir werden die Diskussion über diese Fragen fortsetzen und suchen dazu die Zusammenarbeit mit interessierten Initiativen und Expertinnen.

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