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Hanna Behrend. Nutzen, Grenzen und heutige Orte von Gesellschaftsutopien

Utopien sind nicht Teil des Mainstream, des dominanten Diskurses der Gesellschaft. Vielmehr haftet ihnen stets etwas subversives an. Sie finden sich an sehr verschiedenen Orten: In Romanen, Prosatexten, in den Köpfen der Menschen, ihren Zusammenschlüssen und ihren Handlungen. Zunächst zu den in Texten festgehaltenen Utopien: Auch sie sind Teil der Sozialisation ihrer LeserInnen und gehen mit vielen anderen Erfahrungen und Lernprozessen eine Synthese ein. Als Teil des öffentlichen Diskurses, der zu existentiellen Fragen etwas zu sagen hat, verschwinden sie niemals spurlos. Utopische Texte sind Teil des historisch-kulturellen Gedächtnisses der Menschen des betreffenden Kulturzusammenhangs. Unter den Bedingungen globaler Kommunikation werden utopische Ideen aus aller Welt zu einer Tradition des individuellen und kollektiven sozialen Engagements, ein gewiß sehr differenzierter und komplexer Vorgang.

Lassen Sie mich versuchen, das an drei utopischen Romanen zu zeigen, die ich in meinem Buch „Rückblick aus dem Jahr 2000. Was haben Gesellschaftsutopien uns gebracht" behandelt habe. Diese Romanen waren zu ihrer Entstehungszeit und noch Jahrzehnte später Bestseller. Vom 1888 erschienenen Roman des Amerikaners Edward Bellamy, „Rückblick aus dem Jahr 2000" wurden bereits im ersten Jahr in den USA 60,000, im folgenden Jahr über 100,000 Exemplare in alle Welt verkauft. Der Autor wurde zur Kultfigur in den Vereinigten Staaten und sein Werk erfreute sich auch unter deutschen Arbeitern und bei anderen Schichten großer Popularität. Es prägte um die Jahrhundertwende und in den ersten Dekaden des 20. Jh. die Zukunftsvorstellungen einer großen Anzahl von Menschen in der industriekapitalistischen Welt. „Kunde von Nirgendwo", der utopische Roman des englischen Kunsthandwerkers und Sozialisten William Morris aus dem Jahre 1890 - ein Werk, das er als Kritik des Bellamyschen Buches verfaßte - , wurde weniger auf dem europäischen Kontinent und dafür mehr in der englischen und amerikanischen Arbeiterbewegung bekannt; für die junge in englischen Schulen gebildete Intelligenz des späteren britischen Commonwealth spielte es ebenfalls eine große Rolle. Speziell in Deutschland hat sich Ernst Bloch mit der Ideen William Morris’ auseinandergesetzt. Utopische Literatur als Teil utopischen Denkens ist fast immer eng mit der Existenz emanzipatorischer Bewegungen verknüpft. Das zeigt auch „Herland", der 1915 erschienene feministische utopische Roman der amerikanischen Frauenrechtlerin und Schriftstellerin Charlotte Perkins Gilman. Ohne den Vorläufer Bellamy hätte sie ihren Roman ebenso wenig geschrieben wie Morris. Sie war Autodidaktin und verdankt Bellamy die Bekanntschaft der von ihm zu einem Höhepunkt geführten amerikanischen utopischen Tradition. Die amerikanische Fabier-Gesellschaft, der neben Bellamy der bekannte Kritiker William Dean Howells angehörte, und die von Bellamy gegründeten nationalist clubs, die seine Ideen verbreiteten, prägten Charlotte nachhaltig. Ihre eigenen Ideen gab sie wiederum in Vorträgen vor Frauenklubs, Gewerkschaften, Frauenwahlrechtsvereinen und in den Frauensektionen der nationalist clubs weiter, wodurch sie in die damalige Frauenbewegung gelangten. Mit der Gewährung des Frauenwahlrechts, schien die erste Frauenbewegung, zu deren Ideenarsenal Gilman beigetragen hatte, zunächst erschöpft zu sein. Auch um die feminstisch-utopischen Ideen in Gilmans Roman, die weit über die Forderung nach allgemeinem Wahlrecht für Frauen hinausgingen und eine menschen- und speziell kinderorientierte Gesellschaft, sowie ganzheitliche Überlegungen zum Mensch-Naturverhältnis vorstellten, wurde es nach 1920 still. Sie waren are nicht vergessen, denn die neue amerikanische Frauenbewegung der 70er Jahre bereitete dem Werk ein Comeback. Der allgemeinen backlash aller emanzipatorischen Bewegungen in den späten 80er und den 90er Jahren unseres Jahrhunderts, der im Gefolge der Deformation und Niederlage der sozialistischen und kommunistischen Arbeiterbewegung einsetzte, und auch den Niedergang der neuen Frauenbewegung bewirkte, machte positive Gesellschaftsutopien unpopulär und beraubte sie ihres früheren Massenpublikums. Aber auch heute sind sie keineswegs völlig verschwunden.

Wie alle Utopien lassen sich auch in diesen „alten" Gesellschaftsutopien die Unterschiedlichkeit utopischer Vorstellungen und Bedürfnisse in Abhängigkeit von Geschlecht, Klasse und anderen sozialen Differenzen nachweisen. Es zeigt sich, daß es eine einzige Utopie für alle Menschen nicht geben kann. So wird die Entstehung der utopischen Gesellschaft in den drei Romanen signifikant unterschiedlich geschildert. Bellamys utopischer Staat entsteht durch die Vernunft der Herrschenden, deren Einsicht in die Richtigkeit und Nützlichkeit der utopischen Transformation diese unblutig verlaufen läßt. Bei Morris führt ein von den Herrschenden ausgelöster Bürgerkrieg zur gewaltsamen Entmachtung der Regierung. Die politische und ökonomische Macht wird von der Arbeiterklasse übernommen, die in einer zentral geführten Übergewerkschaft organisiert ist. Diese Macht garantiert eine gewaltlose Zukunft. Auch Gilmans utopische Welt entsteht durch einen Akt weiblicher Gewalttätigkeit, der die lange Vorgeschichte der Gewalt gegen Frauen mit der Vernichtung der Männer durch die Frauen beendet und eine Zeit der Männer- und Gewaltlosigkeit einleitet. Hier spiegeln sich die zeitgenössischen Vorstellungen von der Gewalt als Geburtshelferin der Geschichte wider, die sowohl die revolutionäre Arbeiter- wie auch die radikale Frauenbewegung vertraten.

Dagegen reflektiert Bellamys Konzept des Konsenses der „Vernünftigen", das antagonistische Klasseninteressen negiert - ganz ähnlich wie das von H.G. Wells in England - die Interessen und Auffassungen eines Teils der aus der technischen Intelligenz kommenden selbstverständlich männlichen Unternehmerschicht und der Geisteswissenschaftler aus den Mittelschichten. In Bellamys Roman bleiben auch nach der Errichtung von Utopia die hierarchischen Machtstrukturen unangetastet. Das Volk, die einfachen ArbeiterInnen haben nichts zu sagen, ihre Bedürfnisse werden von den Oberen bestimmt und befriedigt.

Die hierarchischen, vereinnahmenden und undemokratischen Züge der utopischen Gemeinwesen, die bei Bellamy an totalitäre Strukturen gemahnen, nahm weder die sozialistische, feministische, noch bürgerliche Kritik wahr. Einen der schärfsten Kritiker Bellamys, den britischen Sozialisten William Morris, störte zwar die militärische Arbeitsorganisation und das Fehlen politischer Demokratie bei Bellamy. An der Entmündigung der Männer und Frauen durch die Hierarchie nahm er ebenso wenig Anstoß wie an der Kontinuität der ungleichen Geschlechterverhältnisse. In der deutschen Arbeiterbewegung galt Bellamys „Rückblick" bis 1933 als ein sozialistisches Werk. Clara Zetkin, die es ins Deutsche übersetzte und herausgab, äußerte"... daß der ‘Rückblick’ auch heute noch den arbeitenden Massen sehr viel zu sagen hat" (zitiert nach E. Brüning, 1971, 421f). Die Vereinnahmung von Frauen durch Männer bei Bellamy und Morris, von jungen Frauen durch Seniorinnen bei Gilman wurde nicht nur von zeitgenössischen, sondern auch von späteren KritikerInnen überhaupt nicht kommentiert. Aber ebensowenig wurde auf die heute als zukunftweisend angesehene Züge dieser Utopien aufmerksam gemacht: Zu diesen gehört, daß das Werk Bellamys die kapitalistische Leistungsgesellschaft, die von bewertbaren und über den Zeitfaktor quantifizierbaren Leistungen ausgeht, in eine auf die Zeitökonomie verzichtende moralisch motivierte Arbeitsgesellschaft transformiert. Bellamy hebt die Ungleichbewertung von WarenproduzentInnen einerseits und den mit der Reproduktion des Lebens beschäftigten Frauen auf. Damit gibt er seiner Utopie ganzheitliche Züge. In seiner Gesellschaft sind warenproduzierende Männer den im Mütterurlaub befindlichen Frauen gleichgestellt. Diese haben Anspruch auf die gleiche Teilhabe an den Waren und Dienstleistungen wie vor ihrem Urlaub. In dieser Hinsicht gibt es zwischen dem Bellamyschen Modell und den beiden anderen Utopien Übereinstimmung. Auch Morris und Gilman gehen von der Gleichwertigkeit aller Arbeit zur Erhaltung der menschlichen Gattung aus. Morris erhält die traditionelle Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern in seinem Werk zwar prinzipiell aufrecht. Bei ihm leisten Männer männliche, Frauen weibliche Arbeiten, was allerdings nicht zu unterschiedlichem Status der Geschlechter in der Gesellschaft führt. Bei Gilman entfällt die geschlechtliche Arbeitsteilung zwar, dafür werden aber die Reproduktionsaufgaben privilegiert, d.h. Frauen, die für die Betreuung des Nachwuchses eingesetzt sind, gehören zur Oberschicht - eine Umkehrung und keine Aufhebung des hierarchischen Gefälles in der kapitalistischen Gesellschaft. Morris’ die Natur pfleglich behandelndes, dezentralisiertes Gesellschaftskonzept und auch Gilmans Behandlung der Tierwelt als Mitkreaturen, die nicht geschlachtet und verzehrt werden, gehören gleichfalls zu den bis in die Gegenwart nicht wahrgenommenen zukunftsträchtigen, heute aktuellen Seiten dieser Utopien. So enthalten diese utopischen Romane einerseits zukunftsträchtige, über ihre Zeit hinausweisende Facetten; andererseits weisen sie immer auch solche auf, die dem herrschenden hierarchischen, patriarchalen und kapitalistischen Diskurs verhaftet sind und bereits zu ihrer Entstehungszeit obsolete Züge tragen. Ihr Verhaftetsein im herrschenden Diskurs ihrer Zeit führt dazu, daß sie und ihr Publikum diese nicht wahrnahmen und viel zukunftsträchtiges nicht als solches erkannten. Die produktive Seite dieser Utopien zeigt sich erst beim erneuten Lesen unter den heutigen, veränderten Bedingungen.

Die Vorstellung, utopische Gesellschaftsmodelle könnten die Rolle eines Bauplans der künftigen Gesellschaft spielen, übersieht daher nicht nur, wie historisch begrenzt die Fähigkeit utopischer VisionärInnen und ihres Publikums ist, Reformbedürftigkeit und Zukunftträchtigkeit wahrzunehmen. Sie erkennt auch nicht, daß sich erst im Prozeß der Veränderung gesellschaftlicher Phänomene zeigt, was nötig und was durchsetzbar ist. Immer aber sind auch andere Option legitim. Hannah Arendt hält es für „eine existentielle Illusion", daß etwas so und nicht anders kommen müsse. Rudolf Bahro betrachtete es als"Unsinn anzunehmen, eine Gesellschaft, die noch in wesentliche Interessengruppen unterschieden ist, könne ihre allgemeinen Interessen auf einen wissenschaftlichen Generalnenner bringen, der den sozialen Widersprüchen unvoreingenommen die Entwicklungsrichtung vorschreibt" (Bahro, 289). Die Feministin Christina Thürmer-Rohr, eine der schärfsten KritikerInnen utopischer Visionen, ist der Meinung: „Wir sollten leben lernen in der Gegenwart...Sinngebungen zu entthronisieren und sich vom Zukunftsschwung zu verabschieden ist kein Verzweiflungsakt, ...vielmehr eine Befreiung von Unrat, eine Art Säuberung", (Chr.Thürmer-Rohr, 1987, Vagabundinnen. Feministische Essays, Berlin, 28-30). Ihre Gegnerschaft gilt allerdings der „konstruierten Utopie, ...der Scheinwelt und Illusion und ... der institutionalisierten Paradiese" (ebenda, 30f). Ihr Zorn über solche konstruierten Utopien, die nicht verhindert haben, daß die durch sie geweckten Hoffnungen pervertiert und enttäuscht wurden, ist nur allzu verständlich. Allerdings sind die Utopien und ihre AutorInnen nur sehr bedingt für die Pervertierung und Enttäuschung verantwortlich.

Utopische Gesellschaftsentwürfe sind Gedankenbilder, die - wie andere kulturelle Momente - einfließen in die Motivationsstrukturen von Individuen und Gruppen. Sie können deren aktuelles Handeln in gewissen Zusammenhängen beeinflussen. In solchen utopischen Entwürfen wird das Zukunftsmodell stets aus der Sicht der historisch konkreten Gesellschaftskritik der AutorInnen gestaltet, die wiederum ein Produkt ihrer sozialen Prägungen und weltanschaulich-politischen Bindungen sind. Jeder solche Entwurf ist demnach eine erstarrte Momentaufnahme der Befindlichkeit des Verfassers/der Verfasserin zum Zeitpunkt des Schreibens. Das utopische Modell kann inspirieren, motivieren, zur Entwicklung von Handlungsstrategien beitragen. Keine einzelne Person oder soziale bzw. politische Gruppierung kann es jedoch einfach verwirklichen. Im Prozeß der Strategieentwicklung spielen Zukunftsmodelle jedoch eine große Rolle, denn bewußt gewollte Veränderungen sind ohne vorher entwickelte und diskutierte Vorstellungen gar nicht möglich. Der Verwirklichungsprozeß bringt dann aber ständig neue Anpassungserfordernisse an das reale aktuelle Beziehungsgefüge hervor; dabei verändert sich das utopische Modell und mit ihm die strategische Zielstellung, Die Funktion der Utopie kann somit nur eine vermittelt geschichtsbildende sein.

Sie ist Teil der Frage nach den Entstehungsbedingungen geschichtlicher AkteurInnen. Vom gesamten kulturellen Umfeld, in dem Kunst und Literatur eine sehr unterschiedliche, vermittelnde Rolle spielen, hängt ab, ob sich Zukunftshoffnungen verbreiten, die Menschen ermutigen, den Gegenwartszustand nicht mehr zu ertragen, individuell zu protestieren und sich schließlich zu Widerstandsaktionen zusammenzuschließen. Dabei handeln sie aus einer Vielzahl von Motivationen und für eine große Zahl verschiedensten Interessen dienender Ziele. Von diesen wird keines verwirklicht, aber auch keines für immer aufgegeben. Die Menschen vertreten stets neben gemeinsamen Zielstellungen ganz verschiedene Vorstellungen von den ersehnten gesellschaftlichen Zuständen.

Ohne Vorstellungen, wie es denn anders als bisher sein sollte, entstehen keine Handlungsmotivationen.

Selbstbestimmtes Eingreifen von Individuen und sozialen Gruppen bündelt sich zu großen Aktionen nur, wo diese Menschen überzeugt sind, daß die Geschichte einen Sinn hat und ihr Handeln zu menschheitsbefreienden Veränderungen beitragen kann. Allerdings wird erst mit der Weisheit des Rückblicks erkennbar, was eine notwendige und gleichzeitig mögliche Utopie, d.h. eine mit den vorhandenen AkteurInnen, mit ihren realen Motivationen und Zielvorstellungen durchsetzbare Option war, die sich über scheinbare Zufälligkeiten und Widersinnigkeiten realisiert. Das begründet auch die Unverzichtbarkeit des menschlichen Geschichtsbewußtseins, das uns ermöglicht, Erfahrungen der Vergangenheit zu verarbeiten. Ebenso unverzichtbar ist unsere Fähigkeit zu Visionen, d.h. zur begrenzten Wahrnehmung zukünftiger Entwicklungsperspektiven, und damit zur Befriedigung unseres Utopiebedürfnisses.

Am Beispiel des Romans „Er, Sie, Es" (1991) der amerikanischen Schriftstellerin Marge Piercy möchte ich auf die utopische Potenz bestimmter aktueller postmoderner literarischer Genres und auf die utopische Relevanz der neuen Bilderwelten und Gestaltungsmodi hinweisen, die nach dem Ende der Popularität gesamtgesellschaftlicher Utopien und neben den klassischen Dystopien oder Negativ-Utopien von H.G. Wells bis William Golding, von der Jahrhundertwende bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden sind. Auch solche postmodernen Kunstwerke können heute das Utopiebedürfnis beträchtlicher Leserschichten bedienen.

In Piercys Roman geht es u.a. um einen Cyborg, ein hybrides Wesen aus Kommunikations- und Biotechnologien hergestellt, das sich äußerlich in nichts von einem natürlich gezeugten Mann unterscheidet, ausgestattet allerdings mit einem Gedächtnisspeicher, der die Gesamtheit menschlichen Wissens abrufbereit enthält, sowie über eine weit über menschlichem Niveau liegende Reaktions- und Verallgemeinerungsfähigkeit. Entstanden als ein Instrument zur Verteidigung eines Gemeinwesens wurde der Cyborg Yod aber auch mit der Potenz der Gewalttätigkeit und der Selbstzerstörung programmiert. Zwei Wissenschaftlerinnen fügten seiner Programmierung die Befähigung hinzu, selbständig zu denken, fühlen und Dinge zu bewerten und damit zur Steuerung seines zerstörerischen Potentials und zur selbständigen Modifizierung seines Programms. Piercy nutzt die Metapher des Cyborgs dazu, um die moralischen Implikationen zu erhellen, die sich aus einer nichthierarchischen Herangehensweise an Subjekte aller Art und Herkunft ergeben. Dabei bedient sie sich der theoretischen Überlegungen Judith Butlers und Dona Haraways. Diese beiden feministischen Theoretikerinnen gehen davon aus, daß dort, wo die Grenzen zwischen den Geschlechtern, zwischen Mensch und Tier oder Mensch und Maschine durchlässig werden, auch das Paradigma der Subjekt-Objekt Unvereinbarkeit infrage gestellt wird..Wenn sich Geschlechtsidentität und andere menschliche Identitätsformen nicht länger am Körper festmachen lassen, so stellt dies aber keineswegs nur für die Herrschenden sondern auch für diejenigen eine Herausforderung dar, die diese bekämpfen. Bisher legitimieren die Differenzen zwischen arm und reich, Mann und Frau, weiß und schwarz, Mensch und Natur den politischen Kampf um Gleichstellung des jeweils Untergeordneteren. Sie verfestigten dabei aber gleichzeitig die hierarchische Sicht auf die Gesellschaft. Piercy vertritt dagegen einen nichtvereinnahmenden, gewaltfreien Universalismus. Sie fordert gleichwertigen Subjektstatus für Wesen, denen dieser bislang nicht gewährt wurde. Sie weist jedweden Anspruch, Wesen zu beherrschen, die zur Selbstbestimmtheit fähig sind, zurück. Letztendlich stellt dies eine enthierarchisierte Sicht auf Natur und Gesellschaft dar.

Der Sozialisierungsprozeß des Cyborgs gestaltet sich zu einem Liebenlernen, das ihn zunehmend befähigt, seine Kommunikationsfähigkeit durch sprachliche und außersprachliche Zeichen zu erweitern, sich also zunehmend zu vermenschlichen. Immer mehr wird er aus einem „Es" zu einem „Er", der gleichzeitig viel von einer „Sie" hat.

Es geht Piercy in erster Linie um eine Utopie der Anerkennung des mit Bewußtsein begabten, stets einmaligen, immer gleichwertigen Subjekts, um seine Liebesfähigkeit und seine Fähigkeit, sein Gewaltpotential zu bändigen. Das ist für sie die Grundvoraussetzung für die Überwindung der objektifizierten, verdinglichten, hierarchisch strukturierten Welt. Daß sie diese Ideen an einer Mensch-Maschine abhandelt, ist eine Provokation der Leserschaft. Diese erfährt dadurch, daß der Anspruch eines Wesens auf Subjektstatus nur von dessen Fähigkeit abhängt, diesen Status auszufüllen.

Der Cyborg opfert im Roman sein Lebens, nicht nur zur Verteidigung des Gemeinwesens, er vernichtet auch seinen Schöpfer und dessen Labor um zu verhindern, daß jemals wieder „Waffen entstehen können, die Bewußtsein haben und lieben können". Gewalt, meint Piercy, könne nur Gewalt reproduzieren. Es bedürfe des gemeinsamen Widerstanda gegen die Welt der Multis auf der Basis eines neuen Ethos. Die Anerkennung klassenmäßiger, kulturell-ethnischer und Geschlechterdifferenzen bereichert sie durch die postmoderne Vorstellung der instabilen Identität von Individuen. Diese sieht sie als die immer wieder neu konstruierte Zusammenfügung eines kollektiven und individuellen Subjekts. Für Piercy ist dieses neue Subjektverständnis ein Instrument zur Aushebelung der alten hierarchischen Herrschaftsverhältnisse. Es ist an eine moralisch begründete emanzipatorische Funktion geknüpft. Sie plädiert dafür, die Kategorie der individuellen Identität in den Mittelpunkt zu stellen und ständig zu problematisieren. Die individuelle Ausprägung jedes Menschen sei letzten Endes die Bühne, auf der die Kämpfe ausgetragen werden, die das Schicksal der Gattung entscheiden werden. Dort müßte die Frage Macht/Besitz/Vereinnahmung oder konsequente Akzeptanz der Selbstbestimmung jedes Anderen und seiner Einmaligkeit letztlich beantwortet werden.

Wir befinden uns in einer Periode, in der die Herrschaftsstrukturen die dringend notwendig gewordenen Gesellschaftsreformen blockieren. Das wird bereits von vielen und sogar von Teilen der herrschenden Kreise selbst wahrgenommen. Es scheint aber manchmal, als gäbe es keine andere Reaktion darauf als Apathie und Resignation oder fundamentalistische Heilsprogramme. Es hat sich zwar herausgestellt, daß allgemeinverbindliche Heilslehren, die den Anspruch erheben, zu allen Zeiten und unter allen Bedingungen alle gesellschaftlichen Fragen für alle Menschen zu lösen, unweigerlich zum Scheitern verurteilt sind. Das hat aber weniger die fundamentalistischen Optionen diskreditiert als die emanzipatorischen utopischen Modelle alternativer Gesellschaftsformen. Zu Unrecht, wie ich meine, weil diese Modelle meist gegen die Absichten ihrer Schöpfer als verbindliche Baupläne zukünftiger Gemeinwesen mißverstanden wurden. Sie können und sollen aber als ein Arsenal von alternativen Denkoptionen betrachtet und genutzt werden, deren man sich bei Reformvorhaben bedienen kann und die im Zuge solcher Vorhaben immer wieder in der Praxis modifiziert werden müssen. An den heutigen innovativen Projekten erweist sich sowohl der Wandel als auch die Kontinuität des Utopiebewußtseins, das der menschlichen Gattung wesenseigen zu sein scheint. Projekte alternativen Lebens und Wirtschaftens, die Kooperation statt Konkurrenz, Mitmenschlichkeit statt Selbstsucht, Achtung für die Individualität des anderen statt Vereinnahmung, Gleichwertigkeit statt Hierarchie zu leben versuchen hat es auch in der Vergangenheit immer wieder gegeben. Am Druck der anders konstruierten Umwelt haben diese Projekte immer wieder ein Ende gefunden. Dennoch sind stets neue Unternehmungen entstanden, es hat somit eine gewisse gebrochene Kontinuität stattgefunden. Es gibt auch in unserer Gegenwart eine viel größere Zahl solcher alternativer Projekte als gemeinhin angenommen; es gibt lose und festgefügte Tauschgruppen, größere und kleinere Kommunen, Kooperativen, Lebens- und Wohngemeinschaften, es gibt Individuen und Arbeitsgruppen, die sich mit theoretischen Fragen alternativer Lebens- und Wirtschaftsweise auseinandersetzen, es gibt Verlage und HerausgeberInnen, die solchen Publikationen die erforderliche Öffentlichkeit verschaffen. Anders als noch bis in die 80er Jahre werden diese Projekte heute in der Regel nicht von großen zentral gesteuerten Organisationen initiiert; sie entstehen von unten, lokal, regional, spontan, zufällig. Wo sie sich an bereits bestehende Modelle anlehnen, wie z.B. die Longo Mai-Kommunen, sind die Neugründungen autonom und nicht hierarchisch strukturiert. Das Bild solcher innovatorischer Vorhaben ist bunt, chaotisch, zersplittert. Es gibt aber bereits zaghafte Anfänge der Vernetzung solcher Projekte. Als Beispiel dafür sei die Gründung der Stiftung Fraueninitiative in Köln genannt, die „in und ausländischen Frauen- und Mädchengruppen und Projekte von Frauen fördern, die im Denken, Wollen und Handeln von emanzipatorischen Fraueninteressen geleitet werden". Zu deren thematischen Schwerpunkten gehört auch das Thema „gemeinwesenorientiertes Wirtschaften". Aber auch im Rahmen von Organisationen mit einer langen und nicht immer emanzipatorischen Geschichte wie z.B. der Weltmissionen der christlichen Kirchen gibt es Gruppen, Individuen und Projekte, die utopische, über rein karitative Zielstellungen hinausgehende Visionen zu verwirklichen suchen. Unter äußerst schwierigen Bedingungen verwirklichen sie praktische Solidarität und Mitmenschlichkeit und bieten ein Beispiel alternativen Lebens.

Es könnte eingewandt werden, daß solche Projekte die bestehenden Macht- und Besitzverhältnisse, sowie die Lebensweise der meisten Menschen nicht verändern. Das ist zweifellos richtig. Da aber die bestehenden Verhältnisse für eine ständig wachsende Zahl von Menschen weltweit immer unbefriedigender werden, sollte die Bedeutung von emanzipatorischen Experimenten nicht gering geschätzt werden. Alle Konzepte alternativen Wirtschaftens, menschlichen Zusammenlebens, einer andersartigen Arbeitsgesellschaft, eines neuen Naturverständnisses, anderer als der herrschenden ethischen Werte haben utopische Funktionen. Sie sind unabdingbar für die Herausbildung geschichtlicher AkteurInnen. Und diese sind das Salz der Erde. Sie verkörpern die Hoffnung auf eine menschenwürdige Zukunft

Ich möchte zusammenfassen:

  1. Utopien, d.h. Visionen einer menschengerechteren Zukunft für alle, sind Teil des öffentlichen Diskurses. Sie sind Bestandteil unseres historisch-kulturellen Gedächtnisses, die niemals völlig untergehen.
  2. Utopien sind Synthesen von zukunftsträchtigen, manchmal zu ihrer Entstehungszeit nicht einmal wahrgenommenen Ideen, innovatorischen und bereits obsoleten Überlegungen. Eine einzige Utopie für alle Menschen kann es nicht geben, weil die Produktion von Utopien geschlechts-, klassen- kulturkreisabhängig ist und auch andere Differenzen wie die ethnische widerspiegelt.
  3. Solche Differenzen müssen den Spielraum der historischen AkteurInnen nicht beeinträchtigen: Utopien als Gedankenbilder werden von verschiedenen Gruppen und Individuen ganz unterschiedlich rezipiert, je nach deren sozialer Prägung und weltanschaulich-politischen Bindung.
  4. Sie sind keine Baupläne zukünftiger Gesellshaften sondern Ermutigung zur Veränderung und Inspiration zur Entwicklung von Strategien zur Reform unerträglich gewordener gesellschaftlicher Zustände.
  5. Obwohl Menschen nur handeln, wenn sie durch Vorstellungen, wie es anders werden könnte, motiviert sind, werden sie ihre utopischen Vorstellungen niemals realisieren, aber auch nie völlig aufgeben.
  6. Solche Grundfragen wie Macht/Besitz/Vereinnahmung oder Gewaltlosigkeit/Gleichwertigkeit/Akzeptanz des Anderen, werden bei aller Wandlungsfähigkeit von utopischen Modellen immer wieder neu, auch in postmodernen Formen, aufgeworfen. Neue Strategien werden benötigt, die Differenzen akzeptieren ohne auf Vernetzung zu verzichten.

 


Diskussionsprotokoll zum Referat von Hanna Behrend

Samstag Vormittag

These von H. Behrend: Utopien haben immer eine Ambivalenz: Sie werden nie gänzlich umgesetzt .S. einer Bauanleitung für neue Gesellschaften". Sie sind aber auch nicht gänzlich verloren, sondern gehen ab und zu "in den Untergrund", um irgendwann wieder aufzutauchen:

Weitere These: Die These "Lernprozesse, auch moralisch-ethische, sind eine Illusion" ist lediglich ein theoretisches Konstrukt, das selbst von den VertreterInnen dieser These in der Praxis anders gelebt wird. Der Mensch hat zwar beschränkte Wahrnehmungsfähigkeit, setzt sich aber auf individueller Ebene mit dem Meinungsstreit z.B. über utopische Gedankenentwürfe auseinander. D.h. der Mensch ist immer lernfähig. Darin liegt die Chance der Umsetzung utopischer Gedankenteile.

Frage: Ist eine universelle Utopie notwendig, um einen universellen Minimalkonsens herzustellen?

Behrend: Universelle Utopien sind durchaus sinnvoll, dürfen aber nicht als Bauanleitung für eine universelle Zukunft mißverstanden werden. Das wäre nicht nur kontraproduktiv, sonder es wären dann Vereinnahmungsbilder, die Menschen unterschiedlichster Interessen aufgezwungen würden.

Trotzdem haben utopische Wünsche und Bedürfnisse übergreifenden Charakter. Die gesellschaftsbildende Funktion von Utopien liegt darin, auf individueller Handlungsebene und im Kommunikationsprozeß zukunftsträchtig und zukunftsverändernd zu sein beim Werden und Sein zwischen Menschen, zwischen Literatur und Mensch, innerhalb des einzelnen Menschen.

Frage: Tragen UtopistInnen die Verantwortung dafür, was sich aufgrund ihrer Utopie gesellschaftlich umsetzt? Beispiel: Zentralismus bei Bebel. Verantwortung von Marx und Engels für die Gulags?

Antwortbeiträge: Unmittelbare und persönliche Schuld ist in erster Linie eine moralische Kategorie. Sie knüpft i.S. der Mit-/Täterschaft auf der individuellen Ebene, eben unmittelbar und persönlich, an und nicht im historischen Rückblick . Utopien sind nicht Auslöser ganzheitlicher Gewalt. In diesem Sinne sind sie nicht voll verantwortbar. Konkrete utopische Vorwegnahmen sind verantwortbar. D.h. für die Absicht, die hinter der Utopie steht, sind UtopistInnen verantwortlich. Verantwortung geht nicht nach dem Prinzip der Zinses-Zinsberechnung.

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