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Susanne Elsen: Gemeinwesenarbeit und Gemeinwesenökonomie im Zeitalter der „Globalisierung"

Die Welt in den Grenzen der lokalen Gemeinwesen gewinnt unter den Folgen der entgrenzten Marktwirtschaft an Bedeutung. Die Gestaltung der lokalen Gemeinwesen als zukunftsfähige Lebensorte, nicht als attraktive „Standorte", die Entfaltung eigenständiger, sozial und ökologisch verträglicher ökonomischer Handlungsvollzüge im sozialkulturellen Kontext der Gemeinwesen und die Befähigung der Menschen zur Wiedergewinnung ihrer sozialproduktiven Handlungskompetenz sind Aufgaben, von denen die Überlebensfähigkeit der Gesellschaften abhängen. Gemeinwesenarbeit in ihrem umfassenden Verständnis als gesellschaftliche Gestaltungstätigkeit und als Agentin sozialen Wandels könnte zu einer treibenden Kraft des notwendigen Transformationsprozesses werden. Ihr Auftrag impliziert die Gestaltung und Förderung von Gemeinwesenökonomien, die primär der Existenzsicherung und Bedarfsdeckung der Menschen in den lokalen Gemeinwesen dienen und der Endlichkeit natürlicher Ressourcen Rechnung tragen.

In diesem Beitrag setze ich mich auseinander mit den destruktiven Wirkungen der dominanten Ökonomie und der Notwendigkeit der Erschließung eines Basissektors, der Existenzsicherung und Bedarfsdeckung von Menschen in ihren Gemeinwesen dient. Zum Abschluß stelle ich Beispiele der Gemeinwesenökonomie aus Deutschland und Europa vor und frage, wo der Transformationsprozeß begonnen werden kann und welche Rahmenbedingungen er braucht.

1. Die neue soziale Frage

Am Ende des 20. Jahrhunderts stehen auch die Industrienationen, die bisherigen Gewinner der „Globalisierung", angesichts der Folgen des weltweiten ökonomischen und technologischen Wandels vor bisher unbekannten Problemen und müssen Lösungen finden, die jenseits bekannter Formen des „weiter so" oder „mehr desselben" liegen. Zu den Schrecken der Ausbeutung kommen nun die Schrecken nicht mehr notwendiger Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft. Der produktivitätssteigernde technologische Wandel, die Entgrenzung durch Globalisierung und die Entkoppelung der Finanztransfers aus der realen Ökonomie1  führen zu einer historisch neuen Situation: Menschliche Arbeitskraft ist für wirtschaftliches Wachstum und für die Aufrechterhaltung des globalisierten Wirtschaftssystems nicht nur überflüssig sondern hinderlich. Prognosen von WissenschaftlerInnen, PolitikerInnen und Konzernchefs gehen dahin, daß zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch ein Fünftel der Weltbevölkerung gebraucht wird, um das Weltwirtschaftssystem aufrecht zu erhalten.2  Die neue Form sozialer Ausgrenzung in einem erfolgsorientierten Zivilisationsmodell besteht im „Fehlen einer Funktion in den ökonomischen, politischen, sozialen und kulturellen Systemen der Gesellschaft"3, die mit dem Verlust marktvermittelter Erwerbsarbeit verbunden ist. In dieser Situation jedoch den Markt auf Knien um die Gewährung von „Beschäftigung" zu flehen oder öffentlich finanzierte Beschäftigung und Qualifizierungsmaßnahmen zur Integration in den Markt zu fordern und auszublenden, daß „Beschäftigung" auch immer die Ausbeutung und Zerstörung menschlicher Potentiale und der natürlichen Lebensgrundlagen bedeutete und ohne dem überlebensnotwendigen Transformationsbedarf der Gesellschaften Rechnung zu tragen, der sich in der Organisation ökonomischer Handlungsvollzüge spiegeln muß, ist absurd. Der Bedarf an marktvermittelter Erwerbsarbeit geht in allen Sektoren weltweit zurück.

Das Ziel der Vollbeschäftigung wurde längst eher stillschweigend aufgegeben, doch die wachsende Gefahr des Arbeitsplatzverlustes wird ebenso wie auch der Zwang zur Suche nach real schwindenden Alternativen den Betroffenen aufgebürdet, die die Ursachen in individuellen Mängeln und persönlichen Umständen suchen müssen. Neben den ins Unermeßliche steigenden fiskalischen, politischen und sozialen Kosten der Arbeitslosigkeit in den Erwerbsgesellschaften verursachen die wirksamen Zuschreibungsmechanismen verbunden mit der Perspektiv- und Alternativlosigkeit der Menschen die Zerstörung des Humankapitals in einer Weise, die Marie Jahoda 1933 eindrucksvoll schilderte.4  Die Folgen des epochalen Wandels, Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Ausgrenzung sind nicht nur mit neuartigen Erwartungsunsicherheiten menschlicher Lebensperspektiven verbunden, sondern die Zuschreibungen, die Opfer zu Tätern machen, wirken auf die betroffenen Menschen dequalifizierend und psychiatrisierend und auf die Gesellschaften, die des sozialen Kapitals dringend bedürfen, entsolidarisierend. Es handelt sich um die bewußt in Kauf genommene Zerstörung des Humankapitals und des sozialen Kapitals der Gesellschaften zugunsten der neoliberalen Ideologie und Wirtschaftspraxis, die Wettbewerb und Profit zum gesellschaftlichen Leitbild und Wachstum um seiner selbst Willen zum obersten Ziel erhebt. Es ist eine äußerst gefährliche Situation: Es ist nicht notwendig, Menschen, die keine Funktion mehr im System haben, zu alimentieren. In einer Welt, in der alleine Wirtschaftlichkeit im Sinne einzelbetriebswirtschaftlichen Kalküls der Maßstab der Dinge ist, werden Menschen bald als vermeidbare Kostenfaktoren angesehen.5  Die Konsequenzen sind auch in Europa bereits wahrnehmbar. Deutlicher noch ist die Entwicklung in den USA, die mit ihrer jüngsten „Sozialreform" mit Hilfe einer menschenverachtenden Terminologie den Opfern existentielle Lebensrechte verwehren.6  Dies geschieht zu einem Zeitpunkt, da erstmals in der Geschichte aufgrund des erreichten Produktivitätsstandes die Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse weltweit möglich wäre.

Auch in den Zentren des Killerkapitalismus breitet sich die Angst vor dem Geist aus, der aus der Flasche entwichen ist. Die Erkenntnis, daß auf den Trümmern von Gesellschaften keine tragfähige Ökonomie errichtet werden kann, scheint einigen der global players einzuleuchten. Die neuen Entgrenzungen des Marktes werden von unterschiedlichen gesellschaftlichen Kräften kritisiert. Angst und Kritik äußern auch in Deutschland VertreterInnen aller großen Parteien (mit Ausnahme der Liberalen, sofern man sie als Minderheitenpartei noch als solche betrachtet), Gewerkschaften und Kirchen und die lokal gebundene Wirtschaft, die unter dem wachsenden Konkurrenz- und Konzentrationsdruck leidet.

Auf folgende Fragen müssen die Gesellschaften Antworten finden:

Lokale Gemeinwesen gewinnen unter den Folgen des epochalen Wandels aus der Perspektive der Menschen, die auf sie zurückgeworfen werden und aus gesellschaftlicher Perspektive als zentrale Orte der Lebensbewältigung und der Entwicklung zukunftsfähiger Organisationsweisen an Bedeutung.

2. Die Entbettung der Ökonomie, die destruktive Kraft des Neoliberalismus und die Wiedergewinnung gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit.

Die globalisierte Ökonomie entzieht sich der Einbettung in die Gemeinwesen, zehrt sie sozial, ökonomisch und ökologisch aus und bürdet ihnen die sozialen und ökologischen Kosten auf, die aufgrund ihrer Wirtschaftsweise entstehen. Diese Ökonomie steht, so der gaullistische Präsident der französischen Nationalversammlung, im Kampf gegen die Gesellschaften.7  Karl Polanyi (1944)8  beschrieb die sukzessive „Entbettung" des ökonomischen Systems aus den natürlichen und sozialkulturellen Einbettungen. Durch die Logik des Kapitals entferne sich das ökonomische System immer weiter von seiner eigentlichen Funktion, die Überlebensfähigkeit der Menschen in ihren Gemeinwesen zu sichern, und bewirke die Umkehrung in der Form, daß die ökologischen, kulturellen und sozialen Zusammenhänge zunehmend dem Teilsystem Ökonomie dienen und seiner Verwertungslogik immer mehr einverleibt werden. Dieser Prozeß der Entbettung wird heute besiegelt durch die neoliberale Ideologie, die soziale, kulturelle und ökologische Ziele als „ökonomieextern" deklariert: „Soziale und ökologische Verantwortung steht nicht mehr so sehr auf unserer Fahne wie früher."9  Der DIHT (Deutscher Industrie- und Handelstag) bezeichnet gar „Auflagen und Standards wie Sozialsysteme, Arbeitsmarktordnungen, Umweltsschutz- und Produktsicherheitsvorschriften" als „neue Qualität des Protektionismus".10 

Bis in die Tiefenstrukturen der Gesellschaften wirkt die kapitalistische Marktwirtschaft destruktiv. Die Wiedergewinnung gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit erfordert Gegenmodelle nicht nur flankierende Maßnahmen. Die Indoktrination mit den neoliberalen Leitbildern des Eigennutzes, der Konkurrenz und des wirtschaftlichen Erfolgs erzeugt eine Kultur des Egoismus, der Raffgier und der Verantwortungslosigkeit11  zugunsten individuellen Erfolgs und auf der anderen Seite durch wirksame Schuldzuschreibungen und deren Übernahme, Scham, blinde Wut und Resignation bei der wachsenden Gruppe der VerliererInnen des großen Spiels. Konkurrenz und Wettbewerb als Koordinationsprinzipien der dominanten Ökonomie sind Katalysatoren der Destruktion des sozialen Kapitals und verursachen tiefe Spaltungen mit der „Tendenz zu einer vollständigen Atomisierung der Gesellschaft."12  Folgen gesellschaftlicher Polarisierungen und Spaltungen sind Ellenbogenverhalten, rassistische Gewalt, Kriminalität oder auch die konsequente Ablehnung sozialer Verantwortung, beispielsweise durch freiwillige Internierung in privaten „gated communities." Bereits mehr als neun Millionen AmerikanerInnen haben diese „Lebensform" hinter Gittern gewählt.

Der globale Kasinokapitalismus, agiert nicht nur losgelöst von den gesellschaftlichen Systemen, sondern auch von der realen Ökonomie. In rein spekulativen Tauschgeschäften wird täglich das 50 fache des Umsatzes durch weltweiten Warentausch erzielt.13  Die damit einhergehende Machtkonzentration einiger weniger Finanzinstitute bewirkt, daß die Entscheidungszentren weltweit von der Ebene der Einzelstaaten auf globale Ebene und aus dem öffentlichen Bereich in den Bereich privater Profitinteressen verlagert werden. Dies zerstört die bisher kohärenten Nationalökonomien und untergräbt die sozialstaatlichen Sicherungssysteme da, wo sie existierten ebenso wie demokratische Gestaltungsformen. Die Wiedergewinnung politischer Steuerung bedarf der Schaffung und Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards in der Reichweite des international mobilen Kapitals. Die Herstellung von Öffentlichkeit ist nur auf der Ebene lokaler Nahräume realisierbar. Hoffnungen begrenzender Gegenmacht, die der entgrenzten Ökonomie entgegentritt und demokratischer Gestaltungsmacht, die zukunftsfähigen Alternativen zum Durchbruch verhilft, liegen auf sozialen Bewegungen, Nichtregierungsorganisationen und eigenständigen lebensweltlichen Lösungsformen als Keimzellen einer globalen Zivilgesellschaft.14 

Die Macht der entgrenzten Ökonomie ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß die neoliberale Ideologie ihre destruktiven Kräfte widerstandslos entfalten kann und das wirtschaftliche System als nur seiner eigenen Logik folgend, quasi als Naturgewalt darstellbar wird. Die neoliberale Praxis erscheint nicht als eine mögliche Form der Organisation ökonomischer Handlungsvollzüge, sondern als einzig mögliche, die bedauerlicherweise auch Opfer verlangt. Politische Steuerung stört nach neoliberaler Lesart die Entfaltung der „dynamischen Kräfte", und die Gesellschaften, die der Steuerung dringend bedürfen, erstarren in Handlungsunfähigkeit. Derweil steigen die fiskalischen, sozialen und ökologischen Kosten ins Unermeßliche. „Noch nie in der Geschichte der Erde und der Menschheit haben Gewalt, Ungleichheit, Ausschluß, Hunger und damit wirtschaftliche Unterdrückung so viele menschliche Wesen betroffen."15  Diese intendierten oder in Kauf genommenen Folgen bieten die ideologische Legitimation für die weitere Entfaltung der destruktiven Macht. Die Verfügung über Arbeit und Arbeitslosigkeit wird als Mittel der Erpressung nutzbar gemacht. Unter selbstzerstörerischen Konditionen treten Städte und Regionen mit Sozial- und Ökodumping in den Wettbewerb, um dem international mobilen Kapital die günstigsten Verwertungsbedingungen anzudienen und als wirtschaftliche „Standorte" für eine Ökonomie attraktiv zu sein, deren Schaden den Nutzen für die Gemeinwesen übersteigt. Insbesondere prosperierende Städte verstärken und erzeugen Armut, sozial-räumliche Segregation und die räumliche Konzentration armutsbedingter Problemlagen.16  Städte und Gemeinden geraten durch die einseitige Abwälzung der Kosten der Arbeitslosigkeit und der steigenden Sozialhilfekosten an die Grenze ihrer Handlungsfähigkeit oder haben sie bereits eingebüßt. Armut und Obdachlosigkeit nehmen auch in den reichen Regionen mit der wachsenden Arbeitslosigkeit und der Schwächung der sozialen Sicherungssysteme zu, während die privaten Gewinne in skandalöser Weise steigen. In Frankfurt, Deutschlands erstem Finanzstandort, ist jeder Fünfte arm,17  und in Europa leben bereits heute mehr als 150 Millionen Menschen in wachsender Armut.18  Der Abbau sozialpolitischer Sicherung führt zur Verstärkung polizeistaatlicher Intervention, Kriminalisierung und optischer Entsorgung unappetitlicher VerliererInnen aus den „Standorten". Die massenhafte Inhaftierung von Menschen scheint ein wirksames Mittel der Problemlösung zu sein. Während die Mittel für Sozialhilfe in den USA verringert wurden, stiegen die Ausgaben für die Kriminaljustiz im gleichen Zeitraum um das Fünffache an, und das private Gefängniswesen ist zu einem boomenden Markt geworden.19 

Die willfährige Unterwerfung unter das neoliberale Gebot politischer Enthaltsamkeit ist fatal. Der epochale Wandel und seine Folgen (die jeweiligen Gewinner werden schnell zu Verlierern, haben aber ihre Entwicklungsbasis verspielt) und die notwendigen Transformationsprozesse erfordern radikale Umorientierungen der Städte und Gemeinden hin zu eigenständigen, nachhaltigen Organisationsweisen und zu Lebensorten, die die Selbstorganisation ihrer BürgerInnen fördern. Ansätze einer solchen Politikkultur haben sich unter dem wachsenden Problemdruck bereits in verschiedenen Regionen und Städten Europas herausgebildet.20  Die Empfehlungen der Charta von Aaalborg und der Lokalen Agenda 21, die sich an der Stärkung und Neubestimmung lokaler Selbstverantwortung orientieren, entsprechen einer basisdemokratischen Politikkultur die von der Einheit von Ziel und Prozeß ausgeht.

Ansätze zur Wiedergewinnung der Handlungsfähigkeit lokaler Gemeinwesen in globaler Verantwortung sind da zu suchen, wo das dominante ökonomische System materielle und imaterielle Schäden verursacht und Bedarfe entstehen läßt. Die Investition in das soziale Kapital der Gesellschaften ist nicht nur eine moralische sondern eine Frage der Vernunft. Wenn Menschen für die globalisierte Ökonomie überflüssig geworden sind, können und müssen gesellschaftliche Organisationsweisen entstehen, die sich an den Bedürfnissen von Menschen und ihren Gemeinwesen und an den Erfordernissen der natürlichen Lebensgrundlagen orientieren.

Die Entbettung der Ökonomie erzeugt einen Handlungsbedarf zur Rückbettung ökonomischer Handlungsvollzüge in die sozialkulturellen Zusammenhänge lokaler Gemeinwesen. Gemeinwesenökonomie knüpft an die ursprüngliche Funktion ökonomischer Systeme an. Sie leitet Formen des Überlebens im „Zeitalter der Knappheit"21  ein, und tritt der generellen Wachstums- und Konkurrenzorientierung mit der Nutzung lokaler Potentiale, der Deckung lokaler Bedarfe und der Wiedergewinnung von Subsistenzmöglichkeiten entgegen. Die Einleitung und Begleitung der Transformationsprozesse, deren Kern in sozial und ökologisch zukunftsfähigen ökonomischen Organisationsformen liegt, ist auch ein umfassender Gestaltungsauftrag an Gemeinwesenarbeit.

3. Bedeutungswandel und Bedeutungszuwachs lokaler Gemeinwesen

Lokale Gemeinwesen werden im Zeitalter der Globalisierung zu zentralen Lern- und Handlungsorten der Transformation in einem Modell „emanzipatorischer Politik und Lebenspolitik".22  Die Stärkung lebensweltlicher Orientierungen als Neugewichtung der solidaritätsgesteuerten „unteren Arena"23  gegen die Steuerungsmedien Geld und administrative Macht ist richtungsweisend. Die entstandene Situation schafft die Ausgangssituation für einen Prozeß lebensweltlicher Bemächtigung im umfassenden Sinne eigenständiger und eigensinniger Entwicklung, durch die Stärken entdeckt und die soziale Lebenswelt nach den eigenen Zielen gestaltet werden kann.24 

Die Komplexität ökonomischer, ökologischer und sozialer Problem- und Entwicklungsdimensionen erfordert ein Denken aller Menschen in Zusammenhängen und ihre Fähigkeit zu Handlungsfolgenabschätzungen. Markt und Wettbewerb benötigen den rational entscheidungsfähigen Akteur, der die Gesetze der privaten Bereicherung beherrscht. Die Vermittlung von „Wissen" wird durch Spezialisierung und Fragmentierung so organisiert, daß die Erkenntnis umfassender Zusammenhänge unmöglich wird.25  Komplexe gesellschaftliche Prozesse werden als unbeeinflußbar wahrgenommen, und gemeinsame Interessen können nicht erkannt werden. Die Initiierung von Bemächtigungsprozessen, von Handeln in Zusammenhängen, dem Begreifen von Kausalitäten, Wechselwirkungen und Zusammenhängen schafft die Voraussetzungen zur verantwortlichen und aktiven Gestaltung zukunftsfähiger Lebensvollzüge. Die Förderung von Verantwortlichkeit durch Handlungsfolgenabschätzung in gemeinsam konzipierten Lösungsansätzen ist Bedingung der Befreiung aus marktinduzierten Denkgefängnissen, die die Konstruktion neuer Lösungen und demokratischer Gestaltung der Gesellschaft erfordert. Erfahrungen der Handlungsfähigkeit gegen die der Machtlosigkeit sind von wachsender Bedeutung, da der gemeinschaftliche Kontext der Erwerbsarbeit, der im Industriezeitalter auch immer der Zusammenhang gemeinsamer Interessendurchsetzung war, für immer mehr Menschen verschwindet. Lokale Gemeinwesen werden für viele Menschen wieder zu zentralen Orten der Existenzsicherung, der Lebensbewältigung, der sozialkulturellen Teilhabe und sozialen Integration. Wenn die äußere „Normalität" durch den dauerhaften Verlust der Erwerbsarbeit verlorengeht sind andere Sicherheiten erforderlich, um den Weg der Betroffenen ins Abseits zu verhindern. "Wenn die Identität als Arbeitskraft in Frage gestellt ist, wird die Stabilität der gewohnten Beziehungen und der sozialen Kontakte um so wichtiger."26  Die Qualität der sozialräumlichen Umgebung hat für die Bewältigung von Arbeitslosigkeit, Armut und sozialer Ausgrenzung eine große Bedeutung. Diese Qualität definiert sich durch soziale Netze und Optionen sozialproduktiver Teilhabe und der Möglichkeit, in Formen der Eigenarbeit, Nachbarschaftshilfe und Erwerbsarbeit Kompetenzen in die Erhaltung und zukunftsfähige Gestaltung des Gemeinwesens einbringen zu können.

Die zu lösenden Gegenwarts- und Zukunftsprobleme sind auf die Wiedergewinnung „konvivialer"27  Ökonomie angewiesen, die die markterzwungene Einseitigkeit ökonomischen Handelns relativiert und der sozialproduktiven Vielfalt als „evolutionärem Entwicklungspotential"28  zum Durchbruch verhilft. Die Fixierung auf Marktökonomie als einzig denkbare Ökonomie und auf marktvermittelte Erwerbsarbeit als einzige Quelle der Existenzsicherung und der biographischen Perspektive verstellen den Blick auf die Tatsache, daß Marktökonomie nur eine Spielart des vielfältigen ökonomischen Systems darstellt, welches Teil der gesellschaftlichen und kulturellen Systeme und der natürlichen Umwelt ist, von diesen abhängt und in sie hineinwirkt. Die Vielfalt sozialproduktiver Handlungsvollzüge (Familienarbeit, Freiwilligenarbeit, „Schwarzarbeit", Eigenarbeit, Nachbarschaftshilfe und alle informellen Ökonomien) bestimmt auch in den Industrieländern ca. 55 Prozent der Lebensarbeitszeit,29  aber sie wurde zugunsten des Marktes funktionalisiert, kriminalisiert und entwertet. Den Subjekten wurden die Fähigkeiten zur Selbstgestaltung als Grundlagen des sozialen und produktiven Zusammenhangs ausgetrieben.30  Die Befreiung sozialproduktiver Kompetenzen durch die Konstruktion neuer (beispielsweise Werkstätten für Eigenarbeit, Tauschsysteme, Talent- und Wissenstransfer) und die Wiederentdeckung und Wertschätzung traditioneller Formen sozialproduktiven Zusammenwirkens (zum Beispiel Nischenökonomien in Armutsmilieus, die meist als „Schwarzarbeit" abgewertet werden31) sind als Investitionen in die Zukunft der Gemeinwesen und die Handlungsfähigkeit ihrer BewohnerInnen zu betrachten. Diese Spielarten der Ökonomie folgen nicht primär der Kapital- sondern der sozialkulturellen Logik der Gemeinwesen, steuern sich nicht primär durch Geld und Macht, sondern durch die rare Ressource Solidarität und setzen auf Kooperation statt Konkurrenz.

Aus den Folgen der Globalisierung resultiert ein Bedeutungszuwachs weltmarktunabhängiger Produktionsbereiche. Sie sichern die lokale Bedarfsdeckung, schaffen ein Klima der Nichterpreßbarkeit, nutzen die lokalen Potentiale, agieren in kleinen Kreisläufen und werden damit den ökologischen Erfordernissen gerecht. Die aktive Förderung territorial verankerter Ökonomie und die Erschließung eines gemeinwesenorientierten Basissektors sind Konsequenzen der globalen Entgrenzungen. Wenn einerseits Menschen und ganze Regionen für die globalisierte Ökonomie überflüssig geworden sind, andererseits Tätigkeitsfelder in den lokalen und regionalen Gemeinwesen erschlossen und übernommen werden müssen, können jenseits marktvermittelter Organisationsformen eigenständige gemeinwesenorientierte Basisökonomien entwickelt werden, die nicht primär profitorientiert agieren und die lokalen Potentiale zur lokalen Bedarfsdeckung nutzen.

Die Globalisierung erzeugt einen Bedeutungszuwachs territorial begrenzter Einheiten als Orte zivilgesellschaftlicher Problemlösungen und eigenständiger Entwicklung. Gemeinwesen sind die Handlungsebenen auf denen komplexen Problemlagen durch umfassende Lösungen begegnet werden kann. Sie sind nicht als abgeschlossene Einheit, sondern als Horizont verantwortlichen Handelns und sozialer Einbindung zu betrachten. Der Entwicklungsbedarf besteht in der Schaffung von Voraussetzungen für eine politische Kultur, die Demokratie als Lebensform, Kooperation und Selbstorganisation als Voraussetzungen tragfähiger Lösungen fördert. Unter den Folgen der Globalisierung relativieren sich Interessengegensätze und Machtkonstellationen im territorialen Kontext. „Es ist eine Kampfsituation epochalen Ausmaßes, in der Koalitionspartner in allen gesellschaftlichen Schichten zu suchen und zu finden sind."32  Die komplexen Problemdimensionen erfordern neue territoriale Bündnisse, neue AkteurInnen und neue Kombinationen die Synergien erzeugen und einseitiges Expertentum zugunsten gemeinsamer Spezialisierungen auf Problemlösungen33  ermöglichen. An den Prozessen der Zielfindung müssen alle Bevölkerungsgruppen nicht nur als Betroffene beteiligt sind. Dies erfordert die Öffnung von Entscheidungsstrukturen auch für artikulationsschwache Gruppierungen. Das Verständnis von Gemeinwesenarbeit als intermediäre Instanz ist hier anschlußfähig.

4. Gemeinwesenarbeit als umfassender Gestaltungsauftrag

Sozialpolitik verliert unter den gegebenen Bedingungen ihre Grundlage (Beitragsfinanzierung) und ihre bisherige Funktion (Absicherung von Normalarbeitsverhältnissen und Aufrechterhaltung der Ausbeutbarkeit). Die Folgen des epochalen Wandels erzeugen einen Bedeutungswandel und einen Bedeutungszuwachs sozialpolitischer Gestaltung in einem zivilgesellschaftlichen Transformationsprozeß. In diesem Kontext wird sie zum Anwalt der Durchsetzung existentieller Lebensrechte, sozialkultureller Teilhaberechte und lebensgerechter Gestaltung sozialer Gemeinwesen als Voraussetzung zur Übernahme bürgerschaftlicher Verantwortung und Selbstorganisation. Der Fokus auf eigenständige Ökonomien vollzieht einen Bruch mit der Fixierung auf wohlfahrtsstaatlich einzufordernde Zuteilungen hin zum Eindringen in den Bereich, der bisher direkt oder durch staatliche Transfers Ausmaß und Form möglicher Bedürfnisbefriedigung und Teilhabe definierte. Wenn die Sicherung der Ausbeutbarkeit von Menschen durch das entgrenzte ökonomische System nicht mehr erforderlich ist, besteht die Konsequenz Sozialer Arbeit in einem Bedeutungszuwachs ihres emanzipatorischen und einem Schwinden ihres kontrollierenden Auftrages als sanktionierende oder reparierende hoheitsstaatliche Funktionsträgerin. Die Orientierungen könnten erstmals frei von reiner Funktionalisierung durch die Ökonomie und Vereinnahmung durch den hoheitlichen Staat die Lebenserfordernissen von Menschen und ihren Gemeinwesen sein. Zentrale Aufgabe ist die Förderung eines gemeinwohlorientierten ökonomischen Basissektors in den lokalen Gemeinwesen, der sich an den Kriterien sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit orientiert und den Menschen Optionen der Existenzsicherung, der biographischen Perspektive und des sozialproduktiven Lernens eröffnet.

Die Verknüpfung sozialer, kultureller, politischer und ökonomischer Zielsetzungen im Verständnis des Community development, oder des Aufbaus machtvoller Organisationen der Machtlosen im Verständnis des Community Organizing in den USA lassen sich zwar in Ansätzen auch in Deutschland finden, doch die Verortung in der Sozialpolitik führte hier zu einer reduktionistischen Sichtweise des Ansatzes in seiner Anwendung im sozialen Bereich. Residuen des ursprünglichen Verständnisses finden sich in der nachhaltigen Regionalentwicklung, Stadt- und Raumplanung und in den Empfehlungen zur sozialen und ökologischen Transformation.34  Dieses ursprüngliche Verständnis ist für die eigenständige Gestaltung der Lebenswelten im nachindustriellen Zeitalter anschlußfähig und der Bedeutungszuwachs befähigender, emanzipatorischer und am Eigensinn der Menschen und ihrer Gemeinwesen orientierter Sozialer Arbeit verweist auf die politischen Wurzeln der Gemeinwesenarbeit als Agentin sozialen Wandels im Sinne der Begrenzung von Behinderungsmacht,35  des Anklagens menschenverachtender Praktiken, des Einforderns von Lebens- und Teilhaberechten und der Konstruktion menschgerechterer Alternativen in den lokalen Gemeinwesen. Unter sozialem Wandel wird die Veränderung grundlegender sozioökonomischer, politischer oder soziokultureller Strukturen der Gesellschaft verstanden.36  Gemeinwesenarbeit ist eine professionelle politische Strategie geplanten sozialen Wandels durch Interventionen in gesellschaftliche Systeme, die Einleitung bemächtigender Lernprozesse, die Veränderung von Verteilungsmechanismen, Machtstrukturen und gesellschaftlichen Kriterien. Solidarität als „sozialintegrative Gewalt" 37  und Medium sozialen Wandels ist grundlegend für die Richtung und die Verankerung des Prozesses in den Lebenswelten, denn Solidarität ist eine lebensweltliche Ressource deren sozialintegrative Gewalt ihre Wirkung in lebensgerechten Organisationsformen entfaltet. Nicht eine weitere Funktionalisierung von Solidarität als Mittel zur Kompensation von Markt- und Staatsversagen unter Bedingungen der Entsolidarisierung, sondern die Stärkung des gesellschaftlichen Einflusses und der sozialkulturellen Eigenständigkeit der „unteren Arena"38  gegenüber den durch Geld und Macht gesteuerten Bereichen Ökonomie und Staat, die Begrenzung der Macht der Stärkeren und die Bekämpfung des Elends durch die Neu-Verteilung von Ressourcen39  ist das Ziel.

Aufgabe von Gemeinwesenarbeit ist die Schaffung und Erhaltung lebensgerechter Zusammenhänge in einem sozialen Gemeinwesen. Nicht das Behandlungsbedürftige und Spezielle von Menschen und Gruppen ist ihr Gegenstand, sondern die Sorge um das Wesentliche in ihrem Lebensraum.40  Maßstab lebensgerechter Organisationsweisen ist die Bereitstellung der ökologischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Lebensgrundlagen, die die Subsistenz von Menschen und ihren Gemeinwesen in Gegenwart und Zukunft sichern. Der makrosoziale Kontext bildet nicht die externen Rahmenbedingungen, die Gemeinwesenarbeit berücksichtigen muß, „oder eben die strukturellen Verhältnisse, an denen sie als Methode (mitmenschlicher Verständigung) vorhersehbar scheitert. Jene Dimensionen bezeichnen vielmehr inhaltlich eine praktische Aufgabenstellung, nämlich die, soziale Probleme grundsätzlich auch wirtschaftlich, politisch und kulturell bewältigen zu müssen."41  Wenn es die Aufgabe der Gemeinwesenarbeit ist, die Entfaltung und Gewährleistung von Subsistenz als materiellem und psychosozialem Unterhalt des Lebens zu verfolgen, so steht sie heute vor der Aufgabe, Prozesse der grundsätzlichen Neuorganisation ökonomischer, sozialer und kultureller Zusammenhänge in den Gemeinwesen einzuleiten. Die Tatsache, daß marktvermittelte Erwerbsarbeit für eine wachsende Anzahl von Menschen als Existenzgrundlage und biographische Perspektive nicht mehr existent sein wird, verändert die Gewichtungen und Bedeutungen der Lebenszusammenhänge. Die neuen Aufgabenstellungen Sozialer Arbeit im Gemeinwesen erfordern nicht nur eine Überschreitung der Reproduktionssphäre,42  sondern ihre Neudefinition durch das Verständnis von Subsistenz, denn die Reproduktion des wirtschaftlichen Bereichs ist an die der Biosphäre und der menschlichen Sphäre gekoppelt.43 

Ein solches umfassendes Verständnis Sozialer Arbeit im Gemeinwesen und ihre Verbindung zur aktiven Gestaltung von Sozialreform und Kulturveränderung steht in der Tradition der Arbeit von Hull-House, wo engagierte Frauen und Männer im Chicago der ersten industriellen Revolution vor mehr als hundert Jahren eine bis heute modellhafte Gemeinwesenarbeit entwickelten, die ökonomische Verursachungszusammenhänge nicht ausblendete, sondern sich einmischte in die Skandalisierung und Veränderung der Mißstände, die das expandierende ökonomische System in den Gesellschaften verursachte und selbst menschengerechtere ökonomische Alternativen auf der Ebene des Gemeinwesens begründete. Das Settlement Hull-House als Impulsgeber und Konvergenzpunkt in einem Gemeinwesen spielte dabei eine wichtige Rolle.44  Sozialer Wandel als basisdemokratischer Prozeß benötigt Räume für Gemeinsamkeit, Öffentlichkeit und Empörung im Alltagszusammenhang, in denen Meinungen und Informationen ausgetauscht, gegenseitige Hilfe gewährt, Kampf gegen Ungerechtigkeit formiert und Visionen gefördert werden können. Diese Öffentlichkeit in einem Gemeinwesen ist als Gegenpol gegenüber destruktiven Vereinzelungsstrategien der neoliberalen Ideologie und Praxis notwendig. Kollektivität gegen individualisierende Zuschreibungen und Versagenserfahrungen herzustellen, ist eine Grundlage von Bemächtigung. Das Ziel ist die schrittweise Wiedergewinnung der Handlungsfähigkeit von Menschen und Gemeinwesen jenseits der Erpressung und Entwertung durch den entgrenzten Markt. Dafür ist es vor allem notwendig, in der Sozialen Arbeit die nur noch reagierende und abwehrende Haltung aufzugeben, aktiv und radikal die ökonomischen Ursachen und die kollektiven Folgen des Wandels zu thematisieren, mit den Menschen in den Gemeinwesen Suchprozesse nach zukünftigen Formen des Lebens und Arbeitens einzuleiten und eigenständige Ökonomien zu entwickeln.

5. Gemeinwesenökonomien als zukunftsfähige Wirtschaftskulturen

Gemeinwesenökonomie stellt den Ort des Zusammenlebens, die Rekonstruktion seiner Lebenszusammenhänge und die Wiedergewinnung sozialproduktiver Handlungsfähigkeit der Menschen in den Vordergrund. Es ist eine „Annäherung an eine wirtschaftliche Entwicklung, die Menschen befähigt, sich selbst zu entwickeln"45. Sie ist kein theoretisches Konstrukt, sondern als Folgen der Verwerfungen entstehen in den Krisenregionen, auf den Brachen, die die entgrenzte Ökonomie hinterläßt und in den Nischen, die sie aufgrund mangelnder Rentabilität aufgibt, neue, nicht-marktorientierte Ökonomien, die primär der Existenzsicherung und Bedarfsdeckung der Menschen und ihrer Gemeinwesen dienen. Damit kommen sie dem ursprünglichen Ziel der Ökonomie, der Sicherung der Überlebensfähigkeit sozialer Gemeinwesen nahe. Alternativen zu marktvermittelter Erwerbsarbeit sind keineswegs neu. Neu sind ihre Entstehungshintergründe und die Alternativlosigkeit bezogen auf die ungelösten sozialen, ökonomischen und ökologischen Fragen der Gesellschaften einerseits und dem produktivitätsbedingten Abbau von Erwerbsarbeit andererseits. Die derzeit entstehenden unterschiedlichen Organisationsformen außerhalb der reinen Marktökonomie weisen verschiedene Aspekte sozialer und ökologischer Zukunftsfähigkeit auf. In ihren Erscheinungsformen spiegeln sie die ursprüngliche Vielfalt ökonomischer Handlungsvollzüge. Einerseits handelt es sich um sozialkulturelle Alternativen zur Geldwirtschaft und Erwerbsarbeit wie etwa Tauschsysteme, Talentbörsen, Stadtteilwerkstätten für Eigenarbeit, neue Modelle des Lebens und Arbeitens, alternative lokale Währungen und um kooperativökonomische Selbsthilfe wie etwa Produktivgenossenschaften. Diese selbstorganisierten Ökonomien entstehen aus dem sozialkulturellen Kontext der Gemeinwesen und in Verbindung mit sozialen Bewegungen. Andererseits sind es sozial- und wirtschaftspolitisch motivierte und geförderte Ansätze integrierter Problemlösungen wie etwa Community Enterprises in den USA und dem Vereinigten Königreich, die italienischen Sozialgenossenschaften oder Programme zu eigenständigen Regional- und nachhaltigen Stadtentwicklung. Sie gehen von einer Verknüpfung des örtlichen Arbeitskräftepotentials mit vorhandenen und neuen Tätigkeiten in den lokalen Gemeinwesen in kooperativen Organisationsformen aus. Auf der Suche nach eigenständigen Ökonomien in einem nicht primär profitorientierten Basissektor sind beide Ansätze von Bedeutung. Diese Basisökonomien entstehen als Reaktionen auf Massenarbeitslosigkeit und den Rückzug des Marktes und sind Konsequenzen aus der Tatsache, daß den Gesellschaften nicht die Arbeit, sondern die einzelbetriebswirtschaflich profitable, marktvermittelte Erwerbsarbeit ausgeht. Als „Kinder der Not," die unter vielfachen Behinderungen entstehen, sind sie weit von Idealen entfernt, doch sie implizieren menschengerechtere, sozialökologisch zukunftsfähige Organisationsmuster und kommen einer „Ökonomie des ganzen Hauses" im ursprünglichen Sinne des Wortes „oikos" nahe. Sie siedeln sich in den nicht profitablen Nischen des Marktes an, arbeiten nicht selten mit dequalifizierten und entmutigten Menschen und sind gleichzeitig alleine dem rauhen Klima des Marktes ausgesetzt, dem auch zunehmend andere Unternehmen zum Opfer fallen, die nicht unter solchen Bedingungen agieren müssen und weniger komplexen Zielsystemen folgen. Es wäre reiner Zynismus, diese Formen der Selbsthilfe zu propagieren ohne die mit gesamtgesellschaftlichen Zielsystemen und einer menschengerechteren Wirtschaftskultur verbundene Eigenlogik in einem eigenen Sektor mit eigenen Rahmenbedingungen zu denken und zu verorten.

Nach ihren sozio-politischen Zielen und bezogen auf ihre Arbeitsorganisation lassen sich Gemeinwesenökonomien der „Économie Sociale" als eigenständigem „dritter Sektor" zwischen Staat und Markt zuordnen. Aufgrund ihrer Einbettung im sozialen Nahraum, ihrer bedarfswirtschaftlichen Orientierung und der dienenden Rolle des Kapitals bergen sie das Potential zukunftsfähiger Wirtschaftskultur. Sie nutzen lokale Potentiale, agieren in kleinräumigen Kreisen und erfüllen damit ein wesentliches Kriterium ökologischer Zukunftsfähigkeit. Diese Ökonomien jenseits des formalen Wirtschaftssektors schaffen Existenzmöglichkeiten gerade für die Personengruppen, die dort keine Chance haben.46  Die kooperativen Formen der Zusammenschlüsse unterscheiden sich wesentlich von individuellen „Existenzgründungen," die bezeichnenderweise vor allem von Vertretern neoliberaler Positionen als Eintrittskarte zum „großen Spiel" verkauft werden und verantwortlich sind für die Entstehung eines neuen prekären Sektors „freier Unternehmer". Robert Kurz sieht im „dritten Sektor" ein neues Paradigma gesellschaftlicher Reproduktion. Er brauche „eine eigene Perspektive der Entwicklung für das 21. Jahrhundert, statt bloß ein vorübergehendes Phänomen der Krise zu sein"47.  Die Erschließung eines nicht primär profitorientierten gemeinwesenorientierten Basissektors wird zur Zeit auch in Deutschland mit unterschiedlichen Zielgewichtungen (soziale Integration, Existenzsicherung, Bedarfsdeckung, ökologische Erfordernisse, zivilisatorische Handlungsfähigkeit) parteiübergreifend und in verschiedenen Verbänden und gesellschaftlichen Institutionen als Entwicklungsbedarf diskutiert. In den Zielen, die in den jeweiligen Diskussionen überwiegen, findet sich zusammengengefaßt die ganze Bandbreite der Notwendigkeiten, die für die Erschließung eines eigenständigen Sektors sprechen.

Wie soll Gemeinwesenökonomie, die nach einzelbetriebswirtschaftlichem Kalkül nicht tragfähig ist, ökonomisch unabhängig werden? Hierzu gibt es die verschiedensten Überlegungen. Sie reichen von mäßigen Besteuerungen eines Teils der Gewinne aus der „Cyberwirtschaft"48  über die investive Nutzung konsumtiver Transfergelder bis zur Schaffung eigener Finanzierungsinstrumente zur Förderung lokaler Ökonomien.49  Eine grundsätzliche Frage wäre die nach den Kriterien für öffentliche Subventionsvergaben. Die Austrocknung der öffentlichen Haushalte und die Externalisierung der ökologischen und sozialen Kosten ist nur die eine Seite des falschen Spiels der freien Märkte, das nicht unwesentlich mit Subventionen durch die schwindsüchtigen öffentlichen Haushalte finanziert wird.50  Die Zahlung von Anschubfinanzierungen oder auch Dauersubventionen für gemeinwohlorientierte Tätigkeitsbereiche statt der bedingungslosen Subventionierung einer Ökonomie, die mehr Schaden als Nutzen erzeugt, wäre eine logische Konsequenz der derzeitigen Entwicklungen. Doch ist nicht generell davon auszugehen, daß Gemeinwesenökonomien nicht tragfähig sind. Wenn Basisökonomien in gemeinwirtschaftlichen Verbünden organisiert sind und in der gemeinwirtschaftlichen Logik des „dienenden Kapitals" die Erträge nicht privatisieren, sondern in den Dienst der Entwicklung des Verbundes stellen, können sie zu stabilen und doch dynamischen und ökonomisch tragfähigen Gebilden werden.51 

Wo ist das Feld der Gemeinwesenökonomie? Alle ökonomischen Bereiche und öffentlichen Aufgaben, die die Grundversorgung von Menschen in den lokalen Gemeinwesen betreffen, könnten im Sektor der Gemeinwesenökonomie gestaltet werden. „Krisenpolitische und ökologische Gründe sprechen dafür, Lebensbereiche und Teilsektoren den Kapital- und Wachstumszwängen zu entziehen und sie bedarfswirtschaftlich, beispielsweise genossenschaftlich zu organisieren."52  Diese, von Klaus Novy 1984 formulierte These findet sich auch in den Vorstellungen einer neuen Wirtschaftsordnung des CDU Querdenkers Klaus Haefner,53  der die Entwicklung einer genossenschaftlich organisierten Grundversorgungs-Infrastruktur fordert, der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik der SPD, die den Auf- und Ausbau eines öffentlich finanzierten Sektors in Anbindung an lokale Initiativen fordert,54  der Grünen Fraktion im Europaparlament, die in ausgereifter Programmatik „Handlungsstrategien gegen Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Ausgrenzung auf regionaler und lokaler Ebene"55  diskutiert oder der Empfehlungen der EU-Kommission.56  Die lokale Anbindung und die genossenschaftliche oder genossenschaftsähnliche Organisationsweise wird in allen Empfehlungen als Gewähr für spezifische, bedarfsgerechte, beschäftigungsintensive und synergetische Organisationsweise genannt.

Wo finden sich Bausteine zur Konstruktion von Gemeinwesenökonomie? Sie finden sich in den historischen Organisationsformen ökonomischer Selbsthilfe, den Genossenschaften, der Gemeinwirtschaft und der informellen Ökonomie. Die Grundsätze und Organisationsprinzipien der Gemeinwirtschaft, die Unterordnung des Kapitals unter die sozialen und ökologischen Entwicklungsbelange, sind handlungsleitend für Gemeinwesenökonomien. Bausteine finden sich insbesondere in den sozialproduktiven Kompetenzen der Menschen, die immer auf ihre Selbsthilfepotentiale angewiesen waren. Die ökonomischen Überlebensstrategien, die weltweit als Ökonomien der Armut existieren, bergen in ihren Koordinationsprinzipien, Organisationsweisen und Zielorientierungen Potentiale zukunftsfähiger Ökonomie. Diese verborgenen und mißachteten Potentiale finden sich in den Lebenswelten der Menschen, die in der Marktökonomie nie eine Chancen hatten. Die ursprüngliche Vielfalt sozial eingebetteter ökonomischer Handlungsvollzüge, die im Interesse der Marktökonomie ignoriert, instrumentalisiert, kriminalisiert oder systematisch zerstört wurden, haben als Residuen in den reichen Gesellschaften da überlebt, wo Menschen immer aufeinander angewiesen waren. In Armutsmilieus finden sich Formen der Selbsthilfe und der Hilfe auf Gegenseitigkeit, die für neue gemeinwesenökonomische Formen kultiviert werden können. Auch die Menschen, die es gelernt haben, unter Verhältnissen absoluter Armut ihr Leben zu organisieren, bringen wertvolle Bestände sozialen Kapitals und ökonomischer Handlungskompetenz in die Länder ein, auf die sie neue Hoffnungen setzen. MigrantInnenökonomien sind heute in europäischen Großstädten bedeutende ökonomische Faktoren.

5.1 Schritte zur Entwicklung von Gemeinwesenökonomie

Wie ist es möglich, in den bescheidenen Ansätzen einer zukunftsfähigen Wirtschaftskultur zum Durchbruch zu verhelfen und in der Alltagspraxis neuen Perspektiven zu folgen? Schritte der Transformation bestehender und der Entwicklung neuer Praxis sind:

Erstens: Denken und Handeln in Entwicklungskernen als Fokussierung einzelner Ansätze auf interne und externe Entwicklungsmöglichkeiten, Kombinations- und Vernetzungsmöglichkeiten im lokalen Gemeinwesen. Beschäftigungsmaßnahmen können beispielsweise als Vorbereitungsphase für kooperative Gründungen angelegt werden. Nicht eine Ausgründung von Einzelbetrieben in den Markt, sondern die Eingründung in einen gemeinwirtschaftlichen Verbund wird verfolgt. Die Schaffung gemeinwirtschaftlicher Subventions- und Investitionsmodelle ist eine Konsequenz der dienenden Funktion des Kapitals nach dem Vorbild der Pioniere von Rochdale.57  In einem solchen Modell werden rentable Tätigkeitsfelder und gemeinwohlorientierte Aufgaben kombiniert. Ein Praxisbeispiel aus Luxemburg, dessen Erfolg auf Kombination beruht, wird unten dargestellt.

Zweitens: Verankerung ökonomischer Entwicklungskerne im Gemeinwesen als bewußte Rück- und Einbettung ökonomischer Ansätze in die sozialen und kulturellen Zusammenhänge des Gemeinwesens durch demokratische Zielfindungsprozesse, die Verbindung von Lernen und kooperativer Produktion, Kooperation mit unterschiedlichen Kräften des Territoriums. Diese Arbeit zielt auf die Wiederherstellung der zerstörten ökonomischen, sozialen und kulturellen Zusammenhänge, die menschliche Lebenswelten bestimmen. Ein Praxisbeispiel, welches aus der Verankerung im Gemeinwesen entstand und sich in dieser intensiven Verankerung weiterentwickelt, ist die Genossenschaft am Beutelweg e.G. in Trier und die mit ihr im Verbund agierenden Gemeinwesenunternehmen.58 

Drittens: Die Entwicklung eines eigenständigen Basissektors im regionalen Verbund. Gemeinwesenökonomien stehen den Zielsystemen, Leitbildern und Koordinationsprinzipien der dominanten Ökonomie diametral entgegen. Sie stellen eine eigene Wirtschaftskultur dar und sind auf Vernetzung mit anderen Unternehmen, AkteurInnen und Bewegungen im Territorium angewiesen, um im konkurrenzdominierten Umfeld nicht zerrieben zu werden. Sie benötigen ein eigenes Bewußtsein, fördernde Rahmenbedingungen und die Resilienz, die ihre Entwicklung ermöglichen. Ein Versuch zur Schaffung eines fördernden Zusammenhangs ist der Verein für Soziale Ökonomie Basel. Ein beeindruckendes Beispiel, was geschieht, wenn diese Rahmenbedingungen stimmen, ist die Dynamik der italienischen Genossenschaften, die unten dargestellt werden.

Viertens: Die Zulassung und Förderung eines eigenständigen Sektors zwischen Staat und Markt als Solidarökonomischer Sektor im europäischen Verbund.

6. Genossenschaftliche Gemeinwesenunternehmen

Gemeinschaftliche Produktions-, Eigentums- und Nutzungsformen sind für die Entwicklung sozial und ökologisch nachhaltiger Formen des Wirtschaftens von eminenter Bedeutung. Das Feld der Genossenschaften ist der kleine, überschaubare Wirkungskreis, der Bereich der persönlichen Beziehungen und lokalen Kooperation. Das genossenschaftliche „Kirchturmprinzip" vertritt die Forderung, daß nur die EinwohnerInnen einer Gemeinde zur Gewährleistung von Überschaubarkeit Mitglieder einer Genossenschaft sein sollten. Die genossenschaftlichen Prinzipien Selbsthilfe, Selbstkontrolle und Selbstverwaltung sind Operationalisierungen des Subsidiaritätsprinzips als Organisationsprämisse demokratischer und pluraler Gesellschaften. Das genossenschaftliche Identitätsprinzip, welches in lokal orientierten kooperativen Ökonomien zum Tragen kommen kann, hat positive Wirkungen auf die Aktivierung von Selbsthilfekräften, der Verantwortungsübernahme, der Erzielung von Synergien, der Beschäftigungseffekte und der Gestaltung kooperativer Lernprozesse. Lokal eingebettete Genossenschaften bieten zudem den denkbar besten Kontext für die Einübung in eine Ökonomie für das ganze Haus, da sie im Gegensatz zum Markt, der Gleichgültigkeit institutionalisiert, die sozialen, ökonomischen und ökologischen Folgen wirtschaftlichen Handelns unmittelbar nachvollziehbar machen. Diese Vorteile lokaler Arbeitsorganisation werden auch in den Empfehlungen der Europäischen Kommission zur Gründung neuer kooperativer Unternehmen oder Auffanglösungen diskutiert.

6.1 ASJ, ein gemeinwirtschaftlicher Projektverbund in Luxemburg

Pfadfindergeist, als fruchtbare Mischung aus sozialem Engagement, unternehmerischem Pioniergeist und jugendlicher Frische hat zur Entstehung eines Kristallisationspunktes Sozialer Ökonomie im Süden Luxemburgs an der Grenze zu Frankreich geführt. ASJ ist ein gemeinwirtschaftliches Modell, dessen Stärke auf kluger Kombination und Vernetzung beruht.

Die vier Begründer der ASJ, ein Informatiker, ein Kommunikationswissenschaftler und zwei Sozialarbeiter, entdeckten ihr unternehmerisches Geschick als Pfadfinder. Zur Finanzierung von Jugendfreizeiten sammelten sie Pferdeäpfel, verpackten sie in Tüten und verkauften sie an Hobbygärtner. Die Nachfrage erhöhte sich, und die Jugendlichen betrieben einen Stand vor einem Fachmarkt für Gartenbau. Da sie die hohe Nachfrage nicht mehr decken konnten, mußten sie das lukrative Gewerbe an leistungsstärkere Marktteilnehmer abtreten. Ein Beispiel des Scheiterns durch Erfolg. Die jungen Unternehmer gaben nicht auf, sondern suchten sich die nächste Nische, zunächst ein Kompost-Atelier, ein Leder-Atelier und ein Computer-Atelier. Zur Vermarktung wurden Kooperativen gegründet. ASJ entwickelte seit 1986 mit dem Ziel der Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit ein Spektrum von Unternehmen und Projekten, die sich am Bedarf des Nahraums und an den Potentialen seiner jungen Menschen orientieren und die in Bezug auf Konzeption, Arbeitsorganisation, Tätigkeitsfelder und Ausbildungsqualität modellhaft sind.59 

ASJ definiert sich als Unternehmen der Économie Solidaire und kombiniert in beispielhafter Weise profitable und ökosoziale Bereiche. Durch unmittelbare Reinvestition und interne Subventionierung wurden soziale, kulturelle und ökologische Aufgaben übernommen. Zur Zeit hat ASJ ca. 100 benachteiligte Jugendliche und junge Erwachsene unter Vertrag.60  Der Eigenfinanzierungsanteil aller Bereiche, also einschließlich der sozialen, ökologischen und kulturellen Aufgabenbereiche, beträgt 75 Prozent (nur acht Prozent sind direkte nationale, und 17 Prozent europäische Mittel). Das Jugendwohnheim wird ohne öffentliche Zuschüsse von ASJ getragen. Zur sozialen Begleitung der Qualifikations- und Beschäftigungsprogramme gibt es einen Sozialdienst. Neben meist bi- oder multilateral angelegten befristeten Projekten aus EU-Mitteln gibt es ständige Ausbildungs- und Beschäftigungsbereiche. Ausbildungen sind möglich in drei zukunftsfähigen Beschäftigungssektoren, für die Berufsbilder erarbeitet wurden: Traditionelle Ausbildungsberufe im Handwerk, neue Umweltberufe und Informatikberufe. Ein interaktives Multimedienprodukt zur Berufsorientierung wurde von ASJ entwickelt und jüngst von der EU ausgezeichnet.

ASJ ist vernetzt mit Gewerkschaften, Verwaltungen, Schulen und Unternehmen ebenso wie mit Ministerien und sozialen Bewegungen. Aus der Zusammenarbeit mit den örtlichen Unternehmen und in ständiger Kooperation mit ihnen wurden sowohl Beschäftigungsfelder als auch Ausbildungsgänge gestaltet. Seit 1993 ist ASJ durch die Handwerkskammer als Ausbildungsinstitution anerkannt. ASJ hat ein Unternehmernetzwerk im sozialen Nahraum aufgebaut, kooperiert mit diesen Unternehmen zur Arbeitsmarktintegration seiner AbsolventInnen und übernimmt für die Betriebe Ausbildungsleistungen. Darüber hinaus bestehen Vertragsverhältnisse mit zwölf Gemeinden, für die ASJ gemeinnützige Arbeiten übernimmt. Ein eigenes Consult-Unternehmen erarbeitet Marktanalysen für den Sektor solidarischer Ökonomie, berät kleine Unternehmen, entwickelt alternative Arbeitsmarktstrategien und umweltverträgliche Produktionsmethoden. Die „Forschungszelle" erarbeitet Studien zu relevanten sozialen, politischen und ökologischen Fragestellungen. In Zusammenarbeit mit dem unabhängigen luxemburgischen Gewerkschaftsverband wurde eine Studie mit probaten Empfehlungen zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit veröffentlicht und ein intensiver Konsultationsprozeß für einen „Territorialpakt für Arbeit" in Gang gesetzt. Der Territorialpakt wurde 1997 von der EU Kommission als modellhaft anerkannt und gefördert. Das Centre d’initiative sectoriel und das Centre d’initiative locale sind Koordinationsstellen für die Erledigung vielfältiger lokaler Tätigkeiten, die von der Anlage und Pflege eines Biotops und seiner didaktischen Nutzung für Gruppen des Nahraums über Kurse im Handwerk und Kunsthandwerk, die Übernahme von Aufgaben der Autobahnmeisterei bis hin zum Angebot von Buchhaltungs- und Sekretariatsarbeiten reicht. Nicht zuletzt unterhält ASJ mit seiner attraktiven Mühle, die in Eigenarbeit restauriert wurde, ein einladendes Restaurant und ein angenehmes Tagungszentrum. Diese Infrastruktur stellt für die Weiterentwicklung des Unternehmens und des lokalen Nahraums den geeigneten Kommunikationsort dar.

Das Beispiel zeigt, was möglich wäre, wenn Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramme eigenständige Entwicklungen vollziehen dürften und nicht nur als Zirkulationshilfe für einen imaginären Arbeitsmarkt mißbraucht würden. Möglicherweise ist ein solches Beispiel auch nur in einem so kleinen Land wie Luxemburg möglich, wo Kooperationen und politischer Wille auf allen gesellschaftlichen Ebenen unmittelbar wirksam werden können. Dies wäre jedoch ein Argument für eigenständige, politisch geförderte, regionale Lösungen, die eine neue Qualität und eine bedeutende innovative Kraft entfalten können. Die Unabhängigkeit von ASJ durch einen ungewöhnlich hohen Anteil der Eigenfinanzierung ist der beste Garant einer konsequenten Verfolgung der handlungsleitenden Philosophie und die günstigste Ausgangssituation als Verhandlungs- und Kooperationspartner gegenüber allen anderen Akteuren. Diese Unabhängigkeit beruht auf gemeinwirtschaftlichen Investitions- und Entwicklungsformen und der Kombination rentabler Tätigkeiten und gemeinwohlorientierter Aufgaben.

Das Beispiel rückt vor allen anderen Erfolgsfaktoren die handelnden Personen in den Mittelpunkt. Die neue Ökonomie braucht neue ManagerInnen, die ihre Aufgabe nicht mit dem Ziel der Sicherung der „Shareholder values", sondern in Verantwortung gegenüber dem Gemeinwohl versehen. Sie braucht neue UnternehmerInnen, die vernetzt und in neuen Kombinationen denken und handeln. Gerade dies spricht für den Zusammenschluß von Akteurinnen und Akteuren zu Kooperativen, die phantasievoll und in ständiger Anpassung an sich verändernde Gegebenheiten agieren können.

Am Beispiel ASJ lassen sich verschiedene neue Kombinationen benennen, die zu hohen Anteilen dem unternehmerischen Potential seiner Akteure zuzuschreiben sind: Die Unternehmensgruppe verbindet ökonomische, soziale, kulturelle und ökologische Zielsetzungen. Durch das gleichzeitige Agieren in diesen Tätigkeitsfeldern werden umfassende Synergien erzeugt. ASJ erzielt durch sein Handeln auf lokaler Ebene in regionaler, nationaler und europäischer Einbindung Durchlässigkeit zwischen den Ebenen und die Vermittlung des Entwicklungsbedarfs von unten nach oben. Durch Kooperation und Partnerschaft mit Wirtschaft, Politik, Bildungs- und Sozialbereich sowie mit Initiativen und sozialen Bewegungen werden vollkommen neue Lösungskombinationen vor Ort möglich. Durch die Kombination dauerhafter Tätigkeitsbereiche und projektorientierter Aufgaben wird organisations- und tätigkeitsbezogen eine Verknüpfung von Bestandssicherung und Innovation erzielt. Bemerkenswert ist auch die Kombination von high-tech und low-tech Tätigkeitsfeldern. Dabei dient die Nutzung der Technologien ausschließlich ökologischen, sozialen und kulturellen Zielen.

Die modellhaften Formen systematischer Konzeption, Realisierung und Dokumentation sichern Wirkungskontrolle und Wissenstransfer. Herausragend ist die konsequente solidarökonomische Selbstverpflichtung der Akteure und die Kombination rentabler und nicht rentabler Bereiche. Profitable Arbeitsbereiche werden nicht ausgegründet, sondern die Gewinne werden zur Erschließung weiterer Tätigkeiten im Sinne des Sachzieles verwendet.

6.2 Die Genossenschaft am Beutelweg als Entwicklungskern in einem benachteiligten Stadtteils

„We are builders of communities not builders within a community".61 

Als Bestandteil und Konsequenz langjähriger Gemeinwesenarbeit in einem sozial benachteiligten Stadtteil Triers läßt sich die „Genossenschaft am Beutelweg e.G." bezeichnen. Dieses Gemeinwesenunternehmen ging aus der sozialkulturellen Arbeit des Bürgerhauses Trier-Nord hervor und ist eingebettet in ein Netz von Stadtteilgruppen, Initiativen Organisationen und Einrichtungen. Dies ist entscheidend, denn die Gründung eines Unternehmens dieser Größe auf Initiative von AkteurInnen der Gemeinwesenarbeit war nicht Bestandteil des Auftrages, sondern die logische Konsequenz der Probleme im Stadtteil. Es spricht vieles dafür, daß nur ein selbstverwaltetes Stadtteilzentrum wie das Bürgerhaus die konsequente Form eines gemeinwirtschaftlichen und basisdemokratischen Unternehmens im Besitz der BewohnerInnen ermöglichte, da weder Trägerinteressen eine solche Form verhinderten, noch Trägerhierarchien die massiven Auftragsüberschreitungen sanktionierten. Über den speziellen Fall hinaus ist dies von Bedeutung, denn die sozialpolitische Trägerlandschaft in Deutschland macht solche Beispiele zu Ausnahmen. Die 1991 gegründete Wohnungsgenossenschaft im Eigentum der BewohnerInnen könnte eine Vorreiterrolle als sozialverträgliches und beschäftigungswirksames Modell für Wohngebiete darstellen, in denen die unkontrollierte Privatisierung öffentlicher Liegenschaften droht.62 

Für den Stadtteil Trier-Nord hat die Genossenschaft am Beutelweg mit ihren derzeit ca. 140 Wohneinheiten sowie das 1995 gegründete Tochterunternehmen HVS (Hausverwaltungs- und Sanierungs GmbH) die Funktion eines relativ stabilen Kerns für die weitgehend eigenständige Entwicklung der Gemeinwesenökonomie in einem benachteiligten Wohngebiet. Die Beschäftigungssituation in der ohnehin strukturschwachen Grenzregion hat sich seit der Gründung der Genossenschaft vor allem für die schlecht qualifizierten und langfristig ausgegrenzten Menschen des Stadtteils weiter verschlechtert.

Die Gründung war angesichts der kumulierenden Probleme im Wohngebiet die einzig denkbare Lösung. Ein großer Anteil der BewohnerInnen war erwerbslos bzw. in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Viele Familien bezogen seit Generationen Sozialhilfe. Die Wohngebäude und das Umfeld der überwiegend öffentlichen Liegenschaften waren aufgrund jahrzehntelanger Desinvestition in einem verkommenen und zum Teil unbewohnbaren Zustand. Seit Jahren engagierten sich Bewohnerinnen und Bewohner mit Unterstützung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bürgerhauses Trier-Nord für eine Verbesserung ihrer Wohnsituation.

Das Gerücht, daß diese Gebäude privatisiert werden sollten, erhärteten sich 1989. Die BewohnerInnen und die Gebäude wurden für die Eigentümergesellschaft mit Sitz in Bonn zunehmend zur Last. Die BewohnerInnen verlangten Aufklärung und erzwangen das Zugeständnis, daß ein Verkauf der Häuser zustimmungspflichtig sei. In Zusammenarbeit mit den MitarbeiterInnen des Bürgerhauses und einer Gruppe politisch, bürgerschaftlich, wissenschaftlich und kirchlich engagierter und einflußreicher Frauen und Männer aus dem Nutzerkreis des Bürgerhauses bildete sich eine Initiative zur sozialverträglichen Lösung für den Beutelweg. Die Entscheidung, eine Genossenschaft zu gründen, die Häuser zu kaufen und mit den BewohnerInnen durch die Schaffung tariflich entlohnter Arbeitsplätze zu sanieren und selbst zu bewirtschaften, wurde getroffen, als keines der kaufwilligen Unternehmen sich bereit erklärte, die Übernahme und Verwertung der Häuser bewohnerInnenorientiert und beschäftigungswirksam zu gestalten. Mit Hilfe eines überzeugenden Konzeptes zur dauerhaften Sicherung bezahlbaren Wohnraums und zur integrativen Sanierung nach Prioritäten sozialer Verträglichkeit, durch zähe Verhandlungen und intensive Überzeugungsarbeit gelang das scheinbar utopische Vorhaben. BewohnerInnen eines „sozialen Brennpunktes" übernehmen ihre Wohnungen in Form genossenschaftlichen Eigentums, sichern sich und ihren Kindern lebenslanges Wohnrecht in bezahlbarem Wohnraum und schaffen Optionen für Eigen- und Erwerbsarbeit durch die Sanierung und Bewirtschaftung der Gebäude und des Umfeldes. Dies freilich wäre nicht möglich gewesen ohne die aktive Unterstützung sowohl des Bundes, der der neuen Genossenschaft mit dem Kaufpreis für die Liegenschaften entgegen kam, des Landes Rheinland-Pfalz, welches die Sanierung im Rahmen des sozialen Wohnungsbaues fördert sowie der Stadt Trier, die eine Bürgschaft über den Kaufpreis sowie die Kosten für die Projektberatung und die sozialpädagogische BewohnerInnenarbeit für die besonders schwierige Phase der Sanierung trägt.

Der Kauf und die Übernahme in genossenschaftliches Eigentum ist nur der erste Schritt einer hoch komplexen Unternehmensgründung und -tätigkeit. Höchst anspruchsvoll, schwierig und langfristig sind vor allem die mit dem Sanierungsprozeß verbundenen Koordinationsanforderungen. Ohne grundlegende Sanierung jedoch wäre eine Übernahme der Gebäude nur wenig sinnvoll gewesen, da sich weder an der Wohn- noch an der Beschäftigungssituation etwas geändert hätte. Als besonders glücklicher „Zufall" erwies sich der mit der Gründung der Genossenschaft zeitgleich bewilligte umfangreiche Zuschuß aus dem Europäischen Sozialfonds, der es ermöglichte, eine erste Gruppe sozialhilfeberechtigter Bewohnerinnen und Bewohner in tariflich bezahlte, befristete Arbeitsverhältnisse zu integrieren und unter Wertschöpfungseffekten in ihrem eigenen Wohnbereich zu qualifizieren. Mit dem Ziel der Schaffung von Dauerarbeitsplätzen und der Stärkung des gemeinwesenorientierten Wirtschaftskreislaufes und auch der Wertschöpfung außerhalb des Stadtteils, wurde 1995 das Tochterunternehmen HVS (Hausverwaltungs- und Sanierungs GmbH) gegründet. In den Schlüsselbereichen des Bau- und Baunebengewerbes konnten 30 Dauerarbeitsplätze und Ausbildungsangebote im Stadtteil geschaffen werden. Aus dem Zusammenhang der Genossenschaft und des Tochterunternehmens sind weitere sinnvolle Unternehmensgründungen entstanden, denkbar oder werden zur Zeit konzipiert. So beispielsweise im Bereich der beteiligungsorientierten Verwaltung der umliegenden städtischen Liegenschaften oder des Baurecyclings, des Verkaufs gebrauchter Bauteile, einer Stadtteilwerkstatt etc. Dies braucht Zeit und die richtigen Leute. In Zusammenhang mit der Genossenschaftsentwicklung steht die Realisierung einer eigenen Kindertagesstätte und eines Dienstleistungs- und Versorgungsunternehmens, in dem überwiegend Frauen des Wohngebietes tätig sind. Die Tätigkeitsbereiche reagieren auf den Bedarf der Unternehmen und Einrichtungen im Gemeinwesenverbund und auf die Bedürfnisse bestimmter Zielgruppen im Stadtteil. Geboten werden unter anderem: Familienentlastungsdienste, hauswirtschaftliche und pflegerische Leistungen, Bewirtung für die eigene Kindertagesstätte und für den Kreis älterer Menschen usw.

Die Genossenschaft am Beutelweg ist eine reine Sozialgenossenschaft, muß aber, da es keine entsprechenden Vergünstigungen gibt, im Markt bestehen. Dabei erweist sich als das größte Problem, daß Wohnungsgenossenschaften in Deutschland eine Mindesgröße haben müssen, um überleben zu können. Denn alleine die Zwangsmitgliedschaft in den monopolistisch agierenden Prüfverbänden und die jährlichen verpflichtenden Prüfungen verschlingen maßgebliche Anteile des für die reine Aufrechterhaltung notwendigen Ertrags. Mangelndes Kapital kann nur durch Arbeit kompensiert werden, und auch hier gerät ein kleines Unternehmen, welches mit langfristig dequalifizierten Menschen arbeitet an seine Grenzen. Die dünne, um nicht zu sagen fadenscheinige Finanzdecke der Genossenschaft und die damit einhergehende äußerst dünne Personaldecke (eine hauptamtliche Kraft) für die Koordination des außergewöhnlich regen Geschäftsbetriebs, Rechnungswesen, Planung und Kontrolle der Wohnungsbewirtschaftung wirkt sich auf alle Beteiligten belastend aus. Der hohe Komplexitätsgrad der Geschäftsvorgänge, die Ungleichzeitigkeiten der Entwicklungsphasen, die Anzahl und Unterschiedlichkeit beteiligter AkteurInnen, die Unternehmensteile, Gremien und Interessen erfordern intensive Absprachen und Verantwortlichkeitsklärungen. Das Sanierungsvorhaben in den ehemaligen Kasernengebäuden ist langjährig, anspruchsvoll, schwierig und kostenintensiv. Die zu erbringende Eigenleistung muß Schritt halten, ihre finanzielle Grundlage durch unterschiedliche Förderprogramme dauernd gesichert werden. Die Darstellung der Schwierigkeiten hat keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Auch die mit einer so massiven Veränderung verbundenen sozialen Folgen müssen bearbeitet werden. Durch die Investition in einen Bereich des sozialen Brennpunktes entsteht beispielsweise ein neues soziales Gefälle zwischen den BewohnerInnen sanierter und noch nicht sanierter Wohnungen und gegenüber den städtischen Liegenschaften und ihrem Umfeld. Auch der nötige Perspektivenwechsel als Genossenschaftsmitglied muß von einigen BewohnerInnen noch vollzogen werden. Mitunter muß auch das Erreichte gewürdigt werden, denn die Mißerfolgserfahrungen, von denen Menschen in benachteiligten Wohngebieten dauerhaft geprägt wurden, lassen sich nicht in wenigen Jahren umkehren.

Das Beispiel der Genossenschaft am Beutelweg und anderer Gemeinwesenunternehmen des Stadtteils wurden konzipiert unter dem konkreten Problemdruck, dem Bedarf und den spezifischen Optionen des Gemeinwesens. Die AkteurInnen der Projekte hatten die Entwicklungsarbeit auf allen Ebenen zu leisten. Das Projekt agiert nicht wie Projekte in Hessen oder Nordrhein-Westfalen in einer abgestimmten Förderlandschaft und einer politischen Programmatik für benachteiligte Wohngebiete, sondern ist ein Unikat und deshalb auch angreifbar durch sozialpolitische AkteurInnen, die durchaus mit Recht politische statt Einzellösungen fordern. Die komplexen Aufgaben der Initiierung und der Koordination des Zusammenspiels von Personen, Organisationen, Ressourcen und Fördermitteln sind ungeheuer zeitaufwendig und verschleißend. Sie gehen einher mit Selbstausbeutung und Überforderung. Das Maß ehrenamtlicher Arbeit und ihre qualitativen Anforderungen sind so hoch, daß eine Übertragbarkeit unter den gegebenen Bedingungen fraglich erscheint. Dies wäre unter fördernden Rahmenbedingungen für selbstverpflichtete Sozialgenossenschaften in einem eigenständigen Sektor deutlich anders. Im konkreten Fall hat das Projekt sich über seinen kooperativen Entwicklungsprozeß die Voraussetzungen seines Bestandes selbst geschaffen. Generalisierbar ist, daß die genaue Kenntnis des Gemeinwesens und seiner Potentiale, die Bereitschaft der BewohnerInnen und ein tragfähiges horizontales und vertikales Netz Bedingungen sind, die für die Entwicklung von Gemeinwesenökonomien unverzichtbar sind.

6.3 Die italienische Genossenschaftsbewegung

Auf der Suche nach Handlungsstrategien gegen Arbeitslosigkeit, Armut und Probleme der sozialen Versorgung griffen insbesondere südeuropäische Länder die Organisationsform der sozialen Kooperativen auf.63  Die Entfaltung der Sozialgenossenschaften in Italien erfolgte im Rahmen einer starken Kooperativbewegung. Selbstverwaltung als wirtschaftskultureller Anspruch hat in Italien einen hohen Stellenwert. Genossenschaften in Italien sind im Vergleich zu deutschen Genossenschaften klein und lokal orientiert. Die Wachstumsdynamik seit den 70er Jahren ist ungebrochen. Im Zeitraum zwischen 1980 und 1990 verzeichnete Italien einen Zuwachs an Produktivgenossenschaften um 109 Prozent (von 17 880 auf 37 339).64  1988 gab es in Italien ca. 150.000 Primärgenossenschaften. Das sind fast zwanzig Mal so viele wie in der alten Bundesrepublik.65  In der Region Emilia Romagna konzentriert sich die größte genossenschaftliche Produktion in der Welt. Mitte der 80er Jahre arbeitete hier die Hälfte der erwerbstätigen Menschen in Kooperativen. Dabei ist die gesamte Bandbreite ökonomischer Tätigkeit genossenschaftlich organisiert.66  Das sprunghafte Wachstum ist auch darauf zurück zu führen, daß neue Akteurinnen und Akteure sich genossenschaftlich organisieren, neue Tätigkeitsfelder erschließen und neue Bedarfe decken. Es entstehen Gemeinschaftspraxen freier Berufe, neue Dienstleistungsagenturen, Softwarehäuser, Freizeit- Bildungs- und Kultureinrichtungen. Modellhaft sind die Förder-, Entlastungs- und Vernetzungsstrukturen auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene. Die Gesetzgebung vollzog seit dem Ende des letzten Jahrhunderts eine permanente Anpassung an den gesellschaftlichen Entwicklungsbedarf.

Die Bereitschaft zur aktiven staatlichen Förderung genossenschaftlicher Lösungen hängt auch damit zusammen, daß der Staat kostenträchtige Versorgungssysteme abstoßen und im Zuge der Subsidiarität die Aufgaben kleineren Einheiten kostensparend überlassen kann. Die Bereitschaft und Fähigkeit zur Arbeit in Kooperativen ist nicht zuletzt eine Frage der offensiv demokratischen Mentalität und Streitkultur.67  Die italienische Gesellschaft ist in ausgeprägter Weise skeptisch gegenüber offiziellen staatlichen Mächten und hat die informellen Strukturen und die dazu gehörenden Mentalitäten und Kompetenzen reißfest ausbilden müssen.

Die feudalistischen Strukturen in der Landwirtschaft bis in die 40er Jahre dieses Jahrhunderts erzeugten in Italien als Gegenbewegung seit Beginn des 20. Jahrhunderts starke Organisationsformen der abhängigen Landarbeiter (braccianti). Die gewerbliche Produktion wurde über lange Zeiträume in Handwerksbuden und kleinen genossenschaftlichen Unternehmen organisiert. Bereits 1886 wurde die „rote LEGA", der nationale Bund der Kooperativen und Unterstützungseinrichtungen, gegründet und 1919 die christliche Konföderation der italienischen Genossenschaften. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde unter der Mitte-Links-Regierung die erste genossenschaftsfreundliche Gesetzgebung geschaffen. In der Verfassung von 1947 wurde die Unterstützung genossenschaftlicher Wirtschaft durch den Staat festgeschrieben. In Artikel 45 heißt es: „Die Republik anerkennt die gesellschaftliche Funktion der Genossenschaft mit Selbsthilfecharakter und ohne die Zielsetzung des privaten Gewinnstrebens. Das Gesetz fördert sie und begünstigt ihr Wachstum mit den dafür geeigneten Mitteln und garantiert ihren Charakter und ihre Zielsetzungen durch entsprechende Kontrollen."68  Dieser Verfassungsartikel wurde 1971 im Gesetz Nr. 127 präzisiert: Dem Ministerium für Arbeit und Sozialfürsorge obliegt es danach, „Initiativen zu ergreifen, um die Entwicklung des Genossenschaftswesens, die Verbreitung seiner Prinzipien und die berufliche Qualifizierung der genossenschaftlichen Führungskräfte zu fördern."69  Im Bürgerlichen Gesetzbuch wird das Förderprinzip als Spezifikum der Genossenschaften genannt. Genossenschaften haben danach ihre Mitglieder zu günstigen Bedingungen mit Gütern, Dienstleistungen bzw. Arbeitsmöglichkeiten zu versorgen. Seit 1977 gibt es als Mittel zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit ein spezielles Gesetz zur Förderung von Jugendgenossenschaften.70  1991 wurde das Gesetz zur Regelung der Sozialen Kooperativen erlassen. Damit werden Sozialgenossenschaften – „cooperative sociali" als eigene Unternehmensformen anerkannt. Zwei weitere gesetzliche Anpassungen, die die Kooperativengründung fördern, folgten 1995. Danach ist es erstens bereits fünf (statt bisher neun) Personen möglich, eine Kooperative zu gründen und die kollektive Leitung (ohne Wahl eines Vorsitzenden) wurde erlaubt. Diese gesetzlichen Rahmenbedingungen sind handfeste Ergebnisse der gesellschaftlichen Akzeptanz von Kooperativen und dem politischen Willen zu ihrer Förderung. In Italien wird der Genossenschaftssektor durch eine breite Akzeptanz gesellschaftlicher Kräfte getragen, die aus einer historisch begründeten Kooperation zwischen Gewerkschaftsbewegungen und Genossenschaftsverbänden hervorging und durch die Interessenkohärenz von Arbeiterbewegung und liberalem Staat getragen ist. Diese Akzeptanz und die aktive staatliche Förderung haben eine politische Kultur genossenschaftlicher Lösungen zur Entfaltung gebracht. Die soziopolitische Einbindung des Genossenschaftssektors und das gemeinwirtschaftliche Verständnis unterscheiden sich deutlich von der deutschen Tradition und Entwicklung. Seit Erlaß des Gesetzes zur Regelung der Sozialgenossenschaften im Jahr 199171  sind viele Kooperativen entstanden, die auf lokaler Ebene die Teilbereiche sozialer Dienste übernehmen, die von öffentlichen Stellen in subsidiäre Trägerschaften abgegeben werden und die die neuen Bedarfe des Gemeinwesens aufgreifen, die aufgrund soziodemographischer Veränderungen in Städten und auf dem Land entstehen. Sie unterscheiden sich nach ihren Zielen in den Typ A (Dienstleistungen in den Bereichen Erziehung und Gesundheit) und Typ B (berufliche Eingliederung von Personen mit Schwierigkeiten).72  Die Sozialgenossenschaften vom Typ B arbeiten in der Landwirtschaft, im Handwerk, in der Industrie und im Handel. Als Personen mit Schwierigkeiten gelten Erwachsene aus Randgruppen, Behinderte, psychisch Kranke, Minderjährige aus Problemfamilien, Drogenabhängige, Straffällige im alternativen Strafvollzug und andere. Fast 65 Prozent der Genossenschaftsmitglieder sind jünger als 30 Jahre. Es sind überwiegend Kleinunternehmen. Um in den Genuß von Steuerermäßigungen oder -erlässen und Subventionen zu kommen, müssen mindestens 30 Prozent der Arbeitskräfte behindert oder benachteiligt sein. Diese sind auch von den obligatorischen Sozialabgaben befreit. Parallel zu den Sozialgenossenschaften gibt es Genossenschaften, die auf ökologische Aufgaben ausgerichtet sind. Die Sozialgenossenschaften sind Mitglieder in einem der beiden Dachverbände des italienischen Genossenschaftswesens. Sie sind auf regionaler Ebene als selbständige Einzelgenossenschaften in engen Verbundsystemen zusammengeschlossen. Diese regionalen Konsortien mit ihren intensiven wirtschaftlichen politischen Aktivitäten bilden die Bezugspunkte, das Netz, die Infrastruktur und die Lobby der Genossenschaften. Die regionalen Konsortien haben die zentrale Aufgabe, Aufträge zu akquirieren und die Erledigung durch Kooperation zwischen den Einzelgenossenschaften zu koordinieren. So sind beispielsweise die zwölf  Sozialgenossenschaften, die in der Provinz Brescia in der Landschaftspflege tätig sind, innerhalb ihres Konsortiums miteinander in „Sol.Co. Verde" vernetzt. Auftragssicherheit wird dadurch gewährleistet, daß ein hoher Prozentsatz öffentlicher Aufträge an die Konsortien vergeben werden. Die regionalen Konsortien sind zusammengeschlossen im Consortio Nazionale della Cooperazione di Solidarietà Sociale „Gino Mattarelli". Es ist für die regionalen Konsortien tätig in den Bereichen Aus- und Weiterbildung für das Genossenschaftswesen, Consulting, Forschung und Publikation und für „general contracting" beispielsweise für Vertragsabschlüsse mit den Sozialversicherungsträgern.

7. Gemeinwesenökonomie als eigenständiger Sektor einer europäischen Économie Solidaire

Gemeinwesenökonomie ist als gemeinwirtschaftlicher und genossenschaftlich organisierter Sektor zu denken. Gemeinwirtschaftliche Unternehmen unterscheiden sich von privatwirtschaftlichen grundsätzlich nicht in den Fragen von Gewinnerzielung und Gewinnverzicht, sondern in der Gewinnverwendung. Sie verwenden Gewinne zur Verfolgung gemeinwohlorientierter Zielsysteme und haben ein erweitertes Verständnis von Solidarität, das über die Förderung der Mitglieder hinausgeht. Mit der Wiederkehr der sozialen Frage und der Infragestellung von Bedarfsdeckung kommt der Gemeinwirtschaft wieder ihre ursprüngliche Bedeutung als antikapitalistischer, bedarfswirtschaflicher Reformansatz zu.

Folgende Kriterien zeichnen gemeinwirtschaftliche Genossenschaften aus:

  1. Gewinnverzicht oder eine andere Form der Gewinnverwendung als in privatwirtschaftlichen Unternehmen;
  2. Bedarfswirtschaftlichkeit bzw. optimale Bedarfsdeckung;
  3. demokratische Organisationsstruktur;
  4. gesamtwirtschaftliche Zielsetzungen;
  5. Zusammenschluß zur Unterstützung von sozial oder wirtschaftlich gefährdeten Gruppen;
  6. Hilfe zur Selbsthilfe durch Eigenverantwortung und Selbstverwaltung;
  7. Entwicklung von Gemeinschaftsgeist und Solidarität.73 

Die Geschichte gemeinwirtschaftlicher Erfolge zeichnet sich durch die Schaffung stabiler vertikaler Verbundsysteme und innergemeinwirtschaftlicher Kreisläufe aus.74  Dies ermöglicht die teilweise Ausschaltung des Marktes, Stärke im Abwehrkampf gegen den dominanten Gegner, die Ausschaltung funktionsloser Gewinne, die Kombination sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Aufgaben etc. Gemeinwirtschaft ist politisierte Ökonomie. Wesentlicher Faktor ist die Selbstverpflichtung zum gemeinwohlorientierten Handeln. Wo die gemeinsame politische Kultur verfällt, setzen sich die Normen der privatwirtschaftlichen Umgebung durch. Rubin formuliert die Frage: „Are we just dividing up the pie a little different? Or are we participating in some way, in some measure in a fundamental change that really calls into question the ways that decisions are made, the way control is exercised, the way ressources are allocated. We look carefully at what we do to see if we are doing the latter or not. And, because if we are just doing the former, maybe we are just helping this lousy system work a little bit easier."75 

Die Auseinandersetzung mit der Verortung von Genossenschaften in einem europäischen Sektor der Économie Solidaire ist in Deutschland überfällig. Für gemeinwirtschaftliche Genossenschaften müßten unter den restriktiven und behindernden Strukturen in Deutschland fördernde Rahmenbedingungen geschaffen werden. Burghard Flieger schlägt unter anderem folgende vor:76 

  1. Die Öffnung für Selbsthilfe ökonomisch Ausgegrenzter, wie in der Entstehungsgeschichte der Genossenschaften.
  2. Die Übernahme der Kosten für eine betreuende Gründungsprüfung durch staatliche Stellen.
  3. Erleichterungen für gemeinnützige Genossenschaften bei Steuern, Abschreibungen, Auftragsvergaben etc. entsprechend der Selbstverpflichtung zu gemeinwohlorientierten Aufgaben.
  4. Unterstützungsmöglichkeiten für sozialpolitisch agierende Genossenschaften.
  5. Ermöglichung der fördernden Mitgliedschaft und Anerkennung ihrer Abzugsfähigkeit.

Die Philosophie der Économie Solidaire oder Économie Sociale ist in Deutschland im Unterschied zu anderen europäischen Ländern weitgehend unbekannt. Économie Sociale ist kein festgeschriebenes Konzept, sondern eine Denkweise. „Als eine sozio-ökonomische Reformbewegung sieht sich die Économie Sociale als dritten Weg zwischen zügellosem Kapitalismus und bürokratischem Sozialismus, mit dem Ziel, Antworten auf die wirtschaftlichen und geistigen Fragen der modernen Menschen zu finden, für die weder die herkömmlichen kommerziellen Unternehmen noch der Staat Lösungen bieten"77.  Dem Bereich werden Unternehmen zugeordnet, „in denen Förderungsleistungen den Vorrang vor Gewinnerzielung haben, die soziale Überlegungen in das Wirtschaftsleben einführen und die sich der Herausforderung stellen, Bedürfnisse zu befriedigen, die weder von den herkömmlichen kommerziellen Unternehmen noch vom Staat gedeckt werden"78.  Économie Sociale setzt auf Solidarität, lehnt persönliche Profitmaximierung ab und zielt auf die Verbesserung menschlicher Lebensverhältnisse durch demokratische Unternehmensführung, die Abstimmung von Interessen, die Ausbildung von Menschen im Sinne der Förderung von Solidarität und Kooperation und auf die Priorität sozio-politischer gegenüber wirtschaftlichen Ziele. In der europäischen Diskussion wird der Genossenschaftssektor ebenso wie Selbsthilfeeinrichtungen, gemeinnützige Vereine und Vereinigungen auf Gegenseitigkeit dem Sektor der Économie Sociale zugeordnet. „Wichtiger Bestandteil der Économie Sociale ist der Genossenschaftssektor, der die wirtschaftlich größte Bedeutung hat und in dem die Merkmale der Économie Sociale als Normen und Prinzipien des Handelns entwickelt sind."79  Das wachsende Interesse an den Problemlösungspotentialen des Sektors auf europäischer Ebene ist im Kontext der skizzierten Krise und der These von Klaus Novy, wonach die Entstehung von Selbsthilfe durch das Schwinden von markt- und wohlfahrtsstaatlich vermittelten Alternativen begünstigt wird, plausibel.

Anmerkungen

1 Forrester, Viviane: Der Terror der Ökonomie, Wien 1997.
2 Martin, Hans-Peter / Schumann, Harald: Die Globalisierungsfalle, Reinbek 1996, S. 12.
3 Siebel, Walter: Armut oder Ausgrenzung? In: Leviathan, Heft 1/1997, S. 74.
4 Jahoda, Marie: Die Arbeitslosen von Marienthal, Leipzig 1933.
5 Forrester, Viviane: a.a.O.
6 Vergleiche: Wacquant, Loic J. D.: Armut und Unterklasse. In: Leviathan Heft 1 1997.
7 Vergleiche: Séguin, Philippe: En attend l‘emploi. Paris 1996.
8 Vergleiche: Polanyi, Karl: The Great Transformation. 3. Auflage Frankfurt am Main 1995.
9 Daniel Vasella, Chef des Novartis-Konzerns in: Baseler Zeitung vom 19.3.1997.
10 Frankfurter Rundschau vom 28.10.1997.
11 Vergleiche: Ries, Heinz A. / Elsen, Susanne /Steinmetz, Bernd / Homfeldt, Hans-Günter (Hrsg.): Hoffnung Gemeinwesen. Neuwied 1997.
12 Kurz Robert: Was tun, wenn die Lohnarbeit ausgeht? In: Heckmann, Friedrich/Spoo, Eckart (Hrsg.): Wirtschaft von unten, Heilbronn 1997.
13 Passet, René: Die verpaßten Chancen des Immateriellen. In: Le Monde Diplomatique, Juli 1997.
14 Die Gruppe von Lissabon: Grenzen des Wettbewerbs, München, 1997.
15 Derrida, Jacques: Marx Gespenster, Frankfurt am Main 1996, S. 139.
16 Vergleiche: Dangschaft, Jens S.: „Soziale Brennpunkte" – ein ehrlicher Begriff für die bürgerliche Hilflosigkeit. In: Widersprüche, Heft 55, Juni 1995.
17 Frankfurter Sozialbericht. In: Frankfurter Rundschau vom 24.10.1996.
18 Vergleiche: Huster, Ernst Ulrich: Armut in Europa, Opladen 1996.
19 Vergleiche: Wacquant, Loic J. D.: Vom wohltätigen Staat zum strafenden Staat: Über den politischen Umgang mit dem Elend in Amerika. In: Leviathan, 25. Jahrg. Heft 1/1997.
20 Vergleiche: Elsen, Susanne (1998): a.a.O.
21 Wallimann, Isidor: Vor dem Zeitalter der Knappheiten. In: WOZ Nr. 50 vom 16.12.1994.
22 Giddens, Anthony: Konsequenzen der Moderne, Frankfurt am Main 1995.
23 Habermas, Jürgen: Die neue Unübersichtlichkeit, Frankfurt am Main 1985.
24 Stark, Wolfgang: Die Menschen stärken. In: Blätter der Wohlfahrtspflege Heft 2 1993, S. 41f.
25 Schui, Herbert / Ptak, Ralf / Blankenburg, Stephanie u.a.: Wollt Ihr den totalen Markt? München 1997.
26 Häußermann, Hartmut: Armut in der Großstadt – eine neue städtische Unterklasse? In: Leviathan, Heft 1/1997, S. 23.
27 Schmidt-Bleek, Friedrich / Bierter, Willy: Faktor 10. In: Schulte, Dieter (Hrsg.): Arbeit der Zukunft, Köln 1996.
28 Busch-Lüty, Christiane: Ökonomie als Lebenswissenschaft. In: Politische Ökologie, Sonderheft 6, September 1994.
29 Vergleiche: Herlyn, Ulfert / Lakemann, Ulrich /Lettko, Barbara: Armut und Milieu, Basel/Boston/Berlin 1991.
30 Gubitzer, Luise: Geschichte der Selbstverwaltung, München 1989.
31 Vergleiche: Elsen, Susanne: Gemeinwesen als Ort der Existenzsicherung. In: Ries, Heinz A. /Elsen Susanne / Steinmetz, Bernd / Homfeldt, Hans-Günther (Hrsg.): Hoffnung Gemeinwesen, Neuwied 1997.
32 Negt, Oskar: Neuartige Formen von Krieg und Frieden. In: Belitz, Wolfgang: Wege aus der Arbeitslosigkeit, Reinbek 1995.
33 Beck, Ulrich: Die Erfindung des Politischen, Frankfurt am Main 1993.
34z.B. Charta von Aalborg
35 Zum Verständnis von Begrenzungs- und Behinderungsmacht. vgl.: Staub-Bernasconi, Silvia: Systemtheorie, soziale Probleme und Soziale Arbeit, Bern/Stuttgart/Wien, 1995.
36 Raschke, Joachim: Soziale Bewegungen, Frankfurt/New York, 1985.
37 Habermas, Jürgen: Die neue Unübersichtlichkeit, Frankfurt am Main 1985.
38 ebenda.
39 Staub-Bernasconi, Silvia: Soziale Arbeit und Ökologie. In: Staub-Bernasconi, Silvia: Systemtheorie, Soziale Probleme und Soziale Arbeit, Bern/Stuttgart/Wien 1995.
40 Hummel, Konrad: Gemeinwesenorientierung in der Sozialarbeit. In: Blätter der Wohlfahrtspflege Heft 5 1982, S. 104.
41 Wendt, Wolf Rainer: Gemeinwesen fängt beim einzelnen an. In: Mühlfeld, Claus / Oppl, Hubert (Hrsg.): Brennpunkte Sozialer Arbeit, Gemeinwesenarbeit , 2. Aufl. Frankfurt am Main 1986, S. 49.
42 ebenda: S. 57.
43 Passet, René: Die verpaßten Chancen des Immateriellen. In: Le Monde Diplomatique, Juli 1997, S. 10.
44 Addams, Jane: Zwanzig Jahre sozialer Frauenarbeit in Chicago, München 1913.
45 Robertson, James: People-centred Development. In: Schroedter, Elisabeth/Soltwedel-Schäfer, Irene u.a.: Handlungsstrategien gegen Arbeitslosigkeit, Dokumentation zur Fachtagung vom 11.–12. 5. 1995 in Brüssel, Hamburg 1996, S.30.
46 Spehr, Christoph: Die Ökofalle, Wien 1996, S. 220.
47 Kurz, Robert: a.a.O., S. 9.
48 Rifkin, Jeremy: in: Handelsblatt vom 16.10 1997.
49 Europäische Kommission: Lokale Initiativen zur wirtschaftlichen Entwicklung und Beschäftigung, Brüssel, Luxemburg, März 1995.
50 Plastische Beispiele finden sich u.a. bei Martin, Hans-Peter / Schumann, Harald: a.a.O.
51 Mersmann, Arno / Novy,Klaus: Gewerkschaften, Genossenschaften Gemeinwirtschaft, Köln 1991.
52 Beywl,Wolfgang / Flieger,Burghard: Genossenschaften als moderne Arbeitsorganisation, Fernuniversität Hagen 1993, S. 9.
53 Haefner, Klaus: Soziale Einkommensverteilung. In: Frankfurter Rundschau vom 21.9.1996.
54 Arbeitsgruppe alternative Wirtschaftspolitik: Memorandum 97, Köln 1997.
55 Schroedter, Elisabeth / Soltwedel-Schäfer, Irene / Wolf, Firder Otto: Handlungsstrategien gegen Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Ausgrenzung auf regionaler und lokaler Ebene, Hamburg 1996.
56 European Commission: Local Development an Employment Initiatives, Luxembourg, 1995.
57 Die „redlichen Pioniere von Rochdale" (1844) gelten als die Väter der modernen Genossenschaftsbewegung.
58 Die Autorin ist Mitbegründerin und heute Aufsichtsratsvorsitzende der Genossenschaft. Schriftliche Darstellungen: Elsen, Susanne: Gemeinwesen als Ort der Existenzsicherung. In: Ries, Heinz A. / Elsen, Susanne / Steinmetz, Bernd / Homfeldt, Hans-Günther: Hoffnung Gemeinwesen. Neuwied 1997 und Elsen, Susanne: Soziale Arbeit, Gemeinwesenarbeit und Gemeinwesenökonomie im Zeitalter der Globalisierung, Neuwied 1998.
59 Action Sociale Pour Jeunes, ASBL, BP 5027 L–1050 Luxembourg.
60 Action Sociale Pour Jeunes: Statistique 1996.
61 Rubin, Herbert J.: a.a.O., S. 407.
62 Die GründerInneninitiative unter Leitung von Prof. Dr. Heinz A. Ries wurde 1993 mit dem Preis „Wissenschaft im Praxisbezug" der Schader-Stiftung ausgezeichnet.
63 Neben den angegebenen Literaturquellen liegen den Ausführungen Informationen zugrunde, die ich in Gesprächen mit italienischen Vertretern des CECOP (Comité des Cooperatives de production et de Travail Associé), durch Besuche von Genossenschaften in Oberitalien und nicht zuletzt durch mein Leben und Arbeiten in der Emilia erarbeitet habe.
64 Haensch, Dietrich: Soziale und Dienstleistungs-Kooperativen in Italien. In: Heckmann, Friedrich/Spoo, Eckart (Hrsg.): a.a.O., S. 153.
65 Beywl, Wolfgang / Flieger, Burghard: (1993) a.a.O., S. 143.
66 von Randow, Matthias: Genossenschaftsförderung in Italien. In: Jäger, Wieland/Beywl, Wolfgang (Hrsg.): a.a.O.
67 Haensch, Dietrich: Più occupazione con la cooperazione: in: Contraste Nr. 154/155, 13. Jhrg., 1997, S. 13.
68 von Randow, Matthias: a.a.O., In: Jäger, Wieland/Beywl, Wolfgang (Hrsg.): a.a.O., S. 83.
69 Ebenda: S. 87.
70 Beywl, Wolfgang / Flieger, Burghard: (1993), a.a.O., S. 145.
71 Istituto Italiano degli Studi Cooperativi „Luigi Luzzatti": Legge 8 novembre 1991, n. 381 – Disciplina delle cooperative sociali, Roma 1992, S. 18f.
72 Vergleiche: LEADER II magazine, Nr. 10 Winter 1995/96.
73 Vergleiche: Beywl, Wolfgang / Flieger, Burghard: (1993), a.a.O.
74 Vergleiche: Mersmann, Arno / Novy, Klaus: a.a.O.
75 Rubin, Herbert J.: a.a.O., S. 406.
76 Flieger, Burghard: (1993), a.a.O., In: Contraste Nr. 102, 10. Jhrg., März 1993, S. 9.
77 Münkner, Hans-H.: (1995), a.a.O., S. 8.
78 Münkner, Hans-H.: (1995), a.a.O., S. 5.
79 Beywl, Wolfgang / Flieger, Burghard: (1994), a.a.O., S. 193.

 

Der Beitrag ist dem gerade erschienenen Jahrbuch Gemeinwesenarbeit 6 entnommen.
Tilo Klöck (Hg.): Solidarische Ökonomie und Empowerment. Gemeinwesenarbeit Jahrbuch 6. Neu-Ulm: AG SPAK-Bücher, 1998, 312 S. ISBN 3-930830-07-8
Preis 49 DM
htttp://www.leibi.de/spak-buecher

Inhaltsverzeichnis:

Editorial

Tilo Klöck: Solidarische Ökonomie, Empowerment, Gemeinwesenarbeit und das Geschlechterverhältnis.

Isidor Wallimann: Soziale Ökonomie: Existenzsicherung in Krisen und die Grundlage eines nachhaltigen Daseins.

Susanne Elsen: Gemeinwesenökonomie und Gemeinwesenarbeit im Zeitalter der Globalisierung.

Rolf Schwendter: Alternative Ökonomie und Gemeinwesenarbeit. – 32 Thesen

Ricarda Buch: Durch Zeitbörsen zum Entgelt für unbezahlte Frauenarbeit

Burghard Flieger: Sozialgenossenschaften: Neue Kooperativen zur Lösung gemeindenaher Aufgaben.

Heinz Schulze: Educación popular, Gemeinwesenarbeit und ökonomische Aspekte. Pädagogik der Hoffnung in einer Welt voller Widersprüche.

Anette Dittrich: Entwicklung und Erfahrungen mit lokalen Arbeits- und Beschäftigungsprojekten im Kontext von Gemeinwesenarbeit in Hessen.

Monika Alisch: Soziale Stadtentwicklung durch Stadtteilmanagement. Das Hamburger Rahmenkonzept für benachteiligte Quartiere.

Hans-Georg Rennert: Förderung von ökonomischer Selbsthilfe und lokaler Entwicklung am Beispiel des Kommunalen Forums in Berlin- Wedding.

Maria Icking: Weiterbildung und Qualifizierung in Projekten der Gemeinwesenökonomie.

Andrea Höhn: Wege zur Realisierung ökonomischer Selbsthilfe in Armutsquartieren. Ein praxisorientiertes Bildungskonzept.

Dieter von Kietzel: Das Hamburger Volksheim zwischen Settlement und Arbeiterbewegung: Über die Vermeidung von Solidarökonomie in sozialkultureller Arbeit.

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