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Jürgen Hoffmann: Ambivalenzen im Globalisierungsprozeß Anmerkungen zu zwei zentralen Beiträgen in der Globalisierungsdebatte:

Elmar Altvater, Birgit Mahnkopf, Grenzen der Globalisierung, Münster 1996 Paul Hirst, Grahame Thompson, Globalization in Question, Cambridge 1996

 

I swear there is no heaven, but I prary there is no hell!" Blood, Sweat and Team

Globalisierung - das ist vor allem die „Entbettung" („disembedding") des Geldes, seine Freisetzung aus dem „Bett" der nationalstaatlichen oder auch der internationalen Regulierungssysteme und die brachiale Rückwirkung der entfesselten internationalen Geld- und Finanzkapitalsphäre als Sachzwang gegenüber den Nationalstaaten und den demokratischen und sozialen Regulierungen. Und diese Sachzwänge zur Kostenreduzierung und zur Beschleunigung der ökonomischen Prozesse um jeden Preis zerstören nicht nur hergebrachte ökonomische und gesellschaftliche Strukturen, sie produzieren Massenarbeitslosigkeit und Massenelend und zersetzen die sozialen Grundlagen der Demokratie. Sie zerstören zugleich die natürlichen Grundlagen von Wirtschaft und Gesellschaft. Und sie können in dieser destruktiven Weise wirken, weil die Regierungen selbst diesen Prozeß durch ihre Fixierung auf eine Politik der De-Regulierung freigesetzt haben und weiter freisetzen. Und weil der Prozeß der Globalisierung keineswegs in eine Weltgesellschaft mündet, die ihrerseits dem Prozeß der entfesselten Finanzmärkte wiederum „Fesseln" anlegen könnte. Globalisierung führt nicht hin zu einer neuen „Globalität", sondern in die globale Katastrophe - wenn keine Gegenkräfte, die dem Prozeß Einhalt gebieten, entwickelt werden!

So ungefähr könnte man die Botschaft einer auf über 600 Seiten ausgelegten Arbeit über die "Grenzen der Globalisierung" zusammenfassen, die im Oktober 1996 erschienen ist. Jenseits von wohlfeilen Schlagworten und jenseits einer Hochstilisierung von reißerisch aufgebauten Einzelfällen haben der Ökonom und Politologe Elmar Altvater und die Soziologin Birgit Mahnkopf - beide Hochschullehrer in Berlin - in ihrem Buch den Prozeß der Globalisierung der Ökonomie analysiert und diskutiert. Dabei werden die unterschiedlichsten Facetten des Themas auf Basis einer breiten Literatur- und Quellenrecherche herausgearbeitet und in einen anspruchsvollen theoretischen Rahmen gestellt - von den sozialen und den (dramatischen) ökologischen Folgen über die Veränderung der Erwerbsarbeit unter dem Druck der Globalisierung bis hin zur Rolle einer protektionistischen Politik und von regionalen Wirtschaftsblöcken. Dies alles ist so in Abschnitten gegliedert und geschrieben, daß der/die Leserln die einzelnen Abschnitte auch für sich allein als gesonderte Essays lesen kann - allerdings werden besonders in den eher theorieorientierten Anfangs- und Schlußteilen schon Kenntnisse der politischen Ökonomie und der politischen Soziologie setzt. Und selbst Kenntnisse der Chaostheorie und der Gesetze der Thermodynamik können bei der Lektüre hilfreich sein, was wiederum zeigt, wie weitgespannt Material und wissenschaftlicher Zugang der Autoren sind. Die Argumentationslinien werden aber auch in didaktisch i.d.R. gut aufgebauten Schaubildern versinnbildlicht, die die oft komplexen Zusammenhänge verdichten und zuspitzen.

Dadurch, daß in den einzelnen thematischen Abschnitten nicht nur auf die jeweiligen politischen Kontroversen eingegangen wird, sondern zugleich die oft spiegelbildlich dazu ablaufenden theoretischen Debatten und Diskurse analysiert und dadurch, daß immer wieder auch historische Exkurse mit Blick auf vergangene Entwicklungen vorgestellt werden (so wird z. B. historisch sehr gut und dieser Form neu die Verbindung von fossiler Energiebasis und fordistischer Produktions- und Konsumtionsweise herausgearbeitet), bekommen die einzelnen Abschnitte einen synoptischen Charakter, der durch den Stil der Argumentation unterstützt wird.

Ohne anspruchsvolle kritische ökonomische Theorie hätte die Aufgabe, der sich die Autoren gestellt haben, kaum erfüllt werden können. Das methodische Spektrum der Analyse läßt sich dann auch durch einen weitgespannten Bogen von der „Kritik der politischen Ökonomie" bis hin zur französischen „Schule der Regulation" abstecken. So können sie nicht nur die Überlegungen von Karl Polanyi in seinem Buch „The Great Transformation" auf die Phase der aktuellen Globalisierungsprozesse produktiv anwenden und die „Entfesselung" des Geldes als „Weltgeld" am Ende der Phase des fordistischen Produktionsregimes seit Mitte der siebziger Jahre und als Beginn des Globalisierungsprozesses herausarbeiten. Sie zeigen darüber hinaus auch - so ja auch der Titel des Buches die Grenzen dieses Globalisierungsprozesses auf, die sie besonders in dem Widerspruch von Maßlosigkeit der Kapitalverwertung und Begrenztheit der natürlichen Ressourcen des Planeten auffinden: Der „Industrialismus" wird als „positionelles Gut" der Industrieländer dechiffriert, das denjenigen, die zur Zeit nicht darüber verfügen, aufgrund der Begrenztheit des ökologischen Raums nicht ohne globale ökologische Katastrophen zukommen kann. Grenzen der Globalisierung werden aber auch in den politischen und ökonomischen Tendenzen zur Regionalisierung und der „Auskoppelung" großer Regionen und eines ganzen Erdteils (Afrika) aus dem Globalisierungsprozeß gesehen. Globalisierung heißt deshalb nicht nur, daß nationale Ökonomien und Gesellschaften in den Prozeß der entfesselten Geld- und Finanztransaktionen und der internationalen Produktion eingeschlossen und ihre Funktionselemente „vereinheitlicht" werden („lnklusion"). Globalisierung heißt zugleich, daß die „globale" Ökonomie sich immer stärker fraktioniert (z. B. in „global players „, international operierende nationale Konzerne, national orientierte Unternehmen) und fragmentiert wird: Ganze Länder und Erdteile werden marginalisiert bzw. ausgeschlossen und bedeutungslos für den globalen Reproduktionsmodus (sogenannte „Exklusion").

Weil die Autoren die Globalisierung als einen widersprüchlichen Prozeß entfalten, können sie diese Art von „Exklusion" zugleich als immanenten Part der Globalisierung herausarbeiten. Zugleich können die Autoren nicht nur die fatalen Folgen der Internationalisierung der Geldsphäre und der Produktion (z. B. durch Transnationale Konzerne) für die Erwerbsarbeit aufzeigen, sondern zugleich die gängige Standortdiskussion in Deutschland und Westeuropa „auf die Füße stellen", indem sie aufzeigen, daß es nicht die Löhne sind, die negative Wirkungen

auf die Beschäftigung ausüben, sondern die finanziellen Dimensionen der Globalisierung. Angesichts der im Buch breit dokumentierten und analysierten Richtungen des internationalen Handels und der Direktinvestitionen, die sich keineswegs am Kriterium der niedrigen Lohnkosten orientieren, sondern an der industriellen Arbeitsteilung, wäre dies an sich keine erstaunliche Feststellung, wenn nicht das Gegenteil tagtäglich von der (fast) geschlossenen Front der international herrschenden Lehre in der ökonomischen Wissenschaft monoton wiederholt werden würde.

Die derart umfassende, theoretisch wie politisch weitreichende Analyse führt zu einer Zuspitzung der Thesen, die Diskussion provozieren, wohl auch Kritik provozieren sollen. Bereits in dem zweiten Abschnitt (S. 50-52) wird ein Teufelskreis der „sozialen Desintegration", bewirkt durch die Prozesse der Globalisierung, beschrieben, der zwar die Thesen von Ralf Dahrendorf wiedergibt, aber zugleich die Argumentationslinie des Buches umreißt: Aus der Globalisierung der Konkurrenz wird die Zerstörung des Wohlfahrtsstaats, die Flexibilisierung und Individualisierung und die soziale Desintegration, eine wachsende Kriminalität und eine daraus wiederum resultierende Zerstörung der Zivilgesellschaft gefolgert.

In den ökonomischen Möglichkeiten des Kapitals auf dem Globus (Kapitalmobilität) und in den negativen Auswirkungen gegenüber den nationalen Gesellschaften scheint nämlich der Prozeß der Globalisierung - ganz im Gegensatz zum Buchtitel - ohne Grenzen zu sein und auch ohne soziale Akteure die Widerstand leisten. Zumindest werden letztere, sofern sie eingeführt werden, vor allem in ihren Schwächen und Grenzen beschrieben - dies ist so auch richtig, aber eben nur die halbe Wahrheit. Dahinter steht, daß die ökonomischen und sozialen Ambivalenzen im Prozeß der intensivierten globalen Konkurrenz entweder unterbelichtet oder aber in den hier beschriebenen Trend eingefügt werden. Ansatzpunkte alternativer Entwicklungen werden durch den Globalisierungsprozeß systematisch zerstört. So bleiben zum (sehr kurz geratenen) Schluß nur noch drei sehr allgemein gehaltene alternative Entwicklungspfade ohne Akteure, während die Alternativen (Energiesteuer, Tobin-Tax auf Gewinne aus dem spekulativen Kapital und soziale Grundsicherung) schon seit längerem aus anderen Diskussionszusammenhängen bekannt sind, auch wenn in diesem Zusammenhang eine notwendige Strategie der „Entschleunigung" ökonomischer und gesellschaftlicher Prozesse überzeugend begründet werden kann.

Nun mag ja dieser Skeptizismus gegenüber den politischen Handlungsmöglichkeiten in der „globalisierten Ökonomie" durchaus belegbar und insofern gerechtfertigt sein; die Art und Weise, wie dies die Autoren in ihrer Analyse versuchen, überzeugt allerdings den Rezensenten nicht immer. Dies soll an drei Beispielen kurz angerissen werden:

Erstens: Der soziale Prozeß der Flexibilisierung und Individualisierung als Auswirkung von Globalisierungszwängen wird durchweg als Prozeß der sozialen Desintegration dargestellt. Daß eben dieser Prozeß auch - wie viele empirische Untersuchungen belegen - gleichermaßen ein Prozeß ist, der neue Formen des „selbstbestimmten Lebens" und der „Alltagssolidarität" einschließt und dadurch die Individuen widerständiger, zu aktiv handelnden Menschen machen kann, fällt hier unter den Tisch, ist aber eine wesentliche Voraussetzung von Widerstand. Und: Diese Möglichkeiten des Individualisierungsprozesses zu aktivieren, wäre dann auch die Aufgabe von Politik - z. B. auch von gewerkschaftlicher Politik.

Zweitens: In der Darstellung der Tendenzen in der Erwerbsarbeit wird den „partizipativen" und „beteiligungsorientierten" Potentialen der neuen Rationalisierungsmuster (z.B. in „neuen Produktionskonzepten") keine Chance gegeben; es fehle die breite empirische Basis (S. 362). Richtig ist, daß sich z. B. in Deutschland diese Potentiale nicht auf breiter Front so durchgesetzt haben, wie dies noch in dem Buch von Horst Kern und Michael Schumann vom „Ende der Arbeitsteilung?" erwartet wurde, was in den Folgeuntersuchungen dieser Autoren selbst herausgestellt wird. Aber ebenso wird in einem Teil der von Altvater/Mahnkopf zitierten Literatur betont, daß die Frage der Durchsetzung eben auch eine Frage des arbeitspolitischen Handeln war und ist, und daß die Unternehmen keineswegs nach einheitlichem Muster gegen diese Möglichkeiten des „Rückkehrs des Menschen in den Betrieb" gehandelt haben und handeln. Realistischerweise wird man von sehr unterschiedlichen, oft gegensätzlichen Unternehmenspolitiken in den unterschiedlichen Unternehmen und Branchen ausgehen müssen, die eher einen Such- und „trial and error"-Prozeß auch auf der Seite der Manager anzeigen und insofern auch Eingriffsmöglichkeiten seitens der Lohnarbeit bieten.

Drittens: Allgemein ist und wird das „moderne Unternehmen" nicht „gleichsam standortlos" (S. 356). Zwar mag es im Zeichen des Internets sein, daß „die ganze Welt (...) zu einer riesigen virtuellen Einkaufspassage (wird)" Zweifel sind allerdings angebracht -, aber selbst dann kann Arbeit noch lange nicht „fortan über die Welt verteilt rund um die Uhr geleistet werden" (ebd.). Das „moderne Unternehmen in Westeuropa hat seinen Standort vorerst noch nicht im virtuellen Netz, sondern vor allem im sehr materiellen regionalen Netzwerk von Zulieferern und Abnehmern, von qualifizierten Arbeitsmärkten, wissenschaftlichen Einrichtungen, gestützt durch materielle und soziale Infrastruktur, ist also eingebettet in regionale ökonomische „Milieus"! Zugleich mag es weltweit vernetzt sein, mag indischen Ingenieuren via Internet die Produktion eines Produktteils zuweisen („global sourcing") und mit Macht dazu beitragen, daß der kapitalistische Weltmarkt real wird. Es kann aber in dieser Art weltweit nur deshalb als Exporteur und auch auf dem angesprochenen Teilarbeitsmarkt agieren, weil es regional in einem hochproduktiven ökonomischen Milieu gebunden ist, das zudem politisch und sozial stabil ist!

Daraus erklären sich auch die an anderen Stellen von den Autoren präsentierten Zahlen: Daß z.B. nur 1,2 vH der Importe der Industrieländer aus „Billiglohnländern" kommen (S. 248), oder daß oder allergrößte Teil der industriellen Forschung und Entwicklung (...) im Raum der OECD-Länder statt(findet)" (S. 392). Für die Gegenposition gegen die von den Autoren vorgestellte „starke Version" der Globalisierungsthese lassen sich jedenfalls in der Empirie gleichermaßen valide Belege finden (vgl. dazu das unten vorgestellte Buch von Hirst/Thompson) - dies betrifft z. B. die nationale Verankerung der „Transnationalen Konzerne" und selbst der Aktienmärkte (!) gleichermaßen wie die Abhängigkeit der nationalen Investitionsraten von den nationalen Sparraten oder die Existenz von weiterhin national höchst unterschiedlichen Zinsraten in einer „globalisierten" Ökonomie.

Hier hätten die Autoren den Titel ihres Buches schon ernster nehmen sollen: Grenzen der Globalisierung gelten eben auch für das Kapital - und dies gilt auch auf dem sozialen Terrain, was sich nicht zuletzt darin gezeigt hat, daß ein führender Vertreter der Unternehmenskultur des „Shareholder value capitalism" bei der deutschen Daimler-Benz AG durch den Widerstand der Belegschaft in der Frage der „Lohnfortzahlung im Krankheitsfall" zum Ein

lenken gezwungen werden konnte. Deshalb kann der Rezensent nicht die von den Autoren vorgebrachte Relativierung „substantieller politischer Freiheiten und prozeßualler Partizipationsmöglichkeiten von Staatsbürgern" nachvollziehen, die am „Funktionsmodus der Märkte nicht viel (ändern)" (S. 546). Auch wenn die staatliche Politik, auf die diese Freiheitsrechte bezogen sind, durch die Globalisierung der Märkte an souveräner Definitionsmacht verloren haben mag, ist doch der Kampf um substantielle politische Freiheiten die wesentliche Voraussetzung dafür, daß sich gesellschaftliche und politische Öffentlichkeiten herausbilden können, die dann u. U. jene von den Autoren so schmerzlich vermißten Akteure hervorbringen. Und wie der Widerstand gegen die Senkung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall in Deutschland, aber auch die wieder aufgeflammten sozialen Konflikte in Frankreich und Dänemark zeigen - diese Akteure sind durchaus in der Lage, den „Funktionsmodus der Märkte" zu ändern, weil das Kapital noch lange nicht jene Mobilität hat, die in der Globalisierungsdiskussion unterstellt wird. Aber dem würden die Autoren wohl selbst zustimmen. Allerdings sollten die o. a. sozialen Bewegungen auch nicht überbewertet und dabei die Grenzen, die der Globalisierungsprozeß den sozialen Bewegungen in der Zukunft zu setzen droht, über den kurzfristigen Erfolg hinaus verdrängt werden. Insofern ist die Skepsis der Autoren durchaus berechtigt und ernüchternd heilsam gegenüber vorschneller Euphorie.

Die Studie von Elmar Altvater und Birgit Mahnkopf läuft insgesamt darauf hinaus, in einem „Worst-case-Szenario" die global bestimmte Inkompatibilität von Funktionsräumen (Ökonomie, Politik, Gesellschaft, Ökologie) mit großer Theorie und einer Fülle von empirischer Illustration und Analyse zu begründen - und kann dabei die Vorstellungen so mancher Ökonomen, Politologen und Ökologen, die da meinen, über eine recht naive Anwendung der entsprechenden Codes (Preise, Macht usw.) die Probleme einer global entfessellten Ökonomie in den Griff zu bekommen, nachhaltig kritisieren. Da bleibt sie aber auch stehen: Die genannten Funktionsräume werden - so ist nach allen „Regeln" soziologischer Systemtheorie zu vermuten - immer mit jeweils anderen, unterschiedlichen bzw. gegensätzlichen Codes arbeiten; entscheidend ist daher, ob es gelingt, diese Codes im Zuge einer ökologischen und sozialen Regulierung regional wie global, sozial und ökologisch einzubinden und zu vermitteln: Dieser Schritt über die Analyse der Restriktionen hinaus wird aber in der Studie nicht mehr getan. Neben dem Beharren auf der „großen Theorie" werden die Akteursebenen, auf denen eine solche Vermittlung stattfinden könnte, sogar systematisch ad absurdum geführt, und es bleibt zu hoffen, daß die Autoren hier nicht recht haben. Insofern wird in der Studie von Altvater und Mahnkopf (frei nach Antonio Gramsci) das hohe Lied vom „Pessimismus der Erkenntnis" gesungen, und das ist nicht wenig, weil hier eine der nicht allzu häufigen Arbeiten veröffentlicht wurde, in denen mit dem theoretischen Anspruch der „Kritik der politischen Ökonomie" die existentiellen Probleme einer global entfesselten Ökonomie aufgearbeitet werden. Ein „Pessimismus der Erkenntnis" freilich, der wenig Raum für einen „Optimismus des Handelns" beläßt.

Dieser „Optimismus des Handels" - übersetzt in Möglichkeiten der „governance" (der politischen Steuerung und Beherrschbarkeit, Regierbarkeit) internationaler ökonomischer Prozesse und auf einer breiten empirischen Basis diskutiert - durchzieht dagegen fast durchgängig die Studie von Paul Hirst und Grahame Thompson. Die Autoren setzen sich in ihrem im angelsächsischen Raum veröffentlichten Buch „Globalization in Question" engagiert mit der Globalisierungthese auseinander, die für sie und wer wollte ihnen hier widersprechen - inzwischen zu einer modischen Allerweltsfloskel von Politikern und Journalisten geworden ist, mit der auflagenstark - je nach Sichtweise und Standpunkt - alles und jedes Übel oder aber alle Zukunftschancen und -visionen in der ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung der Moderne verknüpft werden. Gegen diesen modischen Trend setzen sie eine empirische Sichtweise, indem sie die tragenden Thesen der Globalisierungsdiskussion in der ökonomischen Wissenschaft mit empirischen Daten, ökonomischen Trends und historischen Zyklen konfrontieren und so - der Titel des Buches sagt es - erhebliche Zweifel an den Aussagen der Vertreter der (starken) These zur Globalisierung begründen können. Und sie fragen - soweit auch sie Prozesse der Internationalisierung oder „Globalisierung" der Kapitalbewegungen erkennen - nach der Regulierbarkeit bzw. Beherrschbarkeit der internationalen ökonomischen Prozesse durch die Politik - auch hier gegen den vorherrschenden ökonomischen Diskurs gewendet, der oft vorschnell die politische Beherrschbarkeit der entfesselten („disembedded") globalen Kapitalbewegungen schlechthin verneint - wogegen, wie oben gezeigt wurde, auch Altvater/Mahnkopf nicht immun sind. Herausgekommen ist dabei ein Buch „gegen den Trend", in dem - bei aller noch vorzustellender Kritik - die Globalisierungsdiskussion wieder auf den Boden der Tatsachen gestellt wird und in dem die Politik wieder den Stellenwert zurückerhält, der ihr als gesellschaftlich gestaltendes Handeln gegenüber den „Sachgesetzen" der Ökonomie zukommt.

Die beiden Autoren beginnen, indem sie quasi idealtypisch zwei Typen einer international operierenden Ökonomie gegenüberstellen: Der erste Typ stellt eine internationale Ökonomie („international economy") dar, die von nationalen Ökonomien domiert wird und deren Strukturen sich ausgehend von den weiterhin dominanten nationalen Ökonomien entwickeln und durchsetzen; eine Ökonomie also, in der der internationale Handel durch die internationale Arbeitsteilung strukturiert wird; deren klassisches Beispiel machen die Autoren in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg aus, in der die pax Britannica und das Gold-
Standard-Regime zu einer hohen Integration der nationalen Ökonomien im Sinne der Interdependence zwischen den Nationen auf Basis eines quasi automatisch wirkenden Anpassungsmechanismus geführt hatten.

Der zweite Idealtypus - im Sinne der „starken Version" der Globalisierungsthese - wird von ihnen als globalisierte Ökonomie bezeichnet, in der die internationalen ökonomischen Prozesse und Transaktionen sich autonom entwickeln und nunmehr die unterschiedlichen nationalen Ökonomien bestimmen und nicht umgekehrt durch die nationalen Ökonomien bestimmt werden; die Ökonomie ist jetzt daher bar ihrer politischen und gesellschaftlichen Fesseln („socially disembedded") - mit gravierenden Konsequenzen: das Problem einer mangelnden internationalen Regierbarkeit und Steuerung dieser verselbständigten Prozesse (im Sinne von „governance") würde sich sofort stellen, die Interdependenz in den globalen Märkten würde aufgrund der globalen Wettbewerbssituation und der darin enthaltenen Konfliktpotentiale zur gesellschaftlichen Desintegration führen („disorganized capitalism"), aus Multinationalen Konzernen („MNCs") würden Transnationale Konzerne („TNCs") werden und aufgrund der Fixiertheit der Ware Arbeitskraft in nationalen Arbeitsmärkten, die zugleich konfrontiert würde mit der internationalen Mobilität des Kapitals, würde der politische Einfluß und die Tarifverhandlungsmacht der Gewerkschaften dramatisch sinken; eine sozialdemokratische Politik wäre nur

noch umsetzbar, wenn sie die Arbeitsbedingungen in eine international wettbewerbsfähige Struktur einbindet, dem Management freien Raum läßt und die steuerlichen Belastungen an die globalen Bedingungen anpaßt - die deutsche „Standortdebatte" läßt grüßen!

Die Autoren können nun in ihrer Untersuchung aufzeigen, daß diese Vision einer „globalen Ökonomie" derzeit (!) alles andere als Wirklichkeit ist. ihre Ergebnisse, die in sieben Kapiteln detailliert herausgearbeitet werden, werden einerseits im historischen Vergleich, andererseits anhand der aktuellen Empirie entwickelt. Historisch können sie zeigen, daß der gegenwärtige Grad internationaler Integration in der historischen Entwicklung durchaus nicht ungewöhnlich ist; so waren vor dem ersten Weltkrieg das Ausmaß der Anteile der Direktinvestitionen und des Export-lmports am Sozialprodukt der entwickelten Nationen dem aktuellen Ausmaß (nicht in absoluten Zahlen, wohl aber anteilsmäßig) durchaus vergleichbar; die riesigen Migrationsströme des 19. Jahrhunderts sind sogar immer noch ohne aktuelles Beispiel, und der Anteil der nicht-exportierbaren Anteile am Sozialprodukt hat sich aufgrund der steigenden Bedeutung des öffentlichen Sektors seit 1914 stetig erhöht. Das Regime des Goldstandards vor 1914 reichte darüber hinaus - gemessen an den Zinsraten-
Differenzen, den Preisdifferenzen der Aktien (,securities") und an der Mobilität des Kapitals - wahrscheinlich näher an eine reale globale Integration heran, als dies die gegenwärtigen monetären Regime auf dem Weltmarkt für sich beanspruchen können.

Aber auch die von den Autoren präsentierten aktuellen Daten können die starke Version der Globalisierungsthese kaum empirisch bestätigen: Neben der auch bei Hirst-Thompson diskutierten Feldstein-Horicka-Debatte, nach der bei allen ebenfalls von den Autoren diskutierten Einwänden - die nationalen Investitionsraten empirisch immer noch vorrangig von der jeweiligen nationalen Sparrate abhängig sind, wird von den Autoren insbesondere die nationale Eingebundenheit der Multinationalen Konzerne („MNCs") anhand einer Fülle von empirischem Material dargestellt, was sie zu dem Urteil bringt: „Die internationalen Unternehmen sind immer noch weitgehend an ihre Heimat-
Territorien gebunden; sie bleiben national eingebettet und sind weiterhin eher Multinationale (MNC ‘s) denn Transnationale Konzerne (TNC’s)" (S. 98). Auch die Direktinvestitionen konzentrieren sich zu über 70 Prozent auf die OECD-Länder, wobei sich bei allgemeinem Anstieg „inflows" und „outflows" der Auslandesinvestitionen (FDI) im OECD-Bereich nahezu ausgleichen; ein Umschwung in Richtung auf Niedriglohn-Länder bzw. Entwicklungsländer ist dabei nicht feststellbar. Hier und anderswo findet allerdings merkwürdigerweise der Zusammenhang von Globalisierung und Beschäftigung in der Untersuchung wenig Beachtung, obwohl doch hier die vorherrschenden Thesen trefflich zu widerlegen gewesen wären. Zu Recht betonen die Autoren aber, daß gerade die gegenwärtige Umstrukturierung der Produktion in Richtung auf eine flexible Massenproduktion auf regional gebundene Hochqualifikationen und produktive Netzwerke und auf national orientierte Investitionsregime angewiesen ist.

Insgesamt sind sowohl die internationalen Handelsströme, die Auslands-Direktinvestitionen (FDls) als auch allgemein die Aktivitäten der Multinationalen Konzerne auf die Makroregionen der „Triade" (gemeint sind die drei Makro-Regionen Europäische Union, Nordamerika-NAFTA und Japan-Südostasien) konzentriert. Insofern so das zusammenfassende Eingangsstatement - ist die n Weltökonomie von einer genuin ‘globalen’ noch weit entfernt".

Besondere Beachtung schenken die Autoren den Problemen der „governance" auf der internationalen Ebene. Sie betonen dabei insbesondere in ihrer auf breitem Raum dargestellten Untersuchung der internationalen Finanzströme, daß auch hier und aktuell nicht nur Orte der „governance" bestehen (auf der internationalen Ebene, der Ebene der Makroregionen, der Nationalstaaten und der Regionen), sondern daß eine Reihe von Eingriffsformen sowohl von seiten der dominierenden G3- oder G7-Staaten (und des IWF, der Weltbank, in der Form von Ad-hoc-Abkommen wie dem „Louvre"- und dem „Plaza"-Abkommen usw.) existieren, als auch im Sinne einer „Selbstregulierung des Kapitals" („Sicherungsfonds", deren „Modell" die Autoren in der Antwort der deutschen Banken auf den Zusammenbruch der Herstatt-Bank sehen) nachweisbar sind, die weiter ausgebaut werden können: „Globale Märkte sind durchaus nicht bar jeglicher Regulierung" (S. 3) so ihr zusammenfassendes Fazit. Wobei Hirst und Thompson zugleich den qualitativen Wandel der Finanzmärkte durch Prozesse der zunehmenden Verbriefung („secur-i
tization"), durch die Entwicklung eines „Derivaten-Kapitalismus" und durch die Dominanz der Finanzmärkte über die Bewegung der Wechselkurse sehen und dabei durchaus die Schwierigkeiten von Regulierungspolitiken angesichts von „freerider"-Optionen („Trittbrettfahrer"-Optionen) von Staaten bzw. Unternehmen auf globalen Märkten betonen, die solcherart Selbstbeschränkungen anderer ausnutzen könnten. Nur: Für die Autoren ist die Frage der Regulierbarkeit und der „governance" in erster Linie eine politische Frage, und das heißt, eine Frage an die internationalen Organisationen, die Regierungen, Interessenverbände und NGOs usw., ob sie auf internationaler und nationaler Ebene eine solche Regulierung im Sinne einer politischen Gestaltung der Märkte auch durchsetzen wollen. So wie umgekehrt erst die De-
Regulierungspolitiker die hohe Flexibilität besonders der Finanzmärkte möglich gemacht haben.

Auch diese im Gegensatz zu Altvater/Mahnkopf überaus positive Sicht der gegenwärtigen politischen Möglichkeiten fordert zum Widerspruch heraus. Zwar gelingt es Hirst und Thompson gegen eine politisch eher defätistische kritische oder gegen eine neoliberal euphorische Lesart des Internationalisierungsprozesses von „linken" und „rechten" Vertretern der „starken Version „ der Globalisierungsthese nachzuweisen, daß politisches Handeln angesichts der regionalen und nationalen Eingebundenheit des Internationalisierungsprozesses möglich ist, und daß auch auf der internationaler Ebene diese Möglichkeiten noch erheblich ausgebaut werden können. Dennoch sind hier kritische Einwände zu erheben, weil die Untersuchung die mit dem Wegbrechen des kommunistischen Blocks vermutlich zunehmenden politischen Gegensätze und ökonomischen Konkurrenzen auf der internationalen „governance"-Ebene doch eher unterschätzt und die systemischen Begrenztheiten politischen Handelns gegenüber der Ökonomie wenig analytisch angeht - hier lohnt sich besonders ein „Gegenlesen" bei Altvater/Mahnkopf. Zudem bleibt die Untersuchung zu sehr auf den historischen Vergleich und den „lst"-Zustand konzentriert und berücksichtigt nur ungenügend relevante Aspekte des gegenwärtigen Wandels und dessen zukünftige Trends.

Letzteres gilt nicht nur für die zukünftige Entwicklung und Dynamik der Finanzmärkte und die wachsende Bedeutung des intrasektoralen Handels, der die traditionelle industrielle Arbeitsteilung auf den Weltmärkten zu unterlaufen droht, sondern diese Kritik gilt auch den im Buch vernachlässigten internationalen „Inter-firm"- und „lntrafirm"-Aktivitäten von Unternehmen (ob MNCs oder nicht!). Denn durch die modernen Kommunikations- und Transporttechniken werden solche Unternehmensstrategien wie die des „Outsourcings" und des „Global sourcing" möglich und hebeln so die arbeitspolitischen Regime auf der nationalen Ebene wie auf der Ebene der Makroregionen (EU usw.) aus bzw. setzen diese unter Druck oder können dies doch zumindest androhen.

Damit ist zugleich ein allgemeiner Einwand benannt, der die Untersuchung trifft: Die Möglichkeiten der Unternehmen und damit ihr Drohpotential, im Sinne von A.O. Hirschman „Exit"-Optionen wahrzunehmen und sich durch global orientierte alternative Anlageformen auf internationalen Märkten oder im Finanzsektor den regionalen oder nationalen ökonomischen Spielregeln entziehen zu können, sind - auch im historischen Vergleich - gegenüber Gewerkschaften und Regierungen enorm gewachsen, auch wenn (wie oben gegenüber Altvater/ Mahnkopf betont) die Unternehmen zunächst weiterhin national und regional eingebunden („embedded") bleiben. Hinzu kommt, daß viele Regierungen und ökonomische Akteure im quasi „vorauseilenden Gehorsam" die Wirkungen des vermuteten globalen Wettbewerbs vorwegnehmen und so viel dazu beitragen, jene Handlungsstrukturen, denen sie sich vermeintlich ausgesetzt sehen, erst herzustellen und den Globalisierungsprozeß loszutreten. Nicht zuletzt für Gewerkschaften stellen sich hier qualitativ neue politische Herausforderungen und Dimensionen, die - so fürchtet der Rezensent - durch den Hinweis auf die Untersuchung von Hirst-Thompson und eine daraus (zu Unrecht!) gezogene mögliche Schlußfolgerung, „es sei doch alles noch beim Alten", verkannt werden könnten. Internationalität und „internationale Solidarität" wird jenseits des traditionellen gewerkschaftlichen Liedguts bittere Notwendigkeit werden müssen.

So wie Altvater/Mahnkopf mit ihrem Buch in einem wissenschaftlich umfassenden „Wurf" auf die Gefahren des Globalisierungsprozesses verweisen, so haben Hirst und Thompson mit ihrem empirisch gründlich recherchierten Buch eine „Bresche" in den besonders in den Medien vorherrschenden, dramatisierenden Globalisierungsdiskurs geschlagen und tragen - ähnlich z. B. den Beiträgen von Paul Krugman in den USA - dazu bei, die ideologischen Aspekte dieses Diskurses offenzulegen und die gegenwärtigen ökonomischen Entwicklungen realistischer zu sehen, damit auf dieser Basis sinnvolle Alternativen der Politik entwickelt werden können. Es bleibt Aufgabe des wissenschaftlichen und politischen Diskurses, die ökonomischen und gesellschaftlichen Risiken und die politischen Möglichkeiten jenseits journalistisch recherchierter „Globalisierungsfallen" weiter auszuloten, auch wenn die „Wahrheit" selten in der „Mitte" liegt. Beide hier vorgestellte Arbeiten tragen auf ihre Weise - in ihrer pessimistischen wie in ihrer optimistischen Sicht - dazu bei.

Quelle: WSI Mitteilungen, Nr. 5/1998)

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