Kai Kreuzer
Einkaufsgemeinschaften: Bioprodukte preiswert" als Alternative für Preisbewußte?
Es gibt sie noch, die Food-Koops der siebziger und achtziger Jahre. Für viele der Einstieg in die Naturkostszene und den professionellen Bereich der Bio-Branche - sei es in einen Naturkostladen, bei einem Großhändler oder einem Hersteller. Für so manchen hat der erste Kontakt zu Bio-Produkten in einer der kleineren oder größeren Einkaufsgemeinschaften begonnen. Anfang der Neunziger Jahre gab es für die Koop-Bewegung neue Schubkraft, als sich in Ostdeutschland etliche neue Verbrauchergemeinschaften gründeten. In Sachsen gibt es heute rund ein Dutzend dieser Zusammenschlüsse, der größte ist die Verbrauchergemeinschaft in Dresden.
Seit wenigen Jahren gibt es die Entwicklung von sogenannten Mitgliederläden, die von einem Inhaber geführt werden statt im Kollektiv. Einige von ihnen wie z.B. die Berliner LPG hatten eine rasante wirtschaftliche Entwicklung in den letzten Jahren.
Während es die meisten Lebensmittelkooperativen nicht über einen Zusammenschluß von 5 bis 30 Familien hinaus bringen, und sie nur sporadisch je nach Bedarf bei einem Großhändler die Ware ordern, haben es bundesweit etwa 100 Mitgliederläden und Verbrauchergemeinschaften geschafft, einen Laden aufzubauen und mit täglichen Öffnungszeiten ähnlich einem Naturkostladen zu betreiben. Der Vorteil ist Verbraucherpreise für Naturkost zu haben, die 20-40% unter den herkömmlichen Preisen liegen und damit auch für einen weit größeren Kundenkreis interessant sind. In Kauf nehmen muß man als Koop-Mitglied, daß man beim Abwiegen und Abpacken sowie beim Saubermachen und Aufräumen mit Hand anlegen muß.
Ein anderes Modell sieht vor, daß man an den Ladenarbeiten nicht beteiligt ist, aber einen regelmäßigen monatlichen Beitrag zur Finanzierung der Laden-Festkosten zahlt.
Allein in Berlin dürfte es zehn dieser Läden geben, fünf davon unter dem Namen LandProdukteGemeinschaft (die Analogie zu den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft in der früheren DDR, abgekürzt ebenfalls LPG, ist durchaus gewollt).
Annette Hoffstiepel von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Lebensmittelkooperativen in Bochum schätzt, daß es insgesamt bundesweit rund 300 organisierte Einkaufsgemeinschaften mit einem eigenen Lager (Garage, Keller, teilweise Ladenlokale) gibt. Davon sind jedoch nur 28 Mitglied in der Bundesarbeitsgemeinschaft. Auf über 2000 schätzt sie die Anzahl der lockeren Zusammenschlüsse mit sporadischen Bestellungen bei einem Großhändler.
Bei den fester organisierten Lebensmittel-Koops kann man solche mit einem kleineren Lager, meist in Privaträumen von denen unterscheiden, die einen eigenen Laden haben und unter der Bezeichnung Mitgliederläden oder Einkaufsgemeinschaften firmieren. Allerdings werden die Begrifflichkeiten schon allein in der entsprechenden Szene unterschiedlich verwendet.
Allerdings gibt es bei den Mitgliederläden in ihrer Struktur deutliche Unterschiede. Während für die einen die basisdemokratische Organisation von großer Bedeutung ist und jedes Mitglied mitreden und entscheiden kann, grenzen sich andere hiervon deutlich ab. Bei den Berliner Läden von Fortschritt oder LPG hat nur der jeweilige Ladeninhaber das Sagen. Die Inhaber sind es auch, die das volle wirtschaftliche Risiko tragen. Die Mitglieder unterzeichnen einen Vertrag und leisten eine einmalige Einlage sowie einen monatlichen Mitgliedsbeitrag. Mit dem letzteren Konzept ist es möglich, schlanke Strukturen ohne einen demokratischen Überbau mit vielen verschiedenen Meinungen zu organisieren. Andererseits gibt es in diesen Mitgliederläden auch keine ehrenamtliche Mitarbeit angefangen vom Abpacken bis zum Schreiben von Mitgliederinfos. Den "Durchlauferhitzer" Foodkoop, der vielen Menschen die Möglichkeit bietet, einmal selbst mitzumachen beim Organisieren des Handels beispielsweise der Kontakt zum Landwirt oder das Abholen der Waren bis hin zum Abwiegen und Auszeichnen, gibt es bei durchstrukturierten Mitgliederläden, die Einzelpersonen gehören, nicht.
Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Lebensmittelkooperativen nimmt, so Annette Hofstiepel, keine Mitgliederläden als Vollmitglieder auf, die nicht über eine demokratische Entscheidungsstruktur verfügen. Stattdessen wird ihnen ein Status als Fördermitglieder angeboten. Eine eigene Organisation für inhabergeführte Mitgliederläden gibt es bisher nicht.
Verbrauchergemeinschaft Dresden
Ein gutes Beispiel für einen Mitgliederladen mit Mitbestimmung ist die Verbrauchergemeinschaft Dresden, die bundesweit die größte Lebensmittelkooperative sein dürfte. 1100 Mitglieder (Kinder nicht mitgerechnet) verteilen sich auf zwei Läden, die jeweils etwa 70 qm haben sowie einen kleinen Naturwarenladen mit etwa 40 qm Verkaufsfläche. Der erste Laden entstand 1991 aus einer Initiative von 20 engagierten Verbrauchern im Dresdner Umweltzentrum in der Schützengasse.
Hier wird ein breites Angebot an Obst und Gemüse, Milch und Milchprodukten, Brot und Backwaren sowie dem übrigen Naturkostsortiment angeboten. Schwerpunkt sind die Produkte der Region, die direkt von Erzeugern bezogen werden. Vor kurzem ist im Umweltzentrum ein kleiner Naturwarenladen der Verbrauchergemeinschaft hinzugekommen mit Unterbekleidung, Naturfarben, Kosmetik und Haarwaschmittel.
Der Einkauf in den drei Gemeinschafts-Läden ist nur für Mitglieder: sie zahlen pro Monat 25 DM Beitrag, für Kinder werden 12.50 DM pauschal erhoben. Leider, so Barbara Rische, hätten die Beiträge Anfang dieses Jahres angehoben werden müssen. Diese Mitgliedsbeiträge decken die Lohn- und Mietkosten der Kooperative ab, in der an drei Standorten jeweils drei Hauptamtliche in Teilzeitjobs arbeiten sowie rund 60 Mitglieder regelmäßig mindestens zwei Stunden im Monat mithelfen. Der Einkauf basiert auf gegenseitigem Vertrauen, was bei der großen Zahl an Mitgliedern erstaunlich ist: jeder wiegt sich seine Waren selbst ab und schreibt die Einkäufe auf einen Zettel, der dann an der Kasse von einer Mitarbeiterin eingetippt wird.
Der Ladenbetrieb ist jedoch nur ein Teil der Zielsetzung der Verbrauchergemeinschaft neben gemeinsamen Radtouren, Infoständen und verschiedenen Arbeitsgruppen. Dies zeigt, daß es nicht nur ums preisgünstige Einkaufen zum Großhandelseinkaufspreis (mit geringem Aufschlag) geht. Der Jahresumsatz der Verbrauchergemeinschaft Dresden liegt bei über 2 Millionen DM.
Beispiel: Einkaufsgemeinschaft LPG in Berlin
Was hat Carsharing mit einer Einkaufskoop für Lebensmittel zu tun? In Berlin eine ganze Menge: Wer Mitglied in der fünf Läden zählenden LandProdukteGemeinschaft (LPG) ist, bekommt eine Mitgliedskarte ausgehändigt. Diese berechtigt zu vergünstigten Preisen u.a. bei einem Fahrradladen, einem Blumenladen, einer Kneipe, einem Reisebüro, im Kabarett und bei Stattauto. Die Kooperation von Stattauto und LPG führte zur Idee eines Lieferdienstes. Ziel ist es, die Mitgliedskarte ständig attraktiver zu machen.
Der LPG-Blitz, wie der Lieferdienst der LandProdukteGemeinschaft heißt, bringt die Bio-Produkte von der LPG direkt an die Haustüre. In Großstädten sind viele Mitmenschen auch ohne Auto mobil. Da kann es eine große Hilfe sein, nicht nur preisgünstig in einer Einkaufsgemeinschaft seine Besorgungen tätigen zu können, sondern sich auch noch die Lebensmittel und sonstige Naturwaren nach Hause liefern zu lassen.
Dafür muß man im Monat einen regelmäßigen Beitrag bezahlen. Bei Erwachsenen sind dies 35 DM, ermäßigt 25 DM, und für die ganze Familie 39,90 DM. Hinzu kommt die einmalige Einlage von 100 DM, die bei Austritt wieder erstattet wird. Schon ab 20 DM Einkauf in der Woche, so die Betreiber Ludwig Rieswick und Werner Schauerte, würde sich die Mitgliedschaft für den Kunden lohnen.
Beim Lieferdienst fallen pro Lieferung dafür nur 4 DM für Transportkosten an. Bei Getränkekisten sind es noch mal 2 DM "Schweißgeld", dafür werden sie aber bis in die Küche gebracht. Auch beim LPG-Blitz werden einmalig 100 DM als Einlage fällig, will man regelmäßig beliefert werden.
Sowohl der LPG-Blitz wie drei der fünf LPG-Läden arbeiten auf einer selbständigen Basis, kooperieren jedoch mit den beiden LPG Gründern Werner Schauerte und Ludwig Rieswick. Auf gemeinschaftlicher Grundlage werden Werbung, die Mitgliederverwaltung sowie Buchhaltung und Einkauf betrieben.
Die beiden sind durch Zufall wie sie selber sagen 1994 auf die Idee gekommen, eine Einkaufsgemeinschaft zu gründen. Sie wollten weg von einem teueren Bio-Laden-Image hin zu einer Verfügbarkeit von Bio-Produkten für alle, die daran interessiert sind. Die amerikanischen Food-Coops waren eines ihrer Vorbilder. Außerdem wollten sie direkt mit den Brandenburger Bauern im Umland von Berlin zusammenarbeiten, um diese zu unterstützen. Die meisten Naturkostläden sowie der Großhandel waren zu dieser Zeit noch stark auf ihre bisherigen Lieferanten in Westdeutschland orientiert.
"Wir haben von Anfang an darauf gesetzt, daß die Brandenburger Bauern auch umstellen, und sind mit dem Auto übers Land gefahren," erzählt Ludwig Rieswick von ihrer Pionierzeit. Im Sommer stammen rund 60%, im Jahresschnitt 40% aller Waren aus regionaler Erzeugung.
Bioprodukte für Menschen verfügbar zu machen, die es sich sonst nicht leisten können, ist ihr Ziel. Das Preisniveau liegt nach ihren Angaben in der Höhe des gehobenen konventionellen Handels. Hinzurechnen muß man allerdings jeweils die monatlichen Mitgliedsbeiträge. Die LPG-Einkaufsgemeinschaft führt ein volles Sortiment von 2000 Artikeln im 280-Quadratmeter-Laden in guter Lage (Mehringdamm 51) in Berlin-Kreuzberg. Grundnahrungsmittel geben sie ohne einen Aufschlag zum Großhandelspreis an ihre Mitglieder ab, so daß beispielsweise das 250-g Butterstück 2.99 DM, der Liter Milch 1,69 DM, das Kilo-Bioland-Brot 2,99 DM kostet. Auf die meisten anderen Erzeugnisse kommt ein Aufschlag von 20%. Da sie im dritten Hinterhof und nicht vorne an der Hauptverkehrsstraße sind, fällt auch die Miete mit 15 DM pro Quadratmeter günstig aus. Dennoch ist es für die 780 Mitglieder kein Problem, zu ihrem Laden zu finden, auch deshalb, weil er für Neumitglieder von der Straße her gut ausgeschildert ist. Insgesamt, so schätzt Ludwig Rieswick, versorgen sich über ihren LPG-Laden etwa 3000 Personen, die jedoch z.B. als Wohngemeinschaft oder Familie jeweils nur als ein Mitglied geführt werden.
Angefangen haben die beiden Existenzgründer vor fünf Jahren mit 8.000 DM in der Tasche, sehr viel Arbeit und geringem Einkommen. "Das war teilweise sehr ernüchternd" geben sie heute zu. Aber es habe sich gelohnt. "Jedes Mal, wenn wir wieder 1000 DM zusammen hatten, sind wir losgezogen und haben weitere gebrauchte Einrichtungsgegenstände gekauft". Inzwischen sieht es im LPG-Laden kaum anders aus als in einem Naturkostladen, bis vielleicht auf den gestrichenen, etwas unebenen Zementfußboden.
Über den gemeinsamen Einkauf haben sie eine gewisse Marktmacht erreicht, die ihnen Einkaufsvorteile verschaffen, auch wenn neidische Naturkostläden immer wieder versuchen, mit rechtlichen Schritten die unliebsame Konkurrenz zu unterbinden. Eine schlanke Verwaltung der Mitgliedschaft und eine rationelle Führung des Ladens sind für die beiden Betreiber eine Selbstverständlichkeit und ermöglichen, daß Bio-Produkte bei der LandProdukteGemeinschaft auch weiterhin preiswert bleiben.