[zurück]

Gisela Notz

Der Dritte Sektor und die geschlechterhierarchische Arbeitsteilung

„Dritter Sektor" ist ein vieldeutiger Begriff, ich werde mit ein paar Vorbemerkungen beginnen, die Hintergrund der Diskussion sind, dann der Frage nachgehen was mit „Dritter Sektor" gemeint ist, welche Konzepte es gibt und was die Einführung eines Dritten Sektors für die Menschen und insbesondere für die Frauen bedeuten könnte. Schließlich will ich auch danach fragen, wo es den „Dritten Sektor" bereits gibt und abschließend einige (angedachte) Alternativen aufzeigen.

Einige notwendige Vorbemerkungen

Die hohe Erwerbslosigkeit in der Bundesrepublik (Ost und West) wird (von Teilen der deutschen Bevölkerung) als das gravierendste Problem angesehen. Besonders bedrückt die große Zahl der Langzeiterwerbslosen. Viele sind bereits seit Jahren ohne Arbeit und haben inzwischen jegliche Hoffnung aufgegeben, einen regulären Arbeitsplatz (im ersten oder zweiten Sektor) zu finden. Was das für Frauen heißt, die einen überproportionalen Anteil an den Erwerbslosen und Langzeiterwerbslosen stellen, ist bekannt

Geht der Gesellschaft die Arbeit aus? - wenn ja, welche Arbeit?

„Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Gesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein? „ Das hat Hannah Arendt bereits 1958 geschrieben. Hannah Arendt meinte sicher die existenzsichernd bezahlte Arbeit, orientiert an spezifisch männlichen Lebensmustern und Wertvorstellungen. Schließlich sind Arbeit und Arbeitsgesellschaft nicht deshalb in der „Krise", weil es nicht genügend zu tun gäbe, sondern weil unter Arbeit vorwiegend industrielle Arbeit, die der Herstellung und Umgestaltung von Waren dient, verstanden wird und weil die Verteilung dieser Arbeit und der Einfluß an der Gestaltung der Arbeitsbeziehungen wesentlich auf ein Geschlecht begrenzt bleibt. Die entscheidende Frage lautet also nicht, ob es genügend Erwerbsarbeit gibt, sondern ob es genügend existenzsichernde Arbeit gibt und wie sie verteilt und bewertet wird.

Warum ist die Prognose, daß den Arbeitsgesellschaften die (bezahlte) Arbeit ausgeht, so angstbesetzt? Warum sehen die Menschen nur Risiken und Gefahren und überhaupt keine Chancen darin? Die Diskurse um die Zukunft der Arbeit und der Mythos vom Ende der Arbeit gehen beide von einem antiquierten Arbeitsbegriff aus, der aus feministischer Sicht recht fragwürdig erscheint. Die viel zitierte Arbeitsgesellschaft mit dem Normalarbeitsverhältnis gewährleistete - bei genauerem Hinsehen - auch in der Vergangenheit nur ein geschlechtsspezifisch gebrochenes Recht auf soziale Teilhabe und politische Mitwirkung, weil der größte Teil der Arbeit eben nicht mit sozialer Teilhabe, die sich aus einem Einkommensanspruch ableitet, verbunden ist Aber auch die bezahlten Arbeitsplätze lassen im Bezug auf die Möglichkeit, der Partizipation vielfach zu wünschen übrig, vor allem diejenigen, die mehrheitlich mit Frauen besetzt sind.

Normalarbeitsverhältnis, so zeigt es der Blick in die Geschichte, hieß immer: Männer arbeiten in der Erwerbsarbeit und Frauen in der Familie, allenfalls ergänzt durch einen weiblichen „Zuverdienst". Die Wiederherstellung der traditionellen „Vollbeschäftigung" ist, wenn sie überhaupt möglich wäre, aus feministischer Sicht gar nicht wünschenswert.

Die Bundesregierung vertraut nach wie vor auf die „Selbstheilkräfte" der Marktwirtschaft mit möglichst wenig staatlichen Interventionen. Der Staat soll sich danach auf die Schaffung günstiger Rahmenbedingungen für die Privatwirtschaft beschränken. Zur Bekämpfung der Erwerbslosigkeit hält die Bundesregierung für die Zukunft noch tiefere Einschnitte als bisher in die soziale Sicherung für erforderlich.

Die Unternehmen sollen stärker von Steuern und Abgaben, insbesondere Lohnzusatzkosten, entlastet und die Volkswirtschaft von Bürokratie, Reglementierung und Perfektionismus entschlackt werden. Durch ausreichenden Wirtschaftswachstum soll nach der „Krise" die Vollbeschäftigung wieder hergestellt werden. Ich kann in diesem Zusammenhang nicht auf die einzelnen Krisentheorien eingehen. Notwendige Voraussetzungen sind jedenfalls der Abbau nachfragehemmender Steuerbelastungen und Investitionshemmnissen.

Die Grundannahme „mehr Arbeitsplätze durch Wachstum" verliert mehr und mehr an Glaubwürdigkeit. Schließlich machen die Firmen am meisten Gewinne, die ihr Personal am stärksten reduzieren. Dafür verantwortlich wird vor allem die Globalisierung der Wirtschaft und die Standortfrage gemacht. Die internationalen Märkten zwingen uns, das schallt uns überall entgegen, es erscheint wie eine Schallplatte mit Sprung, die immer wieder das gleiche wiederholt, bis es alle glauben. Hinzu kommt, daß Wachstum mit nicht mehr zu reparierenden Schädigungen der Mit- und Umwelt und nicht erneuerbaren Ressourcen erkauft wird.

Die Bundesrepublik Deutschland hat die höchsten Außenhandelsumsätze und ist Exportweltmeisterin. Dennoch hat sie eine hohe Erwerbslosigkeit zu verzeichnen. Und die Massenerwerbslosigkeit kennt keine Grenzen. EU-weit werden mehr als 18 Millionen Erwerbslose beklagt. Das sind mehr als jemals zuvor in der Nachkriegszeit „Wachstum" schafft also nicht per se Arbeitsplätze. Für Frauen schon gar nicht Für viele finanzkräftige Unternehmer ist es ohnehin lukrativer, ihre Gewinne auf internationalen Finanz- und Kapitalmärkten anzulegen, anstatt in Arbeitsplätze zu investieren. Zudem sind die Grenzen des Wachstums vielfach diskutiert. Die Kehrseite heißt wachsende Naturzerstörung, Resourcenverschleiß, soziale und gesundheitliche Gefährdungen der Menschen und andere „Modernisierungsrisiken", die die Mitwelt der Menschen betreffen.

Andere Formen der Arbeit

WissenschaftlerInnen verweisen heute immer wieder darauf, daß für die Zukunft nicht mehr alle Menschen Erwerbsarbeit im „ersten Sektor" werden finden können. Es gelte daher, den „Bann der erwerbswirtschaftlichen Dominanz" zu brechen (Ulrich 1993, S 95). Vorschläge beziehen sich auf die Etablierung eines dritten Sektors (Rifkin 1995, Giddens 1997) oder das Nebeneinander verschiedener Wirtschaftsweisen, wie von Ullrich (1993, S. 95) vorgeschlagen. Er sieht für die Zukunft einen viel kleiner gewordenen Sektor der Erwerbswirtschaft, einen großen Sektor der Subsistenztätigkeit und der „Hauswirtschaft" und einen größeren Zwischensektor genossenschaftlicher, kommunaler Tätigkeit als Sektor für „Gemeinwirtschaft", wo wichtige Arbeit nicht über Geld entlohnt, sondern über Zeit verrechnet oder auch steuerfrei Nachbarn geholfen wird (ebd.). Tauschringe, die nach diesem Prinzip arbeiten, schießen wie Pilze aus dem Boden. Mehr als 200 sind in den letzten Jahren in größeren und kleineren Städten der Bundesrepublik entstanden. Und sie erfreuen sich einer großen Akzeptanz bei Menschen aller politischen und weltanschaulichen Ausrichtungen (vgl. Notz 1998).

Einige Konzepte, die sich auf den „Dritten Sektor" beziehen

Nach einer Definition des WZB (Wissenschaftszentrum Berlin) zählen zum Dritten Sektor eingetragene Vereine, gemeinnützige Vereine, Stiftungen, Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege, Verbraucherorganisationen, gemeinnützige GmbHs, freie Krankenhäuser, Bürgerinitiativen und Selbsthilfegruppen, also Einrichtungen, die keine Gewinne erwirtschaften und keine öffentlichen Behörden sind. Nicht dazu rechnen sie (Anheier u. a. 1997) Genossenschaften und politische Parteien.

Jeremy Rifkin, renommierter amerikanischer Wirtschaftsjournalist und Sozialphilosoph aus den USA, warnt in seinem Buch „Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft"(1995) vor Verelendung und Gesetzlosigkeit, wenn wir den Erwerbslosen nichts sinnvolles zu tun geben. Er fordert dazu auf, die Fixierung auf den Markt und auf den Staat aufzugeben und setzt die Hoffnung auf einen Dritten Sektor für die Opfer der dritten industriellen Revolution. In diesem Dritten Sektor sollen Arbeitskräfte tätig sein, die im marktwirtschaftlichen Sinne „nichts wert" sind. Sie sollen dort in Non-Profit-Organisationen, gemeinnützigen Projekten, freiwilliger Arbeit und Hilfsorganisationen zu Schattenlöhnen arbeiten.

„Bürgerarbeit" empfiehlt Ulrich Beck, Mitglied der Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen, als Gegenferment zur schrumpfenden Erwerbsarbeit für „Jugendliche vor der Berufsausbildung, Mütter nach der Erziehungsphase, ältere Menschen im Übergang in den Rentenstand". Ihnen unterstellt er eine Motivation für „Bürgerarbeit", denn sie suchen nach „gezielten Einsatzfeldern für freiwilliges soziales Engagement", zumindest, solange es sich nicht um `junge Akademiker" handelt. Die nutzen Engagement während der Erwerbslosigkeit nämlich eher zur „Weiterqualifizierung und als Brücke in den ersten Arbeitsmarkt" (Kommission für Zukunftsfragen 1997, S. 150). Bürgerarbeit wird nicht entlohnt, sondern belohnt und zwar immateriell durch „Favor Credits" (Heinze/Keupp 1997, S. 126). Eine Form von Bürgergeld, dessen Höhe etwa der Sozialhilfe entsprechen soll, sollen lediglich diejenigen erhalten, die existentiell hierauf angewiesen sind (Kommission, S. 146). Dadurch könnte bisher ehrenamtlich geleistete Arbeit für Menschen, die der Hilfe bedürfen, auch ökonomisch sichtbar werden (Beck 1997, S. 236). Sie dient dem „Gemeinwohl", anders als etwa individuelle Freizeitaktivitäten (Kommission, S. 147).

Was soll mit dem Dritten Sektor erreicht werden?

Im Dritten Sektor werden bisher nicht erschlossene Beschäftigungsmöglichkeiten vermutet. Die noch unausgeschöpften Potentiale werden bereits erforscht, mit dem Ziel, Wege aufzuzeigen, wie Arbeitsplätze geschaffen werden können bzw. wie das Problem der Massenerwerbslosigkeit durch die Ausweitung des „Dritten Sektors" gelöst oder in seinen Auswirkungen gemindert werden kann.

Durch die Erschließung „nicht-marktgängiger, gemeinwohlorientierter Tätigkeitsfelder" (Kommission, S. 146) soll in doppeltem Sinne geholfen werden: Die Zahl der Erwerbslosen kann verringert werden, denn gemeinnützig Tätige sind keine Arbeitslosen, sie stehen dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung und die zunehmende Zahl der Hilfsbedürftigen kann zum Nulltarif versorgt werden.

Obwohl Beck als „Erfinder" der Individualisierungsthese gilt, ist er zuversichtlich: Globalisierung und Individualisierung verdecken und verdrängen lediglich das Ausmaß und Potential für freiwilliges soziales Engagement Die von der Zukunftskommission in Auftrag gegebene Auswertung der Daten des Sozio-ökonomischen Panels widerlegt die „Eurovol-Untersuchung", nach der das Engagement der „Freiwilligen" in der BRD zu wünschen übrig läßt (Gaskin u. a. 1996). Seit 1985 ist der Anteil der ehrenamtlich Aktiven um 5 Prozent gestiegen und fast ein Drittel der Westdeutschen Bevölkerung engagieren sich in einer ehrenamtlichen Tätigkeit (Heinze/Keupp 1997). Zudem beobachtet Beck ein neues Potential für Tätigkeiten außerhalb der Erwerbsarbeit, dem allerdings die „Sozialverbände" noch nicht gerecht würden.

Der „Dritte Sektor" arbeitet bereits

Die Realität beweist es: Bürgerarbeit und Dritter Sektor gibt es lange. Ein Markt mit vielfältigen ehrenamtlichen Möglichkeiten. Bürgerarbeit und andere mit ehrenamtlichem Engagement und Gemeinsinn in Zusammenhang gebrachten Tätigkeiten werden (scheinbar) geschlechtsneutral angeboten. Bei den Arbeitsstätigkeiten handelt es sich jedoch vorwiegend um solche, die bereits seit Langem von Frauen unbezahlt erbracht werden (vgl. Notz 1989, Reihs 1997).

Über eine Million Menschen sind in Deutschland bereits im „Dritten Sektor" beschäftigt. So geht es aus einer Studie der Bremer Universität hervor (Weser Kurier vom 25. 4. 1998). Anheier (1997) geht von einer Zahl von 1,3 Millionen Beschäftigte im Non-profit-Sektor anfang der 90er Jahre aus. Die Statistik der

Bundesarbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtsverbände weist Jahr für Jahr 1,5 Millionen ehrenamtliche Mitarbeiter aus. Zwei Drittel davon waren Frauen. Dort wo es um unmittelbar mit Sorge und Pflege verbundene Arbeiten geht sind 80 % Frauen tätig. Jeder Fünfte neu geschaffene Arbeitsplatz entstand in den letzten Jahren im Non-profit-Sektor. Nahezu jedes zweite Krankenhausbett, die Hälfte aller Plätze in Pflegeheimen und jeder dritte Kindergartenplatz werden vom Dritten Sektor getragen. Bei den sozialen Diensten kommt ein ehrenamtlicher Mitarbeiter (!) auf neun bezahlte Angestellte. Auf dem Gebiet von Freizeit und Kultur hingegen stehen sechs „Freiwilligen" einem bezahlten Mitarbeiter(!) gegenüber. Die politisch oft beschworenen Bewegungen der Selbsthilfegruppen und Bürgerinitiativen machen nach Anheier et al (1997) nur einen kleinen Teil des dritten Sektors aus. Mächtig seien nach wie vor die freien Wohlfahrtsverbände wie die katholische Caritas, die SPD-nahe Arbeiterwohlfahrt, die evangelische Diakonie, das Deutsche Rote Kreuz und der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband. Sie profitieren am meisten am traditionellen Subsidiaritätsprinzip. Nach diesem Prinzip delegiert der Staat soziale Dienstleistungen möglichst an Non-Profit-Organisationen und unterstützt diese finanziell bei ihren Aufgaben. Die bekanntesten Organisationen und Institutionen des «Dritten Sektors" existieren in Deutschland auf dem Gebiet des Sozial-, Gesundheits- und Bildungswesens (Wohlfahrts- und Jugendverbände), im Sport- und Freizeitbereich (Vereinswesen), im Natur- und Umweltschutz sowie bei der Förderung gemeinnütziger Zwecke (Stiftungen). Sie arbeiten allesamt, ohne Gewinn zu machen (non-profit-Sektor). Und sie sind allesamt nicht neu: Wohlfahrtsverbände gibt es seit der Jahrhundertwende und Sportvereine noch länger.

Nach der Meinung von Soziologen, die sich dem Thema zugewandt haben (Z. B. Beck 1997), seien die bestehenden Organisationen zu unbeweglich. Es gälte daher, Veränderungen im Dritten Sektor zu bewirken. Dazu zählen sie die Vereinfachung und Vereinheitlichung des Vereinsrechtes sowie mehr Transparenz im Steuer- und Gemeinnützigkeitsrecht. Der Dritte Sektor sollte politisch stärker anerkannt, zugleich aber von der Staatsfinanzierung unabhängiger werden. Statt dessen sollte die private Finanzierung, unter anderem über Sponsoring und Fundraising stärker ausgebaut werden.

Wenn im Dritten Sektor tatsächlich neue Arbeitsplätze in nennenswerter Zahl geschaffen werden sollen, müßten die Leistungen, zum Beispiel in den sozialen Diensten, regulär bezahlt werden. Die in weiten Bereichen durch Kirchenrecht geregelten Arbeitsbedingungpn müßten demokratisiert werden, so daß der Arbeitgeber nicht wie bisher unbezahlte Überstunden verlangen kann. Ob dann tatsächlich neue Stellen geschaffen würden, ist allerdings fraglich. Denn auch Vereine und Verbände sind zunehmend von Mittelkürzungen betroffen. Dies wird auch als Grund für die Notwendigkeit angeführt, die rechtlichen Rahmenbedingungen zu vereinfachen, damit die Finanzierung durch mehr Eigeninitiative sichergestellt werden könne. Dem Bericht des Weserkurier (vom 25. 4. 1998), in dem diese Forderungen aufgestellt sind, folgt eine Abbildung auf der ein Mitarbeiter des Diakonischen Werkes Suppe an Bedürftige austeilt.

Die WZB-Forscher (Anheier u. a. 1997) kommen zu dem Schluß, daß der Non-Profit-Sektor in Deutschland größtenteils von öffentlichem Geld abhängig ist. Bei knappen öffentlichen Kassen sei es daher eher unwahrscheinlich, daß hier vernünftig bezahlte neue Jobs in größerer Zahl entstehen. Auch die Hoffnung, daß viele gutbetuchte Deutsche ihren Gemeinsinn entdecken und nach US-Vorbild eine Stiftung nach der anderen gründen, dürfte sich nach ihrer Einschätzung nur begrenzt erfüllen. Aus Untersuchungen wird deutlich, daß Deutsche eher hedonistisch und nur bedingt bereit sind, von ihrem Erbe etwas abzugeben.

„Dritter Sektor", Bürgerschaftliches Engagement, Volonteering, Arbeit non for profit, Gemeinsinn, Bürgerarbeit sind „soziale Erfindungen" der letzten Jahre. Sie erscheinen als soziale Innovationen, scheinbar befreit vom Muff und Staub, das dem alten caritativen Ehrenamt, ausgeführt durch die ehrenwerten Damen (vgl. Notz 1989) anhaftet. Oft sind sie nur neuer Wein in alten Schläuchen - oder heißt es alter Wein in neuen Schläuchen?

Die neuen Konzeptemacher sind ebensowenig wie die alten an einer Aufhebung der sozialen und der geschlechterspezifischen Ungleichheit interessiert. Reden ist Silber Helfen ist Gold, so eine Kampagne der Bundesregierung Mitte der 80er Jahre (vgl. Notz 1989, S. 78). Es geht darum, Kosten zu sparen, Wunden zu heilen und nicht darum, gleichzeitig die Mißstände anzuprangern. Das Verteilen von Armensuppe mindert den Reichtum der Wohlhabenden nicht. Es ist aber geeignet, das soziale Prestige der Wohltätigen zu mehren und die Hungernden zu demütigen, sie bleiben arm.

Konzepte für die Zukunft

Die Menschen der Zukunft werden immer weniger Zeit am (bezahlten Erwerbsarbeitsplatz verbringen und über immer mehr freie Zeit verfügen. Ob Freizeit durch unfreiwillige Teilzeitarbeit, ungeschützte Arbeit, Hausarbeit oder Erwerbslosigkeit und unbezahlte Arbeit erzwungen sein wird, oder ob sie aus der Verteilung der Produktionszuwächse resultiert und mit kürzeren Wochenarbeitszeiten einhergehen wird, ist eine ungelöste, politische Frage. Die Antwort wird auch davon abhängen, wie sich die Menschen zur Wehr setzen. Schließlich sind sie nicht nur Opfer der Verhältnisse, sondern auch handelnde Subjekte.

Mit Sicherheit wird es für die Zukunft immer dringlicher, über Konzepte jenseits der fremdbestimmten Lohnarbeit nachzudenken. Es geht um Visionen einer zukünftigen Arbeitsgesellschaft, in der der Gesamtzusammenhang von Arbeit und Leben, Existenzsicherung und Eigentätigkeit von Individuen und Gesellschaft neu gestaltet wird.

Sicher muß der (scheinbar) verlorengegangene Gemeinschaftssinn wieder aufleben, aber nicht auf Kosten der Armen und Ausgegrenzten. Sicher brauchen wir nicht nur ökonomische Gegenkonzepte, auch ökologisch orientierte werden nicht ausreichen, wir brauchen auch soziale Gegenkonzepte und zwar für die Strukturen, die beide Bereiche menschlicher Arbeit festlegen - für Beruf und Familie.

Für eine konsequente Unverteilung

Nach meiner Ansicht gibt es sinnvollere Visionen für eine zukünftige Gestaltung von Arbeit und Leben. Aus frauenpolitischem Interesse erscheint es nicht erstrebenswert, die vorhandene Arbeit in (neue oder alte) Sektoren einzuteilen. Die Gefahr, daß durch solche Konzepte Frauen an die ihnen scheinbar zukommenden Orte verwiesen werden, bzw. an ihnen festgehalten werden ist groß.

Es ist höchste Zeit ist, den düsteren Prognosen, die eine Zweidrittel oder Vierfünftel-
Gesellschaft, eine Schattenwirtschaft oder eine Dreiklassenwirtschaft skizzieren, Alternativen entgegenzusetzen. Fakt ist, daß die existenzsichernd bezahlte Erwerbsarbeit in allen hochindustrialisierten Ländern schrumpft, die unbezahlte Arbeit hingegen in dem Maße zunimmt, wie sie in anderen Sektoren abgebaut wird. Deshalb wird es dringend notwendig, über Konzepte jenseits des traditionellen „Normalarbeitstages" nachzudenken, bzw. das „Normalarbeitsverhältnis" neu zu definieren. Solche Konzepte dürfen aber nicht auf Kosten der Armen und Ausgegrenzten gehen. Und sie dürfen nicht dazu führen, daß die Qualifikationspotentiale weiter Bevölkerungskreise sich nicht entwickeln können oder entwertet werden.

Sinnvoller erscheint mir eine Umverteilung von gesellschaftlich notwendiger und sinnvoller Arbeit und der Verantwortung für die Mit- und Umwelt auf beide Geschlechter durch Arbeitszeitverkürzung im Bereich der Vollzeiterwerbsarbeit (6-Stunden-Tag) und Abbau von Überstunden. Unter sinnvoller Arbeit ist eine Arbeit zu verstehen, die der Erstellung eines gesellschaftlich nützlichen Produktes oder einer solchen Dienstleistung dient, die der Persönlichkeitsentwicklung der Arbeitenden förderlich ist und durch deren Herstellung weder die menschliche Umwelt noch die Mitwelt negativ beeinflußt wird. Das alleine wird nicht reichen. Umverteilt und neu gestaltet werden muß dann auch der Bereich der (jetzt) unbezahlt geleisteten Arbeit.

Die Forderung nach radikaler Arbeitszeitverkürzung im Bereich der Vollzeit-Erwerbsarbeit für alle, mit dem Ziel, existenzsichernder sinnvoller Arbeit und der Möglichkeit, die erwerbsarbeitsfreie Zeit (auch) für eigene häusliche Aufgaben und für kulturelle, politische oder gemeinwesenorientierte Arbeiten zu nutzen, also nach einer Gleichverteilung der (jetzt) bezahlt und (jetzt) unbezahlt geleisteten Arbeiten auf Männer und Frauen darf nicht aufgegeben werden.

Literatur

Anheier, Helmut K. u. a. (Hrsg.): Der Dritte Sektor in Deutschland, Berlin 1997

Beck, Ulrich: Was heißt Globalisierung? Frankfurt/M. 1997

Frankfurter Rundschau vom 6.6.1998

Forrester, Vivienne. Der Terror der Ökonomie. Wien 1997

Gaskin, Katharine, Justin Davis Smith, Irmtraut Paullwitz u. a.: Ein neues bürgerschaftliches Europa. Eine Untersuchung zur Verbreitung und Rolle von Volunteering in zehn Ländern. Freiburg 1996 6

Giddens, Anthony: Jenseits von Links und Rechts, Frankfurt/M. 1997

Graf Strachwitz, Rupert (Hrsg.): Dritter Sektor - Dritte Kraft, Stuttgart u. a. 1998

Heinze, Rolf G./Keupp, Heiner: Gesellschaftliche Bedeutung von Tätigkeiten außerhalb der Erwerbsarbeit. Gutachten für die Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen. Bochum/München, November 1997

Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen: Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit in Deutschland. Entwicklung Ursachen und Maßnahmen - Teil I, II + III, Bonn 1997

Notz, Gisela: Zur Gestaltung ehrenamtlicher sozialer Arbeit. Forschungsbericht. Friedrich-
Ebert-Stiftung. Bonn 1986

Notz, Gisela: Arbeit ohne Geld und Ehre? Zur Gestaltung ehrenamtlicher sozialer Arbeit. Opladen 1987

Notz, Gisela: Frauen im sozialen Ehrenamt. Ausgewählte Handlungsfelder: Rahmenbedingungen und Optionen. Freiburg 1989

Notz, Gisela: Was ist Gemeinsinn? Feministische Reflexionen, in: Sozialmagazin, H. 10/1997, S. 27 - 33

Notz, Gisela: Die neuen Freiwilligen. Das Ehrenamt - Eine Antwort auf die Krise? Neu-Ulm 1998

Reihs, Sigrid: Im Schatten von Freiheit und Erfüllung. Ehrenamtliche Arbeit in Bayern. Bochum 1995

Rifkin, Jeremy: Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft. Frankfurt/New York 1995

Senatsverwaltung Berlin: Die Sackgassen der Zukunftskommission Streitschrift wider die Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen. Berlin 1998

Ullrich, Otto: Lebenserhaltende Tätigkeit jenseits der Lohnarbeit. In: Fricke, Werner (Hrsg.): Jahrbuch Arbeit und Technik, Bonn 1993, S. 84 - 98

Weser-Kurier vom 25. 4. 1998

[top]