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Porträt eines selbstverwalteten   Frankfurter Vereins und Betriebs

Leben und Arbeiten im Gallus und in Griesheim e.V. (LAGG)

 

Was ist der LAGG?

Entstanden ist der Verein Leben und Arbeiten im Gallus und in Griesheim (LAGG) du durch den immer stärkeren Abbau von Arbeitsplätzen und Sozialleistungen bei Triumph Adler, einem Traditionsberrieb der Metall- und Elektroindustrie in Frankfurt am Main.

Mit einst über 3000 Beschäftigten wurde bei Triumph Adler in Frankfurt 1998 der gesamte Betrieb dichtgemacht. Welcher schreibmaschineschreibende Mensch hat nicht schon mal die Tasten der "Gabriele" von Adler geschlagen oder hat heute nicht irgendwo ein Backup für seinen PC auf dem Speicher verstaut? Wo sich früher im Frankfurter Arbeitstadtteil Gallus kilometerweit die Gebäude vom Adler streckten, sind heute Wohnanlagen und Bürogebäude. sind aber die Beschäftigten und der Betrieb geblieben?

In den langjährigen, hinhaltenden Kämpfen gegen den Stellenabbau und die völlige Schließung von Triumph Adler gelang es 1991 Betriebsrat und Belegschaft, die Fortführung des Betriebes zu erzwingen. Der Standort an der Galluswarte konnte aber nicht gehalten werden, sondern mußte auf ein gemietetes Gelände von Messer Griesheim in der Lärchenstraße ziehen. Im Zuge dieser Auseinandersetzung konnte der Abbau von Sozialleistungen für die Belegschaft nicht verhindert werden. Daraufhin nahm 1992 eine kleine Gruppe von Arbeitern zusammen mit politisch Denkenden aus Gewerkschaft und Kirche ihr Schicksal in die eigene Hand und entwickelte Perspektiven für eine Wirtschaft von unten. Der Verein .Leben und Arbeiten im Gallus und Griesheim e.V.", LAGG wurde gegründet. In der Satzung des Vereins wurden die Aufgabenbereiche des Vereins wie folgt festgeschrieben: „.Zweck des Vereins ist es, Menschen zu unterstützen, die in wesentlichen Momenten ihrer Lebensgestaltung, insbesondere dem Arbeiten und Wohnen in Gallus und Griesheim, bedrängt sind Der Verein kann seinen Wirkungsbereich ausdehnen. Der Verein hat insbesondere die Aufgabe, unter dem Leitgedanken „ Hilfe zur Selbsthilfe" Betroffenen durch sachkundige Beratung und Unterstützung zu helfen ihre Interessen wahrzunehmen und urchzusetzen, Modellen der Selbsthilfe im Lebens- und Arbeitsbereich andere Menschen zu ermutigen und befähigen ebenfalls selbständig aktiv zu werden, die Aufarbeitung der Geschichte der Adlerwerke anzuregen und zu unterstützen."

Wie und wo ist der LAGG tätig?

Die Werkskantine

Die erste Tat des LAGG war die Übernahme der von Schließung bedrohten Werkskantine von Triumph Adler. Der LAGG und die Werkstatt Frankfurt, eine Beschäftigungsgesellschaft der Stadt Frankfurt, vereinbarten, daß die personelle Besetzung der Kantine gegen eine entsprechende Vergütung durch Beschäftigte der Werkstatt sichergestellt wird. Damit hatten die Arbeitnehmer bei TA weiterhin die Möglichkeit, Frühstück und Mittagessen zu akzeptablen Preisen innerhalb des Werkes einzukaufen.

Nachdem 1995 durch den weiteren Personalabbau bei TA die Existenz der Kantine gefährdet war, konnte durch Übernahme einer weiteren Kantine, diesmal von der ebenfalls überregional bekannten Firma Messer Griesheim, das Preis-Leistungs-Verhältnis gehalten werden. Gekocht wurde das Essen bei Adler und in der Messer-Kantine ausgegeben. Die Kantinen wurden von den Beschäftigten gut angenommen. 1998 - im Zuge der endgültigen Schließung von Triumph Adler und unhaltbarer Vertragsforderungen von Messer wurde der Kantinenbetrieb aufgegeben.

Die Werkswohnungen

Im Herbst 92 harte Triumph Adler in einer Nacht und Nebelaktion die zum Betrieb gehörigen Werkswohnungen im Bingelsweg in Frankfurt Griesheim im Paket mit dem Namen Adlerwerke verkauft.

Nachdem dies bekannt geworden war, politischen Druck und mit Unterstützung des damaligen Oberbürgermeisters Andreas von Schoeler, daß die Siedlung mit 42 Wohnungen an den Verein LAGG ohne Gewinn weiterverkauft wurde. Dieser verkaufte wiederum 29 Wohnungen an die Mieter (vorwiegend jetzige oder ehemalige TA-Mitarbeiter) und vermietet seither die restlichen 13 Wohnungen an die bisherigen Mieter. Der Kaufpreis war für die einzelnen Wohnungseigentümer ungemein günstig. Der Verein unterstützte die Bewohner beim Kauf und den damit zusammenhängenden steuerlichen Fragen. Die Transaktion wurde in einem Finanzbericht für alle Bewohner und Interessierte veröffentlicht. Hervorzuheben ist, daß sich beim Kauf der Werkswohnungen Beschäftigte einer örtlichen Volksbank über das beruflich erforderliche Maß hinaus in der Beratung der Käufer engagierten.

Die Sanierung der 13 Mietwohnungen wird vom Verein je nach den finanziellen Möglichkeiten vorgenommen. Die durchschnittliche Miete in den Wohnungen betrug im Mai 1996 nur 6,80 DM pro qm.

Die Weiterbildung

Im Betriebsratsbüro von TA begann der LAGG, Computerkurse für die Arbeiter von TA anzubieten. Eine große Zahl von Mitgliedern und anderen Beschäftigten nutzten diese Fortbildung zur Verbesserung ihrer Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Die Stadtopposition

Der LAGG engagierte sich 1995/96 bei verschiedenen Aktionen, die politisch und wirtschaftlich das Elend örtlicher Politik beleuchteten, u.a. bei drei Konferenzen:

– Wohnungspolitik in Frankfurt

– Frankfurt bankrott, was tun?

– Beschäftigungspolitik in Frankfurt/M.

Mit der Unterstützung von Produktion und Vertrieb der Konferenz-Reader leistete zur Bildung des örtlichen Widerstands gegen Sozialabbau in Frankfurt.

Darüber hinaus unterstützte der LAGG das Alternativblatt „Frankfurter Info" z.B. durch Werbeabonnements sowie den Verein Link-F, der die politische Arbeit durch PC-Vernetzung fördert. Diese Zusammenarbeit hat 1998 zur freundlichen Übernahme" beider Medien geführt - bei Beibehaltung der inhaltlichen Selbständigkeit der Betreiber. Nach dem Wegfall des Vereinszweigs Kantine" waren damit gute Voraussetzungen geschaffen, einen Zweig Kommunikation" zu gründen.

 Der Club Voltaire

Eine der wenigen Begegnungs- und Handlungsorte der außerparlamentarischen Opposition in Frankfurt, der Club Voltaire, stand im Herbst 1995 kurz vor dem Konkurs. Der LAGG arbeitete ein finanzielles Hilfskonzept aus und engagierte sich zusammen mit Privatpersonen finanziell und personell bei der Sanierung. Der Club ist heute aktiver als je zuvor. Zwischenzeitlich hat der LAGG sein Büro im Haus des Club Voltaire und nutzt auch die Räumlichkeiten für verschiedene eigene Veranstaltungen.

 Aufarbeitung der Geschichte, antifaschistische Initiativen

Wenig war bekannt über die Geschichte von Triumph Adler aus der Zeit des Faschismus, viele Akten sind vernichtet worden. Der LAGG hat die Aufarbeitung der dunklen Seiten der Tradition von TA im Herbst 1993 begonnen und als erstes eine Kranzniederlegung am Grab der polnischen KZ-Häftlinge auf dem Frankfurter Hauptfriedhof organisiert. Das Grab war bis dahin kaum beachtet und ungepflegt. Auch wurde es unter dem Namen „Grab der polnischen Kriegsopfer" geführt, und nur einem kleinen Personenkreis war bekannt, weiche Opfer in Wahrheit in diesem Grab lagen. Der Verein übernahm inzwischen die Neuanlage und Dauerpflege der Grabstätte für 10 Jahre und hat bei der Stadt die Umbenennung in „Grabstätte der Opfer des KZ Außenlager Katzbach/Adlerwerke" erreicht. Im September 1997 hat der LAGG mit der von ihm unterstützten Initiative gegen das Vergessen einen Gedenkstein eingeweiht, der über die Geschichte dieses Grabes informiert.. Die Gedenkfeier auf dem Hauptfriedhof, zu der etwa 100 Menschen kamen, fand im Beisein der noch überlebenden KZ-Häftlinge statt.

Bereits im Dezember 1993 wurden von der Stadt Frankfurt 11 Überlebende des KZ-Lagers Adlerwerke aus der Nazizeit nach Frankfurt eingeladen und mit ihnen sprich haben die Vereinsmitglieder die Erinnerungen der Zwangsarbeiter erfahren und den ‘,Villen gefestigt, solche schrecklichen Taten mit allen Kräften künftig zu verhindern. Wichtiger Anstoß zu dieser Arbeit war die hervorragende Untersuchung von Ernst Kaiser und Michael Knorn zur Nazi-Geschichte der Adlerwerke und zu dem Konzentrationslager auf dein Gelände der Adlerwerke. Das Buch, das daraus entstanden ist konnte dank kräftiger finanzieller Unterstützung durch den LAGG und andere inzwischen in dritter Auflage im Campus-Verlag erscheinen.

Anläßlich des 50. Jahrestages der KZ-Evakuierung innerhalb der Adlerwerke am 24. März 1945 und dem damit verbundenen Todesmarsch nach Buchenwald hat der Verein mit verschiedenen Gruppen und Organisationen aus Stadtteil und Gewerkschaft eine Demonstration veranstaltet. Diese Gedenk-Demonstration fanden dann erneut 1998 und 1999 starr.

Für die 10 noch lebenden KZ-Häftlinge, die bis heute keine Entschädigung erhalten haben, hat der Verein 10000 DM aufgebracht und in offenen Briefen die Vorstände von TA und den früheren Mehrheitsaktionär Dresdner Bank aufgefordert, sich ihrer damaligen Verantwortung zu stellen und den Betrag angemessen aufzustocken. Die Hauptversammlungen der Dresdner Bank wurde 1996 und 1997 ebenfalls mit diesem Ziel besucht". Die Jugendinitiative Gallus spendete für die Entschädigung der Überlebenden 1000 DM und ein unbekannter Spender stellte 50000 DM zur Verfügung. Die Dresdner Bank redete sich damit heraus, daß sie nur bei einer gemeinsamen Initiative aller Firmen, die in der Nazizeit Zwangsarbeiter beschäftigt hatten, zu Zahlungen bereit wäre und daß sie selbst nur im Besitz von 10% der Aktien gewesen sei. Trotz dieser Absage konnte jedem der damals 11 Überlebenden 5 500 DM überwiesen werden.

Im Frühjahr 1998 hat die rege Öffentlichkeitsarbeit von LAGG, Initiative gegen das Vergessen und anderer Erfolge gezeitigt: Die Dresdner Bank gab 80000 DM für „humanitäre Zwecke" und konnte davon überzeugt werden, dieses Geld zu gleichen Teilen den Überlebenden zu überweisen.

 Der Produktionsbetrieb

Am 5.7.1995 wurde im Handelsregister die „Produktions-GmbH" eingetragen. Gegenstand des Unternehmens ist: Schaffung von Arbeitsplätzen durch Produktion von Gütern, Wohnraum und Waren aller Art, soweit keine besonderen behördlichen Erlaubnisse erforderlich sind. Die GmbH soll der Erhaltung von bedrohten gewerblichen Arbeitsplätzen in Frankfurt dienen. Sie soll nach Möglichkeit Fertigungsbereiche und Mitarbeiter von gewerblichen Firmen übernehmen, die diese abstoßen wollen. Voraussetzung: eine Rentabilität muß sichtbar und unterstützende Maßnahmen von Seiten der Stadt möglich sein.

Nach diesem Prinzip wollte der LAGG 1995 Teile von Messer Griesheim, die zum Schließung anstanden übernehmen. Dies scheiterte daran, daß Messer Übernahmebedingungen stellte, die in keinem Verhältnis zum realen Wert standen. Daraus könnte man schließen, daß Messer diese Art von Übernahme politisch nicht geheuer war.

Im Zuge der Stillegung der Schreibmaschinenproduktion von Triumph Adler sollten auch die letzten verbliebenen Arbeitsplätze beim Repair-Ccriter wegfallen. Der Vorstand des Vereins beschloß, diese Gelegenheit zu nutzen, um die Produktions GmbH mit Leben zu füllen und das TA-Repair-Center in Griesheim in eigener Regie weiterzuführen. Das Repair-Center arbeitet seit dem 1. Juli 98 mit einem ehrenamtlichen Geschäftsführer und vier Beschäftigten als LAGG Produktions GmbH. Zur Kontrolle und Beratung wurde ein Aufsichtsrat gebildet, dessen Mitglieder gewerkschaftlich, politisch und sozial aktiv sind.

Derzeitiger Geschäftsschwerpunkt der GmbH ist die Reparatur von Schreibmaschinen und Leiterplatten sowie die Retourenabwicklung von Versandhausware. Es werden jedoch verstärkt neue Ideen gesucht, um den Aufgabenbereich des Repaircenrers und die Beschäftigtenzahl erweitern zu können. Umsetzbare Vorschläge sind willkommen.

Wie finanziert der Verein seine Aktivitäten?

Der Verein erhält keine Zuschüsse und öffentliche Mittel. Er finanziert sich durch Mitgliedsbeiträge, Spenden sowie Einnahmen aus den verschiedenen Dienstleistungen Dazu kommt, daß mit den vorhandenen Geldern gut gewirtschaftet wird.

Informationen über die Vereinsarbeit sowie die verschiedenen Broschüren und Bücher können bezogen werden bei: LAGG e.V. c/o Club Voltaire, Kleine Hochstraße 5, 60313 Frankfurt

Quelle: Frankfurter Info

 

LAGG Kommunikation stellt sich vor

Der Verein Leben und Arbeiten im Gallus und Griesheim (LAGG) hat seit einiger Zeit die Sparte Kommunikation" ins Leben gerufen. In diesem Rahmen wird der LAGG in Sachen Veröffentlichungen und Vernetzung tätig bzw. faßt vorhandene Strukturen zusammen. Angeregt durch die Unterstützung verschiedener Konferenzen eines breitgefächerten linken Spektrums in der Herstellung und Verbreitung von Readern (Wohnungskonferenz, Frankfurt bankrott - was nun?, Arbeitsmarktkonferenz), wurde der LAGG aktiv in der Vertreibung von Broschüren und Büchern.

Die schon lange existierende lockere Zusammenarbeit mit dem FRANKFURTER INFO führte dann vor etwa einem Jahr zur „freundlichen Übernahme" desselben. Seit Dezember 1998 hat sich nun LINK-F als Anbieter eines linken Computernetzes unter das Dach des LAGG begeben (auch hier gab es seit längerer Zeit bereits Zusammenarbeit).

LAGG Kommunikation ist ein wirtschaftlich arbeitender Teil des LAGG. Wirtschaftlich heißt, wir versuchen, Verluste in einem Projekt durch Gewinne im anderen Projekt auszugleichen, um mehr Projekte am Leben zu erhalten durch gegenseitige finanzielle, aber auch organisatorische und inhaltliche Unterstützung. Gewinn ist also nicht unsere Maxime, der wir alles unterordnen, vielmehr möchten wir erwirtschaftetes Geld sinnvoll für diverse Projekte einsetzen, die sonst am nicht vorhandenen Geld scheitern würden. Dabei ist an Ergebnisse von Einzelner oder kollektiver Anstrengung gedacht, die für die inhaltliche, - über die Grenzen einzelner linker Organisationen hinausreichende - Diskussion, interessant und wichtig sind.

Solltet Ihr also: ein Buch oder eine Broschüre herstellen wollen, brachliegende Fähigkeiten auf dem Gebiet der Produktion und des Vertriebs von Medien haben, EDV-Freaks sein, denen linke Vernetzung schon immer am Herzen lag oder Freizeitjournalisten sein, laßt es uns wissen. Vielleicht können wir ja was zusammen auf die Beine stellen.

Kontakt: Ulla Diekmann, Tel. 069/494989

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