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Gisela Notz: Arbeit, Arbeit, Arbeit

Der traditionelle Arbeitsbegriff und die Notwendigkeit seiner Veränderung aus alternativ-ökonomischer Sicht

Die Horrormeldungen erreichen uns täglich. Nachrichten über anstehende Entlassungen, über Betriebsverlagerungen, über Firmen- oder Betriebsteilschließungen, über Kürzungen von Sozialleistungen, wachsende Staatsschulden, steigende Erwerbslosenzahlen, über mangelhafte internationale Konkurrenzfähigkeit, Naturzerstörungen, Abwertung von Qualifikationspotentialen; über zerstörte Karrieren, die nicht mehr gekittet werden können und verletzte Menschen mit Wunden, die nicht mehr geheilt werden können. „Die Globalisierung der Arbeitsmärkte zwingt uns" oder „wenn wir nicht weiter deregulieren, die Arbeitskräfte nicht noch flexibler einsetzen können, sind wir nicht wettbewerbsfähig". Diese Sätze werden den ArbeitnehmerInnen seit Jahren eingetrichtert, wie von einer Schallplatte mit Sprung, ergänzt durch: „Der Standort Deutschland muß erhalten bleiben". Globalisierung und Standortfrage rechtfertigen scheinbar einfach alles. Der gesellschaftliche Einfluß der Gewerkschaften soll untergraben werden, die Konkurrenz zwischen den ArbeitnehmerInnen, zwischen alten und jungen, Männern und Frauen, einheimischen und MigrantInnen, Arbeitsplatz-„besitzern" und Arbeitslosen wächst ins Unermeßliche. Kein Job scheint mehr sicher, sogar das mittlere Management oder ComputerspezialistInnen bangen um ihren Arbeitsplatz. Freilich gibt es im Zuge der Rationalisierungsschübe, des damit verbundenen Arbeitsplatzabbaus und der Modernisierung der Wirtschaft, ModernisierungsverliererInnen- und -gewinnerInnen.

Intention meines Beitrages ist es, angesichts dieser globalen Prozesse, welcher unmittelbare Auswirkungen auf die nationale und auch lokale Handlungsebene haben, nach Alternativen zu fragen. Es ist der Versuch, über die Zustandsbeschreibung hinauszugehen, die in der Öffentlichkeit propagierte Alternative zwischen einerseits Deregulierung fast aller Lebensbereiche und andererseits Beharren auf liebgewordenen „Besitzständen" von den verschiedenen – je nach Thema austauschbaren – gesellschaftlichen Gruppen nicht als einzige Antwort stehen zu lassen. Wenn wir die Sphäre der Veränderung durch die Ökonomie betreten, ist es notwendig, den real existierenden Wandel zu analysieren. Geht der Arbeitsgesellschaft die Arbeit aus und, wenn dies der Fall sein sollte, welche Arbeit ist damit gemeint? Warum ist ein erweiterter Arbeitsbegriff notwendig? Was ist eigentlich gesellschaftlich notwendige und nützliche Arbeit? Daraus abgeleitet: Was sind die Handlungsoptionen für das Politikfeld Arbeit? Was ist die alternativ-ökonomische Kritik an diesem Prozeß und welche Alternativen jenseits des gesellschaftlichen Mainstreams sind notwendig und auch möglich? Ich gehe dabei davon aus, daß die begriffliche Diskussion um einen alternativ-ökonomischen Arbeitsbegriff alleine nicht reicht, sondern daß sie sich in Veränderungen der Struktur, Organisation, Gestaltung und Verteilung der Arbeit niederschlagen muß.

 

Geht der Arbeitsgesellschaft die Arbeit aus? – wenn ja, welche Arbeit?
Oft wird damit argumentiert, daß der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht. Viel zitiert wird in diesem Zusammenhang Hannah Arendt, die bereits 1958 geschrieben hat: „Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Gesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?" Hannah Arendt meinte sicher die existenzsichernd bezahlte Arbeit, orientiert an spezifisch männlichen Lebensmustern und Wertvorstellungen. Schließlich sind Arbeit und Arbeitsgesellschaft nicht deshalb in der „Krise", weil es nicht genügend zu tun gäbe, sondern weil unter Arbeit vorwiegend industrielle Arbeit, die der Herstellung und Umgestaltung von Waren dient, verstanden wird und weil die Verteilung dieser Arbeit und der Einfluß an der Gestaltung der Arbeitsbeziehungen wesentlich auf ein Geschlecht begrenzt bleibt. Die entscheidende Frage lautet also nicht, ob es genug Erwerbsarbeit gibt, um allen Menschen die eigenständige Existenzsicherung zu ermöglichen, sondern wie sie verteilt und bewertet wird.

 

Was ist eigentlich Arbeit?
Unsere Arbeitsgesellschaft ist im wesentlichen immer noch so strukturiert, daß von einem „Normalarbeitsverhältnis" mit Männern, die in der Erwerbsarbeit arbeiten, und Frauen, die in der Familie und im sozialen Ehrenamt arbeiten, allenfalls ergänzt durch einen weiblichen „Zuverdienst", ausgegangen wird. Diesem Arbeitsverständnis liegt die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung nach dem Vorbild der bürgerlichen Kleinfamilie zugrunde, die für Arbeiterhaushalte eigentlich nie funktioniert hat. Die (Wieder-)Herstellung dieser traditionellen „Vollbeschäftigung", ist – wenn sie überhaupt möglich wäre – aus feministischer, wie auch aus alternativ-ökonomischer Sicht, gar nicht wünschenswert. Sie schreibt für Frauen die Verantwortung für die Reproduktionsarbeiten fest und ignoriert die durch sie geleisteten Haus- und Sorgearbeiten. Und sie würde die sowieso schon nicht mehr zu übersehenden Schäden der menschlichen Umwelt um ein unerträgliches Maß vergrößern.

Industrie- und arbeitssoziologische Theorien zur Erklärung von menschlicher Arbeit – außerhalb der Frauenforschung – beziehen sich bis heute meist auf die Arbeit, die der (männliche) Lohnarbeiter in Industrie und Verwaltung leistet. Untersuchungsobjekte, -subjekte, Beschäftigte oder Arbeitspersonen, Betroffene oder Akteure sind scheinbar „geschlechtsneutral", egal ob in der Schwerindustrie, in der kleinen Fabrik, im Kaufhaus oder Krankenhaus geforscht wird. Auch einige Forschungen zur alternativen Ökonomie bilden keine Ausnahme.

Der „Restbereich", die Arbeit, die für die Reproduktion der menschlichen Arbeitskraft notwendig ist, bleibt weiterhin privat, unbezahlt – angeblich unbezahlbar, jedenfalls unsichtbar. Menschen, die außerhalb bezahlter Lohnarbeit Arbeiten verrichten, werden nicht zu denjenigen gezählt, die gesellschaftliche Arbeit leisten, so zeigt es auch ein Blick in die Geschichte der Frauenarbeit: Was nicht entlohnt wird, erscheint auch nicht als Arbeit (Notz 1986, S.139ff). Ebenso ausgeblendet bleiben Familie und andere Zusammenlebensformen als Strukturen, die die unbezahlte, hauptsächlich durch Frauen geleistete Arbeit organisieren. Freilich ist die Festschreibung der Positionierung der Frauen in Küchen und Kinderzimmern nicht ohne ihr Zutun zu begreifen (Haug 1999). Und die bloße Behauptung, die Hausarbeit sei ebenso produktive Arbeit, die in Verbindung mit der in den großen Fabriken geleisteten Arbeit für die Vergrößerung des Mehrwerts sorge, ändert (noch) nichts an den geschlechterhierarchischen Zuschreibungen.

Die immer wiederkehrende Reproduktion des auf Produktionsarbeit ausschließlich bezogenen Arbeitsbegriffs ergibt sich v.a. unter Bezugnahme auf die Darstellung bei Marx (MEW, Bd.23). Nach dessen Analyse ist der Arbeitsprozeß als allgemeine Bedingung des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur zu sehen. Arbeit dient danach ausschließlich der Herstellung von Gebrauchswerten und Tauschwerten. Die Arbeitstätigkeit basiert auf dem Zusammenwirken vieler lohnarbeitender Individuen. Durch die Gesamtheit verschiedener Arbeitstätigkeiten werden dieser Theorie zufolge die materiellen Grundlagen des Lebens geschaffen.

Arbeit ist danach immer auf die Erzeugung eines gesellschaftlichen Produkts gerichtet und ist somit Mittel zur Befriedigung menschlicher Lebensbedürfnisse. Die zur menschlichen Reproduktion notwendige Arbeit findet nach Marx außerhalb der Erwerbsarbeit statt und gehört nicht zur Lohnarbeit, ist also Nicht-Lohnarbeit und daher keine Arbeit. Sie ist – der Marxschen Theorie zufolge – „zweckfreie Tätigkeit". Dem „Reich der Notwendigkeit" steht das „Reich der Freiheit" gegenüber.

Daß „zweckfreie Tätigkeiten" oder „Arbeit ohne Zwangscharakter", wie Marx sie auch nennt, „verdammter Ernst" bleibt, also harte Arbeit sein kann, wird auch von ihm gesehen. Allerdings versteht er darunter offenbar eher künstlerische Tätigkeit als Hausarbeit, wie es aus folgendem Zitat deutlich wird: „Wirklich freies Arbeiten, z.B. Komponieren, ist gerade zugleich verdammter Ernst, intensivste Anstrengung" (Marx 1857/58, Berlin 1953, S.505).

Die Frage, ob Haus- und Sorgearbeit produktiv sei, ob sie als unproduktive, aber „notwendige Arbeit" zu fassen sei, wird bis heute diskutiert.

Claudia von Werlhof hat 1978 bereits in der ersten Ausgabe der beiträge zur feministischen theorie und praxis darauf hingewiesen, daß ohne die Berücksichtigung von geschlechtsspezifischen Arbeitsteilungen und Frauenausbeutung eine Charakterisierung und Typisierung der Logik der verschiedenen Produktionsweisen in der Geschichte nicht möglich ist. Denn damit bleibt auch die ökonomische Ausbeutung in der „Privatsphäre" weitgehend unkommentiert und dies nicht nur deshalb, weil der (meist) männliche Ökonom sich nicht für das Thema interessiert, sondern auch, weil die ökonomische Begriffswelt bereits den Blick verstellt.

Sie stellte die Analyse der Hausarbeit als „Nicht-Lohnarbeit", die typischerweise durch Frauen geleistet wird, in den Gegensatz zur Lohnarbeit, die typischerweise durch Männer geleistet wird, und verwies gleichzeitig darauf, daß eine Lohnarbeiterin auch zugleich immer „Nichtlohnarbeiterin" ist. Der Form der Ausbeutung über mehrwertproduzierende Lohnarbeit stellte sie die Ausbeutungsform über Nicht-Lohnarbeit (vor allem Hausfrauenarbeit hier und in der „Dritten Welt") gegenüber (S.25).

Auch Christel Neusüß nahm dieses Problem auf: „Freie Zeit, Reich der Freiheit, der freien Entwicklung – im Unterschied zur Arbeit, dem Reich der Notwendigkeit, der unfreien Tätigkeit" (1985, S.136), das würde für Männer etwas grundsätzlich anderes bedeuten, als für Frauen. Für den Arbeitsmann solle sich das „freie Schöpfertum" in der arbeitsfreien Zeit entfalten. Neusüß arbeitete heraus, daß das für die Arbeitsfrau oder auch die Frau des Arbeiters nicht zutrifft. Sie wandte sich gegen einen marxistischen Arbeitsbegriff, nach dem es nach der produktiven Arbeit in der Fabrik nichts mehr zu tun gäbe und verwies auf die vielfältigen häuslichen und familiären Tätigkeiten, die der „Mann Marx" außer acht gelassen habe (vgl. Neusüß 1983).

Maria Mies ging in ihren Analysen so weit, daß sie behauptete, daß sich gerade aus der Konzentration des herrschenden Arbeitsbegriffs auf das „Reich der Notwendigkeit" die Tatsache ergebe, daß Arbeit als notwendige Last per se betrachtet würde, die so weit wie möglich durch Technik und Maschinen zu reduzieren sei. Dadurch würde eine „neue, ökologische und feministische Gesellschaft" verhindert (1988, S.206f.). Die Verbannung von Aktivitäten, wie „Freiheit, menschliches Glück, die Verwirklichung unserer schöpferischen Fähigkeiten, Freude an der Natur, am Spiel von Kindern ..." (S.206) ins Reich der Nichtarbeit machte sie dafür verantwortlich, daß der Auszug der Menschen aus dem „Technopatriarchat" verhindert würde.

Sie verwies auf die Kehrseite des durch die Verringerung der notwendigen Arbeit möglich gewordenen Paradieses, „nämlich die Hölle" (S.207), in der Frauen unter zwangsarbeitsähnlichen Bedingungen arbeiten. Für sie erschien es notwendig, Arbeit als Last und Lust wieder in eins zu setzen, einen Arbeitsbegriff zu verwenden, durch den es möglich würde, Haus- und andere Nicht-Lohnarbeit einzubeziehen. Sie schloß damit an Mitte der 80er Jahre angedachte Konsequenzen an, die darauf abhoben, daß Frauen aus der Geldwirtschaft aussteigen und in die Subsistenzwirtschaft als „regionale Selbstversorgungswirtschaft" einsteigen sollten.

Ein Zurück zu reiner Subsistenzarbeit ist sicherlich aus vielfältigen Gründen nicht möglich, obwohl einige alternativ-ökonomische Ansätze in diese Richtung gehen. Die Industrialisierung läßt sich in den Industrieländern nicht ohne weiteres zurückschrauben und sie macht auch vor der „Dritten Welt" nicht halt. Aus international vergleichenden Untersuchungen wird die Verflechtung von Subsistenzproduktion und Warenproduktion vor allem auch in Hinblick auf die generative Reproduktion und Verwertung von Arbeitskraft deutlich (Schiel u. Stauth 1981). Vermehrte Ausbeutung von Frauen in der „Dritten Welt" wäre zudem die Folge (vgl. Christa Wichterich 1988).

Die Analysen des „Bielefelder Ansatzes" (Bennholdt-Thomsen, Mies, v. Werlhof) sind in der Frauenforschung und teilweise auch in der Forschung zur alternativen Ökonomie vielfältig aufgenommen worden. Welche Schlußfolgerungen daraus zu ziehen sind, ist in der Forschung über Frauenleben und -arbeit strittig (vgl. z.B. Lenz u. Rott 1984, Lenz 1988).

 

Die Notwendigkeit eines erweiterten Arbeitsbegriffs
Ausgangspunkt meiner Überlegungen ist, daß sowohl im Produktionsbereich, als auch im Reproduktionsbereich gesellschaftlich notwendige und nützliche Tätigkeiten verrichtet werden.

Im Produktionsbereich stellt die/der LohnarbeiterIn seine bzw. ihre Arbeitskraft dem Arbeitgeber zur Verfügung, um Produkte herzustellen, bzw. Dienstleistungen zu erbringen. Die Reproduktionstätigkeiten erscheinen jedoch als Schaffung einer Privatsphäre, deren Existenz und Gestaltung im Belieben eines jeden einzelnen steht. Produktionsarbeit und Reproduktionsarbeit vollziehen sich in scheinbar unabhängigen Bereichen. Diese Trennung, sowie die Tatsache, daß Lohnarbeit die vorherrschende Form ist, in der die gesellschaftlich notwendigen Tätigkeiten verrichtet werden, führt zu einer Gleichsetzung von Lohnarbeit und Arbeit. Damit werden alle Reproduktionstätigkeiten als Nichtarbeit oder „Freizeit" gefaßt und somit abgewertet.

Notwendig wird ein Arbeitsbegriff, durch den vermieden werden kann, daß geschlechtshierarchische Ausgrenzungen und schichtspezifische Diskriminierungen durch wissenschaftliche Untersuchungen perpetuiert werden, weil bestimmte Arbeiten von vornherein keine Berücksichtigung finden.

Ich behalte (zunächst) die Trennungen zwischen Produktionsarbeit und Reproduktionsarbeit bei. Als Produktionsarbeit bezeichne ich die instrumentell gebundene, zielgerichtete, gesellschaftlich nützliche Tätigkeit in Produktion und Dienstleistung. Tätigkeiten jenseits der Lohnarbeit (oder einer anderen das Einkommen sicherstellenden Erwerbsarbeit), die zur Erhaltung der menschlichen Arbeitskraft und des menschlichen Lebens notwendig sind, bezeichne ich als Reproduktionsarbeit.

Der Reproduktionsbereich ist jedoch in meiner Definition nicht mit dem „Reich der Freiheit", als Substitut zu den Erwerbsarbeiten gleichzusetzen. Die Arbeiten, die dort geleistet werden, sind vielfältig strukturiert und stets komplementär zum Produktionsprozeß zu sehen. Durch die Abkoppelung von der unmittelbaren Einflußnahme des kapitalistischen Verwertungsprozesses werden dort Zeitstrukturen, Arbeitsformen und psychisch-emotionale Beziehungsweisen möglich, ohne welche die Lebens- und Arbeitsfähigkeit der Individuen nicht erhalten und erzeugt werden könnten (vgl. Negt und Kluge 1972). Produktions- wie Reproduktionsarbeiten können sowohl mit Mühsal verbunden sein, wie auch Befriedigung, Lust und Selbstbestätigung verschaffen.

Dieser „erweiterte" Arbeitsbegriff umfaßt auch alles, was Hanna Arendt in „arbeiten", „herstellen" und „handeln" unterteilt, also die Aktivitäten zur Sicherung der Gattung und des Am-Leben-Bleibens, die Produktion einer künstlichen Welt von Dingen, „die unserem flüchtigen Dasein Bestand und Dauer entgegenhält" (= herstellen), und das Handeln, das „der Gründung und Erhaltung politischer Gemeinwesen dient" (Arendt 1981, S.15). Jede Aktivität greift gestaltend und kulturbildend in unsere Verhältnisse ein, zwar nicht jede mit gleichem Gewicht, aber keine ohne Bedeutung.

 

Die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung
Die beiden Hauptkategorien (Reproduktions- und Produktionsarbeiten) lassen sich nur analytisch trennen. Geht man bei der Definition von Produktionsarbeit alleine von der Tätigkeit des Produzierens aus, so müßten auch viele Arbeiten außerhalb der Lohnarbeit dazugezählt werden, weil auch dort produziert wird. Faktisch müssen Hausarbeitsverhältnisse den Produktionsverhältnissen zugerechnet werden, wenn sie von Putzfrauen, Hausangestellten oder Kinderfrauen gegen Entgelt geleistet werden. Auch leisten „reine Hausarbeiterinnen" Arbeiten, die zu den Produktionsarbeiten gehören; nämlich dann, wenn sie z.B. stundenweise unterbezahlte Aushilfsarbeiten verrichten oder selbstgefertigte Produkte gegen Entgelt veräußern.1

An der Tatsache, daß die Zuordnungen zu den verschiedenen Arbeitsverhältnissen sowie die Trennung von unbezahlter und bezahlter Arbeit auch die geschlechtshierarchischen Beziehungen zwischen Männern und Frauen bestimmt, ändern diese Verwischungen nichts. Sieht man von einigen Hausmännern ab, sind in den Hausarbeitsverhältnissen ausschließlich Frauen zu finden. Frauen, die Erwerbsarbeitsverhältnisse ausüben, sind dort meist mit Tätigkeiten befaßt, die in hohem Maße partialisiert, niedrig entlohnt, auf den unteren hierarchischen Ebenen angesiedelt sind und dem sogenannten „weiblichen Arbeitsvermögen"2, das aus der historischen Beschränkung der Frau auf Haus- und Familienarbeit abgeleitet wird, entsprechen.

 

Was ist gesellschaftlich notwendige und nützliche Arbeit?
In meinem Arbeitsbegriff sind destruktive Arbeiten, die der Zerstörung von Mit- und Umwelt und kriegerischen Auseinandersetzungen dienen, nicht verankert. Diese Arbeiten sind heute meist mit großer gesellschaftlicher Akzeptanz und hoher materieller Alimentation versehen. Für mich fallen sie nicht unter Produktionsarbeiten und schon gar nicht gehören sie zu den Reproduktionsarbeiten. Arbeit in Initiativen, die sich gegen die Zerstörung der Mit- und Umwelt wenden, wäre gesellschaftlich nützliche Arbeit und daher unter die Reproduktionsarbeiten zu subsumieren. Betriebliche Initiativen zur Konversion von Vernichtungs- und Rüstungsindustrie gehören selbstverständlich in den Bereich der Produktionsarbeiten. Einige können durchaus der alternativen Ökonomie zugerechnet werden.

Freilich kann weder die Ausgrenzung aus der Typologie von „Arbeit", noch die Ablehnung im Rahmen wünschenswerter Zukünfte zum Verschwinden von destruktivem Handeln führen. Das beweisen die immer wiederkehrenden kriegerischen Auseinandersetzungen brutal.

Die Schwierigkeiten einer Abgrenzung zwischen Destruktion und Produktion liegen in der moderneren Technikgesellschaft auf der Hand. Technik – z.B. in Form des Autos – kann Gegenstand von Arbeit sein, Gebrauchsgegenstand für das Subjekt oder auch – global betrachtet – Instrument von Umweltvernichtung (Siebel 1990, S.18). Ein „Weg mit dem Auto!" wäre dennoch zu einfach. Die Entscheidung, ob Arbeitsplätze in der Automobilindustrie bereits „Todesplätze" (Jungk) sind, ist schwer zu treffen. Für Frauen kann das Auto (z.B. als Nachttaxi) auch ein Schutzraum gegen Männergewalt und damit Vehikel für persönliche Freizügigkeit sein (vgl. Janshen 1990, S.29). Dennoch ist das Auto, wie zahlreiche andere technische Instrumente – trotz seiner situativen Vieldeutigkeit (Siebel 1990, S.18) nach meiner Definition kein Produkt, sondern ein Destrukt. Freilich bedarf eine Ablehnung des Autos als Destrukt nicht nur alternativer Verkehrs- und Stadtplanung, sondern auch einer Konversion des Automobilsektors für gesellschaftlich nützliche Zwecke, damit Arbeitsplatzverlust auf breiter Ebene verhindert wird.

Eine andere Arbeitsform, die ich mit dem oben entwickelten Arbeitsbegriff ebenfalls nicht erfaßt habe, ist die „Beziehungsarbeit". Der Begriff wird in der Frauenforschung oft verwendet. Kontos und Walser (1979, S.97ff.) benutzen ihn, um damit die psychischen Dimensionen der Hausarbeit zu fassen. Diese psychischen Dimensionen grenzen sie ab von der materiellen Hausarbeit. Die Schwierigkeit einer empirischen Trennung führen sie auf die Unsichtbarkeit der „Beziehungsarbeit" und die Vermischung derselben mit den „von Arbeit unabhängigen Interessen an menschlicher Beziehung" zurück.

Nach meiner Beobachtung ergeben sich die Schwierigkeiten der Abgrenzung vor allem durch die psychische Durchdringung auch „einfacher" materieller Hausfrauentätigkeiten.3

Diese psychische Durchdringung erstreckt sich meines Erachtens gleichermaßen auf Hausarbeit als unbezahlte Arbeit und ebenso auf Hausarbeit als bezahlt geleistete Arbeit. Sie trifft auch auf Erziehungsarbeit zu, wie sie durch Tagesmütter oder in einer Institution arbeitende Erzieherinnen geleistet wird. Zweifelsohne sind also mit dem Begriff „Beziehungsarbeit" Anforderungen bezeichnet, die sowohl in der Reproduktionsarbeit, als auch in der Produktionsarbeit vorwiegend von Frauen verlangt und auch erfüllt werden. Ein Blick in die Geschichte der Professionalisierung der Heil- und Pflegeberufe und der sozialen Arbeit zeigt, daß das Image solcher Frauenberufe seit Beginn der Industrialisierung von der jeweiligen gesellschaftlichen Bewertung der „Beziehungsarbeit" abhängt. Das führt dazu, daß einerseits unterstellt wird, die notwendigen Qualifikationen könnten gar nicht erlernt werden, weil sie zum Repertoire „weiblicher Fähigkeiten" gehörten, andererseits angenommen wird, durch komplexer werdende psychische und physische Notlagen wird eine Verwissenschaftlichung der Ausbildung dringend erforderlich (Notz 1986). Die jeweilige Bewertung der Arbeit ist abhängig davon, ob genügend Menschen zur Verfügung stehen, die diese Arbeit unbezahlt leisten können und in welcher Höhe sozialstaatliche Mittel für diese Arbeiten bereitgestellt werden.

Nach meiner Definition sind „Beziehungsarbeiten" nicht unter dem Arbeitsbegriff zu fassen. Ich betrachte sie als eine zur Ausübung der verschiedenen Arbeiten notwendigen Qualifikation. In diesem Zusammenhang zählen sie zu den sozialen Qualifikationen, die – im Sinne einer Entpolarisierung der Geschlechterverhältnisse – von Frauen wie Männern im Zusammenhang mit allen Arbeitsverhältnissen zu erbringen wären.

 

Handlungsoptionen für das Politikfeld Arbeit
Angesichts der gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklung, verbunden mit Erwerbslosigkeit, Orientierungslosigkeit und Armut, aber auch angesichts der gewachsenen Bedürfnisse der Menschen an gesellschaftlicher Teilhabe und eigenständiger Existenzsicherung durch sinnvolle, gesellschaftlich nützliche und möglichst selbstbestimmte Arbeit, kommt es darauf an, Konzepte zu entwickeln, wie die begrenzt vorhandene bezahlte Arbeit und die im Überfluß vorhandene unbezahlte Arbeit auf mehr Menschen verteilt werden kann. Alleine die Verkürzung der „Normalarbeitszeit" im Produktionsbereich für Menschen, die sie jetzt ausfüllen, wird nicht ausreichen. Allein durch eine Aufwertung der im Bereich der Reproduktion geleisteten Arbeit ohne eine Veränderung der Arbeitsteilung und der Arbeitsorganisation können die Probleme forcierter Modernisierung, Individualisierung, rabiater Industrialisierung und Naturzerstörung ebenfalls nicht gelöst werden.

Betrachten wir Konzepte und Strategien zur „Lösung" der aktuellen Arbeitsmarktprobleme, so wird die Verkehrung feministischer Forderungen und Anliegen deutlich. Hier wird der von Feministinnen geforderte „erweiterte" Arbeitsbegriff aufgenommen und geradezu ins Gegenteil verkehrt, indem bisher im Bereich der Reproduktion angesiedelte Tätigkeiten als Arbeit ideologisch aufgewertet werden und Ersatzfunktionen zur Abmilderung einer sozialstaatlichen Abbaustrategien übernehmen sollen. Der Staat verabschiedet sich aus der Verantwortung für das Gemeinwohl, indem er an den Gemeinsinn von BürgerInnen appelliert (vgl. Notz 1998).

Menschen, die der bezahlte Arbeitsmarkt nicht braucht, sollen danach mit „Bürgergeld" (Beck 1997, Kommission für Zukunftsfragen 1997), Lohn für Familienarbeit und „Erziehungsgehalt" (Leipert/Opielka 1998) oder „Schattenlöhnen" (Rifkin 1995) ausstaffiert und aus den Listen der um Erwerbsarbeit nachsuchenden gestrichen werden. So fordert z.B. die deutsche Hausfrauengewerkschaft (dhg) das „gebührende Äquivalent" für Familienarbeit, deren (rein) ideologische Aufwertung die dort organisierten Frauen nicht mehr zufrieden stellt. Sie geht davon aus, daß sich viele Frauen nach der Geburt eines Kindes bewußt dafür entscheiden, „Familienarbeit" zu leisten. Diese Frauen würden gewissermaßen einen Berufswechsel vollziehen, der gleichwertige Entlohnung verlangt (vgl. Metz 1998). In diese Richtung gehen auch Konzepte zum „Erziehungsgehalt" (Leipert/Opielka 1998). Der Verweis auf die Gleich-Wichtigkeit von Erwerbsarbeit und reproduktiven Familientätigkeiten unter dem „Aspekt der Wandlung des Arbeitsbegriffs" zementiert so die geschlechterhierarchische Arbeitsteilung. Die Trennungen zwischen „hochproduktiver Industrie mit weniger Arbeitskräften" und „personenorientierten Dienstleistungen" in der eigenen Familie bleiben, nunmehr abgesichert durch ein (minimales) Einkommen für Familienarbeit (vgl. Weinkamm 1998, S.64). Mit diesen Konzepten wird Haus- und Erziehungsarbeit unter den traditionellen Arbeitsbegriff subsumiert, ohne daß Strukturveränderungen irgendwelcher Art beabsichtigt sind. Die Exklusion aus gesellschaftlich organisierter Arbeit mit allen damit verbundenen Nachteilen – unter anderem den Schwierigkeiten der späteren Wiedereingliederung – bleibt bestehen.

Auch andere durch SoziologInnen und GewerkschafterInnen diskutierten Konzepte zu „neuen Arbeitsformen" behalten die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung bei. Angesichts der zunehmenden Globalisierung, forcierten Rationalisierung und kontinuierlichen Umstrukturierungen und der damit verbundenen Massenerwerbslosigkeit streiten sie um die Variante der Zukunft jenseits der Arbeitsgesellschaft. Dritter Sektor, Schattenwirtschaft, Bürgerarbeit, neues Ehrenamt und Stärkung von Selbsthilfe und „alternativer Wirtschaft" jenseits oder zwischen Markt und Staat werden als Allheilmittel gegen die Erwerbslosigkeit gepriesen, oft sind sie nur alter Wein in neuen Schläuchen.

Jedenfalls ist keines der Konzepte geeignet, die zunehmende soziale Ungleichheit und die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern auch nur aufzuweichen. Ungeniert werden neue Unterschichtungen zu Zukunftsmodellen stilisiert (z.B. Beck 1997) etwa auch im Drei-Schichten-Modell der Arbeit, wie es für den Club of Rome entwickelt wurde (Giarini/Liedtke 1998), das die wachsende Ungleichheit von Einkommen und Vermögen, verbunden mit zunehmender Verarmung breiter Bevölkerungsschichten, geradezu als unverzichtbare Bedingung für einen lebendigen Kapitalismus diskutiert. Führt man sich vor Augen, daß sich der prekäre Beschäftigungssektor in wenigen Jahren von einer marginalen Bedeutung zu einem Bereich ausgeweitet hat, der in Deutschland mehr als ein Drittel aller abhängig beschäftigten Erwerbspersonen umfaßt, so erscheint es ohnehin makaber, Konzepte zu präferieren, die gerade solche Arbeitsverhältnisse forcieren, aus deren Erlös sich die Mehrzahl derjenigen, die sie inne haben, und das sind weit überwiegend Frauen, nicht selbständig ernähren können. Zu einem Anspruch nach gesellschaftlicher und sozialer Verantwortung stehen solche Konzepte jedenfalls im Gegensatz.

Die Einteilung der Arbeit in Sektoren (z.B. Rifkin 1995) sortiert vor allem Frauen in den Dritten Sektor, die Bürgerarbeit oder die Dritte Schicht aus, wo sie in Non-Profit-Organisationen auf Sozialhilfeniveau arbeiten sollen. Solche Konzepte diskutieren die Nützlichkeit der jetzt unbezahlt geleisteten Arbeiten in Nachbarschaft und Gemeinwesen und bemühen nicht selten den durch Feministinnen entwickelten erweiterten Arbeitsbegriff. Sie werten die bis jetzt unsichtbar geleisteten Arbeiten (ideologisch) auf, ohne eine Veränderung von Arbeitsorganisation oder geschlechterspezifischer Verteilung ernsthaft anzuvisieren. So wird der Arbeitsmarkt (zumindest vorübergehend) von den die Sorgearbeiten leistenden bereinigt.

Für diejenigen, die sich mit alternativer Ökonomie befassen, stellt sich die Herausforderung, das Konzept „erweiterter Arbeitsbegriff" neu zu überdenken. Es erscheint nicht sinnvoll, die vorhandene Arbeit in neue oder alte Sektoren aufzuteilen und damit patriarchale Arbeitsteilungen festzuschreiben und neue Unterschichtungen zu befördern. Der häusliche Arbeitsbereich alleine stellt immer weniger Frauen zufrieden. Sie haben mehrheitlich in aufwendigen Qualifizierungsprozessen berufliche Kompetenzen erworben, die sie auch einsetzen wollen. Bis heute ändert weder die ideologische Aufwertung, noch die Betonung der qualifikatorischen Elemente von Haus- und Sorgearbeit, noch eine Bezahlung, etwas an der geschlechtsspezifischen Zuordnung dieser Arbeiten. Sie sind für Männer ebensowenig attraktiv, wie für diejenigen Frauen, die sich ihrer entledigen wollen.

Die – wenn auch noch zögerliche – Verweigerung der (Allein-)Zuständigkeit von Frauen reißt Lücken in die häuslichen Versorgungssysteme, die dann durch niedrig bezahlte außerhäusliche Dienstbotinnen (wiederum Frauen) erledigt werden sollen. Auch für die neuen Dienstbotinnen gilt, was Lilly Braun um die Jahrhundertwende schrieb: „Der Arbeiter verkauft einen, wenn auch den allergrößten Teil seiner Arbeitskraft, der Dienstbote verkauft seine Person" (1979, S.46). Wenn die Rollenaufteilung zwischen „Haupternährer" und Hausfrau bzw. Zuverdienerin in kleinfamilialen Lebensformen nicht, bzw. nur auf Kosten anderer Frauen aufzuweichen sind, wird es notwendig, die Kritik an der kleinfamilialen Lebensform, wie sie Anfang der 70er Jahre geführt wurde ebenso aufzunehmen, wie die Kritik an der betrieblichen Arbeitsorganisation und am Arbeitsbegriff (vgl. Notz 1996). Heute gelten andere Formen des Zusammenlebens, die unter günstigen Umständen ebenbürtige Geschlechterverhältnisse und Arbeitsverteilungen erlauben, immer noch und immer wieder als „Abweichung von der Norm". Weite Bereiche der tatsächlich gelebten Strukturen bleiben somit unbeachtet.

Die alternative Ökonomie wird sich in doppelter Weise mit der These vom „Ende der Arbeitsgesellschaft" oder der These „von der Arbeitsgesellschaft zur Tätigkeitsgesellschaft" auseinandersetzen müssen. Einmal, weil ihre Konzepte für eine „Zukunft der Arbeitsgesellschaft" vereinnahmt und zum Teil mißbraucht werden und zum anderen, weil sie sich immer als Alternative, als Gegenökonomie zur herrschenden kapitalistisch-patriarchalen Arbeitsgesellschaft begriffen hat.

 

Verbindung von alternativ-ökonomischer Kritik und Utopie
Notwendig wird eine Wissenschaftskritik aus alternativ-ökonomischer Sicht, die den traditionellen Begriff Arbeit kritisiert und als völlig falsch entlarvt. Die bloße Erweiterung des Arbeitsbegriffs um Reproduktionsarbeiten reicht nicht. Die Kritik der Arbeit in kapitalistischen Verhältnissen zielt über die Forderung nach Einbeziehung aller jetzt unbezahlt geleisteten Arbeiten in die Lohnform hinaus. Aus alternativ-ökonomischer Sicht geht es um eine Kritik an der Lohnförmigkeit auch der jetzt bezahlt geleisteten Arbeit und der Abhängigkeit der bloßen Existenz vom gezahlten Lohn. Und diese Kritik muß geschlechtsspezifisch geführt werden. Unter diesem Aspekt ist das Phänomen Arbeit zweifach zu analysieren. Einmal unter dem Aspekt einer funktionalisierten, d.h. entpersonalisierten Form, bei der es um den optimalen Einsatz der Arbeit zur wirtschaftlichen Zielerreichung geht, zum anderen in einer personalisierten, d.h. entfunktionalisierten Form, bei der/die TrägerIn der Arbeit, also der/die ArbeiterIn im Mittelpunkt der Analyse steht. Die Kritik muß auch die Inhalte aller Arbeitsbereiche erfassen. Sie muß also auch die Scheidung zwischen dispositiven Faktoren (Planung, Anweisung, Organisation, Kontrolle) und ausführenden Faktoren in allen Arbeitsbereichen enthalten, ebenso wie sie die Ausrichtung auf lebenslange Ganztagsarbeit (für Männer) kritisieren muß, wie die Ausrichtung auf lebenslange Sorgearbeit (für Frauen). Neben die Problematisierung inhumaner fremdbestimmter Arbeitsbedingungen in der Produktionsarbeit muß die Problematisierung des kommunikationslosen Charakters der Arbeit in den isolierten Küchen treten, die ebenso wie viele Formen der „Eigenarbeit" und nicht marktvermittelter Versorgungsarbeit vom toten Kapital definiert wird, genau so wie die Arbeit in der großen und kleinen Fabrik.

Konstruktive Kritik kann nur unter den Bedingungen einer Zielvorstellung, also einer Vorstellung vom anderen, Besseren, von sinnvoller Lebens-Arbeit erfolgen. Schließlich geht es um die Aufhebung der entfremdeten Arbeit in allen Arbeitsbereichen und um die Teilhabe von Männern und Frauen am ganzen Leben. Der Kritikbegriff muß mit einem neuen Utopiebegriff zusammengebracht werden. Das hieße, eine Verallgemeinerung der gesellschaftlichen Gesamtarbeit (bezahlter und unbezahlter, auch gemeinwesenorientierter und ehrenamtlicher Arbeit) auf alle anzustreben, ebenso wie ein Recht auf existenzsichernde, sinnvolle und selbstbestimmte Arbeit für alle Menschen, die das wollen. Erst dann können die befreienden Dimensionen nicht marktförmiger Arbeit ohne zusätzliche Ausbeutung wirklich werden. Ziel wäre eine Arbeit, die so gestaltet ist, daß Erwerbsarbeit, Hausarbeit und die Arbeit im sozialen, politischen, kulturellen, künstlerischen und gemeinwesenorientierten Bereich zeitlich, räumlich und inhaltlich eine Einheit darstellen, in welche die Sorge, Verantwortung und Hilfe für menschenwürdiges Leben von Kindern, Jugendlichen, Kranken und alten Menschen integriert werden kann. Dies wäre eine Gesellschaft, in der die „freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist" (Manifest, MEW 4, S.482). Eine solche Gesellschaft ist bis heute Utopie.

Dennoch gibt es innerhalb der kapitalistisch-patriarchalen Gesellschaft bereits Individuen und Gruppen, die mit den Entwicklungsmöglichkeiten, die ihnen das kapitalistisch-patriarchale System bietet, nicht zufrieden sind und die versuchen, ihre eigenen Strukturen zu schaffen, um Arbeitsmöglichkeiten und Zusammenlebensformen jetzt und heute nach ihren Wünschen zu gestalten (vgl. Notz u.a. 1991; Möller 1997). Einige Projekte verbinden Leben und Arbeit in allen gesellschaftlich notwendigen und nützlichen Bereichen und fragen danach, wie sie gesellschaftlich sinnvoll arbeiten können, ohne die Mit- und Umwelt weiter auszubeuten und zu gefährden.

Genossenschaftliche und kommunitäre Arbeits- und Lebensformen, in denen sich Menschen zusammenschließen, um gemeinsam Dinge zu tun, die sie alleine gar nicht tun wollen oder können, und weil sie mit anderen zusammenleben, ganzheitlich und solidarisch, ohne patriarchale Hierarchien arbeiten und handeln wollen, gehen in diese Richtung.

Die wohl radikalste Form des gemeinsamen Wirtschaftens und des anderen Lebens und Arbeitens sind Kommunen. In Kommunen schließen sich Menschen mit gleichen oder ähnlichen Interessen zu überschaubaren sozialen Einheiten, Lebens- und Arbeitsgemeinschaften zusammen. Sie entwickeln neue Formen der Selbsthilfe und gegenseitigen Hilfe und menschliche Beziehungen in einem kollektiv organisierten Leben. Meist grenzen sie sich von kleinfamilialen Lebensformen ab und finden eigene Regelungen.

„Auf der Suche nach der verlorenen Zukunft"4 sind sie Suchbewegungen und Versuche gegen die fortschreitende Zerstörung der menschlichen Mit- und Umwelt, gegen die Ausgrenzung von Andersdenkenden und – last not least – gegen die sozialen und die geschlechterspezifischen Ungleichheiten. Kommunen sind keine einheitlichen Gebilde. Sie haben viele Gesichter, sie werden beneidet, belächelt, auch diskriminiert und pathologisiert und mitunter sogar kriminalisiert. Aber viele der Menschen, die dort leben und arbeiten, sind unermüdlich, stellen sich den Herausforderungen der GrenzgängerInnen und versuchen, aus Träumen Leben werden zu lassen. Und das, obwohl heute utopisches Denken nicht gerade hoch im Kurs steht (Behrend).

 

Perspektiven für die Zukunft
In der Zukunft muß es darum gehen, die herkömmliche Trennung von ökonomischen und außerökonomischen Bereichen, sowie deren geschlechterspezifische Zuordnung auf breiter Ebene in Frage zu stellen. Daraus kann dann abgeleitet werden, welcher institutionellen Änderungen es in Beruf, Gemeinwesen und Haushalt bedarf, damit Frauen und Männer sich ebenbürtig begegnen können, und welche Maßnahmen in beiden Bereichen notwendig werden, um schicht- und geschlechterspezifische Ungleichheiten abzubauen.

Diese Notwendigkeit der Anstrengung ergibt sich schon daher, daß in naher Zukunft die Illusion der Schaffung neuer, existenzsichernder Arbeitsplätze sich nicht erfüllen wird – für Frauen schon gar nicht. Hingegen müssen wir mit der weiteren Destabilisierung des Bestehenden rechnen. Und mit fortschreitender „sozialer Polarisierung" (Rifkin 1995) mit den Folgen sozialer Ausgrenzung, Kriminalisierung, Verelendung, Verwilderung und zunehmender Barbarei. – Wenn wir nicht für grundsätzliche Veränderungen kämpfen.

Es gilt den globalen Gesellschaftsvertrag aufzukündigen, der globales Wirtschaften auf die Säule von umweltzerstörerischem Wachstum, auf die auf Erwerbsarbeit bezogene Vollbeschäftigung und sexistische Arbeitsteilung stellt. Wir werden Vollbeschäftigung neu definieren müssen. Für die Wirtschaftspolitik, Arbeitsmarktpolitik und auch für die Gewerkschaften wird es unerläßlich, den Blick auf die Arbeit als Ganzes zu richten. Das hieße auch „kleine Selbständige" (die oft weder Produktionsmittel besitzen, noch andere Menschen für sich arbeiten lassen), Menschen aus Schatten- und Alternativwirtschaft, lokaler Ökonomie wie auch Hauswirtschaft werden in die Strategien einbezogen werden müssen. Die Strategien können sich nicht nur auf Arbeitsbeschaffung richten, sondern müssen auch Humanisierung, Demokratisierung, Arbeitsinhalte und Nützlichkeit der Produkte einfordern. Es geht um gesellschaftlich notwendige, sinnvolle und möglichst selbstbestimmte Arbeit in allen Arbeitsbereichen. Und es geht um die Frage der Veränderung der strukturellen Ungleichheit zwischen Männern und Frauen. Auch Reproduktions- und Eigenarbeit genügen diesen Anforderungen nicht per se.

Schließlich geht es um die Internationalisierung und Globalisierung der Gegenwehr und des Widerstandes. Christa Wichterich ist beizupflichten, wenn sie schreibt: „Auf dem globalen Markt braucht die internationale Frauensolidarität neue Wege und neue Instrumente" (1997).

Um global und lokal solidarisch Gegenwehr entwickeln zu können, braucht es kritisch-sozialer Qualifikationen und Kompetenzen. Hier ist eine wichtige Aufgabe für das Bildungssystem zu sehen. Es gilt Bildung als politischen Begriff, wie er anläßlich der Bildungsreform der 70er Jahre geprägt wurde, zu reformieren. Es gilt in der Aus-, Fort- und Weiterbildung für alle Altersstufen Konzepte zu entwickeln, die Qualifikationen vermitteln, die geeignet sind, Menschen zu befähigen, sich gegen soziale Ungerechtigkeiten, gegen Gewalt und Unterdrückung, gegen geschlechtshierarchische Diskriminierungen und gegen die Zerstörung der Mit- und Umwelt solidarisch zur Wehr zu setzen (vgl. Notz 1997, S.134).

Es genügt nicht, weltweit oder regional die Hälfte vom schimmligen Kuchen zu fordern. Wir werden einen anderen Kuchen backen müssen und wir werden neu darüber nachdenken müssen, mit wem, für wen und unter welchen Arbeitsbedingungen und mit welchen Ressourcen und Energien wir backen wollen. Auch ein Vollwert-Öko-Kuchen kann unter psychisch und physisch krank machenden, menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen gebacken werden. Und die nach den Kriterien humanisierter Arbeitsbedingungen gestaltete kleine Fabrik wird zum Destruktionsapparat, wenn dort Kriegsmaterial produziert wird. Arbeit in allen Bereichen sollte wieder als Ort der Kommunikation und Kooperation, der Solidarisierung von Menschen verstanden werden und nicht als Ort des gegenseitigen Austricksens und Kaltstellens. Wir brauchen eine radikale Arbeitszeitverkürzung im Bereich der sinnvollen Vollzeiterwerbsarbeit und eine Gleichverteilung der begrenzt vorhandenen bezahlten und der im Überfluß vorhandenen unbezahlt geleisteten Arbeiten auf beide Geschlechter, so daß es für alle möglich wird, Haus- und Sorgearbeiten und gemeinwesenorierntierte Arbeiten zu übernehmen. Um dies zu erreichen, wird neben der Neuverteilung und Neubewertung aller gesellschaftlich notwendigen Arbeiten auch eine Gleichverteilung der gesellschaftlichen Verantwortung notwendig.

Überarbeiteter Vortrag, gehalten auf dem Sommerseminar 1999.

Vorabdruck aus : DGB-Bundesjugendschule: Kapitalismus ohne Alternativen?

AG SPAK Bücher Neu-Ulm. 1999, 152 S.

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Anmerkungen:

1 Ein Beispiel, das ich oft GesprächspartnerInnen gegenüber benutzt habe, um auf die Unsinnigkeit der Trennung von Arbeit und Nicht-Arbeit besonders im Blick auf Frauenarbeit hinzuweisen, ist das Brotbacken: Backt eine Frau von ein und demselben Teig in ein und demselben Ofen zwei Brote und veräußert das Brot A auf einen Wohltätigkeitsbasar, so hat sie gearbeitet. Nicht jedoch gearbeitet hat sie für das Brot B, das sie selbst, ihr Mann und ihre Kinder zum Frühstück essen. Auch künstlerische Arbeit liegt quer zu den Arbeitsbereichen.

2 Zur Auseinandersetzung mit dem „weiblichen Arbeitsvermögen siehe Knapp, Gudrun-Axeli: Arbeitsteilung und Sozialisation: Konstellationen von Arbeitsvermögen und Arbeitskraft im Lebenszusammenhang von Frauen, in: Beer, Ursula (Hrsg.): Klasse Geschlecht. Feministische Gesellschaftsanalyse und Wissenschaftskritik, Bielefeld 1987, S.236-273

3 Wie lassen sich z.B. „materielle Hausarbeit" und „Beziehungsarbeit" beim Putzen der Nase eines zweijährigen Kindes, das gerade hingefallen ist und gleichzeitig die Tränen abgewischt bekommt und getröstet wie auch gepflastert werden muß, trennen?

4 „Auf der Suche nach der verlorenen Zukunft" ist der Titel einer Schriftenreihe, hrsg. von Hanna Behrend im trafo verlag, dr. wolfgang weist, Berlin.

 

Literatur

Arendt, Hanna: vita activa oder Vom tätigen Leben. München 1981

Beck, Ulrich: Was heißt Globalisierung? Frankfurt/M. 1997

Braun, Lilly: Die weiblichen Dienstboten. In: Brinker-Gabler, Gisela: Frauenarbeit und Beruf. Frankfurt/M. 1979

Giarini, Otto / Patrick M. Liedtke: Wie wir arbeiten werden. Der neue Bericht an den Club of Rome. Hamburg 1998.

Haug, Frigga: Feministisch arbeiten mit Marx. Manuskript 1999

Janshen, Doris (Hrsg.): Hat die Technik ein Geschlecht. Denkschrift für eine andere technische Zivilisation. Berlin 1990

Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen. Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit in Deutschland. Entwicklung, Ursachen und Maßnahmen – Teil I, II und III. Bonn 1997

Kontos, Silvia / Karin Walser: ... Weil nur zählt, was Geld einbringt. Probleme der Hausfrauenarbeit. Gelnhausen, Berlin, Stein 1979

Leipert, Christian / Opielka, Michael: Erziehungsgehalt 2000. Ein Weg zur Aufwertung der Erziehungsarbeit. Freiburg 1998

Marx, Karl: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (1857/58). Berlin 1954

Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band (Marx-Engels-Werke Bd.23), Berlin 1974

Marx, Karl; Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei. Berlin 1988

Marx-Engels-Werke, Bd.23, Berlin 1974

Metz, Ursula: Was ist Arbeit? – Überlegungen zum Vergleich von Erwerbstätigkeit und Erziehungs- bzw. Familienarbeit. Vortrag anläßlich der Sitzung des Deutschen Landfrauenverbandes, Ausschuß „Familien und Gesellschaftspolitik", November 1998 in Bonn

Mies, Maria: Die Krise ist eine Chance, Subsistenz statt „Entwicklung", in: Soll und Haben. Strategien und Alternativen zur Lösung der Schuldenkrise. Hamburg 1988, S.198-223

Möller, Carola u.a.: Wirtschaften für das „gemeine Eigene". Handbuch zum gemeinwesenorientierten Wirtschaften. Schriftenreihe: Auf der Suche nach der verlorenen Zukunft. H. Behrend (Hg.), Berlin 1997

Negt, Oskar / Kluge, Alexander: Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von proletarischer und bürgerlicher Öffentlichkeit. Frankfurt/M. 1972

Neusüß, Christel: Und die Frauen? Tun die denn nichts? Oder: was meine Mutter zu Marx sagt. In: beiträge zur feministischen theorie und praxis, H. 9/10, 1983, S.181-206

Neusüß, Christel: Die Kopfgeburten der Arbeiterbewegung oder: Die Genossin Luxemburg bringt alles durcheinander. Hamburg 1985

Notz, Gisela: Frauen, die zum Nulltarif arbeiten, waren immer unentbehrlich. Zur Geschichte der ehrenamtlichen Tätigkeit von Frauen im sozialen Bereich. In: Dalhoff, Jutta; Ursula Frey; Ingrid Schöll (Hrsg.): Frauenmacht in der Geschichte. Düsseldorf 1986

Notz, Gisela: Frauen im sozialen Ehrenamt. Ausgewählte Handlungsfelder, Rahmenbedingungen und Optionen. Freiburg 1989

Notz, Gisela u.a.: Selbstverwaltung in der Wirtschaft. Alte Illusion oder neue Hoffnung. Köln 1991

Notz, Gisela: Verlorene Gewißheiten? Individualisierung, soziale Prozesse und Familie. Frankfurt/M. 1996

Notz, Gisela: Die neuen Freiwilligen. Das Ehrenamt – Eine Antwort auf die Krise? Neu-Ulm 1998

Rifkin, Jeremy: Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft. Frankfurt a.M./New York 1995

Siebel, Werner: Bürgerliches Subjekt und technische Zivilisation. Der Mensch als Störfall technischer Rationalität, in: Ästhetik und Kommunikation, H. 75/1990, S.12-21

Weinkamm, Max: Gehalt für die Erziehungsarbeit in der Familie? In: Fokus Nr. 48/1998, S.64

Werlhof, Claudia von: Der blinde Fleck in der politischen Ökonomie, in: beiträge zur feministischen theorie und praxis

H. 1/1978, S.18-32

Werlhof, Claudia von: Der Proletarier ist tot. Es lebe die Hausfrau? in: Werlhof, Claudia von; Maria Mies; Veronika Benhold-Thomsen: Frauen, die letzte Kolonie. Reinbek 1983

Wichterich, Christa: Überlebenspragmatikerinnen – ein Bein in der Subsistenz-, das andere in der Warenproduktion. Erfahrungen mit Stammesfrauen in Indien, in: beiträge zur feministischen theorie und praxis, H. 23/1988, S.9-20

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