Veranstaltungsreihe: Nachhaltige Selbstverwaltung?"
Teil II AG Strukturelemente von Selbstverwaltung: Welche Anpassungsprozesse selbstverwalteter Projekte sind notwendig welche Strukturelemente von Selbstverwaltung ermöglichen eine dauerhafte Stabilität von Projekten?
Verantwortlich: Waldemar Schindowski
In dieser AG soll anhand konkreter Erfahrungen der TeilnehmerInnen versucht werden, Essentials von Selbstverwaltung kritisch zu hinterfragen. Welche Irrtümer und Mythen sollten benannt und vermieden werden? Gibt es Anwendbarkeitskriterien für selbstverwaltete Strukturelemente, was sind die Möglichkeiten und Grenzen? Welche Errungenschaften können, ggf. moduliert, weitergegeben werden?
Dazu ein paar Thesen:
1.
Die Revolution ist vorbei wir haben gesiegt! Die gesellschaftliche Akzeptanz für selbstverwaltetes Wirtschaften hat mittlerweile dazu geführt, daß ein Aha-Effekt" nicht mehr da ist. Ausgehend von der Oppenheimerschen These bedeutet dies für selbstverwaltete Betriebe, daß sie entweder marktgerechte Produkte und Dienstleistungen herstellen, die auch nachgefragt werden, oder sie verschwinden vom Markt. Einzig und allein auf seine Betriebsstruktur verweisend, kann sich kaum noch ein selbstverwaltetes Projekt behaupten.
2.
Wenn es stimmt, daß die Projektlandschaft in weiten Teilen von MitarbeiterInnen geprägt ist, die mittlerweile zwischen 40 und 50 Jahre alt sind und sich Nachwuchs" eher sporadisch einstellt, dann bedeutet dies, daß der Wunsch in solch einem Betrieb zu arbeiten, relativ wenig vorhanden ist. Woran liegt dies? Steht der weit verbreitete protestantische Arbeitsethos innerhalb der Projekte den Fun"- und Individualisierungsprozessen in der Gesellschaft entgehen? Sind bestimmte gesellschaftliche Bedingungen und Zeitsituationen notwendig, damit eine Projektelandschaft entstehen kann?
3.
Auch Projektgründungen in der alternativen Ökonomie sind Betriebsgründungen! Neben dem Faktor, daß sich selbstverwaltete Betriebe auch dem Markt stellen müssen, ist ein noch entscheidenderer Punkt bei Betriebsgründungen, daß heute nicht mehr das anders arbeiten" und damit die Form des Betriebes im Mittelpunkt steht, sondern das Produkt oder die Dienstleistung. Wichtig ist es heute, eine Nische am Markt zu finden, und nicht Dinge wie etwa kollektive Arbeitsformen. Erst nachdem sich das Produkt oder die Dienstleistung am Markt etabliert hat, stellt sich evtl. die Frage nach einer demokratischen Betriebsform. Nur bei einem erfolgreichen Marktauftritt ergibt sich auch die Notwendigkeit einer zukunftsgerechten betrieblichen Organisationsform.
4.
Projekte der alternativen Ökonomie haben heute nicht mehr die Exklusivität fortschrittlichen Wirtschaftens. Der in den letzten Jahren mit dem Begriff ökologisches Wirtschaften" umschriebene Paradigmawechsel wird heute meist von Betrieben besetzt, die nicht aus der Tradition der alternativen Ökonomie kommen, eher von mittelständischen Familienbetrieben, Neuen Selbständigen" oder auch von neuen ManagerInnen in Großkonzernen. Innerhalb der Diskussion des moderne, fortschrittlichen Zeitgeistes haben die Theorien und Vorstellungen der alternativen Ökonomie keinen eigenständigen Charakter, welcher in dieser Diskussion gesellschaftlich relevant wäre, wenngleich viele Themen durchaus Ähnlichkeit mit früheren Auseinandersetzungen in selbstverwalteten Betrieben haben. Hinzu kommt auch, daß viele Modelle wie MitarbeiterInnenbeteiligung, flexible Arbeitszeit oder Förderung von Frauen in normalen" Betrieben besser umgesetzt werden, da sie aufgrund der wirtschaftlichen Größe", auch von den betriebswirtschaftlichen Möglichkeiten her, umgesetzt werden können.
5.
Die Möglichkeiten der neuen elektronischen Medien verändern die Betriebe und Rahmenbedingungen. Langsam zeichnet sich am Horizont die Veränderungen der Arbeits- und Wirtschaftswelt durch die neuen elektronischen Medien ab. Die betriebliche Kommunikation nach innen und außen, die Veränderungen von Projektmanagement und MitarbeiterInnenstatus (Neue Selbständige"), die neuen Relationen von Entfernungen etc. werden zur baldigen Veränderung von Betriebs- und Wirtschaftsstrukturen führen. Neue Produkte und Dienstleistungen werden entstehen, der Modernisierungsdruck auf die Betriebe und Branchen wird für viele enorm werden. Auch diese Entwicklung wird vom derzeitig herrschenden Zeitgeist bestimmt: Betriebe zu gründen heißt modern zu sein! Modernität bestimmt sich nicht aus den Wünschen von Einzelnen oder von Gruppen, sondern aus einer gesamtgesellschaftlichen, von bestimmten intellektuellen und wirtschaftlichen Fraktionen forcierten Vorstellung von Gesellschaft. Nur wer diesen Erwartungen gerecht wird (neue Technologien + Ökologie = Zukunft), wird auch in dieser Gesellschaft wirtschaftlich überleben können!
6.
Die derzeitige Diskussion etwa über die Verteilung und Veränderung der Arbeitswelt und des Arbeitsbegriffs hat zwei Gesichter: Einerseits geht es um Bedingungen der wirtschaftlichen Umstrukturierung, andererseits um Verteilungskämpfe verschiedener Schichten innerhalb der Gesellschaft. Wenn die alternative Ökonomie nicht nur eine Armutsökonomie sein will, für das Auffangen ausgesonderter" Bevölkerungsschichten der Gesellschaft, dann muß sie dazu inhaltlich Stellung beziehen, eine Position finden, Bündnispartner haben. Dafür ist es notwendig, daß alternative Wirtschaftsformen eine Modernität" ausstrahlen, welche auch auf andere Bereiche wirkt und wahrgenommen wird. Erst auf der Grundlage erfolgreichen betriebswirtschaftlichen Agierens werden die alternativ-ökonomischen Modelle im gesamtgesellschaftlichen Kontext eine Wirkung haben. Erforderlich dazu ist ein Lobby-Arbeit und ein intellektuell wahrgenommener Diskurs aus den Kreisen der Alternativen Ökonomie. Wenn dieser Prozeß nicht organisiert wird, dann wird die Spaltung zwischen wirtschaftlich erfolgreichen ökologisch orientierten Betrieben und den zunehmenden Projekten der Armutsökonomie nicht aufgehoben. Die Alternative Ökonomie wird sich nur behaupten können, wenn sie ihren fortschrittlichen" Charakter öffentlich darstellen kann und die zukünftigen Veränderungen der Arbeitswelt so gestaltet werden, daß sie erfolgreich wirtschaftlich Bestand haben. Von daher sind immer wieder auftauchende Vorstellungen und Forderung wie: Repolitisierung der Projektelandschaft", oder politische Strategien gegen neoliberale Selbsthilfeinstrumentalisierung" (Kongress Anders arbeiten oder gar nicht?!" im April 1999 in Berlin) solange ein moralischer Kalauer, solange sie nicht in den alternativen Projekten wirtschaftlich untermauert sind.