| [zurück]xx
Gisela
Notz
Theoretische Zugänge zu kommunitären Lebens- und Arbeitsformen
Vorbemerkung Es gibt sie nicht, DIE Theorie kommunitärer Lebens- und Arbeitsformen. Sven Giegold hat das bereits beim Herbstseminar des Theorie-Arbeitskreises Alternative Ökonomie in Verden 1999 festgestellt. Er verwies besonders darauf, dass eine Auseinandersetzung mit der breiten Empirie des Scheiterns und der begrenzten Erfolge geschehen sollte. Allerdings wurden im Anschluss an seinen Beitrag während eines Treffens, bei dem verschiedene Kommunen vertreten waren, wiederum allgemeine Probleme der KommunardInnen diskutiert. Sie lagen auf der Hand. Ein Teil der Schwierigkeiten und der oft zitierten "Krise" der Gegenkulturbewegung ist m. E. auf eine gewisse Theoriefeindlichkeit, die nicht selten mit unhistorischem Vorgehen verbunden ist, zurückzuführen. So werden oft affektive und emotionale Reaktionen an die Stelle von bewussten Strategien und klaren Zielen gesetzt. Die Bemühungen um eine bessere Zukunft verlieren sich dann nicht selten in romantischen Träumen und Abkehr von der Realität. Freilich gibt es verschiedene Theorieansätze; ich kann sie in diesem Zusammenhang nicht einmal umfassend vorstellen. Eine "eigene" Theorie zu entwickeln, liegt mir solange fern, wie ich dies nicht mit den KommunardInnen gemeinsam tun kann. Aber auch die KommunardInnen selbst haben aus ihren Erfahrungen Ansätze entwickelt, die lohnende Anknüpfungspunkte sind (z.B. Kollektiv KommuneBuch 1996). In meinen Überlegungen gehe ich davon aus, dass immer mehr Menschen unzufrieden sind, mit den Arbeitsbedingungen, der Arbeitsorganisation, der Arbeitsteilung und der Arbeitsverteilung in unserer Gesellschaft und auch mit den Zusammenlebensformen, bzw. der Möglichkeit, diese befriedigend zu gestalten. Viele Schäden, die die kapitalistischen Unternehmungen an der Mit- und Umwelt angerichtet haben, lassen sich nicht wieder rückgängig machen. Wissenschaft und Politik versuchen, unheilvolle Bedrohungen durch Gegenmaßnahmen zu bekämpfen. Die wenigsten sind geeignet, die Ursachen der Probleme zu beseitigen. Maßnahmen gegen die Krise der Familie", sollen letztlich die bürgerliche Kleinfamilie rekonstruieren, und Maßnahmen gegen die "Krise der Arbeitsgesellschaft" sind geeignet, feudalherrschaftliche Abhängigkeiten zu rekonstruieren. Weder die Wiederherstellung des Normalarbeitsverhältnisses", noch die Rekonstruktion der bürgerlichen Kleinfamilie mit dem männlichen Haupternährer und der Hausfrau bzw. weiblichen Zuverdienerin" werden für die Zukunft mögliche Lösungsmodelle sein, auch wenn PolitikerInnen aller Coleur darauf hoffen. Ich kann auch keine "Lösung" darin sehen, dass diejenigen, die sich mit alternativer Ökonomie befassen, aus Protest gegen die Sinnlosigkeit der "Gesellschaft im Überfluss" ein Leben in Armut auf sich nehmen sollten, um den Prinzipien der kapitalistischen Marktwirtschaft und dem Leistungsprinzip, das die Individuen einander entfremdet, (scheinbar) zu entkommen. Besonders stört es mich, wenn WissenschaftlerInnen, die selbst nie in die Gelegenheit kommen (wollen), dieses Leben als das "Gute Leben" propagieren und alle, die ihnen nicht folgen wollen, als rückständig bezeichnen. PolitikerInnen, SoziologInnen und GewerkschafterInnen streiten sich angesichts der zunehmenden Globalisierung, forcierten Rationalisierung und kontinuierlichen Umstrukturierungen und der damit verbundenen Massenerwerbslosigkeit um die Variante der Zukunft jenseits der Arbeitsgesellschaft. Dritter Sektor, Schattenwirtschaft, Bürgerarbeit, neues Ehrenamt und Stärkung von Selbsthilfe und alternativer Wirtschaft" jenseits oder zwischen Markt und Staat werden als Allheilmittel gegen die Erwerbslosigkeit angepriesen, oft sind sie nur alter Wein in neuen Schläuchen. Sie ändern nichts an der sozialen Ungleichheit, forcieren neue Unterschichtungen und beruhen auf einem alten Geschlechtervertrag, der die Frauen auf die Haus- und Sorgearbeiten verweist. Kritik aus alternativ-ökonomischer Sicht Aus alternativ-ökonomischer Sicht wird Kritik an den herrschenden Arbeitsbedingungen notwendig, die sich sowohl auf die bezahlt geleisteten Arbeiten in Produktion und Verwaltung, als auch auf die Organisation, Struktur und Verteilung der unbezahlten Haus- und Sorgearbeiten in Familie und anderen Lebensformen beziehen. Darauf, dass die Probleme der fremdbestimmten, an den Verwertungsinteressen der Kapitaleigner orientierten Bedingungen des Wirtschaftens nicht alleine durch veränderte Bedingungen in der Erwerbsarbeit gelöst werden können, hat die soziologische Frauenforschung seit Langem hingewiesen. Ebenso wenig können die Probleme, die die geschlechterhierarchische Arbeitsteilung mit sich bringen, alleine mit veränderten Bedingungen in Produktion und Verwaltung und mit der Einbeziehung der Frauen in diese Arbeitsbereicht gelöst werden, das wird am Beispiel der Nachkriegsgeschichte der Frauenarbeit in den fünf neuen Bundesländern deutlich. Und das hat Gründe. Die Funktion der Familie als Platzanweiser für die Rollenverteilung im Reproduktionsprozess blieb unangetastet. Sie wurde als kleinste Zelle des sozialistischen Staates" als einzige Form des Zusammenlebens angesehen und gefördert (Merkel). Ein struktureller Wandel hinsichtlich der geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung in Betrieb und Familie oder hinsichtlich der Struktur der Familie insgesamt unterblieb in der real sozialistischen DDR jedoch ebenso aus wie im kapitalistisch-patriarchalen System der Bundesrepublik. Organisation und Verteilung der Arbeit werden keinesfalls durch den Markt alleine geregelt. Organisation und Verteilung der Arbeit werden durch private Wirtschaft, Staat, selbstorganisierte Gemeinschaften und Kollektive und private Haushalte (Familien und andere Zusammenlebensformen) geregelt. Arbeit umfasst landwirtschaftliche, handwerkliche, technisch-wissenschaftliche, künstlerische, sorgende und versorgende Tätigkeiten. Die verschiedenen Arbeitsorte bestimmen darüber, ob die dort arbeitenden Menschen ihre Existenz selbständig sichern können, ob sie sich ihre sozialen Lebensbedingungen schaffen können und ob sie ihre gesellschaftlichen Lebensbedingungen bewusst und ihren Bedürfnissen entsprechend gestalten können. Unter kapitalistisch-patriarchalen Produktionsbedingungen bleibt die Gestaltung der gesellschaftlichen Arbeit den Gesetzen der Profitmaximierung überlassen. Die von Marx Kapitalismusanalyse abgeleiteten gesellschaftlichen Konsequenzen der Aufhebung der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschafsordnung durch die Produzenten scheint heute keine AnhängerInnen mehr zu finden. Die zentrale Bedeutung der Erwerbs-Arbeit für die eigene Existenzsicherung und als gesellschaftlicher Platzanweiser bleibt bestehen. Die Funktion der Familie als Platzanweiser für die Rollenverteilung im Reproduktionsprozess bleibt weitestgehend unangetastet. Strukturen zur Entwicklung gemeinwesenorientierter, kooperativer und kommunitärer Arbeitsformen sind noch wenig entfaltet und erschlossen. Konstruktive Kritik an der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft kann nur unter den Bedingungen einer Zielvorstellung, also einer Vorstellung vom Anderen, Besseren, von sinnvoller Lebens-Arbeit erfolgen. Es gilt der Frage nachzugehen, wie wir in der Zukunft (zusammen) leben und (gemeinsam) arbeiten wollen. Es gilt Kritik an den Berufsstrukturen ebenso zu üben, wie an den Strukturen der Familie. Schließlich geht es um die Aufhebung der entfremdeten Arbeit in allen Arbeitsbreichen und um die Teilhabe von Männern und Frauen am ganzen Leben. Der Kritikbegriff muss daher mit einem neuen Utopiebegriff zusammengebracht werden. Das hieße, eine Verallgemeinerung der gesellschaftlichen Gesamtarbeit (bezahlter und unbezahlter, auch gemeinwesenorientierter und ehrenamtlicher Arbeit) auf alle anzustreben ebenso wie ein Recht auf existenzsichernde, sinnvolle und selbstbestimmte Arbeit für alle Menschen, die das wollen. Erst dann können die befreienden Dimensionen nicht marktförmiger Arbeit ohne zusätzliche Ausbeutung wirklich werden. Ziel wäre eine Arbeit, die so gestaltet ist, dass Erwerbsarbeit, Hausarbeit und die Arbeit im sozialen, politischen, kulturellen, künstlerischen und gemeinwesenorientierten Bereich kollektiv organisiert sind und gleich wichtig sind. Die Sorge, Verantwortung und Hilfe für menschenwürdiges Leben von Kindern, Jugendlichen, Kranken und alten Menschen könnte in eine solche Arbeit integriert werden. Dies wäre eine Gesellschaft, in der die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist" (Manifest, MEW 4, S. 482). Eine solche Gesellschaft ist bis heute Utopie. Innerhalb der kapitalistisch-patriarchalen Gesellschaft gibt es schon lange Individuen und Gruppen, die mit den Entwicklungsmöglichkeiten, die ihnen das kapaitalistisch-patriarchale System bietet, nicht zufrieden sind und die versuchen, ihre eigenen Strukturen zu schaffen, um Arbeitsmöglichkeiten und Zusammenlebensformen jetzt und heute nach ihren Wünschen zu gestalten (vgl. Notz u. a. 1991; Möller 1997). Ich will im folgenden über die Kommune als radikal andere Lebens- und Arbeitsform - als gelebte Utopie im hier und jetzt darstellen. Mein Ausgangspunkt ist die Kritik am herrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystem aus alternativ-ökonomischer Sicht. Ich werde dann die Frage stellen, was eine Kommune ist, danach fragen, wie die Kommune-Bewegung entstanden ist und was die Kommune-Bewegung will. Anschließend werde ich der alten Auseinandersetzung nach dem politischen Stellenwert der Kommunebewegung nachgehen. Die Perspektiven am Ende des Beitrages sollen zur Diskussion anregen. Was ist eine Kommune? "Kommune ist ein Zusammenschluss von Personen (Kommunarden genannt) oft Studenten und Studentinnen, die eine neue Form des Zusammenlebens (Wohn- und Wirtschaftsgemeinschaft) suchen", so steht es im großer Brockhaus. Als Kommune lassen sich vorwiegend Wohngemeinschaften von Sozialisten bezeichnen, die einerseits in einer kapitalistischen Gesellschaft sozialistische Lebensformen antizipieren wollen - auch um die Kinder für das Leben in einer geplanten repressionsfreien Gesellschaft zu erziehen - und die zugleich Basis und Organisationsform für den Kampf gegen die herrschenden Verhältnisse sind. Ihre Aufgabe sehen sie darin, die für den politischen Kampf notwendigen Verhaltensweisen praktisch zu erlernen und Ausgangspunkt des politischen Kampfes selbst zu sein (Setzen/Setzen 1978), so steht es in einem "ganz normalen" familiensoziologischen Buch aus den 70er Jahren. Kommune oder Kibutz fehlte damals in keinem Buch zur Familiensoziologie. Damals begannen alternative Lebensweisen, wenn auch nur zögerlich und vorübergehend, Akzeptanz zu gewinnen. Im Zweiten Familienbericht der Bundesregierung von 1975 heißt es beispielsweise: dass nicht legalisierte Partnergemeinschaften, Wohngemeinschaften, Kollektive etc. gegenüber der historischen Form der heutigen Normalfamilie nicht benachteiligt werden dürfen, wenn gesichert erscheint, dass diese Gruppenformen - und unter welchen Bedingungen sie - für die Sozialisation der Kinder keine Nachteile mit sich bringen." Heute scheinen Kommunen wieder Erlebnisse der experimentellen Art" (Lemann 2000, S. 31), so die Aussage eines Berliner Kommunarden. Im vierten (und bis heute letzten) Familienbericht der Bundesregierung von 1994 spielen sie keine Rolle. Denn, so scheint es, "Kommunen sind eine kleine Szene in der Szene in der Szene", so Waldemar Schindowski beim Seminar des TAKAÖ in Verden. "Sie haben gesellschaftlich empirisch nix bewirkt. Es gab sie immer wieder und wird sie immer wieder geben" (zit. nach Giegold 1999, S. 78 f.). Befragte Kommune-Kinder bringen es in einer Fernsehsendung (ca. 1995) auf den Punkt: "Kommune find ich gut - da gibts immer ganz viele Kinder zum spielen". Und auf die Frage, ob Kommune auch Nachteile hat, ist ihre spontane Antwort: "da gibt es so viele Erwachsene, die meckern." Der Status einer Kommune" besagt zunächst nur, dass es sich hierbei um gemeinsame Strukturen handelt, möglichst egalitär und von den Mitgliedern selbst gegründete Gemeinschaften, in denen sie zusammen arbeiten und leben. Der Begriff Gemeinschaft hat heute Konjunktur, meist in einer negativen Konnotation: beklagt wird das Fehlen von Gemeinschaft und Gemeinsinn. Verschwiegen wird, dass die Gemeinschaften, die sich zusammen tun um sich mit den Schäden der modernen Zivilisation konstruktiv Auseinanderzusetzen, Widerstandspotentiale und Handlungsstrategien zu entwickeln, beschimpft und nicht selten bestraft werden. hat In der Realität kann Kommune vieles bedeuten. Gemeinschaftlich arbeiten und leben muss noch lange nicht emanzipatorisch sein. Kommunen können antifaschistische, antikapitalistische, antisexistische, antirassistische und antitotalitaristische, aber auch spiritualistische, konservative und rechtskonservative Zielsetzungen verfolgen. Im Kommune-Buch bezeichnet Kurzbein als Kommunen (1989, S. 39) alle Gemeinschaften, die nach unserem Verständnis eine gemeinsame Ökonomie und ein soziales Miteinander entwickelt haben". Ebenfalls zu den typischen Inhalten gehören danach: Verzicht auf strukturelle Hierarchie, ganzheitliches Leben (das schließt ganzheitliche Arbeit ein GN), Verzicht auf Ausbeutung". Das heißt auch, ebenbürtige Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern. Diese Bestimmung möchte ich als Mindestbeschreibung einer Kommune meinen Ausführungen zugrunde legen. In der Tat: Kommune hat Vor- und Nachteile, Licht- und Schattenseiten, wie das wirkliche Leben auch. Kommune ist das richtige Leben im Falschen. Darin liegen die Chancen dieser Lebensform, die Risiken freilich ebenso. Kommunen sind die wohl radikalste Form des gemeinsamen Wirtschaftens und des anderen Lebens (vgl. auch Notz 1999 a+b). In Kommunen schließen sich idealtypisch Menschen mit gleichen oder ähnlichen Interessen zu überschaubaren sozialen Einheiten, Lebens- und Arbeitsgemeinschaften, zusammen, um gemeinsam Dinge zu tun, die sie alleine gar nicht tun können oder tun wollen, und weil sie mit anderen zusammen leben, ganzheitlich und ohne patriarchale Hierarchien solidarisch arbeiten und handeln wollen. Sie entwickeln neue Formen der Selbsthilfe und gegenseitigen Hilfe und menschliche Beziehungen in einem kollektiv organisierten Leben, meist grenzen sie sich von kleinfamilialen Lebensformen ab und finden eigene Regelungen. Kommunen bilden Gegenkulturen außerhalb von institutionalisierten Betriebsverfassungen und ohne Heiratsurkunden. Zu den Konzepten sich als politisch verstehender Kommunen gehört auch die konstruktive Auseinandersetzung mit den Schäden der modernen Zivilisation; damit sind Schäden gemeint, die die Umwelt, aber auch solche, die die zwischenmenschlichen Beziehungen betreffen. Solche Menschen weigern sich, vor Autoritäten den Hut zu ziehen. Sie wollen unter sich keine Sklaven sehen und über sich keine Herren. Sie haben das Verlangen nach einem würdevollen Leben, nach demokratischen Arbeitsstrukturen, nach ebenbürtigen Geschlechterverhältnissen und nach freier Ordnung, die sie in der kapitalistisch-patriarchalen Gesellschaft anderswo nicht finden können, nicht aufgegeben. Sie haben keine Lust, ihre Sehnsucht nach Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit auf ein versprochenes Leben im Jenseits aufzusparen. Sie können sich ihre Utopie im Hier und Jetzt vorstellen. In ihren selbstgewählten Gruppen finden heute viele Menschen eine verlässlichere und zukunftsfähigere soziale Bezugsgruppe als in der Kleinfamilie, die bekanntlich geschützt und gefördert wird, obwohl Gewalt und Unterdrückung, die dort geschehen, nicht mehr zu übersehen sind. Die Kommune-Bewegung im historischen Wandel Historisch gesehen sind Kommunen keine neue Erfindung. Kommunen gibt es mindestens solange unsere Industriegesellschaft besteht. Man denke an die Utopien von Owen und Fourier u.a. Die PionierInnen der Kommunebewegung kämpften gegen abstrakten Individualismus, gegen Atomisierung und gegen den Verlust des sozialen Kontextes in der Betrachtung der Individuen. Damit forderten sie auch eine Abkehr von der Konkurrenzgesellschaft hin zu fürsorgender und am anderen interessierten Gemeinschaft zwischen Frauen und Männern und Kindern. Gegenkulturbewegungen, zu denen ich die Kommunebewegung zähle, sind Teil der Subkulturen. Immer wieder gibt es neue Kommunebewegungen und im Grunde genommen gilt für alle, was Rolf Schwendter für die Subkulturen konstatiert: "Die Subkulturen entwickeln ihre aus der Negation der Normen und Institutionen der Gesamtgesellschaft entstammenden Normen und Institutionen zur Aufhebung der gesamtgesellschaftlichen Normen weiter (...). Um einen bestehenden Zustand grundsätzlich zu verändern, sind neue Ideen, neue Verhaltensweisen, neue Bedürfnisse erforderlich" (Schwendter 1981). Andererseits entsteht alles Neue aus dem Alten. Kommunen entstanden und entstehen aus einer doppelten Kritik. Zum einen an der Kritik der kapitalistisch-patriarchalen Arbeitsgesellschaft mit der Entfremdung der Produzenten von der Arbeit und der raffenden, schaffenden, Um- und Mitwelt zerstörenden Arbeit als "Quelle allen Reichtums" in einer gnadenlosen Ellbogengesellschaft. Zum anderen aber auch aus der Kritik an der Familie als Agentur, die "die individuellen Neurosen produziert und damit am Fortbestand gesellschaftlicher Unvernunft wesentlichen Anteil hat " (Fromm 1936, S. 87). Ich will im folgenden exemplarisch einige theoretische Gemeinschaftsansätze darstellen, um einen Einblick in Diskussionen während verschiedener historischer Epochen zu geben. Ich beginne mit einem frühsozialistischen, eher anarchistischen kommunitären Ansatz von Gustav Landauer, springe zur Zeit der (neuen) Aufbruchstimmung nach dem Zweiten Weltkrieg, dann zur StudentInnenbewegung der end-60er-Jahre und zu theoretischen Entwürfen und Visionen einer seit 20 Jahren existierenden Großkommune, wie sie von weiteren Kommunen übernommen worden sind. Gustav Landauer initiierte 1908 die Gründung des Sozialistischen Bundes (SB). Für diese Ideen prägend war die Bekanntschaft mit den Anarchisten Pjotr Kropotkin und Erich Mühsam und dem jüdischen Sozialphilosophen Martin Buber, sowie die Auseinandersetzung mit Pierre-Joseph Proudhon (Landauer 1967). Landauers zentrale Vision war, "durch Absonderung zur Gemeinschaft" den allmählichen Ausstieg aus dem Kapitalismus zu schaffen. Die Lohnarbeiter sollten nicht mehr für den Warenmarkt produzieren, sondern die eigene Arbeit sollte, um des schönen Lebens willen, zusammen mit arbeitenden und helfenden Menschenbrüdern und Schwestern verrichtet werden und in den Dienst des eigenen Verbrauchs gestellt werden (vgl. Herrmann 1999, S. 26). Für Landauer war das der Beginn des Sozialismus. Er sollte mit der Organisation des Konsums beginnen, also von der Reproduktion des Lebens ausgehen. Der gemeinsame Besitz von Grundstücken, Baulichkeiten, Fabriken, Maschinen und alles, was der Mensch braucht, waren die Voraussetzung. Landauer war sich allerdings bewusst, dass es ohne Kampf um die Gewinnung der Rohprodukte, um den Grund und Boden, nicht gehen wird. Solange sie den "Monopolitsten" gehören, wird dessen war er sich bewusst der Aufbau des sozialen Marktes und die Vermeidung des kapitalistischen nicht zu haben sein. Er war der festen Überzeugung, dass die sozialistische Gesellschaft nur außerhalb des bestehenden Staates reifen kann, ihre Realisierung jedoch bereits im bestehenden System beginnen müsse, damit im Zuge der Revolution auf die neuen Kräfte zurückgegriffen werden kann. Der Geist des Sozialismus entfalte die Kraft des Menschen, je weiter er aus dem kapitalistischen System heraustrete. Durch dezentrale Selbstverwaltung in Landwirtschaft, Industrie und Handwerk im Rahmen einer Dorfgemeinschaft erhoffte sich Landauer die besondere Stärke der Bewegung (Landauer 1977). In der Vorstellung über freie Zusammenschlüsse von Einzelnen und Familien zu Gemeinschaften und weiter zu Bünden von Gemeinden kann eine Verbindung zwischen politisch-emanzipatorischen und sozialintegrativen Ansätzen gesehen werden (vgl. Cantzen 1987). Vielfalt, Flexibilität und Heterogenität sollen die Individualität der Menschen entwickeln und sie in gemeinschaftliche Zusammenhänge integrieren. Wichtig dabei ist, dass das Ziel gemeinschaftlicher Lebensformen immer die (solidarische) Selbstbestimmung des Einzelnen bleibt. Cantzen leitet aus der an Landauer und Kropotkin anknüpfenden Tradition einen emanzipatorischen Gemeinschaftsbegriff ab. Die einzelnen Elemente sind: Eine Gruppe selbstbestimmter Individuen schließt sich in freier Vereinbarung zusammen und wirkt so dem Verfall verbindlicher sozialer Beziehungen entgegen. Diese Gemeinschaft soll dem Individuum Rückhalt bieten, um seine Individualität entwickeln zu können. Sie soll aber auch Raum bieten, um kollektiven Widerstand gegen herrschende Institutionen und Lebensformen entwickeln zu können und sich Anpassungszwängen zu widersetzen. Sie soll der Uniformierung der Gesellschaft entgegenwirken, indem sie Heterogenität und Vielfalt schafft. Die Gemeinschaft soll also der Verfolgung individueller und kollektiver Interessen dienen (Cantzen 1989, S. 47). Wichtig ist bei Landauer die Widerstandsfunktion. Er ruft dazu auf, mit den autoritären Vermittlern (Staat, Kirche, Kapitalismus, Führer etc.) aufzuräumen, indem er sagte: "Räumt mit den autoritären Vermittlern auf; schafft die Schmarotzer ab; sorgt für unmittelbare Verbindung der Interessen" (Landauer, zit. nach Cantzen 1987, S. 66). Kommunen, Genossenschaften und sozialistische Gemeinden sollten damit also mit dem richtigen Leben im Falschen - beginnen. Der Anarchist Rudolf Rocker hat nach dem Zweiten Weltkrieg (1947) einen ähnlichen Ansatz verfolgt und für das praktische Handeln im Hier und Jetzt plädiert. Es gab damals eine Vielzahl von Gruppen, die aus der Not der Nachkriegszeit entstanden waren und eine ganz andere selbstbestimmte Republik mit anderen Lebens- und Arbeitsformen wollten. Schon damals wurden allerdings von vielen Seiten Verheißungen aus der "Krise" entwickelt. Rocker plädierte für einen Weg, der geeignet erschien, die Menschen für neue Lebensmöglichkeiten empfänglich zu machen und nicht weiter in den Abgrund zu treiben. Er schrieb damals: " So mancher Weg, der uns heute von einem Doktor Eisenbart als Aufstieg angepriesen wird, ist nur ein Abweg, der uns bloss tieferen Abgründen zuführen muss, wenn wir die Gefahr nicht rechtzeitig erkennen und uns von Trugbildern blenden lassen, die wie schillernde Seifenblasen an der Wirklichkeit des Lebens zerschellen müssen" (S. 5 f.). Er plädiert für Vereinigungen "gesinnungsverwandter, von freiheitlichem Geist getragener Menschen, die entschlossen sind, ihrer" Betätigung nach außen hin immer weitere Gebiete zu erschließen und ihre Anschauungen in neue Kreise zu tragen, wo sie sich fruchtbar auswirken können" (S. 13). Auch er ist der Überzeugung, dass alleine die kritische Betrachtung der bestehenden Zustände nicht ausreicht, wenn sie von keinem praktischen Tun begleitet wird. Die Menschen, die die neue Gesellschaft wollen, sollten sich nach seiner Ansicht nicht von der Welt abschließen. Auch Rocker bezieht sich auf den ganzheitlichen Ansatz von Kropotkin und er weist auf die Notwendigkeit der ergänzenden Erziehung, die dieser vorgeschlagen hat, hin. Wenn Feldarbeit, Handwerk und dezentrale Industrie zusammengebracht werden sollten, müsste die Jugend Männer und Frauen zugleich in Wissenschaft und Handwerk unterrichtet werden. Erst dann könne an die Stelle der wahnsinnigen Arbeitsteilung die Arbeitsvereinigung treten. Dass sich die Hoffnungen auf eine Wende in der Nachkriegsgesellschaft nicht erfüllt haben, hat sicher viele Gründe. Der bekannte Slogan "keine Experimente" hat sicher seine Wirkung nicht verfehlt. Ende der 60er Jahre entwickelte sich in der Bundesrepublik aus den studentischen Protestaktionen gegen den Vietnamkrieg und die skrupellose Ausbeutungstaktiken der Großkonzerne eine "neue Alternativkultur" mit Wohngemeinschaften und Kommunen. entstandene Kommunebewegung Die "neuen" Kommunen machten von sich Reden und es mangelte ihnen nicht an Aufmerksamkeit. Sensationelle Meldungen in den Medien haben dafür gesorgt, dass die Kommune zum Bürgerschreck wurde. Dennoch gaben Kommunen an vielen Orten den Impuls, die Idee des befreiten Menschen und der humanen Gesellschaft in subkulturellen Milieus zu verwirklichen. Seitdem entstanden in Städten und auf dem Lande zahlreiche Kommunen mit dem Selbstverständnis von Kollektiven gleichberechtigter Mitglieder, die die Isolation der Einzelnen und die Fixierung der Geschlechterrollen in neuen Formen des Zusammenlebens- und Arbeitens auflösen wollten. Hans Magnus Enzensberger hat 1968 die Kommune als Familienverband im Rahmen eines Preisausschreibens "Konkrete Utopie" als besten Vorschlag mit einer Prämie ausgezeichnet (Kursbuch 14/1968, S. 110 ff.). Die durch das Kursbuch preisgekrönte Utopie entfaltete sich nach einem Drei-Stufen-Plan. Stufe I begann mit der Rationalisierung der Einzelhaushalte durch gemeinsame Nutzung teurer Gebrauchsgüter (Waschmaschine, Geschirrspüler etc.) und durch gemeinsamt Erziehung der Kinder. Letzteres vor allem, damit die Frauen mehr Zeit für Ausbildung und Berufstätigkeit hatten. Stufe II steigerte sich durch die "sexuellen Querverbindungen", die dann innerhalb der rationalisierten Großhaushalte entstehen können. Auf dieser Stufe ist nach Ansicht der Autoren Vorsicht angesagt, damit es nicht zu Krisensituationen kommt und die Kommunen schon "an dieser Klippe scheitern" (S. 113). Stufe III vollendet die Idee in der Abschaffung des Privateigentums innerhalb der einzelnen Familienverbände. Über diese Demokratisierung der Familie könne dann auch die übrige Gesellschaft demokratisiert werden. Damals wurde die Kommune als politische Aktionsgemeinschaft, die eine Art neuer Familienverband wird, angesehen. Der Blick auf die Veränderung der Produktionsverhältnisse trat (scheinbar) in den Hintergrund. Heide Bernd verwies bereits 1969 darauf, dass, um die Inhalte der (damals) linken Bewegung zu bestimmen, traditionelle politische Emanzipationsprogramme und Protestformen ganz offensichtlich nicht ausreichten (S. 132). Sie entdeckte ein "eigentümlich unpolitisches Moment" legt man ein herkömmliches Politikverständnis zu Grunde - das das politische Movens der jungen Linken (das waren damals wir) bestimmte. Sie hatten es (damals) nicht auf ihre Fahnen geschrieben, "Machtpositionen" zu erkämpfen", geschweige denn die "Macht im Staate" zu erringen, sondern sie waren vom Wunsch getrieben, ein individuell befriedigenderes Leben zu leben. Ihr Kampf ging nicht wie der Kampf der traditionellen Linken darum, Interessengegensätze innerhalb des Systems auszugleichen, sondern sie wollten die gesamten Lebensbedingungen, die das System schafft, verändern. Es ging deshalb darum, gerade auch in den privatesten Bereichen die Verhältnisse zu revolutionieren. Dass in der einen oder anderen Gruppe die Tendenz zur Aufhebung aller Grenzen zu Schwierigkeiten führte, führt Heide Bernd auf ein "starkes Bedürfnis nach Nestwärme und Versorgtheit" zurück (S. 133), dessen Ursprung sie in der Kälte der "normalen" Familien sieht, die mit einem solchen Bedürfnis gar nicht umzugehen wisse. Solche Ansprüche müssen zwangsläufig zu Überforderung der neuen Gemeinschaften führen. Bernd räumt weiter ein, dass es zwar sinnvoll sein kann, "wenn Genossen und Nachbarn sich gemeinsam mit Gebrauchsgütern versorgen und die Isolierung ihrer bisherigen Existenz zu durchbrechen beginnen" (S. 139). Solche pragmatischen Entlastungsversuche müssten jedoch in ihrer Begrenztheit begriffen werden. Schließlich ginge es um die Überwindung des sozial hergestellten Mangels als politisches Ziel. Dennoch plädiert sie für die Gründung konkreter Kommunen. Sie sieht darin vor allem eine Möglichkeit, über den Kampf um die Veränderung der Geschlechterrollen, hin zu Gleichberechtigung und Aufhebung diskriminierter Arbeitsrollen, den Kampf um eine freie Gesellschaft zu führen. Auch sie plädiert dafür, im Hier und Jetzt damit anzufangen. Kommunegründungen, die sich, wenn auch oft schmerzhaft, mit den sich daraus ergebenden Problemen auseinandersetzen, betrachtet sie damals als ertragreicher zur Verfolgung dieses Ziels, als die Entwicklung theoretische Utopien. Was will die Kommune-Bewegung heute? Zwischenzeitlich schienen sie beinahe in Vergessenheit geraten, die Inseln des alternativen Lebens", die Kommunen. Und doch gibt es sie immer noch und immer wieder. Nicht mehr nur ganz junge Leute schließen sich in Gruppen zusammen und stellen die Frage nach dem Sinn des Lebens und des Arbeitens in einer neoliberalen profitorientierten Ellbogengesellschaft. Die in der Szene oft als "Musterkommune" oder "Vorzeigebeispiel" (u. a. Herrmann 1999, S. 75) titulierte Großkommune Niederkaufungen hat ihr Politikverständnis in einem "Grundsatzpapier" niedergeschrieben: "Ich will nicht mehr konkurrieren, beziehungslos und vereinzelt durch die Welt laufen. Ich will nicht mehr unter den herrschenden Bedingungen meine Arbeitskraft, meine Gesundheit, meine Energie ausbeuten lassen. Ich will mich nicht mehr in der Kleinfamilie verkriechen, die mich wieder fit macht für die Arbeit. Ich will nicht mehr konsumieren und all meine unerfüllten Wünsche vergessen. Ich will heute und hier das alles verändern. Ich will nicht warten auf eine neue, bessere Gesellschaft, ich will sie heute entwickeln, ich will heute anfangen zu leben. Natürlich habe ich Angst, an vielen Stellen, mein Leben zu verändern, aber ich habe noch mehr Angst, mein Leben lang so weiter machen zu müssen: einsam, lust- und lieblos" (1983, S. 2 f.). Aus dieser Aussage wird wiederum deutlich, dass heute mit der Verwirklichung dieser besseren Gesellschaft begonnen werden soll. Dass sie dieses Ziel nicht erreichen können, wenn sie sie sich auf eine Insel oder "mittelarlterliche Dorfidylle" zurückziehen, sehen auch die "Kaufunger" und bis heute sind sie ihrem Grundsatz sowohl als Gesamtgruppe als auch als Individuen nach außen zu wirken und sich an politischen Diskussionen zu beteiligen, treu geblieben. Die "neuen Kommunen" setzen vor allem auf die Kraft des Experiments und des Vorlebens. An ihrer Existenz kann beispielhaft aufgezeigt werden, dass Möglichkeiten einer anderen Lebens- und Arbeitswelt nicht nur in den Köpfen und Büchern von Menschen zu finden sind, die sich theoretisch damit auseinandersetzen, sondern dass sie in Ansätzen hier und heute lebbar sind. Die meisten wollen sich möglichst weit lösen von den Prinzipien der neoliberalen marktwirtschaftlichen Ordnung, daher betreiben sie einen Teil Selbstversorgung und auch der Tauschhandel mit bestehenden Gruppen floriert. Freilich bringt das Kommuneleben, wie andere Lebensformen auch Probleme mit sich. Möglicherweise potenzieren sie sich durch die Zahl der Beteiligten, aber es potenzieren sich auch die Lösungsmöglichkeiten. In einigen Kommunen erfordert es viel Zeit und Kraft, das lebensnotwendige herbeizuschaffen und es bleibt für die KommunardInnen nur eine relativ geringe Zeitspanne, um politisch nach außen zu wirken. Für andere trifft zu, was Kurzbein über Kommunen schreibt: Die zur Zeit bestehenden Kommunen gehören zu den Reichen dieser Gesellschaft in einem der reichsten Länder der Welt. Sie verfügen allesamt über meist große Gebäude, große Grundstücke, über ihre Produktionsmittel.(...) Sie zahlen keine Miete und brauchen längst nicht so viel zu arbeiten, wie der normale Mensch in der bürgerlichen Welt. Die Möglichkeiten der eigenen Entfaltung sind in den Kommunen fast in jeder Hinsicht unbegrenzt. Dieser Reichtum verpflichtet. Er verpflichtet dazu, immer wiedr an das politische Ziel zu erinnern und hartnäckig daran zu arbeiten. Er verpflichtet, aktiv an verinnerlichte Strukturen heranzugehen. Er verpflichtet, politisch zu sein. Er verpflichtet zur Öffentlichkeit" (1998, S. 67). Beispiel Kommune Niederkaufungen Das Beispiel der Kommune Niederkaufungen, die nun seit 1986 bestehenden links-alternativen Kommune, die aus ca. 55 Erwachsenen und 18 Kindern besteht, zeigt, dass politische Zielvorstellungen keineswegs aufgegeben sind. Wer dort lebt, hat sich mit den sechs Grundsätzen, die sich die Kommune selbst gegeben hat, einverstanden erklärt. Sie sind: 1. gemeinsame Ökonomie, 2. Entscheidungsfindung im Konsens, 3. gemeinsam leben und kollektiv selbstbestimmt arbeiten, 4. Abbau kleinfamiliärer Strukturen, 5. Abbau geschlechtshierarchischer Strukturen und 6. linkes Politikverständnis (vgl. auch Shalmon 1998). Uli Barth, ein Mitglied der Kommune Niederkaufungen, nennt neuerdings Nachhaltigkeitsprinzip und soziale Absicherung als zusätzliche Kriterien. Er fragt: Wo geht das besser als in der Kommune? Wer kommt schon mit 1/7 Auto aus und wer mit 1/35 Waschmaschine?". Die Kommune bastelt gegenwärtig an einem Rentensystem, das an den kollektiven Bedürfnissen und Erfordernissen von KommunardInnen ansetzt. Die Kommune Niederkaufungen bezeichnet er als eine Theorie mit elf Jahren Praxiserfahrung. Die Qualität der Theorie muss sich nach seiner Meinung im Praxistest zeigen. Dieser Praxistest dauert an. Als erfolgreich würde er die Theorie erst dann bezeichnen, wenn zumindest die GründerInnengeneration die Chance hat, eines natürlichen altersbedingten Todes in der Kommune zu sterben Barth 1999, S. 8 f.). Ich werd da alt", sagte mir ein Kommunarde aus der damaligen Kommune Arbeiterselbsthilfe Oberursel in der Nähe von Frankfurt vor beinahe 20 Jahren. Diese Einstellung finde ich wichtig. Sie kann nur von jemandem geäußert werden, der Kommune als Lebensperspektive und nicht als Übergangslösung betrachtet. Ebenso kann man die Überzeugung der Notwendigkeit des Anderen Lebens und Arbeitens erst weiter geben, wenn man diese für sich selbst gewonnen hat. Die Beteiligung an einigen Fernseh- und Rundfunksendungen in den letzten Jahren hat den Bekanntheitsgrad der Kommunen erhöht, aber auch die Zahl derer, die nur mal gucken wollen, wie Kommune so ist. Die Niederkaufunger" werden heute bei (mehr oder weniger) etablierten Tagungen als ein besonders weitgehendes Gemeinschaftsmodell" (Stiftung mitarbeit 3/99, S. 1) präsentiert. Auch die Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung scheint gestiegen. Als ich bei einem Fest der Kommune Buchhagen mit einem älteren Ehepaar aus der Nachbarschaft darüber sprach, sie sich das kleine Dorf durch den Zuzug der Kommune verändert hat, wehrten sie sofort ab und erklärten mir, dass das "nur zum Guten" des Dorfes geführt habe. Und in einem unlängst im ZDF gesendeten Film über die "Kaufunger" wurden Kneipenbesucher nach ihrer Meinung zur Kommune gefragt. Die einzige negative Äußerung bezog sich auf die unzureichende Beachtung des wöchentlich auf dem Dorfe zu beachtenden Ritual des Straßenkehrens. Bewohner, die einer solchen Kritik unterzogen werden, sind in der Regel bereits in das Dorfgeschehen etabliert. Andere Kommunen werden allerdings von verschiedenen Seiten noch immer misstrauisch beäugt. So war die in Frankreich gegründete Kommune Longo Mai langen Verleumdungskampagnen ausgesetzt, weil sie bürgerrechtlich-politisch tätig ist und war. Politischer Stellenwert von Kommunen Marxisten und andere Linke haben die Kommunebewegung oft als unpolitische Flucht vor der gesellschaftlichen Verantwortung zur Einläutung einer radikalen Veränderung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse gegeißelt. Sie werfen den KommunardInnen vor, daß sie IdealistInnen, IndividualistInnen und Wirrköpfe seien, die sich auf den Spielwiesen der Risikogesellschaft" (Beck 1986) tummeln und ihre Hoffnung in der Dissidenz sehen. Linke betrachteten die AktivistInnen immer noch oft skeptisch, weil sie scheinbar geschichtslos glauben, am Rande des kapitalistischen Patriarchats ihre utopischen Inseln aufbauen zu können, vor der bösen Welt flüchten wollen und ihre Träume von einer besseren Welt ohne Angst und Unterdrückung umzusetzen versuchen, ohne etwas gegen die Unterdrücker zu unternehmen. Sie unterstellen den KommunardInnen zudem Realitätsferne, vor allem dann, wenn sie ohne sozialstaatliche Hilfe nicht lebensfähig wären. Denn diese Hilfe bekommen sie schließlich von demselben Staat, aus dessen Abhängigkeit sie flüchten wollen. Selbst AutorInnen, die sich mit alternativer Wirtschaft auseinandersetzen, werfen den Kommunebetrieben vor, dass man dort zwar Erfahrungen eines anderen Wirtschaftens" sammeln könne, etwas mehr Freiheit und weniger Entfremdung möglich wäre, der Zwang zum quantitativen Wachstum weniger ausgeprägt sei, sie aber dennoch Teil des patriarchalen kapitalistischen Umfeldes" sei. Und dass die Entfremdung der Arbeit durch oder in Kommunen nicht grundsätzlich aufgehoben wird (Braun 1998, S. 12). Ich habe noch keine Kommune gefunden, die das bestreitet oder Gegenteiliges von sich behauptet. Das beschriebene Reibungsverhältnis ist alt, mindestens so alt, wie die Kommunebewegung. Freilich kann das Problem der fortschreitenden Entfremdung, Rationalisierung, Technisierung und Mediatisierung unserer Lebens- und Arbeitswelt weder durch Selbstversorgung auf einem Bauernhof noch durch Selbstverwaltung in einer Unternehmung gelöst werden. Dennoch können die Kommunen und Lebensgemeinschaften als Beispiele für gelebte Utopien eines sinnvollen selbstbestimmten, anti-patriarchalen, kollektiv-organisierten Arbeits-Lebens dienen. Auf der Suche nach der verlorenen Zukunft" 1) sind Kommunen Suchbewegungen und Versuche gegen die fortschreitende Zerstörung der menschlichen Mit- und Umwelt, gegen die Ausgrenzung von Andersdenkenden und - last not least - gegen die sozialen und die geschlechterspezifischen Ungleichheiten. Kommunen sind keine einheitlichen Gebilde. Sie haben viele Gesichter. Aber viele der Menschen, die dort leben und arbeiten, sind unermüdlich, stellen sich den Herausforderungen der GrenzgängerInnen und versuchen aus Träumen Leben werden zu lassen. Und das, obwohl heute utopisches Denken nicht gerade hoch im Kurs steht (Behrend). Anders leben und arbeiten Kommunen versuchen nicht nur, die ökonomischen Verhältnisse egalitär zu gestalten, sondern sie arbeiten ebenso an der Verwirklichung eines ökologischen, sozialen und emotionalen Lebensraumes, durch den ein Zusammenleben möglich wird, das in kapitalistisch organisierten Unternehmungen und kleinfamilialen Lebensformen nicht möglich ist. Die Strukturen, die dies zulassen, haben sie sich selbst geschaffen. Die Menschen arbeiten und leben ganzheitlich, das heißt ihre Tätigkeiten umfassen Planung, Ausführung und Kontrolle des Produktionsprozesses. Sie können im Rahmen ihrer Arbeit ihre erworbenen fachlichen und sozialen Qualifikationen einsetzen und weiterentwickeln und werden zudem in der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit unterstützt. Das bedeutet ganzheitlich aus einer arbeitspsychologischen Sicht (vgl. Fischbach/Notz 1981). Die KommunardInnen übernehmen Verantwortung für sich selbst, für ihre Mitmenschen und für die Umwelt. Gemeinsam schaffen sie sich ein Meinungsbild über politische Probleme und wirken aktiv an der Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens und Arbeitens mit. In Anlehnung an die Kriterien der Kommune Niederkaufungen sollen sechs Grundsätze, die zu diesem Ziel führen können, näher erläutert werden. Gemeinsame Ökonomie bezeichnet selbstbestimmtes wirtschaftliches Handeln zur Absicherung der materiellen Bedürfnisse der an ihr beteiligten Menschen. Die Einnahmen können aus Betrieben, Marktverkäufen, Renten und Honoraren kommen. Gemeinsame Ökonomie schließt Besitzunterschiede aus, schließt individuelle Rücklagen aus, heißt auch, dass Erbschaften Gemeineigentum werden. Gemeinsame Ökonomie" ist die Umsetzung der sozialistischen Forderung nach Abschaffung des Privateigentums. Nachhaltiges Wirtschaften ist für die Kommunen selbstverständlich. Die (meisten) hatten von vornherein nicht den Anspruch, alleine von Selbstversorgung zu leben und die Wirtschaft für das "gemeine eigene" (Möller 1997), die zwar einen breiten Raum einnimmt, würde auch nicht reichen. Zum viel zitierten glücklichen Leben gehört auch ein bisschen Geld für Nahrung, Kleidung, Um- und Ausbau der Häuser und Anschaffungen. Sie betrachten Geld im Wesentlichen als ein Tauschmittel. Die Kundschaft für vorhandene Betriebe wählen sie sich aus. Es gibt keinen Zwischenhandel. Alle Werkzeuge und Maschinen gehören den KollektivistInnen gemeinsam und Niemand kann einen anderen für sich arbeiten lassen. Nachbarschaftshilfe" und Tauschgeschäfte sind selbstverständlich, vor allem dann, wenn für Projekte mit ähnlichen Ansprüchen gearbeitet wird. Die Kommunarden, die in Kommunebetrieben arbeiten, überlegen sich sorgfältig, mit welchen Materialien sie arbeiten und wem die erstellten Produkte zugute kommen. Verzicht auf Wohngifte ist in den Tischlereien und Zimmereien von Kommunen ebenso selbstverständlich, wie die Ablehnung des Einbaus von Tropenholz. Entscheidungsfindung im Konsens ist geeignet, jenseits der immer weiter fortschreitenden Arbeitsteilung und Hierarchisierung selbstverantwortlich zu handeln. Um das Ziel erreichen zu können, ist es Voraussetzung, dass jeder Schritt von allen gleichermaßen getragen werden kann. Wenn alle Entscheidungen im Konsens getroffen werden, erfordert das oft einen aufwendigen Diskussionsprozess, der während der wöchentlich (mitunter auch öfter) stattfindenden Plenumssitzungen geführt wird. Die Kompetenzen, die für kollektive Lernprozesse notwendig sind, müssen sich die KommunardInnen teilweise erst aneignen, denn sie werden (bis heute) weder in der Schule noch in der Ausbildung gelernt. Abbau kleinfamiliärer Strukturen führt zu selbstgewählten Gruppen, in denen unterschiedliche Menschen die Summierung verschiedener Fähigkeiten, Ideen und Phantasien erfahren. Sie machen ganz neue Erfahrungen mit sozialen Beziehungen und viele können sich kleinfamiliäre Lebensweisen nicht (mehr) vorstellen. Kinder sind in aller Regel gut in die Kommunen integriert. Die gemeinsame Kindererziehung ermöglicht den Kindern aller Altersgruppe vielfältige soziale und emotionale Kontakte, löst die Fixierung auf die eigene Mutter auf und fördert die Selbständigkeit der Kinder. Noch selten leben alte oder gar pflegebedürftige Menschen in altersgemischten Kommunen. Aber auch hier gibt es Beispiele. In der Kommune Buchhagen lebt die 76jährige Martha. Nachdem sie vor einem guten halben Jahr einen Schlaganfall gehabt hat, wird sie von allen ihren alten Freundinnen beneidet. Niemand von ihnen hat, wenn sie krank ist, täglich von fünf verschiedenen jungen Leuten Besuch, niemand hat einen 30jährigen Mitbewohner, der eigens einen Altenpflegekurs absolviert, um sie kompetent betreuen zu können und niemandes Wohn- und Baderäume waren dermaßen schnell behindertengerecht umgebaut wie Marthas. Der Abbau geschlechtshierarchischer Strukturen und die ebenbürtigen Zusammenarbeit ist in den (meisten) Kommunen das Anliegen von Männern und Frauen. Die (meisten) Männer beweisen sich als ebenso kompetent in der Leistung von Haus- und Sorgearbeiten, Kindererziehung und Betreuung von alten und kranken KommunardInnen, wie die (meisten) Frauen das tun. Und in den Werkstätten arbeiten Frauen oft genau so selbstverständlich, wie Männer. Manche Kommunardinnen sehen dennoch auch, dass die Ansprüche der ebenbürtigen Arbeitsverteilung oft schwer durchzusetzen sind, weil die Gefahr "in klassische Strukturen" zu geraten, doch oft groß ist. Ein linkes Politikverständnis ist längst nicht für alle Kommunen selbstverständlich. Der Begriff links" erscheint einigen als Schlagwort. Sie sind der Meinung, dass jede Kommune politisch ist, weil sie Kraft des Experiments nach außen wirkt. Die Anliegen der Kommune, die Herrschaft von Menschen über Menschen abzubauen, Zentralisierung von Macht zu vermeiden und keine geschlechterhierarchischen Diskriminierungen zuzulassen, sind ebenso wie die Versuche der (Wieder)herstellung von Lebens- und Erfahrungszusammenhängen, der neuen Formen des Zusammenlebens und der Integration von Arbeit und Freizeit als Gegenkulturen gegen den industriellen und postindustriellen Kapitalismus zu werten. Kommunen versuchen, die Arbeit als ein Instrument zurückzuerobern, durch das sie sich selbst verwirklichen können und mit dem sie auf die Gestaltung ihrer Mit- und Umwelt einwirken können. Die Sorge und Verantwortung für die MitkommunardInnen fördert das soziale Bewusstsein und eröffnet im Experiment beispielhafte Möglichkeiten für das Zusammenleben unterschiedlicher Generationen und Ethnien. Fazit Es erscheint müßig, den Kommunen selbst immer wieder vorzuwerfen, dass sie in ihren Nischen verweilen (z. B. Braun 1998, S. 152), oder dass sie nur eine kleine Szene in der Szene in der Szene" sind, die gesellschaftlich empirisch nix bewirkt" haben (vgl. Giegold 1999, S. 78). Damit gibt man ihnen wiederum keine Chance, aus ihrem Nischendasein herauszukommen. Zudem kennen wir auch Kommunen - wie z. B. longo mai - die sich von Anfang an nicht auf eine Kolonie in einem Land beschränken wollten. Longo mai ist an verschiednen Orten, in verschiedenen Ländern tätig. Sie wollte lokal, regional, national und international politisch wirksam werden. Die Kommunenn kooperieren mit den Bauern in ihrer Nachbarschaft, mit ländlichen und städtischen Selbstverwaltungseinrichtungen. Die Kommune in der Provence unterhält eine freie Rundfunkstation. Auch die Longo-Mai-Kommunen funktionieren nicht immer reibungslos, aber sie funktionieren inzwischen immerhin seit über 30 Jahren (vgl. Behrend 1999, S. 408). In Longo Mai muß man seine Freiheit im ständigen Kampf gegen Institutionalisierung erobern. Die Organisation ist schlecht, die Freihehit auch. man muß ständig die Balance suchen (...). Schließlich ist einer der Gründe, weshalb Longo Mai überhaupt existiert, das Vermeiden von Bürokratisierung ohne ins Chaos zu verfallen, eine Balance zu finden zwischen der geringssten notwendigen Organisation und der persönlichen Freiheit des Einzelnen. Wozu hätte man sonst die Gesellschaft verlassen?" (Willette 1993, S. 103 f.) - So beschreibt das ein Kommunarde. Perspektiven für die Zukunft Rolf Schwendter (1998, S. 8) verweist auf eine Reihe von Schwierigkeiten, die dem Ausbreiten der Kommunen im Wege stehen: die Gruppendynamik zwischen Machos und Feministinnen, zwischen Superaktiven und Zurückgenommenen, Auszeit und Austritt, die unvermeidbare Dauerdebatte im Austrittsfalle zwischen Verlust des eingebrachten Geldes und Gefährdung der ökonomischen Subsistenz der Kommune. Dazu kommen strukturelle Faktoren: Land ist knapp und teuer. Rolf Schwendter verweist auch darauf, dass die neuere Entwicklung der Subjektivität", als Stichworte nennt er Narzismus, Ego-Trip, Mosaikpersönlichkeiten, nicht gerade dazu beigetragen hat, jenen Menschentyp zu fördern, der Kommunen aufzubauen (und in diesen auch zu bleiben) imstande wäre (S. 9). Freilich scheitern viele Kommunen bereits in der Anfangsphase. Oft, weil die Illusionen, die sie mit dem anderen Leben verbinden so unermesslich sind, dass sie einfach nicht eingelöst werden können. Was dringend notwendig wäre, ist eine Auseinandersetzung mit der breiten Empirie des Scheiterns und der Barrieren, die den Erfolgen im Wege stehen. Daraus könnten die lernen, die nicht alle Fehler selbst machen wollen. Dennoch: Kommunen sind gelebte Gegengesellschaften. An ihrer Existenz kann beispielhaft aufgezeigt werden, dass gesellschaftlich relevante Alternativen zum Bestehenden hier und jetzt gelebt werden können. Über die Kritik an den herrschenden Verhältnissen hinaus entwickeln sie konkrete Vorstellungen einer egalitären herrschaftsfreien Gesellschaft, die Suchenden eine politische Orientierung geben können und zu eigenen Konzepten kollektiven Zusammenlebens und -arbeitens anregen können. Heute scheint die Kritik an der Arbeitsgesellschaft wesentlich konsensfähiger, als die Kritik an der Familie. Schließlich wird von vielen, auch eher konservativen Autoren, das Ende der Arbeitsgesellschaft prognostiziert und theoretische Modelle zur "Zukunft der Arbeit" und "alternativen Ökonomie" füllen Bücherschränke. Kritik an der bürgerlichen Kleinfamilie, als Pendant zur arbeitsteilig organisierten Arbeit in Betrieben und Verwaltungen, ist jedoch out und scheint angstbesetzt. Selbst Autoren, die sich mit der Zukunft von Arbeit und Gesellschaft auseinandersetzen (z. B. Dettling 1997, S. 66) äußern die Befürchtung, dass immer mehr, vor allem junge Menschen neue kommunitäre Lebensformen entwickeln, Autos, Wohnungen und teure Maschinen teilen, anstatt Familien zu gründen und Kinder zu bekommen. Er führt das darauf zurück, dass der deutsche Sozialstaat zwar sehr transferlastig sei, aber nur wenig institutionelle Unterstützung für Familien mit Kindern bereithält. Und er folgert daraus, dass unter allen Umständen die (traditionelle) Familie aufgewertet werden muss und die Phase der Familiengründung massiv durch den Sozialstaat unterstützt werden muss (S. 67). Ein Blick auf die Vorteile, die andere Zusammenlebensformen bringen, unterbleibt vollständig. Die verschiedenen Einnahmequellen, die durch die Koordination der marktvermittelten, kommuneinternen und gemeinwesenorientierten Arbeiten möglich werden, lassen Kollektive zu Institutionen werden, die sich zu Zeiten der wirtschaftlichen Unsicherheit immer wieder bewährt haben. Auch zur Betreuung und Versorgungen von KommunardInnen, die sich noch nicht, nicht mehr oder vorübergehend nicht selbst helfen können, erscheint die Kommune der geeignete Lebensraum. Naheliegend ist deshalb die Frage, wieso in Zeiten, in denen Selbsthilfe und ehrenamtliche Hilfe für andere groß geschrieben werden (vgl. Notz 1999 c), Kommunen nicht ebenso von staatlicher Seite räumliche, finanzielle und beraterische Unterstützung erfahren, wie beispielsweise Freiwilligenagenturen zur Unterstützung und Beratung potentiell ehrenamtlich Tätiger? Diese Frage gilt es zu stellen, auch wenn die meisten Kommunen eine solche Unterstützung für sich ablehnen würden. Kommunen übernehmen zum Teil selbst die Grundausbildung der Kinder, pflegen sich bei Krankheit gegenseitig, manche pflegen alte und gebrechliche Menschen und niemand muss finanzielle Not leiden, weil alles geteilt wird. Die Möglichkeit der gegenseitigen Versorgung macht die vom Vater Staat" geleisteten wohltätigen Unterstützungen und die Inanspruchnahme staatlicher Einrichtungen" beinahe unnötig. Die Gründe für die Nicht-Unterstützung und für die Nicht-Wahrnehmung durch ausserkommunitäre Institutionen, so meine These, mögen darin liegen, dass kommunitäre Zusammenhänge ohne eine Kritik an der bürgerlichen Kleinfamilie und an kapitalistischen Unternehmensstrukturen nicht möglich sind, mögen sie sich selbst auch noch so unpolitisch" verstehen. Und diese Kritik stellt die Grundstrukturen unsere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung in Frage. Allein der gelebte Hinweis: Es geht auch ohne Hierarchien und ohne geschlechterhierarchische Diskriminierungen und Abhängigkeiten in Zweierbeziehungen, rüttelt an den Grundfesten des zur Normalität" deklarierten Wirtschaftens und Zusammenlebens. Zudem - und da mag der Hauptgrund für die Missachtung liegen -: Wenn es darum geht, zu politischen und wirtschaftlichen Problemen Stellung zu nehmen, ist in einem Kollektiv ohne Chef und in einer Gruppe ohne Familienoberhaupt der beste Ort der Agitation, denn hier kann am schnellsten eine Flugblattaktion, eine Informationsveranstaltung, eine Demonstration oder eine wie auch immer geartete phantasievolle Aktion geplant und durchgeführt werden. Allein diese Möglichkeit - wenn sie auch oft nicht in die Tat umgesetzt wird - mag für diejenigen, die am Fortbestand des Bestehenden interessiert sind, bedrohlich wirken. In der Zukunft sollte es darum gehen, die herkömmliche Trennung von ökonomischen und außerökonomischen Bereichen, sowie deren geschlechterspezifische Zuordnung auf breiter Ebene in Frage zu stellen. Daraus kann dann abgeleitet werden, welcher institutionellen Änderungen es in Beruf, Gemeinwesen und Haushalt bedarf, damit Frauen und Männer sich ebenbürtig begegnen können, und welche Maßnahmen in beiden Bereichen notwendig werden, um geschlechterspezifische Ungleichheiten abzubauen. Kommunen sind ein Versuch, um mit der Aufhebung der Entfremdung, der Neuverteilung von Arbeit und Verantwortung und der Möglichkeit der ebenbürtigen Teilhabe von Frauen und Männern am ganzen Leben ernst zu machen. Sie sind Schritte zur Verwirklichung des Projekts einer anderen Gesellschaft mit mehr Gerechtigkeit und Ebenbürtigkeit. Weitere Schritte und andere Projekte werden folgen. Auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, ob Theorien dabei hilfreich sein können, stieß ich auf ein Zitat von Peter Schneider (1969), dem ich mich anschließen möchte: "jagen wir die gemalten wünsche aus den museen hinaus auf die straßen. holen wir die geschriebenen träume von den brechenden bücherborden der bibliotheken herunter und drücken wir ihnen einen stein in die hand, an ihrer fähigkeit, sich zu wehren, wird sich zeigen, welche von ihnen in der neuen gesellschaft zu brauchen sind und welche verstauben müssen." 2) Fußnoten 1 Auf der Suche nach der verlorenen Zukunft" ist der Titel einer Schriftenreihe, hrsg. von Hanna Behrend im trafo verlag, dr. wolfgang weist, Berlin. 2 Peter Schneider: Rede an die Deutschen Leser und ihre Schriftsteller. Kursbogen zu Kursbuch 16/1969 Literatur Barth, Uli: Konsens als Entscheidungsform, in: Los gehts. Selbstbestimmt leben- Gruppen Gründen. Reader zum Pfingsttreffen 99 in Kaufungen, Kaufungen 1999, S. 8 - 10 Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986 Behrend, Hanna: Wächst Neues im Schoße der patriarchal-kapitalistischen Gesellschaft? In: Argument Nr. 32, H. 2/3 1999, S. 403 - 410 Berndt, Heide: Kommune und Familie. In: Kursbuch 17/1996: Frau Familie Gesellschaft, S. 129 144 Braun, Anneliese: Arbeit ohne Emanzipation und Emanzipationn ohne Arbeit? Bd. 8 der Reihe Auf der Suche nach der verlorenen Zukunft", Berlin 1998 Brockhaus Enzyklopädie in zwanzig Bänden, Zehnter Band, Wiesbaden 1976 Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit (Hrsg.): Zweiter Familienbericht. Familie und Sozialisation Leistungen und Leistungsgrenzen der Familie, hinsichtlich des Erziehungs- und Bildungsprozesses der jungen Generation, Bonn 1975 Cantzen: Rolf: Wiederaneignung verschütteter anarchistischer Theorieelemente analysiert im Blick auf alternative Gesellschaftskonzepte der Gegenwart, Diplomarbeit, Freie Universität Berlin, 1983 Cantzen, Rolf: Weniger Staat mehr Gesellschaft, Frankfurt/M. 1987 Dettling, Warnfried: Jugend Gesellschaft Zukunft. Zur Situation junger Menschen in einer veränderten Welt. Möglickeiten und Grenzen der Politik. Sieben Thesen. In: Bundesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit, Zeitschrift für Jugendsozialarbeit, H. 2/1997, S. 63 67 Fischbach, Dörthe/Gisela Notz: Lernprozesse in der beruflichen Bildung, Weinheim 1981 Fromm, Erich: Sozialpsychologischer Teil der Studien über Autorität und Familie, Paris 1936 Giegold, Sven: Diskussion nach Giselas Kommunne-Referat und Ulis Thesen. In: Rundbrief Alternative Ökonomie Nr. 89, H. 4/1999, S. 78-79 Herrmann, Jens: "Politische Kommunen", Eine empirische Studie anhand neuerer Projekte. Diplomarbeit, Freie Universität Berlin 1999 Kollektiv Kommunebuch (Hrsg.): Das Kommunebuch: Alltag zwischen Widerstand, Anpassung und gelebter Utopie. Göttingen 1996 Kommune Niederkaufungen: In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod! "Grundsatzpapier", Hamburg 1983 Kursbuch 14/August 1968: Dossier 3: Konkrete Utopie, Zweiundsiebzig Gedanken für die Zukunft S. 110 ff. Kurzbein, Uwe: Schrittweise. Geschichte der Kommunebewegung aus persönlicher Sicht, in: Kollektiv Kommunebuch (Hrsg.): Das Kommunebuch: Alltag zwischen Widerstand, Anpassung und gelebter Utopie. Göttingen 1996, S. 38 68 Landauer, Gustav: Aufruf zum Sozialismus, Frankfurt/M. 1967 Landauer, Gustav: Beginnen Aufsätze über Sozialismus, Dortmund 1977 Lehmann, Leh: Über die Zeiten hinweg und mit Zorrows Grundsätzen vermischt. In: TAKAÖ: Rundbrief Alternative Ökonomie Nr. 90/1-2000, S. 31 32 Leupolz, Wilfried: Der lange Marsch zum kollektiven Leben. Schäfereigenosenschaft Finkhof. Weingarten 1983 Marx, Karl; Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei, Berlin 1988 mitarbeiten. Informationen der Stiftung Mitarbeit 3/99 Möller, Carola u. a.: Wirtschaften für das gemeine Eigene". Handbuch zum gemeinwesenorientierten Wirtschaften, Schriftenreihe: Auf der Suche nach der verlorenen Zukunft, hg. v. H. Behrend, Berlin 1997 Notz, Gisela: Du bist als Frau um einiges mehr gebunden als der Mann. Die Auswirkungen der Geburt des ersten Kindes auf die Lebens- und Arbeitsplanung von Müttern und Vätern, Bonn 1991 Notz, Gisela u. a.: Selbstverwaltung in der Wirtschaft. Alte Illusion oder neue Hoffnung? Köln 1991 Notz, Gisela: Verlorene Gewißheiten? Individualisierung, soziale Prozesse und Familie, Frankfurt/M. 1996 (1. Aufl.) und 2000 (2. Aufl.) Notz, Gisela: Gemeinsam wirtschaften und zusammen leben - die Kommune, in: Fröse, Marlies W./Böttger, Barbara/Volpp-Teuscher Ina (Hrsg.): Ökonomie und Arbeit - Frauenansichten. Frankfurt/M. 1999 a), S. 129 - 148 Notz, Gisela: Kraft des Experiments oder Nischendasein. Kommunen im Zwiespalt von Bedeutungslosigkeit und Perspektive, in: Theoriearbeitskreis Alternative Ökonomie in der AG SPAk (Hrsg.): Rundbrief Alternative Ökonomie Nr. 89, H. 4/1999 b), S. 68-76 Notz, Gisela: Die neuen Freiwilligen. Das Ehrenamt - Eine Antwort auf die Krise? Neu-Ulm 1999 c (2. Auflage) Rocker, Rudolf: Zur Betrachtung der Lage in Deutschland. Die Möglichkeit einer freiheitlichen Bewegung. New York-London-Stockholm 1947 Schwendter, Rolf: Theorie der Subkultur, Frankfurt/M. 1981, 3. Aufl. Schwendter, Rolf: Zum Geleit, in: Kollektiv Kommunebuch (Hrsg.): Das Kommunebuch: Alltag zwischen Widerstand, Anpassung und gelebter Utopie. Göttingen 1996, S. 7 - 9 Setzen, Renate und Karl M.: Familie in der Bundesrepublik Deutschland - Eine Orientierungshilfe für erzieherische Berufe, Ravensburg 1978. Shalmon, Shlomo: Die Kommune Niederkaufungen. Portrait einer heutigen Großkommune im Landkreis Kassel, Lage 1998 Willette, Luc: Longo Mai. Vingt ans dutopie com munautaire. Paris 1993 |